Wohin der Wind uns trägt (2025)

GELEGENHEIT MACHT ZUKUNFT

7,5/10


Eya Bellagha und Slim Baccar unterwegs nach Djerba im Roadmovie Wohin der Wind uns trägt
© 2025 Polyfilm


ORIGINALTITEL: WHERE THE WIND COMES FROM

LAND / JAHR: TUNESIEN, KATAR, FRANKREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: AMEL GUELLATY

KAMERA: FRIDA MARZOUK

CAST: EYA BELLAGHA, SLIM BACCAR, SONDOS BELHASSEN, MAYA BLOUZA, LOBNA NOOMENE U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN



In Tunis ist es auch nicht gerade so, als hätte man dort die Zukunft verpasst oder wüsste nicht, was alles im Zeitalter der Information möglich sein kann. Nur weil es Nordafrika ist, braucht Europa nicht annehmen, dass Chancengleichheit nicht gefragt sei. Dabei war Tunesien wie fast jeder Staat an der afrikanischen Mittelmeerküste französische Kolonie – und bis heute verbindet die Kolonialmacht und ihre nun unabhängigen Gebiete zumindest das Zugeständnis Frankreichs, Menschen von dort nach Europa zu lassen.

Wie es dort dann weitergeht, ist eine andere Sache. Doch so weit sind wir hier noch nicht, denn der Wind, der die beiden Freunde Alyssa und Mehdi weiter tragen soll als die Möglichkeiten es hergeben, hat noch nicht mal angefangen, als Südwind seine Pflicht zu tun.

Das innige Beispiel einer Freundschaft

Alyssa und Mehdi – das ist kein Liebespaar. Beide kenne sich von klein auf, sind so etwas wie Bruder und Schwester – haben also eine Beziehung, die in den 80ern Harry und Sally für unmöglich hielten. Und die so viel Gewicht hat, dass nichts beide auch nur jemals entzweien könnte.

Vielleicht aber hält die Zukunft  Schicksale bereit, die für Konflikte sorgen. Die beide in unterschiedliche Richtungen treibt. Bobachtet man Alyssa und Mehdi aber, wie sie versuchen, die trostlose Unbeweglichkeit ihres Status Quo zwischen familiärer Verpflichtung und Jobsuche hier in Tunis zu überwinden, konfrontiert Wohin der Wind uns trägt (Im Original noch treffender: Where the Wind Comes From) sein Publikum mit dem energiegeladenen Abenteuer einer Orientierungssuche.

Nach der Decke strecken? Ist nicht!

Und taucht dabei tief in die inneren Welten seiner beiden jungen Helden ab, die wissen, wie man Gelegenheiten am Schopf packt. Nur so, nur durch Improvisation, Wagemut und Dreistigkeit, scheint man als Young Adult hier in Nordafrika nach dem Arabischen Frühling voranzukommen – man muss nur die Grenzen, die einem gesteckt werden, links liegen und Verantwortung für andere gegen Eigenverantwortung tauschen. Einen zielgerichteten, aufmüpfigen Egoismus entwickeln. Und nach Djerba düsen.

Also klauen Alyssa (berührend authentisch: Eya Bellagha) und Mehdi kurzerhand den nicht unauffälligen Jeep eines Bekannten, um zu einem Zeichenwettbewerb auf der Touristeninsel vor Tunesiens Küste zu gelangen. Mehdi ist schließlich hochtalentiert, entwirft surreale Bilder, versteht das Handwerk – und hat sein Werk auch schon eingereicht.

Belastungsprobe für Werte und Prinzipien

Auf dem Weg dorthin aber mag der eine oder andere Engpass beide vor Herausforderungen stellen, die sie so noch nicht kannten. Sie mögen ihre Prinzipien vielleicht manchmal verraten, die eigenen Grenzen dehnen und Erfahrungen sammeln, die sehr viel auch mit der Rolle der Frau in einem muslimischen Land zu tun hat. Und dem, was man ihr zugesteht, tun zu dürfen – oder auch nicht.

Roadmovies gibt es viele. Selbstfindungen währenddessen ebenso. Doch was Amel Guellaty ganz besonders hier gelungen ist, und wodurch sie ihre Reise zu etwas ganz Besonderem werden lässt, ist diese gnadenlos bedingungslose Freundschaft, dieses Zueinanderhalten und das tiefe Vertrauen, das beide einander schenken.

Platz für die inneren Welten

Berührende Momente wechseln mit dreistem Schicksals-Gambling – doch überzogen wird das Ganze nie. Eine gewisse verspielte Verträumtheit und eine Liebe zu ihren Figuren bringt Guellaty auch dazu, die inneren Welten von Alyssa in dezent gesetzten, surrealen Szenen zu visualisieren. Bei Mehdi muss sie das nicht tun – er hat seine Bilder, die seine Gefühlswelt zeigen.

Diese erfrischend unverkrampfte Sicht auf die Welt, verbunden mit dem empfundenen Recht junger Menschen, der Welt den eigenen Stempel aufzudrücken, egal wie – das trägt eine Wahrhaftigkeit in sich, die so bescheiden und virtuos daherkommt, dass sich jede Vermutung, in einem Betroffenheitsfilm nur more of the same erzählt zu bekommen, im Wüstenwind zerstreut.

Dann dreht sich der Wind

Frech und fröhlich, doch genauso mit Angst im Herzen und Wille im Verstand, fahren die beiden einer Zukunft entgegen, die so ungewiss ist, dass sich Kilometer für Kilometer nur improvisieren lässt. Irgendetwas wird passieren, hin zu Neuem oder zurück zu Altem, neu betrachtet. Eine Reise, fast schon so wie bei Paolo Coelho, nur mit dem Wind, der sich immer wieder dreht.

Wohin der Wind uns trägt (2025)

Eagles of the Republic (2025)

DER PHARAO DARF DIENEN

7/10


Fares Fares im Politthriller Eagles of the Republic von Tarik Saleh© 2025 Yirgit Eken /MFA Film GmbH


LAND / JAHR: SCHWEDEN, FRANKREICH, DÄNEMARK, DEUTSCHLAND 2025

REGIE / DREHBUCH: TARIK SALEH

KAMERA: PIERRE AÏM

CAST: FARES FARES, LYNA KHOUDRI, AMR WAKED, ZINEB TRIKI, NAEL, HUSAM CHADAT, SHERWAN HAJI, AHMED KHAIRY, CHERIEN DABIS, DONIA MASSOUD, SUHAIB NASHWAN U. A.

LÄNGE: 2 STD 9 MIN


Man kann einen Schauspieler, einen Star besser gesagt, und zwar von nationalem Weltruhm (wenn das überhaupt geht) nicht einfach so verschwinden lassen, nur weil er nicht mitspielt. Man kann ihn aber so lange würgen, bis er Luft holen muss – und dann atmet er genau das, was die Mächtigen ihm vorgeben, gefälligst zu inhalieren: Den Dunst der Propaganda. Das aber ist nur die eine Seite. Es gibt noch andere, die den Staat Ägypten in Gefahr sehen. Und die alles daransetzen, einen Umsturz zu planen.

