Nürnberg (2025)

DAMIT SO ETWAS NIE WIEDER PASSIEREN KANN

5/10


Cameron Crowe als Hermann Göring und Andreas Pietschmann als Rudolf Heß im Film Nürnberg
© 2026 Polyfilm Verleih


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: JAMES VANDERBILT

DREHBUCH: JAMES VANDERBILT, NACH DEM SACHBUCH VON JACK EL-HAI

KAMERA: DARIUSZ WOLSKI

CAST: RUSSEL CROWE, RAMI MALEK, MICHAEL SHANNON, LEO WOODALL, RICHARD E. GRANT, JOHN SLATTERY, COLIN HANKS, MARK O’BRIEN, PETER JORDAN, ANDREAS PIETSCHMANN, TOM KEUNE, WOLFGANG CERNY, LYDIA PECKHAM, LOTTE VERBEEK U. A.

LÄNGE: 2 STD 28 MIN



Dass der Teufel sein Gegenüber mit Charme, Eloquenz und Freundlichkeit bezirzt, um dieses dann um den Finger zu wickeln, ohne dass es das merkt – kann man sich gut vorstellen. Es glauben zu lassen, dass es ihn gar nicht gäbe, wird dann schon schwieriger – hat man schließlich gesehen, wer vom Herrn der Finsternis am meisten gelernt hat: Hermann Göring, im Grunde ein ganz normaler, feister und besonnener Politiker, stets eitel, stets freundlich, hochgradig intelligent und hätte es damals schon die manipulative Methode des NLP gegeben – er hätte sie begründet.

Das Kino und sein Faible für Nazis

Nach diversen Fernseh- und Filmformaten rund um Adolf Hitler (in Erinnerung bleiben da Robert Carlyle und Bruno Ganz), nach Ben Kingsleys Performance in Operation Finale als Adolf Eichmann, Robert Stadlober als Josef Goebbels (Führer und Verführer) und zuletzt erst August Diehl als verheerend schlecht gelauntes, paranoides Monster Josef Mengele im Exil donnert nun im hellgrauen Kostüm Superhäftling Göring, des Diktators Stellvertreter und hochrangigstes Tier der Nazis weit und breit, in den für den Prozess rundumerneuerten Gerichtssaal in Nürnberg – genau dort, wo Jahre zuvor die Rassengesetze verabschiedet wurden, mitverfasst von Göring selbst. Als hätte er das alles nicht gewusst.

Casting für den Vize-Führer

Wer kann Göring also spielen, diese schrecklich nette Persönlichkeit? Vielleicht ein Landsmann? Ich hätte da wen gewusst. Josef Bierbichler zum Beispiel. Axel Prahl oder Jürgen Tarrach. Die hätten Authentizität gehabt. Besetzt wurde die durchaus schwierige Rolle aber mit dem neuseeländischen Superstar Russel Crowe. wäre er euch für’s Casting in den Sinn gekommen?

Meine erste Wahl wäre er nicht gewesen, doch so gesehen hätte sich mir Liam Neeson für Oskar Schindler auch nicht aufgedrängt, geschweige denn Ralph Fiennes für den Psychopathen Amon Göth. Man kann es ja probieren, und James Vanderbilt, der hat das getan. Somit sitzt der glattrasierte Riese in Nürnberg in seiner Zelle, des „Teufels“ Gegenüber ist niemand Geringerer als Oscarpreisträger Rami Malek. Der darf den Amerikaner geben, und zwar einen Militärpsychiater, der aber, so scheint es im Laufe des Films, nicht wirklich viel von seinem Know How auch auf sich selbst anwenden kann. Fasziniert wie ein kleiner Junge von Monstern unterm Bett hängt der junge Mann an den Lippen des Vize-Führers außer Dienst, wohl meinend, ihn mit dieser Methode als „Freund“ zu gewinnen, um so einfach alles über ihn zu erfahren.

Die Frage ist nur: wer manipuliert hier wen? Und hat Psychiater Douglas M. Kelley (der mit dem Tatsachenbericht 22 Cells in Nuremberg leider vergeblich versucht hat, als Schriftsteller Karriere zu machen) wirklich nicht gesehen, wie ihm geschieht?

Ein Film, der Bildung schafft

Währenddessen zeigt Vanderbilts Film Nürnberg eben genau das: Wie es überhaupt dazu kam, dass die deutsche Stadt zum Zentrum einer über allen staatlichen Systemen errichteten Gerichtsbarkeit wurde, die als außerordentliches Tribunal bis heute in Fällen wie diesem ihre Verwendung findet.

