The Gentlemen

WEED IM TWEED

8/10

 

thegentlemen© 2020 Universum Film

 

LAND: USA 2020

REGIE: GUY RITCHIE

CAST: MATTHEW MCCONAUGHEY, CHARLIE HUNNAM, HUGH GRANT, COLIN FARRELL, JEREMY STRONG, MICHELLE DOCKERY, HENRY GOLDING, EDDIE MARSAN U. A.

 

Einfach tun, was man am Liebsten macht. Und damit noch Geld verdienen. Muss gar nicht viel sein, der wahre Lohn ist, etwas aus dem zu machen, was am besten geht. Guy Ritchie hat das wiedermal so gehandhabt. Das Studio Miramax hat ihm da wohl alle möglichen Freiheiten eingeräumt. Inhaltlich wie stilistisch oder was auch immer. Es sollte nur ein klassischer Guy Ritchie werden, wie ihn die Leute bereits von Bube Dame König Gras oder Snatch kennen. Bitte kein Guy Ritchie wie in Aladdin. Aber das war ja auch nur eine Auftragsarbeit für Disney. Der Mauskonzern will sich mit Vertretern des Autorenkinos gerne ein paar kreative Aspekte mehr sichern. Das ist ja eine nette Geste – Aladdin ist ja meines Erachtens auch gut geworden, aber war sicher nicht das, womit sich Guy Ritchie wohl identifizieren würde. Nein, seine Welt ist die weite Prärie der angeheizten Gräser, die Savanne des Untergrunds sozusagen – und die damit verbundenen, durchaus illegalen Institutionen, von so manchen Geschäftstüchtigen im Schweiße ihres Angesichts errichtet und verfechtet und irgendwann an den Meist- und Bestbietenden vermacht. Ritchies Welt ist auch die der schrägen Individuen, am Liebsten von Kopf bis Fuß in Tweed (vielleicht, weil das Wort Weed darin enthalten ist?), mit einer Eloquenz auf den Lippen, das es süffisanter nicht geht, aber das Herz dann doch irgendwo am rechten Fleck. Denn seine Typen, das sind dennoch Underdogs, eigentlich nicht unsympathische Außenseiter, die aber außer sich selbst nicht viel brauchen. Naja, vielleicht eine bessere Hälfte, aber sonst wollen sie alle reich und in Frieden leben.

In den vorzeitigen Ruhestand will auch Matthew McConaughey alias Mickey Pierson, der Pate unter den Marihuana-Produzenten. Eigentlich ein Monopolist mit 12 getarnten Fabriken, High Tech-Ausstattung und jeder Menge Personal, vom Schlägertyp bis zum Mädchen für alles (Charlie Hunnam mit mediävalem Rauschebärtchen und einer Vorliebe für Steaks). Dass er sein Königreich vermachen will, das sind Good News, die sämtliche Interessenten anlocken, die aber leider denken, sie sind etwas Besseres als Pierson. Außerdem gibt’s da noch einen Reporter, der seinen ganz eigenen Stück vom Kuchen will, das wandelnde Klischee eines wohlhabenden Juden, Chinesen und aufgeschreckte Querschläger, die sich auf den Schlips getreten fühlen oder beim Paten in der Schuld stehen.

Abwarten und Tee trinken. Klingt langweilig? Ist es aber ganz und gar nicht. Guy Ritchie zelebriert englische Gepflogenheiten, ganz gentlemenlike. Alles sieht aus wie bei Miss Marple oder Sherlock Holmes. Gediegene Räumlichkeiten, Tässchen werden mit abgespreiztem kleinen Finger zum Mund geführt, unterwegs ist man mit Käppchen und in besagtem Tweed, bei Colin Farrell von Kopf bis Fuß, das ist fast schon eine liebevolle Parodie auf den Lebensstil der Brexit-Inselbewohner, natürlich noch mit Turnschuh, um agiler zu bleiben. Ritchie kreuzt das Ganze mit dem Lebensgefühl der Rapperszene und weniger Begüterten, die sich im aktuellen Medienzeitalter das große Glück erhoffen. Großartig, was Madonnas Ex hier für eine verschmitzte, kluge Gangsterpistole konstruiert hat. Allein schon die Idee, die ganze Situation mit einem genial windigen Hugh Grant als Storyteller sukzessive aufzudröseln, zeugt von narrativem Talent und der Fähigkeit, klassische Unterweltkrimis von der Maschekseite anzugehen. Guy Ritchie liebt sein Land, liebt den Joint, Schweine und gerechte Konsequenzen für böse Buben. Klar, sein Film ist eine Komödie, aber eine mit Stil, mit Understatement und skurrilen Situationen, die einfach so passieren können. Für mich ist The Gentlemen Guy Ritchies bester Film, eine sagenhaft coole Socke von einem Mantel- und Hanf-Thriller, zwischen lakonisch lässig und wütend theatralisch. Doch immer mit Etikette.