Ägypten ist eine Reise wert!

Als Tourist merkt man das alles natürlich nicht, da scheint Ägypten ein fast schon makelloses Land zu sein, mit Ferien-Resorts, Korallenriffen und dem letzten der sieben Weltwunder. Was kann schon schlecht sein an einem Land, das die Pyramiden hat. Und eigentlich aus seiner jahrtausendealten Geschichte längst hätte lernen können, um es hinter dieser Fassade besser zu machen. Doch die Autokratie herrscht auch dort, Präsident Abdel Fattah el-Sisi ist seit 2014 am Steuer, und hat auch nicht vor, die Macht abzugeben.

Nach so einer langen Regierungszeit könnte man ja einen Film in die Kinos bringen, der dessen Werdegang erzählt, selektiv gesehen natürlich und voller Schmeicheleien für einen Mann, der das Volk aber eigentlich an der Kandare nimmt und oppositionelle Stimmen genauso wenig zulässt wie weiter im Nordosten besagter Putin.

Spiel uns den Präsidenten!

George Fahmy, der Star, der irgendwann Luft holen muss, darf also el-Sisi spielen. Obwohl er ihm gar nicht ähnlich sieht. Dort ein gedrungener kleiner Onkel für alle mit freundlichem Blick, hier ein hochgewachsener „Liam Neeson Nordafrikas“ – Fares Fares. Ausgerechnet er, der Medien-Pharao, soll den Chef spielen? Egal, als Star könnte man ihn auch als Eiskönigin besetzen, und die Massen müssen wohl ins Kino strömen, andernfalls ließe sich verweigerndes Verhalten als Widerstand auslegen.

Also macht Fahmy mit, zwängt sich in die khakibraune Uniform, spielt die Revolution nach, wird dabei unentwegt beäugt von el-Sisis Apparatschik. Der mehr Engagement wünscht. Zeitgleich aber sind noch andere Energien am Werk, und so schnell kann Fahmy gar nicht schauen, haben ihn alle Seiten instrumentalisiert, ist er nur noch Marionette, Mittel zum Zweck, eingesponnen wie im Kokon einer Spinne.

Schauplatz einer Trilogie

Tarik Saleh beschließt mit Eagles of the Republic nach Die Nile Hilton Affäre – ein stimmungsmachender, wuchtiger Politthriller – und Die Kairo Verschwörung – ein Studentenkrimi – seine sogenannte Kairo-Trilogie. In jedem dieser Filme ist eine Verschwörung der komplexe Kern, den es freizulegen gilt. Diesmal aber setzt er vermehrt auf Dialog, politische Interessen, die während so manchem Meet and Greet mit der uniformierten Führungsriege geteilt werden – und ergänzend auf eine gefährliche Romanze, die dem leinwandbekannten Schürzenjäger wirklich alles kosten könnte.

Ein austauschbares Szenario

Für einen Old School-Politthriller hat Saleh diesen tatsächlich fein gesponnen – und setzt, um ihn auch wirken zu lassen, politische Vorkenntnisse voraus. Hat man die nicht, könnte es passieren, dass Eagles of the Republic von einem Platzhalter-Regime erzählt, da bis auf den Präsidenten und das Land selbst eine alternative Realität birgt – hat man sich dahingehend aber doch nachgebildet, wähnt man sich auch ohne das Panorama der Pyramiden im wohl beliebtesten nordafrikanischen Land wieder, das mit seinem Antike-Bonus Blicken von außen auf den eigentlich restriktiven Machtapparat die rosarote Brille aufsetzt.

Von Hollywood gelernt

Spannend und auf Zug inszeniert bleibt es bis zum Schluss, und gerade dann wird es richtig dramatisch. Gelernt hat Saleh sicherlich von Genre-Spezialisten wie Alan J. Pakula, Gosta Gavras oder Sydney Pollack. Den Touch of Old Hollywood konvertiert der Filmemacher in den Glamour, den die Kairo-Elite aufwarten kann.

Das mögen zwar Klischees sein und bewusst eingesetzte Versatzstücke, doch den puren, semidokumentarischen Filmrealismus strebt Eagles of the Republic – so wie in den beiden Vorgängerfilme auch – ohnehin nicht an.

Das hier ist Leinwandkino – Autorenkino zwar, aber romantisierend, ohne dabei auf die Kritik an einer Regierung zu verzichten, die mit drastischen Mitteln für Ordnung sorgt. Er kann sich leisten, so auszuteilen, wird ihm doch niemals das passieren, was der Figur von Fares Fares widerfährt. Saleh lebt in Schweden, gedreht wurde in Istanbul.

Eagles of the Republic (2025)

Der Fremde (2025)

DIE GLEICHGÜLTIGKEIT DER WELT

7/10


© 2025 Foz Gaumont France2Cinema / Carole Bethue

ORIGINALTITEL: L’ÉTRANGER

LAND / JAHR: FRANKREICH 2025

REGIE: FRANÇOIS OZON

DREHBUCH: FRANÇOIS OZON, NACH DEM ROMAN VON ALBERT CAMUS

KAMERA: MANUEL DACOSSE

CAST: BENJAMIN VOISIN, REBECCA MARDER, PIERRE LOTTIN, DENIS LAVANT, SWANN ARLAUD, MIREILLE PERRIER, JEAN-CHARLES CLICHET U. A.

LÄNGE: 2 STD


The Cure haben darüber ein Lied geschrieben: Killing an Arab. Dieser äußerst provokante Titel bezieht sich auf den literarischen Klassiker von Albert Camus, der nun von François Ozon, dem man nicht wirklich nachsagen kann, immer nur dieselbe Art von Filmen zu drehen, neu aufgelegt wurde. Zuletzt war Luchino Visconti dran, mit Marcello Mastroianni in der Hauptrolle, doch das ist schon einige Jährchen her, genauer gesagt lief der Film Ende der Sechzigerjahre in den Kinos. Diese Sechzigerjahre haben es Ozon allerdings angetan: Sein Film Der Fremde wirkt, als würde er sich hüten, als zeitgemäße Neuinterpretation verstanden werden zu wollen. Alles darin macht große Schritte zurück in der Zeit und tut mit ziemlich viel Erfolg gar so, als hätten wir es mit der Wiederaufführung von etwas längst Vergangenem und neu Entdecktem zu tun. Nicht unwesentlich ist dabei die Umsetzung in unexperimentellem, akkuratem Schwarzweiß – die einzige mögliche Methode, eine Geschichte wie die von Albert Camus darzustellen. Denn jede Farbe, jeder Effekt, jedes visuelle Geräusch würde diesem existenzialistischen Sozialhorror zuwiderlaufen. Doch was heißt Existenzialismus – Albert Camus treibt es in seiner Ich-Erzählung, gegliedert in zwei Teile, so dermaßen auf die Spitze, das nichts mehr bleibt, außer eben dem Nichts, einer nihilistischen Weltsicht, die sich, frei von jeglicher Emotion, mit der erbarmungslosen Gleichgültigkeit einer Welt bestens versteht.

