Der Nussknacker und die vier Reiche

GIB DEM MÄRCHEN ZUCKER

3/10

 

THE NUTCRACKER AND THE FOUR REALMS© 2018 Walt Disney

 

LAND: USA 2018

REGIE: LASSE HALLSTRÖM, JOE JOHNSTON

CAST: MACKENZIE FOY, KEIRA KNIGHTLEY, MORGAN FREEMAN, HELEN MIRREN, RICHARD E. GRANT, MIRANDA HART, MATTHEW MCFAYDEN U. A. 

 

Könnt ihr euch noch an die wildromantische Rolle von Johnny Depp in Lasse Hallströms Chocolat erinnern? Da hatte der Star Juliette Binoche den Kopf verdreht, während sie in einer bigotten, spaßbefreiten Kleinstadt die Schokoladenherzen höher schlagen ließ. Sündige Pralinen waren hier Hallströms Zuckerzusatz für seine Läuterungsmär. Sehr viel später, und punktgenau zur Weihnachtszeit, habe ich dem Schweden die Chance gegeben, sein Zucker-Management auch im Falle von  E.T.A. Hoffmanns Nussknacker und Mäusekönig unter Beweis zu stellen. Das Ergebnis: artifizieller Kitsch Marke Disneyland.

Die Story dürfte halbwegs bekannt sein und gerne frei interpretiert werden: das Mädchen Clara führt in einer magischen Spielzeug-Phantasiewelt eine Armee an Nussknacker-Soldaten gegen den Mäusekönig ins Feld. Im Hintergrund dieser Flucht in die Fantasie: Der Tod der Mutter und die Bewältigung der Trauer. Zusätzliche sinistere Gegenspielerin: die vorab viel zu frömmelnde Zuckerfee, die dann auch noch Zinnsoldaten ins Spiel bringt. Da tröten die Hörner, da trommeln die Trommler, da singen die Schwäne – oder auch nicht. Irgendwie aber ist Lasse Hallströms Märchenkunterbunt fast schon die Bebilderung des englischen Christmas-Carol-Hits The Twelve Days of Christmas – mit dem einzigen Unterschied zu dem vergnüglichen Zählstrophen-Libretto: Hallström gelingt es mehr unfreiwillig als gewollt, alle 12 Strophen in einen Gesangskanon zu bringen, der folglich in konfuser Turbulenz sein Prinzessinenbalett vorantreibt. Und das liegt weniger an dem Märchen selbst. Das liegt an der erlegenen Versuchung, mit ordentlich viel CGI jedes noch so erdenkliche Detail aus dem Rechner zu schreiben. Und wir wissen längst: je mehr CGI, je mehr die Balance zu analogen Effekten und bitgenerierter Kulisse in Schieflage gerät, desto synthetischer und zuckerwattiger, und auch unerwartet zweidimensionaler werden die Filme. Man nehme nur das Sequel zu Tim Burtons Alice im Wunderland. Irgendwann sind selbst da die Virtuosen vor ihren Rechner angesichts der Fülle an Untertasks schleißig geworden. Das passiert auch bei Der Nussknacker und die vier Reiche. Dabei steht die Maskerade der Reichskönige in erschreckend preiswertem Gegensatz zu den steril-perfekten Umgebungswelten. Wahnsinnig billig auch die seltsam wackeligen Eiszapfen. Ganze Tannenwälder müssen die Last von Tonnen an Kunstschnee aus dem Plastik-Centshop tragen, während die vielen Blumen in besagter Blumenwelt in Kurze den Welketod sterben. Dieses Szenario, diese Kulissen, die sind so dermaßen unecht, dass das Verlangen, sich dort niederzulassen, verhalten bleibt.

