Operation: 12 Strong

DER KRIEG, EIN ABENTEUER!

5/10

 

12strong© 2000 – 2017 Concorde Filmverleih GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: NICOLAI FUGLSIG

MIT CHRIS HEMSWORTH, MICHAEL SHANNON, MICHAEL PENA, WILLIAM FICHTNER U. A.

 

Damals war es Papst Urban II. Heute sind es die Medien. Der Anschlag auf das World Trade Center im September 2001 ist wohl das ausgefeilteste filmisch dokumentierte Grauen der Neuzeit nach dem zweiten Weltkrieg. Bildmaterial, das vor allem das Herz eines amerikanischen Patrioten auf ganz besondere Weise berührt. Noch dazu, wenn dieser Patriot ohnehin schon Militärdienst leistet. Dieses ehrbare Pflichtgefühl – das sind Emotionen, die können wir hier in Europa gar nicht so richtig nachvollziehen. Schon gar nicht in Österreich – da gibt es zwar auch Patrioten, aber immerhin mit der Fußnote des Opportunismus. Das ist in den USA nicht der Fall. Da gibt es Demokraten und Republikaner. Und Republikaner – die stehen auf für ihr Land, wenn es ums Kämpfen geht. Da greift so manch einer schleunigst zum Schlüsselbund, setzt sich ins Auto und fährt zur nächsten Kaserne, um sich aktiv einer Task Force anzuschließen, die sofort und ohne Abwägen von Vor- und Nachteilen in die Höhle des Löwen reisen soll, um der teuflischen Al-Kaida zu zeigen, wo Thor´s Hammer hängt.

Und ja, ich meine Thor´s Hammer. Denn Chris Hemsworth, Marvel´s führendes Einauge nach Samuel L. Jackson als Nick Fury, ist in Operation: 12 Strong derjenige, der seiner Tochter erklären muss, dass ihr Papa nur mit Restrisiko wieder heimkehren wird. Das mag zwar eine der ersten Szenen des Filmes sein, aber spätestens da stellen sich bei mir schon die Nackenhaare auf. Wenn Heimatland vor Familie kommt, mag Hopfen und Malz verloren sein. Schon denke ich wieder an Papst Urban. Gut, das war das Mittelalter. Und gut, da gab es Lehensherren und Treueschwüre, die Pflicht, für den König zu kämpfen. Man könnte also annehmen, das Mittelalter haben wir weit hinter uns gelassen, die Bezwingung des Bösen unter Einsatz des eigenen Lebens in der Hoffnung auf Absolution. Bis auf die Absolution, die keiner mehr braucht, lässt sich das Konzept zumindest in Operation: 12 Strong bequem in die Gegenwart transportieren. Damit steht aber der makellose, zum Abenteuerfilm aufgerüschte Kriegsfilm sicherlich nicht alleine da. Obwohl ich aber auch hier dachte, dass wir diese Art von Film hinter uns gelassen haben. Missing in Action mit Chuck Norris, die Rambo-Sequels, bis – um noch weiter zurückzureisen – Steiner: Das eiserne Kreuz oder die Kanonen von Navarone oder wie diese Helden-Epen mit Stahlhelm, Panzer und MP alle heißen. Für den Kriegsfilm, vor allem aber auch für den vom amerikanischen Verteidigungsministerium gesponserten Kriegsfilm, gibt es immer eine freie Bettstatt. Der wird auch angesichts mangelnder Einkünfte nicht schwinden. Dazu ist die Lobby, die überall ihre Munition ins Spiel bringt, zu groß, zu stark, bis an die Zähne bewaffnet.

Also schwingt sich Das dreckige Dutzend unter Schreibtischhengst Thor auf die afghanischen Rösser, um den Taliban-Eiterherd am Hindukusch auszumerzen. Da vermisse ich jetzt schon die Gesichter eines Lee Marvin, Robert Mitchum oder James Coburn. Dafür schenkt uns Regisseur Fuglsig das hypnotische Charisma eines Michael Shannon oder die mutige Bereitschaft eines Michael Peña. Die sind natürlich längst nicht solche Westernhelden wie damals in den 70er Jahren, auch viel differenzierter in ihrem Spiel – was aber für Operation: 12 Strong nicht als Defizit zu vermerken ist. Davon hat sich auch Chris Hemsworth einiges abgeguckt – und gebärdet sich als Selbstfindungs-Krieger mit Herzblut gar nicht mal so schlecht. Wobei die Rückwandlung zum rechtzeitig zu Weihnachten heimkehrenden Familienmenschen jegliche Glaubwürdigkeit entbehrt. Aber war’s nicht tatsächlich so? Da müsste man den echten Captain Mitch Nelson fragen.