Ein unerträglicher Charakter

Im Zentrum dieser eiskalten Gesamtsituation aus Zynismus und Empfindungsarmut steht die gespenstische Figur des jungen Meursault, den man schon in den ersten Minuten regelrecht verabscheut. Nichts im Gesicht von Schauspieler Benjamin Voisin (u. a. Die Tanzenden) regt sich, nicht mal dann, als er vom Tod seiner Mutter erfährt. Trauer, Schmerz, das Gefühl von Verlust? Fehlanzeige. Doch Meursault tut, was er tun muss, er imitiert die Kultur des christlichen Abendlandes in einem Land, das ihm nicht gehört, in dem er als Fremder im kolonialen Algerien seine Brötchen verdient, und verdient er sie mal nicht, beginnt er Affären mit Frauen, die sich nicht daran stoßen, dass Meursault nichts empfindet, zu nichts eine Meinung hat, weil nichts in der Welt als sinnvoll gilt.

Das geht sogar so weit, dass unser Protagonist einen Mord begeht. Einmal vor Gericht, offenbart sich schließlich die ganze Schrecklichkeit einer belanglosen Existenz in einer langweiligen Welt, die Fatalität der Natur der Dinge, die in stoischer Regungslosigkeit all die Anstrengungen der menschlichen Spezies, um dort hin zu gelangen, wo sie sich aktuell befindet, gleichgültig reflektiert.

Existenz hat keine Meinung

Francois Ozons grimmiger Edel-Nihilismus seziert einen unerträglichen Charakter in ästhetischen Bildern – und findet: nichts. Die Gestalt des Meursault ist wie die Vorwegnahme einer künstlichen Intelligenz, eines Androiden, der nichts empfinden kann, nicht weil er nicht will, sondern weil die Welt nichts dafür übrig hat. Voisin ergibt sich seinem provokante Spiel, immer mehr wundert man sich, dass die soziale Isolation nicht als Konsequenz für dieses ignorante Leben eine gerechte Strafe wäre, doch isoliert ist er nicht, genauso wenig wie Patrick Bateman in Bret Easton Ellis‘ American Psycho, eine ähnlich gelangweilte, abgestumpfte, übersättigte Person, die den Reiz der eigenen Lebendigkeit nur anhand von Bluttaten empfindet. Camus‘ Der Fremde mag Inspiration gewesen sein für diesen Killer-Charakter, doch selbst ist er keiner. Am Ende des Films wird klar, das all die Sinnlosigkeit der Existenz niemals selbstgewählte Überzeugung war, sondern das Resultat einer epochalen Enttäuschung, die daraus resultiert, auf keine der Fragen an die Welt jemals eine Antwort bekommen zu haben.

Resignativ, aber immer noch verzweifelt genug: So gelingt François Ozon, ohne uns selbst an dieser Figur verzweifeln zu lassen, eine messerscharfe, fast schon klinische Charakterstudie, oder besser gesagt, ein Psychogramm, abgestumpft und verdrossen, dass sich mit dem Dialog zwischen einem zum Tode Verurteilten und einem Geistlichen zu einem Crescendo aufbäumt, dass die Essenz des Existenzialismus als gewaltige emotionale Krise darstellt. Da haben wir es wieder, das Gefühl. Im Grunde war es immer da.

Der Fremde (2025)

Roqia (2025)

DIE DÄMONOLOGIE DES KRIEGES

5/10


© 2025 19 Mulholland Drive


LAND / JAHR: ALGERIEN, FRANKREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: YANIS KOUSSIM

KAMERA: JEAN-MARIE DELORME

CAST: ALI NAMOUS, AKRAM DJEGHIM, MOSTEFA DJADJAM, HANAA MANSOUR U. A.

LÄNGE: 1 STD 29 MIN


Es gibt eine Menge Filme, die außerhalb ihrer Festivalblase und vielleicht außerhalb jener Länder, in denen sie gedreht wurden, so gut wie gar nicht existent sind. Kaum jemand, der nicht in den Medien darüber nachlesen kann, wird Filme wie diese am Schirm haben. Selten im Kino ausgestrahlt, verschwinden sie später, wenn überhaupt, auf Streamingplattformen oder es gibt sie in den letzten wohlsortierten Videotheken für Cineasten, sofern sich manche die Mühe machen, das Werk auf Datenträger zu brennen. Folgendem Film könnte ein ähnliches Schicksal blühen. Roqia, ein algerisches allegorisches Mysterydrama, mag sich zwar im Genre des paranormalen Horrorfilms verorten – ein breiteres Publikum, so mein Eindruck, wird das sehr persönliche Werk von Yanis Koussim aber dennoch nicht ansprechen. Weil zu bedeutungsschwer und introvertiert, fehlt zumindest mir der Zugang.

Was wissen wir über Algerien?

Bei Roqia – ein arabischer Begriff, der so viel wie Exorzismus bedeutet – kann man sich gerne auf ein Thema einlassen, das zumindest in Zentraleuropa (ausgenommen Frankreich, historisch bedingt) wohl kaum jemand auf dem Schirm gehabt hat, sofern hier nicht politische Bildung über Nordafrika die oberste Agenda im täglichen Dasein dargestellt hätte.

In diesem Fall endet die Kenntnis der blutigen Jahre in Algerien nicht damit, dass sich diese auf den Krieg der 50er und 60er Jahre beziehen, sondern auf ein viel jüngeres Datum verweisen: Auf den militärischen Putsch in den 90er Jahren, der Annullierung der Wahlen und einer finsteren, gewalttätigen Dekade der Destruktion. Regisseur Yanis Koussim hat dabei so persönliche wie schmerzliche Erinnerungen an verstörende Jugendjahre in einen deprimierenden Film gepackt, der wohl nicht den Modus vivendi für ein bizarr-schräges Festival wie das des Slash vorprogrammiert, sondern wohl eher die Ausnahme bildet. Roqia ist die einem semidokumentarischen Realismus verhaftete, fatale Erzählung von einem muslimischen Exorzisten und seinem Gehilfen, die beide wohl feststellen müssen, dass das Böse einem körperlosen Dämonen gleich sein Unwesen treibt, nach Jahrzehnten eines brüchigen Friedens. Um die Saat der Gewalt neu auszubringen.