Schauspielgrößen wie der einäugige Morgan Freeman, Helen Mirren (ausnahmsweise absolut fehlbesetzt) oder Keira Knightley kommen da sehr schwer an, obwohl Knightley wiedermal ihr Bestes gibt und auf ihre affektiert-egozentrische Art allen anderen Protagonisten mit einem leichten Dreh der Finger im Zuckerwattehaar die Show stiehlt. Anfangs wähnt sich Der Nussknacker und die vier Reiche in seiner nostalgischen Popup-Buch-Ästhetik auf der sicheren Seite. Und man höre genau hin: auch Tschaikowskis Melodien aus dessen Ballett Nussknacker entfalten ihren musikalischen Liebreiz. Sobald wir aber Hoffmanns Narnia-Version entern, lässt sich die Sehnsucht nach Natürlichkeit kaum mehr verdrängen. Ein verregneter Winterwald im Morast wäre mir da zehnmal lieber als die weißen Plastikschnipsel, die gerne Schneeflocken wären. Das klappt nicht, nicht in diesem Kontext, wo all diese Weihnachtswunderwelten Stimmung machen sollen, ganz ohne die Chance auf Achterbahn.

Der Nussknacker und die vier Reiche

Can you ever forgive me?

FAKE IT OUT!

6/10

 

CAN YOU EVER FORGIVE ME© 2018 Twentieth Century Fox Film Corporation All Rights Reserved

 

LAND: USA 2018

REGIE: MARIELLE HELLER

CAST: MELISSA MCCARTHY, RICHARD E. GRANT, MARC EVAN JACKSON, BEN FALCONE U. A.

 

Würde ich Melissa McCarthy treffen, würde ich womöglich erkennen, dass sie gar nicht so viel anders ist als in ihren Komödien. Womöglich spricht sie, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Sagt was sie denkt, lässt sich nicht gängeln, dafür aber gerne provozieren. Und kann sicher auch ordentlich keifen. Filmemacher Ben Falcone, ihr Mann, hat das ideale Händchen für die Dame – ob das, was dabei herauskommt, anderen gefällt, ist ambivalent. In den USA kommt McCarthy ausnehmend gut an. Ihr derbes Auftreten unterhält die breite Masse – hierzulande finden wohl deutlich weniger Leute ihre ulkigen Eskapaden entsprechend witzig. Das liegt aber auch an den Filmen, die ihr an den Leib geschneidert werden. Wie hieß noch gleich diese Krimikomödie, wo sich die mollige Lady eine Einkaufstüte über den Kopf zieht? Tammy – eigentlich ein zweifelhaftes Vergnügen, wie all die anderen flapsigen Komödien unter der Fuchtel ihres Gatten. Und den Muppets-Sexkrimi The Happytime Murders habe ich mir gleich ganz verkniffen, laut den Unkenrufen diverser Rezensenten eine gute Entscheidung.

Nach all diesem Einheitsbrei klamaukiger Eskapaden war es für die von all dieser Routine gelangweilte Wuchtbrumme wohl an der Zeit, sich selbst zu beweisen, dass es auch anders gehen kann. Dass nicht nur schmissige Oneliner und slapstickhafter Overkill die einzigen Skills sind, die McCarthy beherrscht. Da gibt es doch noch die Nische mit den anspruchsvollen Rollen, die, wenn es sich anbietet, sogar noch auf wahren Begebenheiten beruhen. Mal ausprobieren! Was soll schon schiefgehen bei einem Film wie diesen, den das Leben schrieb, das wieder einmal für die kuriosesten Geschichten sorgt, die drehbuchtechnisch überhaupt verfasst werden können.