Hier wiederum steht im Zentrum der für den amerikanischen Supreme Court kandidierende Robert Jackson, der alles in die Wege leitet und, vereint mit den übrigen großen drei, 22 inhaftierte Nazis vor Gericht stellt, darunter so große Fische wie Rudolf Heß, Karl Dönitz oder Julius Streicher – alle dargestellt von deutschen Schauspielern, die ihre Rollen, auch wenn nur nebenbei gestreift, ungemein greifbar werden lassen, und zwar mit Leichtigkeit, während Russel Crowe professionell, aber nicht unangestrengt versucht, sein ganzes Können in diese historische Figur zu legen.

Ehrgeiziges Ringen um Überzeugung

Und ja, er macht es souverän. Auszusetzen gibt es dabei nichts. Doch es ist merkbar: Man tut als Schauspieler auch nur, was man kann. Rami Malek hingegen ist Rami Malek und tut sich noch viel schwerer, seinen Charakter in einen inneren Zwiespalt zu bringen. Davon sieht man wenig, auch das psychologisch fein zu beobachtende Aufeinandertreffen von Arzt und ideologischem Kapazunder bleibt an der Oberfläche, denn keiner von beiden will hier tiefer graben.

Das ist bedauerlich, denn ein Fokus auf diese beiden hätte dazu beigetragen, aus Vanderbilts Film einen psychologisch straffen Arthouse-Knüller werden zu lassen – lediglich vor dem Hintergrund der Nürnberger Prozesse und viel mehr Zeit in ein schleichendes Duell investierend, dass für beide Darsteller wohl ungeahnte schauspielerische Qualitäten herausgekitzelt hätte.

Starkino mit Auftrag

Auf der Haben-Seite steht nun US-amerikanisches Starkino der alten Schule, die jenen, die noch nicht viel über die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts wissen, erst mal über Grundlegendes aufklären will.

Nürnberg bleibt ein konvenientes, solides Geschichtsdrama, geeignet fürs Fernsehen und vielleicht gar als Miniserie, doch ohne dramaturgische Besonderheiten und psychologischer Tiefe wird man im Kino dann doch etwas ernüchtert aus den hinteren Rängen im Gerichtssaal entlassen.

Nürnberg (2025)

Argentina, 1985 (2022)

NÜRNBERG WAR AUCH ANDERSWO

7/10


argentina1985© 2022 Amazon Studios


LAND / JAHR: ARGENTINIEN, USA 2022

REGIE: SANTIAGO MITRE

BUCH: MARIANO LLINÁS, SANTIAGO MITRE

CAST: RICARDO DARÍN, PETER LANZANI, GINA MASTRONICOLA, FRANCISCO BERTÍN, SANTIAGO AMAS ESTEVARENA, ALEJANDRA FLECHNER, NORMAN BRISKI, GABRIEL FERNANDEZ CAPELLO U. A. 

LÄNGE: 2 STD 20 MIN


Versteckt im Angebotssortiment der Flatrate von Amazon Prime findet sich ein Film, der gute Chancen hat, bei den diesjährigen Oscars den Goldjungen für den besten internationalen Film mit nach Argentinien zu nehmen: Die Rede ist von Argentina, 1985, einem akkurat inszenierten Politdrama, das so ungefähr in jene Richtung geht, die seinerzeit Stanley Kramer mit Das Urteil von Nürnberg eingeschlagen hatte. Der für elf Oscar nominierte Streifen konnte einen für Maximilian Schell gewinnen, den anderen für das beste adaptierte Drehbuch. Letzteres ist wahrlich kein Wunder: Nazis bei ihrem verzweifelten Versuch zuzusehen, wie sie ihr bizarres Weltbild erörtern, hat schon etwas Verstörendes, abgesehen von den vielen niederschmetternden und an die Nieren gehenden Aussagen scheinbar unendlich vieler Zeugen, die allesamt das System hinter den Gräueln bestätigen konnten.