Währet den Anfängen

Sich windende Körper, hässliches Grinsen und spärlich beleuchtete Handkamerafahrten sind Zutaten von gefühlt jedem Dämonengrusler, egal auf welchen lokalen Ursprung sie verweisen. Nur diesmal wettert kein katholischer Exorzist mit Kreuz, Weihwasser und Bibel gegen den teuflischen Unruhestifter, sondern ein Geistlicher des Islam, der lediglich mit dem Koran in die paranormale Schlacht zieht. Roqia schlägt dabei die Brücke zwischen dem Damals und dem Heute – Währet den Anfängen heisst es aus politischer Sicht auch hier, und ja, Youssims Film ist reine Allegorie, ist die Angst auf eine Wiederkehr schrecklicher Umstände. Deshalb teilt der Filmemacher seine Betrachtung auch auf zwei Zeitebenen auf – die eine findet kurz vor Ausbruch des Militärputsches in den Neunzigern statt, die andere spielt in der Gegenwart.

Mit diesen Überlegungen und zur Bannung kollektiver Traumata instrumentalisierten Versatzstücken des Horrors entwirft Youssim finstere Aus- und Rückblicke, die allzu introvertiert und unter Vorsicht, den Teufel nicht allzu deutlich an die Wand zu malen, wohl weniger aufrütteln, sondern eher behäbig einen Ausweg aus einer gewissen verplauderten Eigendynamik suchen. So richtig intensiv wird Roqia erst im erschütternd radikalen Finale, das beide Zeitebenen zusammenbringt – bis dahin lässt sich Youssim zu viel Zeit, um aus seiner Resignation zu erwachen.

Roqia (2025)

Lohn der Angst (2024)

LASTERHAFTE WÜSTENSAFARI

1,5/10


lohnderangst2© 2024 Netflix Inc.


ORIGINALTITEL: LE SALAIRE DE LA PEUR

LAND / JAHR: FRANKREICH 2024

REGIE: JULIEN LECLERCQ

DREHBUCH: HAMID HLIOUA, NACH DEN SKRIPT VON GEORGES ANAUD

CAST: FRANCK GASTAMBIDE, ALBAN LENOIR, ANA GIRARDOT, SOFIANE ZERMANI, BAKARY DIOMBERA, ASTRID WHETTNALL, ALKA MATEWA, SARAH AFCHAIN U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Lohn der Angst könnte man angesichts dieser filmischen Arbeit auch ganz anders interpretieren: Lohnt es sich denn, trotz Furcht vor einer bereits in den ersten Filmminuten auf Verdacht prognostizierten Niete weiter dranzubleiben? Ähnliches denke ich mir, als Julien Leclercqs Verwurstung eines fast schon selbstfahrenden Action-Plots, weil so absurd und radikal, über den Flachbildschirm flimmert. Zu sehen sind knochenharte Französinnen und Franzosen, die Nerven wie Stahlseile besitzen und, verfolgt von hasserfüllten Abziehbild-Terroristen, wie man sie in Wüstengegenden Nordafrikas oder dem Nahen Osten eben anzutreffen glaubt, um ihr Leben brettern, das ihnen selbst wohl wenig wert zu sein scheint, da sie so tun, als wären sie Dolph Lundgren, Jean-Claude van Damme oder Arnold Schwarzenegger. Als wären sie Sly Stallone mit seiner Entourage an Söldnern aus der Expendables-Reihe, die nichts zu fürchten brauchen, außer, dass ihnen vielleicht der Himmel auf den Kopf fallen könnte, wären sie denn gläubig.

Wie mit Charakteren mitfiebern, die selbst nicht fiebern, und dass trotz eines ihnen auferlegten Himmelfahrtskommandos? Mal sehen, was aus ihnen wird, im Laufe der Handlung. B-Film-Schauspieler Franck Gastambide gibt einen Möchtegern-Jason Statham, dem, so wird behauptet, viel daran liegt, die Familie seines Bruders und auch den Bruder selbst in Sicherheit zu bringen. Letzterer, Sprengstoffexperte außer Dienst, sitzt wegen der Geldgier des anderen im Knast. Für einen Spezialauftrag winkt dem zum Handkuss gekommenen Bruder völlige Straffreiheit plus das nötige Kleingeld, um woanders neu anzufangen. Natürlich, als stoische harte Socken, wie sie alle sind, und die nichts und niemand mehr erschüttern kann, machen alle mit. Auch Ana Girardot (nicht verwandt mit Annie Girardot) als die Verkörperung weiblicher Härte mit Lust auf Entspannungssex ohne Bedeutung, die gleich zu Beginn des Films mal zeigt, wie der Hase rammelt, ist mit von der Partie. Sie müssen – das wissen wir aus Henri Clouzots Klassiker und William Friedkins Remake aus den Siebzigern – kiloweise Nitroglyzerin über unwegsames Gelände rund 800 Kilometer an ihren Zielort bringen, um eine brennende Ölquelle zum Versiegen zu bringen, die, würde sie weiter lodern, ein ganzes von Flüchtlingen besiedeltes Areal in den Untergang reißen wird. Sie haben dafür zwanzig Stunden Zeit, und die bösen Terroristen sitzen ihnen im Nacken, die gleichzeitig auch die Exekutive eines x-beliebigen Klischee-Militärstaates verkörpern.

Als ob die Eindämmung der Katastrophe nicht auch im Interesse der Schurken wäre, doch solcherlei zu hinterfragen, davor hütet sich Leclercq genauso wie vor dem menschlichen Drama, welches der eigentliche Katalysator, der feurige Antrieb für einen Actionthriller wie diesen sein sollte. Lohn der Angst führt sich selbst ad absurdum, weil es all die Laufzeit lang darauf verzichtet, seine Helden Angst empfinden zu lassen. Abgesehen davon, dass das schauspielerische Engagement gerade mal für einen soliden B-Movie-Reißer reicht, dessen Macher nur wollen, dass innerhalb des prognostizierten Zeitfensters alles im Kasten ist, was im Kasten sein muss, um keine Unkosten zu haben, ist das Trio viel zu abgebrüht und hartgesotten, um auch nur eine Sekunde lang nicht imstande zu sein, diese hochexplosiven Flüssigkeiten auch im Knight Rider-Boost völlig problemlos an ihren Zielort zu bringen. Die Steine, die Leclercq ihnen in den Weg streut, sind lediglich Kieselsteine, die vielleicht im Schuh drücken – mehr nicht. Wie wenig man die Spannungsschraube anziehen, wie lustlos die Fahrt über holpriges Gelände gestaltet werden kann, auf welchem es nicht mal eine Hängebrücke gibt, die in Friedkins Version ein szenisches Highlight darstellt, zeigt dieser Fehlversuch einer Neuinterpretierung, deren Gefahrenguttransport sich so packend gestaltet, als wäre man auf einer frisch asphaltierten Autobahn unterwegs, und nur die statistische Wahrscheinlichkeit eines Auffahrunfalls verursacht die notwendigen Schweißperlen auf der Stirn.