Can you ever forgive me? ist erstens die Verfilmung eines Bestsellers, und zweitens die Chronik eines meisterhaften Verbrechens. Und damit meine ich nicht das edelmütige Kavaliersvergehen wie der Diebstahl edler Artefakte, das die Oceans-Clique in diversen Hochglanzmovies verharmlost haben. Damit meine ich die Kunst des Fälschens und Feilschens. Wer kommt schon auf die Idee, die Korrespondenz von Marlene Dietrich, Noël Coward oder Dorothy Parker um einige knackig formulierte Statements zu erweitern? Wenn die wüssten, was ihnen in den Mund gelegt wurde. Womöglich hätten sie sich amüsiert gezeigt. Und hätten gestaunt, wie viel Kohle so ein Stück Papier, geschrieben auf diversen alten Schreibmaschinen und auf brüchig getrimmt, in Sammlerkreisen eigentlich machen kann. Rein durch Zufall kommt die erfolglose Biographin Lee Israel, die ihre Miete nicht mehr zahlen kann und eben fristlos entlassen wurde, weil sie eben spricht, wie ihr der Schnabel gewachsen ist, auf diese moralisch fragwürdige Idee, alle Welt hinters Leselicht zu führen. Doch es ist eine Idee, die, wenn es jemand realisieren kann, relativ schnell zu reichem Ertrag führt. Und wo die Gelegenheit Diebe macht, sind manche davon auch Fälscher. Wie Lee Israel eben, aneckende Außenseiterin mit Köpfchen, die gemeinsam mit dem schwulen Lebenskünstler Jack die Sache mit den Fake-Briefen zum flächendeckenden Geschäft werden lässt.

Was Lee Israel während ihrer selbst bezeichneten „schönsten Zeit ihres Lebens“ eigentlich noch nicht wusste, ist, dass diese der Stoff für ihren späteren Durchbruch werden wird. Mit Can you ever forgive me? landete die Journalistin einen Bestseller. Ihre kriminelle Ära hat sich also im Nachhinein nochmal bezahlt gemacht. Marielle Heller (The Diary of a Teenage Girl) hat Melissa McCarthy eine Frisur Marke Vetter It verpasst, die gute Frau in relativ geschmacklose Sackkleidung gesteckt und zwischen resignierendem Trotz und resoluter Improvisation fahrig umherirren lassen. Keine Frage, die bislang genrefixierte Komödiantin macht ihre Sache gut, und in ernsten Rollen wie dieser hat sie eindeutig mehr Charisma als in ihren sonst üblichen kurzlebigen Zerrbildern emanzipierter Aufmüpfigkeit. Zu sehen, mit welcher Hingabe ihre Version der Lee Israel die Tuchent der Moral dehnt, streckt und wendet, und damit aus dem Schatten ihrer eigenen Existenzangst tritt, entbehrt nicht einer gewissen verschwörerischen Sympathie, so misanthropisch die Betrügerin auch sein mag. Ihr bis ins Detail durchdachtes Konzept der Fälschung erinnert an Dr. Fritz Knobel und dessen Hitler-Tagebücher, den Uwe Ochsenknecht in Helmut Dietls Schtonk! so süffisant verkörpert hat. Nur was in Schtonk! noch die Satire einer True Story war, gerät in Can you ever forgive me? zur trottoirschlendernden, relativ schmucklosen Dramödie zwischen Buchhandlung und Zinshaus und kämpft oft mit der Zugkraft seines Plots. Dann ist der in graubraunen Straßenstaub getauchte Film ungefähr so spannend wie das Abstauben antiquarischer Ladenhüter. Dazu stiehlt Schauspielkollege Richard E. Grant McCarthy fast schon die Show – mit seinem windigen, exaltierten Auftreten als drogenvertickender, charmanter Taugenichts zeichnet er den realen Charakter des Jack Hock detailverliebt nach. Da wirkt unsere – so wie Grant – für den Oscar nominierte Hauptdarstellerin zwischendurch manchmal von der Ambition, ihrer Rolle gerecht zu werden, sichtlich überfordert. Möglich aber, dass das Lügen und Betrügen so sehr an den Neven zerrt, dass alle Beteiligten am Ende froh sind, wenn alles ans Licht kommt. Dass die gefälschten Briefe aber irgendwann mal mindestens genauso viel wert sein werden wie die Originale der Künstler, wage ich vorsichtig zu prophezeien. Und damit meine ich ganz besonders Dorothy Parkers Brief aus dem Jenseits.

Can you ever forgive me?