Was in Europa in den 30er und 40er-Jahren passiert war, gab es in abgewandelter, aber nicht minder heftiger Form auch in Argentinien – da riss in den 70erjahren das Militär die Macht an sich und errichtete eine Schreckensherrschaft aus Überwachung, Entführung, Verhör, Folter und Mord. 1983 war dann Schluss damit. Wie es zu diesem Befreiungsschlag kam, darauf geht Argentina, 1985 eigentlich nicht ein. Man muss jedoch, als nicht ganz so mit profundem Südamerika-Wissen ausgestatteter Zuseher, diesen Umstand nicht unbedingt kennen. Um hier noch tiefer in die Materie einzusteigen – dafür gibt es zahlreiche Dokumentationen, die man gerne begleitend sichten kann. Man muss es aber nicht. Argentina, 1985 funktioniert losgelöst von der restlichen Geschichte eines Landes, da der Film in seinem Bestreben, abzubilden, wie man Verbrechen an der Menschlichkeit ahnden kann, durchaus als universell gilt. Verbrechen wie diese gab und gibt es überall auf der Welt. Wer als Volk durch so eine Hölle ging, kann sich im Nachhinein nur noch darum bemühen, es nie wieder so weit kommen zu lassen.

Um ordentlich Gerechtigkeit walten zu lassen, wurde ein Jahr vor dem großen Prozess der Bundesanwalt Julio Strassera engagiert. Was zur damaligen Zeit besonders überrascht: der faschistische Sumpf ist da noch längst nicht trockengelegt, Anhänger hat das abgesägte Militär immer noch genug. Dieses Paradoxon lässt sich auch schwer nachvollziehen, doch wie auch immer: aufgrund dieses Engpasses an Integrität muss Strassera sein Team aus völlig unerfahrenen, aber hochmotivierten Justiz-Anfängern zusammenstellen, was ihm letzten Endes aber zum Vorteil gereichen sollte. Dieser erfrischenden, unverbrauchten Energie ist es zu verdanken, dass die Beweise in Rekordzeit zusammengetragen wurden, um die ersten neun Generäle, die für die dunklen Jahre Argentiniens verantwortlich waren, anzuklagen.

Zu Wort kommen diese vorwiegend ergrauten weißen Männer allerdings nicht. Wäre interessant gewesen, wie diese ihre Ideologie gerechtfertigt hätten, gleich den Psychopathen im Europa der Nachkriegszeit. Es wäre vermutlich auch erfüllend gewesen, ihre Argumentation im Keim ersticken oder bis auf den letzten Krümel versuchter Schadloshaltung verblasen zu lassen. Dieser Konfrontation geht Santiago Mitre aus dem Weg. Nichtsdestotrotz sorgt dieser mit seinem Aufarbeitungswerk und der originalgetreuen, fast schon gestengleichen Nachstellung der eindringlichsten Prozessmomente für eindringliche Geschichtsstunden nicht nur für jene, die wirklich viel Ahnung davon haben, was auf anderen Kontinenten in den vergangenen Jahrzehnten im Argen lag. Mitre komprimiert das Trauma und seine Verarbeitung auf leichte Überlänge und setzt seinen Fokus stets auf den Helden der Nation, nämlich Strassera, der wiederum von Argentiniens wohl bekanntesten Schauspieler dargestellt wird: Ricardo Darín. Hinter Achtzigerjahre-Frisur und Schnauzer ist er kaum wiederzuerkennen, und in seiner resoluten, furchtlosen und unkorrumpierbaren Art und Weise hält er wie ein Fels in der Brandung, bei Wind und Wetter, seine Prinzipien hoch. Angstmache und Einschüchterungen zeigt er die kalte Schulter. Strassera dürfte ein militanter Humanist gewesen sein. Argentina, 1985 ist daher auch weniger die Aufarbeitung des Schreckens, sondern viel mehr das Denkmal eines Mannes, der wie Captain America ein ganzes Team taufrischer Avengers angeführt hat, um die Heilung eines Staates voranzutreiben. Geschichte, die sich zum Guten wendet, wird eben von Leuten geschrieben, die nicht um ihrer selbst willen ins Rampenlicht treten, sondern für andere.

Argentina, 1985 ist penibel recherchiertes, dialoglastiges Kino, das zwar manchmal des Publikums erhöhte Aufmerksamkeit braucht, dann aber wieder Emotionen der Entrüstung und der Bestürzung lukriert. Dem Bösen ins Wort fällt der Film aber nicht. Was bleibt, ist ein klassischer Fall von lupenreinem Justizdrama, das nichts neu erfinden muss und es auch nicht tut – ausser die Zukunft eines friedlichen Zusammenlebens eines ganzen Volkes.

Argentina, 1985 (2022)