Lohn der Angst (2024)

Les Meutes (2023)

DIE TOTEN VON CASABLANCA

6/10


lesmeutes© 2023 Ad Vitam


LAND / JAHR: BELGIEN, FRANKREICH, MAROKKO, KATAR, SAUDI-ARABIEN 2023

REGIE / DREHBUCH: KAMAL LAZRAQ

CAST: ABDELLATIF MASSTOURI, AYOUB ELAID, MOHAMED KHARBOUCHI, MOHAMED HMIMSA, ABDELLAH LEBKIRI, LAHCEN ZAIMOUZEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


In einer der Episoden aus Quentin Tarantinos Pulp Fiction mit dem Titel „Die Bonnie Situation“ schießt John Travolta als gelfrisierter Vincent Vega einem arglosen Informanten während einer Autofahrt versehentlich in den Kopf. In weiterer Folge muss Harvey Keitel als Mr. Wolf die ganze Sauerei irgendwie beseitigen. Wie man eine Leiche los wird, könnte so aussehen – oder vielleicht auch wie in vorliegendem Thriller aus dem schönen Marokko, das schließlich schon zu Zeiten von Humphrey Bogart und Ingrid Bergmann für ein zeitloses Krimidrama namens Casablanca ausreichend Platz schuf.

Wir sind nun einige Jahrzehnte später dran, und wenn man sich in dieser Stadt am Meer von den Sehenswürdigkeiten entfernt und in die Suburbs vordringt, könnte man unter anderem dem Tagelöhner Hassan und seinem Sohn Issam begegnen, die nicht gerade auf die Butterseite des Lebens gefallen sind, sondern sich tagtäglich mit windigen kleinen Aufträgen die nächste Mahlzeit sichern. Männer für alles, könnte man meinen, und nicht so rausgeputzt wie Tarantinos Kult-Anzugträger Jules und Vincent. Boni gibt es keine, vielleicht manchmal den richtigen Auftrag, dann hat Oma daheim auch noch was davon. Und so müssen beide eines Tages einen Mann entführen. Gesagt getan, Kapuze über den Kopf und mit Gewalt in den Kofferraum des geliehenen Vans. Als es zur Übergabe kommt, ist der Entführte bereits tot, womöglich erstickt. Um diesen Fehler wieder gutzumachen, müssen Hassan und Issam die Leiche schleunigst loswerden, und das noch vor Morgengrauen, sonst gibt’s Zoff mit der Konkurrenz. Die Nacht hat sich bereits über die Wüste gesenkt, als die beiden alles Mögliche unternehmen, um den Schaden zu begrenzen. Normalerweise könnte ihr Vorhaben ja auch klappen, doch Les Meutes ist ein waschechter Film Noir. Die Schwierigkeiten häufen sich, irgendwo hakt es immer. Und kleine Hindernisse werden zu Barrikaden, die nur mithilfe alter Bekannter, die dann ebenfalls zum Handkuss kommen, beiseitegeräumt werden können.

Es ist gut, wenn man jemanden kennt, der wen kennt, der wen kennt. In Kamal Lazraqs nachtschwarzer Odyssee, getaucht ins ungesund gelbe Licht der Nachtlaternen, Neonröhren und KFZ-Scheinwerfer, stellt das Schicksal den beiden Underdogs mehr als nur ein Bein. So makaber die ganze Situation auch ist, diese Leiche ist ungefähr so anhänglich wie Alfred Hitchcocks Harry oder der gute alte, sonnenbebrillte Bernie. Schließlich spielt Les Meutes auch nicht in den USA, wo man die Toten ohne Federlesen verschwinden lässt – hier herrscht im Untergrund noch sowas wie Respekt vor den Verblichenen, sei es nun kulturell oder religiös bedingt. Um jeden Preis versucht zumindest Hassan, dem Toten die letzte Ehre zu erweisen, und das inmitten von Zeitdruck und Existenzangst. Dabei entsteht eine Eigendynamik, die sich, angereichert mit situationskomischen Wendungen und schadenfroher Bitterkeit, so anfühlt wie eine groteske Posse von eingangs erwähntem Tarantino, in der gar nicht so alltägliche Begebenheiten auf die Tücken des Alltags treffen. Das Ganze zieht seine Kreise, und die Prognose für das Glück der beiden behalten Propheten lieber für sich.

Mit Laien taucht Kamal Lazraq durch die urbane Dunkelheit, Abdellatif Mastouri wurde von der Straße weg engagiert – sein vernarbtes Konterfei macht nicht wenig Eindruck, und überhaupt tauchen in Les Meutes so einige markante Gesichter aus der Dunkelheit und verschwinden wieder darin. So mag auch diese im Grunde kleine Skizze einer gescheiterten Mission jenseits von Gesetz und Ordnung in einen Alltag aufgehen, dessen seltsame Anomalien bald in Vergessenheit geraten. Lazraq lässt dem Schicksal seinen Lauf, ohne seinen Thriller auf Krawall zu bürsten. Erschöpfung, Resignation und improvisierte Gelassenheit prägen seinen Film, und vielleicht mag diese Sichtweise Achterbahnfahrer im Thrillergenre letztlich enttäuschen. So wendungsreich das Family-Business auch durch ein Marokko inkognito driftet – die Kunst der Improvisation mag nicht ganz so erlernt sein. Der letzte Kick, der fehlt. Die Wendung bleibt aus. Das muss zwar nicht sein, wäre angesichts des genüsslich geschilderten Dilemmas aber eine rundere Sache geworden. Da hilft selbst der letzte kleine Twist nicht, der als irrealer Gag der finsteren Gaunerei kaum gerecht wird.

Les Meutes (2023)

Die Kairo Verschwörung (2022)

WIE MAN EINEN ENGEL REKRUTIERT

6/10


kairoverschwoerung© 2022 Atmo-X-VerleihAG


LAND / JAHR: SCHWEDEN, FRANKREICH, FINNLAND, DÄNEMARK 2022

BUCH / REGIE: TARIK SALEH

CAST: TAWFEEK BARHOM, FARES FARES, MOHAMMAD BAKRI, MAKRAM KHOURY, MEHDI DEHBI, RAMZI CHOUKAIR, JAWAD ALTAWIL, SHERWAN HAJI, AHMED LAISSAOUI U. A.

LÄNGE: 2 STD 6 MIN


Wie sieht es denn eigentlich hinter den Kulissen des bei Touristen wohl beliebtesten islamischen Landes aus? Pyramiden, die Sphinx und unzählige archäologische Sights sind Geldquellen für einen Staat, der Religion und Politik ungern trennt und gerne Einfluss hat auf die an den Lehrstätten geführte Tonalität der Koran-Exegese. Die wird in den ehrwürdigen Hallen und Plätzen der Al Azhar-Universität betrieben, einer islamisch-wissenschaftlichen Institution von internationalem Rang. Wer hier sein Studium beginnt, kann sich glücklich schätzen. Es ist die intellektuelle Elite, und der Imam eine einflussreiche Person, die wohl vorgibt, welche Art Auslegung des Islam in Zukunft gelebt werden wird. Als glücklich kann sich auch Adam schätzen, der Sohn eines bescheidenen Fischers. Als er der Willkommensrede des Oberhaupts beiwohnt, geschieht das Unfassbare: Der Imam muss seinen Text unterbrechen, kurze Zeit später verstirbt er.

