Cold Storage (2026)

A HELL OF A MYZEL

6,5/10


© 2026 Studiocanal Österreich


LAND / JAHR: USA, FRANKREICH 2026

REGIE: JONNY CAMPBELL

DREHBUCH: DAVID KOEPP, NACH SEINER ERZÄHLUNG

KAMERA: TONY SLATER LING

CAST: GEORGINA CAMPBELL, JOE KEERY, LIAM NEESON, LESLEY MANVILLE, SOSIE BACON, VANESSA REDGRAVE, GAVIN SPOKES, ROB COLLINS, DARRELL D’SILVA U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN



Der Schimmelpilz als USP

Wir kennen das ja. Wir kennen das alle. Irgendwann greift man gedankenverloren zur Marillenmarmelade, die man vor Wochen zum ersten Mal geöffnet hat, um die Frühstückssemmel zu schmieren, da strahlt einen beim Öffnen des Einmachglases eine grünlich-weiß schimmernde Frisur entgegenn, die so akkurat das darunterliegende orange Gelee überzieht, dass es eine Freude ist. Gestatten: Penicillium, der Haus- und Hofschimmel, immer zu Stelle, wenn Lebensmittel irgendwo vergessen werden oder der Kühlschrank nicht entrümpelt. Die Gefahr, die dabei droht, ist der Verzehr des Mykotoxins, also lieber Finger weg, ist ungesund. Man wirft die Sache einfach in den Müll und ermahnt sich, beim nächsten Mal vor- und fürsorglicher mit dem Essen umzugehen. Weiters passiert nichts. Doch mit so gesitteten Myzelen lässt sich kein Film drehen. Das wäre nur insofern spannend, wenn es einer wie Peter Greenaway probiert. Der hat in seinem barocken Experimentaldrama A Zero an Two Noughts sämtliche, der Entropie unterworfene Dinge vor laufender Kamera, dabei naturgemäß in Zeitraffer, und vergammeln lassen. Auch in Polanskis Ekel kann man den titelgebenden Gefühlszustand ausleben, wenn in Catherine Deneuves Wohnung das Essen schlecht wird.

Housewarming fürs Myzelium

Doch für einen komödiantischen Body-Horror-Reißer reicht das immer noch nicht. Da muss der Pilz schon aggressiver sein. So gesehen in The Last of Us, da schafft es der Pilz immerhin, den Mensch als zomboides Fortbewegungsmittel zu nutzen – was aber relativ humorbefreit über die Bühne geht, während, zumindest in der Serienverfilmung, Pedro Pascal und Bella Ramsey nichts erspart bleibt. Als lockerflockige Alternative dazu gibt’s aber jetzt einen wohltuenden Blut- und Beuschelhorror in oszillierendem Waldgrün, wenn es heisst: Cold Storage.

Es wäre daraus kein Film geworden, hätte in dieser gottseidank fiktionalen Geschichte die permanente Kühlung eines tief im Untergrund längst vergessenen Geheimlabors nicht ihren Geist aufgegeben. Umso wärmer, umso besser für einen Organismus, der sich feuchtfröhlich an allen Lebewesen vergreift, derer er habhaft werden kann – von der Kakerlake über die Katze bis zum Mensch. Parasitismus heisst das Zauberwort, nur läuft die nicht so buddymäßig ab wie bei Venom und seinem Wirten Eddie Brock. Hier beeinträchtigt der sich rasend ausbreitende Pilz unsereins sofort, man braucht nur drauftreten, schon dringt er ein. Das Dumme an der Sache: Dort, wo der tödliche Organismus bereits Housewarming-Party feiert, ist jetzt ein Private-Storage-Lager, und Freunde von Stranger Things freuen sich: Sie bekommen den hochsympathischen Steve Harrington alias Joe Keery zu sehen, der dieses Mal schon wieder mit etwas Übernatürlichem zu kämpfen hat. Als Nachtportier darf er mit Barbarian-Final-Girl Georgina Campbell genau dort herumschnüffeln, wo man tunlichst nicht schnüffeln sollte. Natürlich passierts und der ganze Schrecken greift um sich.

Wer könnte da dem Schlamassel eher Herr werden als Frank Drebin? Stimmt, Leslie Nielsen hätte diese Rolle genauso gut spielen können, aber es ist Liam Neeson, der ja letztes Jahr schon gezeigt hat, wie lustig er als nackte Kanone sein kann. Nun heisst es abermals schmunzeln, denn zu schade ist sich der Ire auch dafür nicht. Das ist gut so, das beschert ihm Sympathiepunkte, genauso wie dem Rest des Ensembles. Das Kurioseste dabei: Der Auftritt Vanessa Redgraves.

Pilzgericht mit Ratte

Man möchte fast meinen: so entspannt und frei von schauspielerischem Ehrgeiz, den es hierfür nicht wirklich herauszukitzeln braucht, ist man der drohenden Weltvernichtung schon lange nicht mehr begegnet. Hinzu kommt, dass sich Regisseur Jonny Campbell (Alien Autopsy mit Bill Pullmann) allerlei Kurioses für seine schnell verpuffende Attraktion hier einfallen lässt, ist es nun die in der 1st-Person-View eingefangene Panik einer Küchenschabe oder der hochschaubahnfahrende Parasit im Körper des Befallenen. An allen Ecken und Enden quillt der Schimmel, Hirsche, Ratten und Köpfe explodieren. Ganz schön viel, womit man sich schmutzig machen kann.

Und ja, warum nicht, man macht sich gerne schmutzig und achtet dabei stets darauf, dass zumindest die Heldinnen und Helden im Film nicht irgendwie schief schauen, um die Aufmerksamkeit des grünen Etwas auf sich zu ziehen. In diesem Hürdenlauf des Nicht-berührens und Weit-genug-wegseins liegt die Spannung des Bodyhorror-Klamauks, darüber hinaus bleibt die Fermentierung tunlichst an der Oberfläche. Alles, was darunter liegt, ist zwar noch bekömmlich, aber relativ geschmacksneutral.

Cold Storage (2026)

The Girl with all the Gifts

ZOMBIE 2.0

7,5/10

 

girlwithallthegifts© 2016 SquareOne Entertainment

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, USA 2016

REGIE: COLM MCCARTHY

CAST: SENNIA NANUA, GLENN CLOSE, GEMMA ARTERTON, PADDY CONSIDINE, FISAYO AKINADE, DOMINIQUE TIPPER U. A. 

 

Was genau ist eigentlich eine Zombie-Apokalypse? Im Grunde genau das, was auch unsere Covid-19-Pandemie sein könnte. Eine natürliche Katastrophe, oder künstlich erschaffen und dann außer Kontrolle geraten. Zombies sind überdies popkulturell gesehen längst nicht mehr Ergebnis eines paranormalen Spuk-Phänomens, das aus der Friedhofserde kriecht (mit Ausnahme von Jim Jarmuschs jüngster George A. Romero-Hommage The Dead Don´t Die), sondern fast zur Gänze das wandelnde Symptom einer destruktiven Mikrobiologie. Mit Horror hat das nur peripher etwas zu tun – viel eher ist das geliebte Genre eine Subkategorie des Katastrophenfilms, das natürlich mehr Schockwirkung hat, weil hier Paradigmen der menschlichen Ethik ausgehebelt werden. Zum Beispiel das Fressen von Menschen. Aber, was sich viele Zombie-Filme nicht stellen, ist die Frage nach dem Danach: geht die Welt gerade wirklich unter? Ist die Menschheit dann wirklich vernichtet? Ist die Bezeichnung Apokalypse gerechtfertigt?

Nicht aus evolutionsbiologischer Sicht. In The Girl with all the Gifts ist die bluttriefende Katastrophe nichts anderes als ein globales Artensterben, und zwar das Sterben einer einzigen Art, der des Homo sapiens. Doch Moment – so kurzsichtig ist die Natur auch wieder nicht. Im Laufe der Erdgeschichte sind zu bestimmten Zeiten massenhaft viele Arten verschwunden, allerdings: freie Nischen werden neu besetzt. Wir sprechen von adaptiver Radiation. Eine Mechanik, die im Kreislauf der Natur nichts verschendet. So präzise hat noch kaum ein Film hinter den reißerischen Bodyhorror eines Zombie-Szenarios geblickt, außer vielleicht World War Z, aber im Vergleich zu Colm McCarthys Vision war dieser doch relativ schwachbrüstig, was das Verständnis der ganzen Situation anbelangt.

The Girl with all the Gifts ist also eines der Kinder, die sozusagen als zweite Generation an Zombies in die Welt gesetzt wurden. Wie es der evolutionäre Zufall eben so will, ist passiert, was sich keiner vorstellen will – und siehe da – die Jungspund-Untoten (was sie ja nicht sind) gieren nicht nur mit schnappendem Gebiss nach Menschenfleisch, sondern können auch eigenständig denken und sind lernfähig, solange der Pilz, der sich um ihre Gehirne gelegt hat (ja, wir haben es hier nicht mit einem Virus zu tun, ein Pilz ist aber auch recht unangenehm) nicht die Oberhand gewinnt und das kognitive Zentrum des Denkapparats lahmlegt. Wissenschaftlerin Glenn Close (sehr tough, sehr hemdsärmelig und pragmatisch) sieht in einem dieser Kids, eben dem Mädchen Melanie, die wandelnde Quelle eines Impfstoffs. Bevor aber der Silberstreifen am Horizont Gestalt annehmen kann, stürmen die Hungries, wie sie genannt werden, den Stützpunkt – und eine Handvoll Überlebender, mit Zombie Melanie im Schlepptau, flüchten nach London.

The Girl with all the Gifts birgt genretechnisch einen wahrhaft klugen Ansatz. Der Horror ist hier lediglich die Begleiterscheinung einer biologischen Neuorientierung. Man erfährt zwar nie, woher diese Pilzart eigentlich kommt, doch auch die Bedeutung des Pilzes ist nur eher zweitrangig. Richtig interessant ist der Zugang zu den Begrifflichkeiten vom Ende aller Tage oder der artenspezifischen Auslöschung. Evolution, selbst beim Menschen, sieht in ihrer Gesamtheit keine Auslöschung vor, sondern lediglich einen Übergang, eine Mutation oder Transformation. Mädchen Melanie, extrem klug und fähig, Beziehungen zu anderen Wesen aufzubauen, weiß das natürlich nicht sofort. Erst allmählich begreift sie alle Zusammenhänge, die ihre Begleiter nicht sehen. Wir als Zuseher ahnen es, hängen an ihren Erkenntnissen, sind fasziniert von diesem Pionier- und Revierverhalten, von dieser hereinbrechenden neuen Ordnung, die in ihrer logischen Konsequenz ausnahmsweise mal und für einen Film eher ungewöhnlich, mutig genug ist, sich selbst zu Ende zu denken. Das Ergebnis mag zwar nicht allen schmecken, und vielleicht ist diese Neuordnung nicht der Natur optimalste Lösung (wäre interessant, das weiter zu beobachten), jedoch für den Moment wird die dem Zombiegenre inhärente Unlogik vom sich todlaufenden Ende der Nahrungskette konterkariert und nicht nur einen, sondern gleich mehrere torkelnde Schritte weitergedacht.

The Girl with all the Gifts