Noch etwas Tee?

The Gentlemen

Aladdin (2019)

EIN BLAUES WUNDER ERLEBEN

7/10

 

aladdin2019© 2019 Disney Germany GmbH

 

LAND: USA 2019

REGIE: GUY RITCHIE

CAST: MENA MASSOUD, NAOMI SCOTT, WILL SMITH, MARWAN KENZARI, NASIM PEDRAD U. A.

 

Was bin ich froh, dass unser Auge elektromagnetische Strahlung von einer Wellenlänge zwischen 380 und 760 Nanometer wahrnehmen kann. Es ist das reflektierte Licht, das es sieht. Und zwar in von uns unterscheidbaren rund 20 Millionen Nuancen. Ein Wunder, um es salopp auszudrücken. Gut, dass das Kino schon in den frühen 30ern begonnen hat, Farbe zu bekennen. Und sich anfangs dieser üppigen Strahlkraft in reinstem Technicolor bedient hat. Mit Aladdin hat Disney tatsächlich gefühlt alle 20 Millionen Schattierungen aus dem Malkasten gekippt, direkt in die fiktive, an historisch ähnlichen Begebenheiten angelehnte, frei erfundene Welt von Scheherezade hinein. Und das Volk, es strahlt. Ein Pomp ist das, ein Fest verliebter Details, die da auf das altersdurchmischte Publikum einprasselt. Da wünscht man sich, im Kino auf die Pausetaste drücken zu können, um wirklich jeden Winkel im Breitbild entdecken zu können. So aber bleibt der Blick nur an einigen wenigen Szenen hängen, aber die sind schon perfekt genug platziert, um den Eindruck einer Märchenwelt zu erlangen, die das wahre Bagdad eines Harun Al Raschid, unter dessen tatsächlicher Regentschaft die Sammlung der Märchen aus tausendundeiner Nacht erst entstanden sind, in den spärlichen Schatten einzelner Dattelpalmen stellt. Der Palast, er funkelt und schillert, ihm zu Füßen ein turbulenter Alltag zwischen Tuchverkäufern, Fladenbrotbäckern und Tagedieben, wie unser Held Aladdin einer ist. Der gerät wie durch Zufall an die traumhaft schöne Tochter des Sultans, Prinzessin Jasmin, die in Allerweltskleidung (immer noch von großem Stil) einen auf gewöhnlich macht und hungernden Kindern Brote klaut. Aladdin rettet sie natürlich von der Stadtwache und fällt dabei dem Großwesir Dschafar ins Auge, der in ihm den richtigen Kandidaten zur Beschaffung einer ominösen Lampe sieht. Der Rest ist natürlich eine bekannte Geschichte, sofern entweder das originäre Märchen oder der Zeichentrickfilm von Disney aus dem Jahr 1995 geläufig ist. Der war damals eine Sensation: Mit Witz, sympathischen Figuren, von aufgeweckt abenteuerlichem Reiz und mit dem Herz am rechten Fleck. Die Stimme des blauen Dschinni: Robin Williams.