Der Imam ist tot, es lebe der Imam – das Vakuum, das plötzlich vorherrscht, ist dem eines Königshauses ohne bestimmten Nachfolger nicht ganz unähnlich. Der Neue soll zumindest einer sein, der mit den politisch-gesellschaftlichen Ansichten des Staates d’accord geht. Da es aber drei Kandidaten gibt, die für das Amt infrage kommen, muss die Staatsicherheit aktiv werden – und einen Spitzel rekrutieren, der das Zeug hat, das Verhalten der Kommilitonen zu manipulieren und die Voraussetzungen für die Wahl des einzig richtigen Imams zu steuern. Ob er will oder nicht, kommt Adam zum Handkuss. Er wird, als sein Vorgänger auffliegt, zum neuen „Engel“ ernannt, der nun tun muss, was sein Auftraggeber, der ambivalente und wenig zimperliche Ermittler Ibrahim (Fares Fares), ihm befiehlt. Scheich Omar Bewlawi muss die Wahl gewinnen, komme was wolle. Adams Leben und das seines Vaters stehen auf dem Spiel, und bald erschüttert ein Mord die ehrwürdigen Arkadengänge der Universität.

Tarik Saleh, ein schwedischer Filmemacher mit ägyptischen Wurzeln, hatte schon 2017 einen Film über das Land seiner Ahnen hingelegt, der nicht nur mit den Wassern des Nil, sondern sonst auch mit allen anderen gewaschen war. Die Nile Hilton Affäre ist ein intensives Agentendrama vor politischem Hintergrund – brisant, authentisch und spannend. Ägypten ist für Saleh wohl nicht irgendein Thema – seine Auseinandersetzung mit dem Land setzt jede Menge Know-How und gewissenhaft erledigte Hausaufgaben voraus, damit nicht Mutmaßliches kolportiert wird. Der Trailer zu Die Kairo-Verschwörung wirbt damit, seinem Publikum noch nie dagewesene Einblicke zu gewähren. Es geht direkt ins Herz der islamischen Lehre, ohne aber die Religion selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Es sind die Mechanismen der Staatsgewalt und die Bereitschaft, über Leichen zu gehen, um das Wohl Ägyptens zu sichern. Der unbescholtene und arglose Adam ist da das Opfer par excellence. Wie er versucht, seine Hürden zu meistern, ist bedächtiges Politkino, das sich nicht um Eile bemüht, sondern sehr viel beobachtet.

Es ist die Location, der Platz, die Architektur des legendären Gebäudes. Es sind die in Kaftan gewandeten Studenten mit rotweißem Fes, die Tarik Saleh immer und immer wieder ins Bild rückt. Ja, die islamische Kultur als Hort des Wissens hat Anmut, Stil und übt eine Faszination aus, der man sich nur schwer entziehen kann. Wenn manch ein stimmlich versierter Student zum Rezitier-Wettbewerb aus dem Koran antritt, könnte man dem Sprechgesang (dessen Intonation aber nicht melodisch sein darf) stundenlang zuhören. Zwischen diesen Reizen liegt ein nüchterner Thriller aus einem fernen und isolierten Umfeld. Interessant ist das richtige Wort für Die Kairo-Verschwörung (internationaler Titel: Boy from Heaven), die auf den letztjährigen Filmfestspielen in Cannes den Preis fürs beste Drehbuch erlangt hat. Saleh überlässt nichts dem Zufall in seinem genau recherchierten Film – zumindest hinterlässt er den Eindruck, dass all das, was man sieht, genauso passieren könnte. Und doch bleibt die Schicksalsballade politisch motivierter Infiltration erstaunlich trocken, dafür aber sachlich und gefasst, was so einige Aufmerksamkeit erfordert. Das wiederum kann ermüdend wirken. Irgendwann manipuliert jeder jeden, und die Chronik einer nicht ganz so überraschenden geheimen Agenda wird zum Psychodrama eines menschlichen Werkzeugs für höhere Ziele. Die Kairo-Verschwörung ist spezielles Kino für Interessierte, und ja – mich gewinnt dieses Genre prinzipiell immer.

Doch so auf Zug und mit Elan inszeniert wie sein letzter Ägypten-Film ist dieser hier nicht geraten. Vielleicht liegt es daran, dass die im Hintergrund laufenden Machenschaften wenig überraschen oder gar verwundern. Dass die Politik in autoritären Ländern wie diesen zu solchen Mitteln greift, ist gefühlt nichts Neues. Und auch das Schicksal des Protagonisten scheint vorhersehbar.

Die Kairo Verschwörung (2022)

Das Blau des Kaftans (2022)

DREI SIND KEINER ZUVIEL

9,5/10


dasblaudeskaftans© 2023 Panda Lichtspiele


LAND / JAHR: FRANKREICH, MAROKKO, BELGIEN, DÄNEMARK 2022

REGIE: MARYAM TOUZANI

BUCH: MARYAM TOUZANI, NABIL AYOUCH

CAST: LUBNA AZABAL, SALEH BAKRI, AYOUB MISSIOUI, ZAKARIA ATIFI U. A.

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


Je mehr Filme ich zu Gesicht bekomme, die letztes Jahr in Cannes ihre Premieren feierten und vielleicht auch den einen oder anderen Preis mit nachhause nehmen konnten; je mehr Filme ich davon sehe, umso mehr wundert mich die letztendliche Entscheidung der großen Oscar-Academy vor allem in der Auswahl der Nominierten für den besten ausländischen Film. Das Blau des Kaftans beweist wieder einmal mehr, wie sehr dieses Medium subjektiver Wahrnehmung unterliegt und wie sehr der Zeit und der Ort für die Sichtung eines Filmes sowie die Verfassung des Betrachters ausschlaggebend dafür sind, wie ein Film funktionieren kann. Auch wenn sich Das Blau des Kaftans auf der Shortlist für den Auslandsoscar befand: Zumindest nominieren hätte man ihn sollen, lässt sich doch aus meiner Sicht vermuten, dass dieser der beste Film des Jahres bleiben könnte, wenn schon nicht der beste innerhalb einer noch längeren Zeitspanne. Mit Maryam Touzanis berauschender Dreiecksgeschichte erlebt das Kino ein formvollendetes Wunder, wie man es zuletzt – und das ist schon länger her – mit Wong Kar-Wais In the Mood for Love erlebt hat. Man kann Filme nach gängigen Mustern erzählen, man kann auf Atmosphäre setzen und sonst nicht viel berichten. Man kann sich komplett aufs Schauspiel konzentrieren und alle anderen Aspekte außer Acht lassen, also einem gewissen Purismus frönen. Man kann aber auch alles miteinander vereinen und sich intuitiv von seinen Gefühlen leiten lassen – und sehen, was passiert. So sehr Das Blau des Kaftans auch wirkt, als wäre jede Szene wohl überlegt, so sehr hat es auch den Anschein, dass Touzani nichts ferner liegt, als ihr Ensemble zur Eile zu drängen. Die Szenen passen sich dem Empfinden der Schauspieler an, und nicht umgekehrt. Dadurch erreicht der Film eine im jeden Take spürbare Wahrhaftigkeit. Und so lässt sich jede Minute intensiv erleben und am Ende jenes Herzklopfen verspüren, dass man hat, wenn ein Film genau das macht, wovon man hofft, dass er es tut.

Dabei beginnt Das Blau des Kaftans wie eine detailverliebte Alltagsminiatur aus der Medina einer nordafrikanischen Stadt. Wir befinden uns in Salé an der marokkanischen Atlantikküste. Mina und Halim betreiben eine Kaftan-Schneiderei, Halim ist Maleem, ein Meister im Besticken feinster Stoffe. Die Kunden wissen, wo sie die beste Ware bekommen. Und so ein Kaftan braucht Zeit, bis er fertig ist. Das Teil ist mehr als ein Kleidungsstück – es ist ein Kunstwerk, das über Generationen weitergegeben wird. Zu Beginn des Films sieht man, wie die Hände des Meisters über blauen Satinstoff streifen, wie dieses Material Falten wirft im fahlen Licht des Ladens. Dieses Blau wird zum roten Faden einer Geschichte, die langsam, aber doch, immer mehr Geheimnisse preisgibt. Zum Beispiel jenes, dass Halim eigentlich homosexuell ist, und Mina mit einer Krankheit kämpfen muss, die sie in absehbarer Zeit dahinraffen wird. Allerdings weiß sie vom Geheimnis ihres Mannes. Und sie duldet es. Um den Laden zu schmeißen, fängt der attraktive Youssef bei Halim eine Lehre an. Anfangs ist diese Dreierkonstellation ein Umstand, den Mina nicht ertragen kann, sieht sie doch, wie beide aneinander interessiert sind. Doch im Leben kommt vieles anders, als man denkt, und Minas langer Abschied vom Leben wird zur Probe für einen Neuanfang.

Wie Maryam Touzani das Ende einer Zweisamkeit zelebriert und gleichermaßen den Beginn einer ganz anderen ankündigt, ist beeindruckend selbstsicher inszeniert und so voller Achtsamkeit, Liebe und Zuneigung, dass es einem die Sprache verschlägt. Wenn schon Michael Hanekes Liebe das sogenannte fünfte Element so sehr aus seinen beiden Protagonisten herausgearbeitet hat, so steht Touzani ihm um nichts nach. Im Gegenteil: wo Haneke nüchtern bleibt, hebt Touzani die Distanz zu ihren Figuren auf und lässt eine würdevolle Intimität zu. Lubna Azabal, die bereits unter der Regie Denis Villeneuves in Incendies – Die Frau, die singt brilliert hat, setzt mit ihrer kraftvollen und nuancierten Performance in der Schauspielkunst neue Maßstäbe. Sie nimmt den Zuseher mit auf einen so wunderschönen wie entbehrungsreichen Pfad durch eine unebene emotionale Landschaft aus Höhen und Tiefen, aus mobilisierten letzten Energien und der Suche nach Geborgenheit. Das Blau des Kaftans erzählt von Freiheiten und Leben lassen, von Akzeptanz und tiefem Respekt. Der Film vermeidet Worte dort, wo Bilder und Gesichter alles sagen. Lässt Musik ertönen, wo sonst nichts die Freude am gegenwärtigen Moment besser unterstreichen könnte. Das Werk ist weder nur Sittenbild noch nur Liebesfilm noch nur Sterbedrama. Es ist alles gleichermaßen, entfacht Synergien und bedingt einander. Wie Mina, Halim und Youssef, die letztendlich eine vollkommene Einheit bilden. Dieses Filmwunder aus Marokko, das weder zu viel noch zu wenig sagt, dass die goldene Mitte trifft und zutiefst berührt, muss man gesehen haben.

Das Blau des Kaftans (2022)

Tod auf dem Nil (2022)

DER DETEKTIV UND DIE LIEBE

6,5/10


todaufdemnil© 2022 Twentieth Century Studios


LAND / JAHR: USA 2019

REGIE: KENNETH BRANAGH

CAST: KENNETH BRANAGH, GAL GADOT, ARMIE HAMMER, EMMA MACKEY, ANNETTE BENING, TOM BATEMAN, LETITA WRIGHT, SOPHIE OKONEDO, ROSE LESLIE, RUSSEL BRAND U. A.

LÄNGE: 2 STD 8 MIN


Wie wär‘s heuer mal mit Ägypten? Wenn die Covid-Regeln überschaubar bleiben und keiner dort akut den Dschihad probt, dann hätte ich durchaus Lust darauf, Tutanchamuns Grab oder Ramses höchstpersönlich einen Besuch abzustatten. Natürlich einschließlich Pyramiden, Karnak und vielleicht sogar Abu Simbel ganz im Süden. Dorthin fährt nämlich Agatha Christies Vorzeigebelgier Hercule Poirot an Bord eines Luxus-Schaufelraddampfers, um den IQ einer illustren Hochzeitsgesellschaft zu heben. Beim Publikum hebt sich erstmal die Lust aufs Reisen angesichts dieser pittoresken Postkartenmotive. Die Motive für einen Mord sind zwar weniger nobel, aber zahlreich vorhanden. Im Mittelpunkt steht nämlich Wonder Woman Gal Godot (wie immer eine Augenweide) als steinreiches It-Girl Linnet, die ihrer besten Freundin den Mann ausgespannt hat. Sowas tut man nicht, aber andererseits: wo die Liebe hinfällt, wächst keine Moral. Also heiratet die Schöne den schnauzbärtigen Simon und reist mit ihm samt Entourage an den Nil, auf welchem der Tod natürlich schon eingecheckt hat. Weiters mit im Schlepptau: die um ihre rosige Zukunft geprellte Ex, die fröhlich durch die Gegend stalkt. Mit Hercule Poirot, der sich aus ganz anderen Gründen ebenfalls dort aufhält, hat sie allerdings nicht gerechnet, und Linnet bittet den alten Hasen mit den grauen Zellen, die Gesellschaft doch lieber im Blick zu behalten – es könnte ihr Übles widerfahren. Es dauert nicht lang, da fällt schon der erste Schuss. Poirot muss sich anstrengen, denn diesmal ist nicht nur das Kapital anderer, sondern auch ganz viel Liebe mit im Spiel. Sogar die eigene.

Und da hat Kenneth Branagh den eleganten Denker an seiner Achillesferse erwischt. Was John Guillermin in seiner Verfilmung mit Peter Ustinov nicht getan hat. In der ebenfalls sehr edlen Adaption aus den Siebzigern ist der Detektiv eine Ikone des Moments, geradezu eine Art Superheld der Kombinationsgabe. Wie Sherlock Holmes in etwa, vor dem man Ehrfurcht haben kann. Branagh legt seinen Poirot ganz anders an. Und das erkennt man schon in den ersten Szenen des neuen Films, bei welchem mich das Gefühl bemächtigt hat, im falschen Saal zu sitzen. Erster Weltkrieg, Grabenkämpfe in Belgien, Giftgas – und dann der junge Poirot, noch ohne Schnauzer, der seinem Bataillon den Allerwertesten rettet, selbst aber nicht ganz unversehrt bleibt. Was dann passiert, hat viel Einfluss auf den Charakter des Kriminologen, und daher geht Branagh auch entscheidend tiefer in die Psyche der Figur als es Guillermin jemals hätte tun wollen, um dem Idol außer einigen Spleens keine Schwächen zuzugestehen. Branagh hingegen hat keine Angst davor. Poirot ist hier kein zwingend frohsinniger Genießer wie Ustinov, sondern verbittert, aber distinguiert und gut erzogen. Dass einer wie Poirot sentimental werden kann, schien bislang unmöglich – diese Neuentdeckung des detektivischen Charakterzuges ist das Herzstück des Films und überwindet die Distanz zum Zuschauer. Das übrige Ensemble ist weicher gezeichnet, wenngleich mit Annette Bening oder der brillanten Sophie Okonedo gut besetzt. Ein schmissiger Score, der die Klänge des amerikanischen Jazz über den längsten Fluss Afrikas trägt, verleiht dem Setting eine launige Atmosphäre, der Nachbau der 70 Meter langen Sudan und des Abu Simbel-Tempels in den britischen Studios beweist wieder mal, dass man bei großen Filmen wie diesen keine Mühen scheut. Und dennoch bleibt das Gefühl, einen Rückschritt in das Studiokino ganz früherer Zeiten gemacht zu haben. Abgesehen von den Drohnenaufnahmen ist die ganze Reise den Nil entlang nur Stückwerk von überallher, nur nicht aus Nordafrika. Ägypten nachzubauen oder eben dort zu sein, sich ganz auf den Vibe der Location zu verlassen, das sind dann doch zwei Paar Schuhe. In Tod auf dem Nil wird manche Szenen überdeutlich kulissenhaft, womöglich mit dieser Art Projektionstechnik umgesetzt, die schon Jon Favreau für The Mandalorian entwickelt hat. Die Raffinesse gelingt nicht immer, vieles erscheint artifiziell, auch das Licht sitzt oftmals nicht richtig und passt meist nicht zu den Dämmerstunden im landschaftlichen Hintergrund.

Schade, dass Marokko als Drehort dann doch nicht genutzt worden war. So bleibt uns zumindest ein Kammerspiel, dessen kreuz und quer gesponnenes Netzwerk aus Bedürfnissen, Leidenschaften und sinisteren Plänen solide unterhält. Statt des Orient-Express ist es nun ein Schiff. Das Konzept, der Rhythmus – ungefähr gleich. Branagh, den der Doppeljob aus Dreh und Schauspiel nicht überfordert, gelingt ein weiteres Whodunit, dem man trotz der durch Ustinov für viele bereits bekannten Auflösung gerne zusieht. Am Schluss tut der Brite sogar etwas, das undenkbar scheint. Doch andererseits: Poirot ist auch nur ein Mensch.

Tod auf dem Nil (2022)

Auf der Couch in Tunis

POSTREVOLUTIONÄRE BELASTUNGSSTÖRUNGEN

3,5/10


AufDerCouchInTunis© 2020 Filmladen


LAND: TUNESIEN, FRANKREICH 2019

REGIE: MANELE LABIDI

CAST: GOLSHIFTEH FARAHANI, MAJD MASTOURA, AÏCHA BEN MILED, HICHEM YACOUBI U. A. 

LÄNGE: 1 STD 29 MIN


Der arabische Frühling ist lange vorbei, einige Länder haben so manches daraus gemacht, andere hadern immer noch mit dem Krieg. In Tunesien ist die Revolution Teil der Geschichte. Ob sich seitdem viel verändert hat? Missstände gibt es immer noch, aber zumindest als Besucher von jenseits des Mittelmeers Urlaub machen, das konnte man wieder. Oder aus Frankreich wieder in die Heimat zurückkehren, so wie Psychoanalytikerin Selma. Was also tun in Tunis? Eine Praxis eröffnen. Ja genau, eine Praxis für Psychoanalyse. Braucht das denn wer? Daraufhin würde Selma antworten: wer braucht sowas denn nicht? – und macht aus ihrem Vorhaben ernst.

Eine Frau, die sich in einem von Männern dominierten Kultur- und Gesellschaftskreis behauptet – das ist der Stoff zeitgemäßer Filme aus dem arabischen Raum. Letztes Jahr zum Beispiel konnte die saudische Ärztin Maryam in Haifaa Al Mansours Film Die perfekte Kandidatin ihre ganze Entschlusskraft bündeln, um für den Stadtrat zu kandidieren. Der etwas handzahme, aber gut gemeinte Film zog natürlich seine Spannung aus dem Konflikt der Frauen mit der Männerwelt, die, konservativ bis ins Mark, soviel Ambition nur belächeln. Doch im Vergleich zu Auf der Couch in Tunis wirkt Die perfekte Kandidatin geradezu rebellisch.

Im Filmdebüt von Manele Labidi sehen wir die bereits eingangs erwähnte intellektuelle Selma, wie sie ihr für lokale Verhältnisse ungewöhnliches Vorhaben Verwandten und Freunden verklickert. Irgendwann bekommt sie tatsächlich eine ganz gute Patientenkartei zusammen, sowohl Frauen als auch Männer geben sich in der am Dach eines Hauses recht exponierten Praxis die Türklinke in die Hand. Klarerweise stehen bald die Behörden auf ihrer Matte. Und so geht das die ganze Zeit dahin, wobei die streng professionelle Analytikerin, gespielt von Golshifteh Farahani (u a. Tyler Rake: Extraction) in intellektueller Eitelkeit durch Zuhören andere dazu bewegt, endlich mal zu sagen, was in ihren Köpfen herumgeistert.

Das ist gut gemeint, und alle, die hier Selmas Reich frequentieren, sind natürlich mehr oder weniger sympathische und reizend gezeichnete Charaktere, doch setzt sich Auf der Couch in Tunis weder ernsthaft mit dortigen gesellschaftlichen Problemen auseinander noch gewinnt Labadi aus ihrer seichten Komödie, die klarerweise persönlichen Bezug hat (den wir nicht kennen), irgendeine Faszination aus diversen halbherzig verzwickten Umständen. Mit anderen Worten: dieser Ausflug ins postrevolutionäre Nordafrika ist leider nur müßiges Geplauder über Befindlichkeiten, und das ohne rechten Fokus. Könnte aber sein, dass dieser Zustand des Heimkommens nach Jahren aber genau so ein Gefühl vermittelt.

Auf der Couch in Tunis