Hätten die Kreuzritter damals schon Kino gehabt, hätten sie diesen Film geliebt. Und wären nachher gleich nochmal in die Schlacht gezogen. Weil das Herz eines Kriegers… ok, lassen wir das. Es war ja wirklich eine erfolgreiche Mission, von der alle Beteiligten, also zumindest alle beteiligten Amerikaner, heil wieder zurückgekehrt sind. Helden des Krieges, die gab es so schon lange nicht mehr. So richtig unkritisch, tadellos und aufrichtig. Es lebe das unreflektierte, geradlinige, schnörkellose Gefechtskino weit jenseits eines Michael Cimino oder Oliver Stone. Und sogar weit jenseits eines Clint Eastwood, der mit American Sniper eine deutlich ambivalentere (Anti)helden-Exegese in Szene gesetzt hat. Wer also das Genre des Kinos gerne auf ausgefeilte Pyrotechnik und Munitionsverschleiß heruntergebrochen sehen möchte und sich einmal nicht kritisch mit der Rechtfertigung militärischer Intervention auseinandersetzen will, der kann bei Operation: 12 Strong gut und gerne mitfiebern. Nur die in Captain America zynisch beäugte, aber hier keineswegs als solche ausgewiesene Propaganda selbstloser Kriegsidealisten und die damit einhergehende Wandlung zu einem Lawrence zwar nicht von Arabien, aber von Afghanistan wird womöglich sauer aufstoßen.

Operation: 12 Strong

The Shape of Water

FISCH VERLIEBT

8/10

 

shapeofwater© 2018 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA, KANADA 2018

REGIE: GUILLERMO DEL TORO

MIT SALLY HAWKINS, DOUG JONES, MICHAEL SHANNON, RICHARD JENKINS, OCTAVIA SPENCER U. A.

 

Wohl eine der künstlerisch wertvollsten Comicverfilmungen, die jemals das Licht der Kinoleinwand erblickt haben, ist Hellboy von Guillermo del Toro. Beide Episoden sprühen vor Einfallsreichtum und zeigen, mit welcher Stilsicherheit der Mexikaner seine Visionen, Bilder und Kreaturen in bewegtes Drama umsetzen kann. In Hellboy gibt es einen Fischmenschen namens Abe Sapien, der seine Glupschaugen stets mit Fliegerbrille feucht hält und genauso immer mal wieder baden geht wie sein entfernter Verwandter aus dem für 13 Oscars nominierten Academy-Favoriten The Shape of Water. Dass beide Kreaturen einen gemeinsamen Ursprung haben, ist offensichtlich. Sie stammen beide aus del Toro´s unverwechselbarem Universum. Niemand kann dessen Handschrift mit dem Oeuvre anderer Filmemacher verwechseln. Das war bei Pans Labyrinth so, das war bei Crimson Peak so, und das wiederholt sich auf wunderbar variierte Art auch hier, in dieser ungewöhnlichen Liebesgeschichte zwischen poetischer Fantasy und einem Abenteuer aus dem Kalten Krieg, in dem die Kleinen ganz groß und die Mächtigen verzweifelt um Anstand bemüht sind.

The Shape of Water – fälschlicherweise übersetzt mit Das Flüstern des Wassers, richtigerweise müsste es aber Die Form des Wassers heißen – ist neben all der romantischen Momente und den Anleihen aus dem Spionagethriller-Genre eine leidenschaftliche Hommage an das Monsterhorror-Genre der 50er-Jahre. Anzunehmen, dass del Toro diese Filme womöglich alle in seinen DVD-Regalen hortet, und Jack Arnolds Phantastereien wie Der Schrecken vom Amazonas den Visionär für seine Arbeiten angeregt haben. Sucht man nach Bildern von Arnolds Wasserwesen, lässt sich der Dschungel Südamerikas als gemeinsame Herkunft nur bestätigen. Del Toro weiß gekonnt, seine Assoziationsquelle liebevoll zu zitieren. Hätte del Toro aber seine Wasseroper in Schwarzweiß gedreht, wie er ursprünglich sogar überlegt hat, hätte mir seine sonst so opulente Farbgebung, die seine Bilder so sehr auszeichnen, ziemlich gefehlt. Das Grün, Petrol und Rot, dieses satte Setting mit all diesen kolorierten Details – von der flirrenden Biolumineszenz des Fischmenschen bis zu den roten Leuchtdioden an den Überwachungskameras der Forschungsstation – setzen dem schwelgerischen Film nämlich gezielt gesetzte Akzente.

Zwischen all der nostalgischen Lobeshymnen an das gute alte Kino der Träume, dass sich warnend als barocker, leerer Kinosaal präsentiert, in welchen sich das Wesen als einziger Gast hineinverirrt, ereifert sich ein famoses Ensemble in heller Spielfreude zur Rettung des Unbekannten. Wer würde in diesem Kontext nicht über seinen Schauspielerischen Schatten springen wollen? Für ein Wesen dieser Art einzustehen, das hat wohl zuletzt der kleine Elliott aus E.T. – Der Außerirdische vollbracht. Auch der pummelige Gnom aus Spielbergs Klassiker hatte so seine Fähigkeiten, und das Zeug dazu, mit der Angst vor dem Fremdartigen und Unverstandenen, die unserem menschlichen Verhalten inhärent ist, aufzuräumen. Der namenlose Amphibienmann tut dies genauso – auf seine eigene, passive, kryptische Art. Und gewinnt die Liebe und Zuneigung von Eliza, die des Nächtens im Forschungslabor sauber macht. Sally Hawkins ist eine ganz große Performance gelungen. Selbst stumm wie ein Fisch, einsam und sich nach Nähe sehnend, findet sie in dem anmutigen, faszinierenden Geschöpf mit dem Schuppen- und Flossenkleid ihren „Lebensmenschen“. Hawkins spielt genauso wie in Maudie mit jener zerbrechliche wirkenden Zurückhaltung und einer von jedermann unterschätzten Stärke, dass man einfach auf ihrer Seite sein muss. In Momenten erinnert ihre Eliza an Jean-Pierre Jeunet´s Amelie, gespielt von Audrey Tautou. Dazu trägt womöglich auch das Setting bei, dass mit jeder Menge skurrilem Interieur aufwartet und das Abgewohnte wohnenswert macht. Nicht weniger beeindruckend zeigt sich Richard Jenkins als liebenswerter Grafiker, der noch mit Pinsel und doppelter Brille malt und im Grunde die scheinbar heile 50er-Jahre-Welt des Spezialagenten Michael Shannon aufs Papier bringt. Dass diese hinter den Kulissen ziemlich krankt, wird bald klar – den bonbonlutschenden Sadisten, der unter Minderwertigkeitskomplexen leidet, seine Untergebenen belästigt und in herablassender Arroganz bibelzitierend Gott spielt, gibt Shannon mit Hingabe und hätte zumindest gleichwertig mit Jenkins für den Oscar nominiert werden sollen.

The Shape of Water ist ganz großes Kino des Fremdartigen. Ein visionäres Gleichnis von Liebe und Wasser, die sich beide, so del Toro in einem Interview – zuerst formlos und chaotisch, erst durch einen Körper, ein Gefäß, eine feste Hülle, artikulieren können. So gesehen steht das Wasser in diesem Film für das metaphysische Element der Liebe. Überall dort, wo es fließt, rinnt, verschüttet wird, übergeht – erlangt die lyrischste Kraft des Universums ihre größtmögliche Intensität oder wird im Keim erstickt. Das Element des Wassers als formbares Empfinden beginnt als alles durchdringende, amorphe Materie, um sich im Laufe des Filmes auf unterschiedlichste Art zu vermitteln, sei es im Wasserkocher, in der Badewanne oder an der Fensterscheibe. Selbst Blut fließt jede Menge, ein Quantum Ekel ist auch dabei – das mag angesichts dieses poetisch-phantastischen Kinokunststücks kontraindiziert sein, verleiht dieser eigentlich schmerzvollen Leidens- und Überlebensgeschichte aber ein zusätzlich expressives Vokabular. Und die Bezeichnung „schlimmer Finger“ bekommt auch hier eine gänzlich neue, darauf bezugnehmende Interpretation.

Aus dem Schrecken des Amazonas wird ein begnadetes Wesen, dass die Terra Incognitas dieser Welt sowie das Geheimnisvolle in sich trägt. Die Magie des Anderssein wird zum Glücksmoment für jene, die in einer hierarchisch strukturierten Machtgesellschaft nichts zu sagen haben. Für die Fische ist diese herzblutende, tropfnasse Bilderflut jedenfalls nicht. Oder zumindest nicht in seiner gewohnten Bedeutung. Sie ist ein Filmgenuss, der betört, erfrischt und auf die große Leinwand gehört – wo man ihn auch sehen sollte.

The Shape of Water