In Guy Ritchies Neuverfilmung dirigiert Will Smith das Wunschkonzert, mit blassblauem Teint (eigentlich ist er Navyblau), gewinnendem Schmunzeln und einnehmendem Talent zum Showmaster. Die Wahl des ehemaligen Prinz von Bel Air war eine gute – Smith ist nach einigen schwächeren Ausflügen ins ernstere Fach wieder dort gelandet, wo er sein Charisma aus der Lampe lassen kann: in einer komödiantischen, aber niemals albernen Rolle voller gutherziger Untertöne und der bescheidenen Sehnsucht nach Freiheit. Das nimmt man dem Flaschengeist, ohne lange zu überlegen, locker ab. So wie Aladdins Schwärmerei für die schöne Unbekannte. Das alles liegt natürlich an einem Ensemble, welches vor lauter Spielfreude gar nicht mehr weiß wohin damit. Einziges Ventil: lasset uns singen! Und auch das gelingt, obwohl ich Musicals nicht sonderlich mag. Warum mich die melodiösen Monologe dennoch überzeugt haben? Nun, weil der lässige Guy Ritchie die Nummernrevue so lückenlos in die Handlung verwebt wie die Knoten bei einem Perserteppich. Mit dem Ergebnis, dass besungene Actionsequenzen a la Indiana Jones neuerdings die Schule machen und ohne die in die Suqs der Altstadt geschmetterten Zwei- und Mehrzeiler das ganze Brimborium nur mehr der halbe Spaß sein könnte. Also lauschen wir den arabischen Rhythmen, verlieben uns in hüftschwingende Exotik und bemerken bald, dass das passive Lümmeln im Kinositz einem zaghaften Schultershake gewichen ist. Das geht ins Ohr, was Aladdin und Co hier zum Besten geben, und nimmt auch nicht überhand, sodass man es leid wäre, in ein reines Musical gegangen zu sein. Ganz Musiktheater ist es nämlich auch nicht, und das ist richtig so. Viel wichtiger scheint die Opulenz des Zauberspiels zu sein, an dem Ferdinand Raimund seine ganze Freude gehabt hätte und sowieso schon üppigst ausgestattete Filme wie Hook plötzlich entsättigter wirken. Farbe ist in Aladdin das neue Schwarz, Prunk das neue Feng Shui und die alte Tradition des Geschichtenerzählens gerade wieder innovativ. Guy Ritchie, der natürlich gerne Legenden konterkariert, weiß, dass Aladdin so was nicht verlangt. Natürlich auch, weil Disney das nicht will. Und Familienfilme wie dieser mit bewährtem Storytelling am besten funktionieren.

Der charmante Witz, der kommt allerdings trotzdem nicht zu kurz, ganz im Gegenteil. Zu lachen, schmunzeln und träumen gibt es viel. Und selbst Ritchies Vorliebe für Slow-Motion inmitten rasanter Parcours finden ihren Platz. Natürlich ist es Kinokitsch, natürlich auch vorhersehbar. Aber wie Kinder, die Märchen immer und immer wieder hören wollen, und sich in der unverrückbaren Ordnung von Gut, Böse, Gerechtigkeit und Liebe immer und immer wieder festigen wollen, sind auch wir Erwachsenen davon nicht ausgenommen. Das ist schon eine eigene realitätsvergessene Magie, die tröstend erscheint und glücklich macht. Eine Art Fluchtkino, das gut tut.

Aladdin (2019)

King Arthur – Legend of the Sword

BUBE, DAME, KÖNIG… UND EIN SCHWERT

7/10

 

kingarthur

Regie: Guy Ritchie
Mit: Charlie Hunnam, Jude Law, Eric Bana, Aidan Gillen

 

