Nobadi

WER ANDEREN EINE GRUBE GRÄBT

7/10

 

nobadi© 2019 Thimfilm

 

LAND: ÖSTERREICH 2019

REGIE: KARL MARKOVICS

CAST: HEINZ TRIXNER, BORHAN HASSAN ZADEH, JULIA SCHRANZ, MARIA FLIRI U. A.

 

Mit dem preisgekrönten Film Atmen hat der österreichische Schauspieler Karl Markovics ein bemerkenswertes Regiedebüt hingelegt. Selten war das Thema Tod so ein Hingucker, selten so sensibel und gleichzeitig so rüschenlos betrachtet worden. Markovics ist ein Künstler. Wenn er Regie führt, so schreibt er sein Projekt auch selbst. Und das sind Themen, die nicht unbedingt die Säle füllen. Markovics bezweckt das gar nicht. Er tut, was ihn in erster Linie selbst bereichert, und er scheut sich davor, sich dem Geschmack des Publikums anzubiedern. Das geht vielen österreichischen Filmemachern so, aber Markovics fällt mehr auf als andere, vielleicht, weil er anders an das Erzählenwollende herangeht, weil er analytisch vorgeht, besonnen und nicht übereilt. Weil er Dinge erzählt, die meines Erachtens relevant sind. Wie zum Beispiel das Mysterium des Todes aus psychosozialer Sicht. Oder das Göttliche, das sich äußert wie ein schizophrener Schub, so gesehen in Superwelt mit Ulrike Beimpold als völlig verpeilte Hausfrau. Mit Superwelt hat sich Markovics deutlich schwerer getan – sein zweiter Film ist fast schon missglückt, vielleicht weil er sich dazu verleiten ließ, mehr ins Esoterische abzugleiten als beabsichtigt. In Nobadi findet er wieder zurück zu seinen Skills, die er beherrscht, nämlich nicht nur die monologisierende, sondern auch die zwischenmenschliche Extremsituation im wahrsten Sinne des Wortes herauszusezieren. Das schmeckt nicht unbedingt, ist aber wirklich sehenswert.

Der Name des Flüchtlings: Nobadi, also Nobody – Niemand. Das jemand so genannt wird, wissen wir seit Homer. Während seiner Irrfahrt durch das Mittelmeer entschied der kluge Odysseus im Angesicht des menschenfressenden Zyklopen Polyphem, sich selbst lieber keinen Namen zu geben. Ein weiser Schachzug, wie die Legende beweist. So wie der Grieche aus Ithaka heimatlos durch sämtliche Abenteuer schippert, so schippert der junge Afghane nach Wien – zuerst auf den Arbeiterstrich, dann in den 15. Wiener Gemeindebezirk, in die Kleingartenanlage Zukunft – was für ein Omen. Die Suche nach einem Job treibt ihn geradewegs in die altersfleckigen Hände des Witwers Senft, der wiederum den Tod seines Hundes betrauert, über Tierärzte schimpft und lieber hinterm Haus ein Loch puddelt, um den Pudel zur letzten Ruhe zu betten. