Kind 44

TROUBLES IN PARADISE

5/10


kind44© 2015 Concorde Filmverleih


LAND / JAHR: USA, GROSSBRITANNIEN, TSCHECHIEN, RUMÄNIEN 2015

REGIE: DANIÉL ESPINOSA

CAST: TOM HARDY, NOOMI RAPACE, JOEL KINNAMAN, GARY OLDMAN, FARES FARES, NIKOLAJ LIE KAAS, PADDY CONSIDINE, VINCENT CASSEL, JASON CLARKE, CHARLES DANCE U. A.

LÄNGE: 2 STD 17 MIN


Es ist ein Kreuz mit der russischen Regierung. Und das seit Ende der Zarenherrschaft. Kommunismus, Diktatur, Oligarchie – alles variable Bezeichnungen für nur eine Sache: Machtgier. Einzige Ausnahme war vermutlich wohl Michail Gorbatschow. Wäre er nicht gewesen, und hätte Putin damals schon die erste Geige gespielt, müssten wir heute wahrscheinlich mit Rubel zahlen. Aber so ist es bis jetzt nicht gekommen und wird hoffentlich auch nicht passieren, obwohl der Allzeit-Regierungschef gerade die Ukraine quält. Dort beginnt auch der von Daniél Espinosa verfilmte Roman Kind 44 vom Bestseller-Briten Tom Rob Smith. Welcher, wie kann es anders sein, in Russland der Zensur zum Opfer fiel.

Wir schreiben das Jahr 1933. Der von Stalin veranlasste Holodomor – die Tötung durch Hunger – fordert Millionen Menschenleben. Inmitten dieser Apokalypse: ein Junge namens Leo, der später zu einem hochrangigen Vertreter der stalinistischen Militärpolizei in den 50ern aufsteigt. In einem Land, in dem es keine Morde gibt. Wie das? Ist Russland die Heimstatt des Humanismus, des Friedens und der Freude? Kommunistisch betrachtet: Ja. Im Kommunismus, dem Paradies auf Erden, gibt es sowas nicht. Ein erdachtes Dogma, das zwar in anderer Form, aber immer noch Aktualität besitzt, denn Russland lässt ja schließlich nur im Zeichen des Friedens die Bomben hageln, niemals als Aggressor. Dieses Verkennen, Vertuschen und Vernichten war unter Stalin gang und gäbe. Opposition war undenkbar, und wer die Welt auch nur ansatzweise anders sehen mochte, sah mit einer Kugel zwischen den Augen bald gar nichts mehr. In diesem Volksterror versucht Leo, gespielt von Tom Hardy, nicht nur Gerüchten bezüglich seiner Ehefrau nachzugehen, die mit dem britischen Geheimdienst paktieren soll, sondern auch einer Reihe von Unfällen, die seltsamerweise nur Kindern widerfahren. Alles keine Morde, alles nur blöde Zufälle oder gar Wolfsattacken. In dieser falschen politischen Realität verliert Leo bald den Überblick und den Glauben ans System. Beim Versuch, Gattin Raisa (Noomi Rapace) vor der Auslieferung zu beschützen, werden beide ins Exil nach Wolsk geschickt. Dort geht der Horror mit den Kindermorden allerdings weiter.

Und dort gesellt sich auch Gary Oldman zu einem wahrlich illustren Star-Ensemble, der eben von Tom Hardy über Joel Kinnaman, Fares Fares und Vincent Cassel bis zum britischen Charaktermimen reicht, der als Churchill des Oscar erhielt. Hier hat er allerdings nur eine Nebenrolle, wie alle anderen auch. Tragendes Gerüst des Films bleiben Hardy und Rapace, die so gut wie mit allem konfrontiert werden, was damals in Russland im Argen gelegen haben mochte. Ich hoffe, Tom Rob Smith hat hier gut recherchiert. Aus erster oder gar zweiter Hand scheint der Stoff aber nicht zu sein. Abgesehen davon ist kein einziger russischer Staatsbürger im Cast, was wiederum darauf schließen lässt, dass Kind 44 auf eine Weise über russische Geschichte referiert, wie der Westen sich das eben gerne vorstellt.

Diese Vorstellung aber ist ein Albtraum: Russland brodelt als zutiefst menschenverachtende Vorhölle vor sich hin. Das Wort Freiheit scheint aus dem Wortschatz behördlich verbannt worden zu sein, wie gegenwärtig das Wort „Krieg“ aus den russischen Medien. Der Totalitarismus in Farbe und stilsicherer Ausstattung reißt denunzierte Existenzen aus ihrem Alltag, lässt Kinder weinend zurück. Paranoia ist der neue Teamgeist. Als Zeit- und Gesamtbild eines kafkaesken Zustandes ist Espinosas sehr bildhaftes Politdrama durchaus solide. Indem, was Kind 44 aber alles zumindest narrativ unter Dach und Fach bringen will, enorm überfordert. Da gibt es den Kriminalfall, da gibt es den Twist zwischen Leo und seinen Amtskollegen (sehr blass und eindimensional: Joel Kinnaman), da gibt es die politische Verfolgung von Noomi Rapace – Espinosa will viel, gerät aber in eine dramaturgische Notlage, die ihn zwar dazu bringt, seinen Film auf über zwei Stunden auszudehnen, diese Länge allerdings für schleppende Passagen nutzt und einmal da, einmal dorthin irrt, um alle Schauplätze im Blick zu behalten. Folglich bleibt nur der Dunstkreis des politischen Horrors in seiner Erbarmungslosigkeit konsequent genug – das teils plakative Geschichtskino muss manches, was wohl mehr Zeit gebraucht hätte, um sich zu entwickeln, in einem actionlastigen Showdown über den Kamm scheren. Da büßt Espinosa viel an Authentizität ein, und der finstere Blick in den Osten ist ein Schielen auf ein Hollywood der geglätteten Gerechtigkeit.

Kind 44

The Girl with all the Gifts

ZOMBIE 2.0

7,5/10

 

girlwithallthegifts© 2016 SquareOne Entertainment

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, USA 2016

REGIE: COLM MCCARTHY

CAST: SENNIA NANUA, GLENN CLOSE, GEMMA ARTERTON, PADDY CONSIDINE, FISAYO AKINADE, DOMINIQUE TIPPER U. A. 

 

Was genau ist eigentlich eine Zombie-Apokalypse? Im Grunde genau das, was auch unsere Covid-19-Pandemie sein könnte. Eine natürliche Katastrophe, oder künstlich erschaffen und dann außer Kontrolle geraten. Zombies sind überdies popkulturell gesehen längst nicht mehr Ergebnis eines paranormalen Spuk-Phänomens, das aus der Friedhofserde kriecht (mit Ausnahme von Jim Jarmuschs jüngster George A. Romero-Hommage The Dead Don´t Die), sondern fast zur Gänze das wandelnde Symptom einer destruktiven Mikrobiologie. Mit Horror hat das nur peripher etwas zu tun – viel eher ist das geliebte Genre eine Subkategorie des Katastrophenfilms, das natürlich mehr Schockwirkung hat, weil hier Paradigmen der menschlichen Ethik ausgehebelt werden. Zum Beispiel das Fressen von Menschen. Aber, was sich viele Zombie-Filme nicht stellen, ist die Frage nach dem Danach: geht die Welt gerade wirklich unter? Ist die Menschheit dann wirklich vernichtet? Ist die Bezeichnung Apokalypse gerechtfertigt?

Nicht aus evolutionsbiologischer Sicht. In The Girl with all the Gifts ist die bluttriefende Katastrophe nichts anderes als ein globales Artensterben, und zwar das Sterben einer einzigen Art, der des Homo sapiens. Doch Moment – so kurzsichtig ist die Natur auch wieder nicht. Im Laufe der Erdgeschichte sind zu bestimmten Zeiten massenhaft viele Arten verschwunden, allerdings: freie Nischen werden neu besetzt. Wir sprechen von adaptiver Radiation. Eine Mechanik, die im Kreislauf der Natur nichts verschendet. So präzise hat noch kaum ein Film hinter den reißerischen Bodyhorror eines Zombie-Szenarios geblickt, außer vielleicht World War Z, aber im Vergleich zu Colm McCarthys Vision war dieser doch relativ schwachbrüstig, was das Verständnis der ganzen Situation anbelangt.

The Girl with all the Gifts ist also eines der Kinder, die sozusagen als zweite Generation an Zombies in die Welt gesetzt wurden. Wie es der evolutionäre Zufall eben so will, ist passiert, was sich keiner vorstellen will – und siehe da – die Jungspund-Untoten (was sie ja nicht sind) gieren nicht nur mit schnappendem Gebiss nach Menschenfleisch, sondern können auch eigenständig denken und sind lernfähig, solange der Pilz, der sich um ihre Gehirne gelegt hat (ja, wir haben es hier nicht mit einem Virus zu tun, ein Pilz ist aber auch recht unangenehm) nicht die Oberhand gewinnt und das kognitive Zentrum des Denkapparats lahmlegt. Wissenschaftlerin Glenn Close (sehr tough, sehr hemdsärmelig und pragmatisch) sieht in einem dieser Kids, eben dem Mädchen Melanie, die wandelnde Quelle eines Impfstoffs. Bevor aber der Silberstreifen am Horizont Gestalt annehmen kann, stürmen die Hungries, wie sie genannt werden, den Stützpunkt – und eine Handvoll Überlebender, mit Zombie Melanie im Schlepptau, flüchten nach London.

The Girl with all the Gifts birgt genretechnisch einen wahrhaft klugen Ansatz. Der Horror ist hier lediglich die Begleiterscheinung einer biologischen Neuorientierung. Man erfährt zwar nie, woher diese Pilzart eigentlich kommt, doch auch die Bedeutung des Pilzes ist nur eher zweitrangig. Richtig interessant ist der Zugang zu den Begrifflichkeiten vom Ende aller Tage oder der artenspezifischen Auslöschung. Evolution, selbst beim Menschen, sieht in ihrer Gesamtheit keine Auslöschung vor, sondern lediglich einen Übergang, eine Mutation oder Transformation. Mädchen Melanie, extrem klug und fähig, Beziehungen zu anderen Wesen aufzubauen, weiß das natürlich nicht sofort. Erst allmählich begreift sie alle Zusammenhänge, die ihre Begleiter nicht sehen. Wir als Zuseher ahnen es, hängen an ihren Erkenntnissen, sind fasziniert von diesem Pionier- und Revierverhalten, von dieser hereinbrechenden neuen Ordnung, die in ihrer logischen Konsequenz ausnahmsweise mal und für einen Film eher ungewöhnlich, mutig genug ist, sich selbst zu Ende zu denken. Das Ergebnis mag zwar nicht allen schmecken, und vielleicht ist diese Neuordnung nicht der Natur optimalste Lösung (wäre interessant, das weiter zu beobachten), jedoch für den Moment wird die dem Zombiegenre inhärente Unlogik vom sich todlaufenden Ende der Nahrungskette konterkariert und nicht nur einen, sondern gleich mehrere torkelnde Schritte weitergedacht.

The Girl with all the Gifts

Macbeth (2015)

IM NEBEL DER DICHTUNG

6/10

 

macbeth© 2015 Studiocanal

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2015

REGIE: JUSTIN KURZEL

CAST: MICHAEL FASSBENDER, MARION COTILLARD, DAVID THEWLIS, PADDY CONSIDINE, JACK REYNOR U. A.

 

So eine Witterung ist gut für die Nebenhöhlen. Morgens raus auf auf die baumlosen Ebenen des schottischen Hochlands und den dichten Bodennebel mal so richtig durchziehen lassen. Obendrein ist Feuchtigkeit auch noch gut für die Haut. Wenn man da nicht auch noch gleich in eine Schlacht verwickelt werden müsste, die Heerführer Macbeth gegen die Widersacher des schottischen Königs Duncan auszutragen hat. Da gibt die feuchtkalte Luft auch optisch einiges her, vor allem, wenn das Licht im flachen Winkel auf die in Superzeitlupe heranstürmenden Schotten trifft. Bei so viel Grazie von Mord und Totschlag fangen Anhänger der LARP-Gemeinschaft (Live Act Role Play) womöglich das Träumen an. Das ist in Szene gesetztes Mittelalter, da reicht die hauseigene Digicam, sofern man die Schlachten nachstellen will, auch nicht mehr aus. All die schmerzverzerrten Gesichter wie aus der Zeit gefallene Fotografien, fast schon bis zum Stillstand verlangsamte Leiber im diffusen Dampf, gestaffelt bis zur erahnbaren Spukerscheinung, ganz vorne der Hauptakteur dieses blutgetränkten Dramas, welches keine andere Tragödie sein kann als die des Usurpators Macbeth, auf immer verewigt von William Shakespeare. In der Hand das Schwert. Diese Waffe aus Stahl, die ist längst mehr als nur ein Werkzeug, um zu töten. Das wissen wir seit Excalibur. Seit Balmung. Seit Bilbo´s Stich. Wenn die Klinge im feuchten Boden steckt, leicht vibrierend, dann ist etwas Weltbewegendes passiert. Solche Szenen, die sind ikonisch und eignen sich bestens für ein Theater wie dieses.

Justin Kurzel, der sich später in ähnlich vergeistigter Manier an die Videospielverfilmung Assassins Creed herangewagt hat und für manche zu oft Stimmung mit packender Geschichte verwechselt hat, erarbeitete sich den Beweis seines Könnens mit einem zentnerschweren Brocken Literaturgeschichte. Macbeth inszeniert und spielt man einfach nicht nur so. Das will ins richtige Licht gerückt werden. Und am besten noch in den originalen Versen eines Shakespeare erzählt werden. Da passt die sphärische Bilderflut in den gestreuten Farben des Fegefeuers natürlich bestens dazu. Und Macbeth kann noch so klassisch und unkritisierbar sein – es ist die Geschichte eines von vielen Tyrannen, die sich an die Macht intrigiert und getötet haben, in wütender Barbarei geherrscht und dann schmählich untergegangen sind. Die blutige Tragödie aus dem sehr frühen 17. Jahrhundert lebt natürlich in erster Linie zumindest gegenwärtig von den wohlklingend ausformulierten Worthülsen, die die Chronik einer finsteren Regentschaft in eine atemberaubende Sprache kleiden. Das todessehnsüchtige Intrigenspiel als solches ist aber in Zeiten detailverliebter Mittelalterdystopien wie Game of Thrones zwar nach wie vor ein dankenswerter Einstand, auf den Filmemacher und Romanschreiber respektvoll zurückblicken – in Anbetracht der Erwartungshaltung der Genre-Fans bleibt Macbeth grob umrissen, auf die Eckpfeiler der Historie reduziert und viel zu getragen, um emotional mitzureißen. Da macht es auch keinen großen Unterschied, ob das Königsdrama rein fiktiv oder historisch fundiert ist. Das mag für eingefleischte Schotten vielleicht relevant sein, für alle anderen ist das Schicksal von König Macbeth und seiner besseren Hälfte, die Lady selbigen Namens, ungefähr genauso fern wie Westeros.

Dennoch beschert uns Regisseur Kurzel einen wuchtigen Augenschmaus zwischen Schattentheater, flackerndem Kerzenlicht und feuchtkalter Ödnis – Szenerien, die die Möglichkeiten einer Theaterbühne geschickt erweitern (es sei denn, wir haben es mit Bühnen wie jener des Wiener Burgtheaters zu tun, die eigentlich fast schon alles kann). Michael Fassbender in Kriegsbemalung und als gekröntes Haupt ist vielleicht nicht die absolut ideale Wahl für so ein irrsinniges Machtmonster wie Macbeth, da fehlt mir dann doch der Wahn des Alleinherrschers, dafür ist Fassbender zu folgsam und zu sehr verliebt in seine Verse, die er da sprechen muss. Das kann bei Schauspielern, die Shakespeare über alles stellen, relativ leicht passieren. Marion Cottilard hingegen ist erwartungsgemäß entrückt wie es die Rolle auch vorschreibt, ihr Zwiegespräch mit dem verstorbenen Nachwuchs ein schauderhaftes Highlight.

Macbeth ist also nicht ganz die unvergessliche Interpretation des Barock-Dichters mit Halskrause, wobei Sir William wohl zufrieden wäre mit all den Tänzen aus Licht und Schatten, die seine Worte zweifelsohne effektiv verstärken.

Macbeth (2015)