Was Charlie Hunnam eigentlich noch gefehlt hätte, wäre ein Flinserl. Eines dieser metrosexuell aparten Schmuckstücke für den Mann, die in den 80ern so richtig salonfähig wurden und bis heute nichts von ihrem zweifelhaften Reiz verloren haben. Mittlerweile trägt Mann sie bereits an beiden Ohrläppchen. Das ist noch anarchischer – aber vielleicht weniger Prolo. Doch das wäre bei Guy Ritchies Inkarnation des legendären King Arthur auch schon egal gewesen. Seine Ikone der ritterlichen Fantasy und des mächtigsten Mittelalter-Mythos neben Robin Hood ist ein Schlägertyp von nebenan. Einer, der zwar das Herz am rechten Fleck hat, aber ähnlich wie Siegfried von Xanten nicht als hellstes Licht im Dunkel scheint. Dafür aber weiß er zu kämpfen, sich zu verteidigen, den maskierten Gesellen rund um den bösen König Vortigern, der unrechtmäßig am Thron sitzt, das Wilde herunterzuräumen. Und das eine oder andere passende Schmähwort auf den Lippen zu haben.
Übermütiger Zynismus – das ist, was Guy Ritchie und seine Fans sehen wollen. Wie wir sehen konnten, hat sich dieses Konzept ja auch bei Sherlock Holmes bewährt. Auch eine literarische, popkulturelle Gestalt, die zwischen den Medien umherscharwenzelt, sei es das geschrieben Wort oder das bewegte Bild. Sherlock Holmes ist eine Institution, und nur so unkaputtbaren Institutionen kann man eine Interpretation angedeihen lassen, die man als großzügig budgetierte Fanfilme bezeichnen kann. Robert Downey als Ohrfeigen verteilender Detektiv ist eine gegen den Strich gebürstete Charakterpersiflage, und genau das passiert nun auch König Arthur. Blond, blauäugig, ein David Beckham des finsteren Mittelalters (ja, tatsächlich, der Fußballstar hat einen Cameo-Auftritt als ein Scherge Vortigerns), lässig gewandet – aber nicht imstande, das Schwert Excalibur zu handhaben.
Diese mächtige Waffe sowie ein nur namentlich erwähnter Merlin, der böse Zauberer Mordred und eben der machtgierige Bruder Vortigern, von Jude Law ähnlich angelegt wie den jungen Papst in Paolo Sorrentino´s kunstvoller Kirchensatire, sind die einzigen Versatzstücke aus der Artus-Sage, die in Ritchie´s freier, herumfuchtelnder Improvisation Verwendung finden. Alles andere ist nicht König Artus, aber den Anspruch, den hat der Film gar nicht. Muss er auch nicht. Es gibt genügend braver Aufarbeitungen des Mythos, da reicht es, wenn sich die Legende des Schwertes – so der Subtitel des Blockbusters – auf das von Merlin geschmiedete Artefakt konzentriert. Und da hat der Film so manche innovative Idee dazu, wie zum Beispiel jene Erklärung, wieso das Schwert überhaupt in einem Felsblock steckt. Doch diese Dinge sind nur von peripherer Wichtigkeit. Das rüstungsgewandete Spektakel soll vorallem eines: so richtig fetzen. Und da hält sich King Arthur schon von Anfang an nicht mit ausufernden Prologen auf. In den ersten Filmminuten verwüsten bereits gigantische Ausgeburten des dunklen Zauberers Mordred König Uthers Besitztümer – in herrlich epischer Breite und mit einem Sound, der die Kinositze virbieren lässt. Überhaupt sind die Toneffekte ein regelrechter Zirkus für die Ohren. Da poltert, dröhnt und faucht es. Und darüber liegt ein Score, der sich hören lassen kann. Sind die schnellen Schnitte, die Frozen Stills und die virtuose Kamera nicht schon genug Entertainment für die Sinne, gibts noch rockig-düstere Songs und schweren Beat, der das Ganze noch akustisch um einige Levels schwindelerregender macht.
So knallig war das Mittelalter mit Sicherheit nicht mal ansatzweise, aber die nicht erst seit Game of Thrones verklärende Fusion der Europäischen Historie mit der Welt des phantastischen Erzählens und die Erwartungshaltung jener, die Guy Ritchies Filme kennen, verlangen, hier ein anderes Bild zu vermitteln. Eines, das unterhält und das Gute über das Böse siegen lässt. Zwar haben wir hier weitaus weniger Grauzonen als in George R. R. Martin´s epischer Westeros-Saga, und zwar wissen wir schon von Anbeginn an, dass die Ritter der Tafelrunde zueinanderfinden werden, doch mit bübischer Mitspielfreude in einer Zeit zu schwelgen, die letzten Endes gerechteren Paradigmen folgt als es die Realität tut, macht es allemal wert, hier mitzurocken.
King Arthur ist episches, aber gleichsam hektisches Bubenkino der schnellen Schnitte und von rotzfrecher Fabulierlust. Einziger Ruhepol ist die zerbrechlich wirkende Magierin mit ausgeprägtem Tierverständnis und französischen Akzent. Bei ihr trifft sich immer wieder der Kern der Geschichte, um sich selbst als roten Faden weiterzuspinnen. Dreimal tief durchgeatmet, und weiter geht´s – das Fangenspielen mit Schwert, Bauernschläue und blutigen Fäusten.

 

King Arthur – Legend of the Sword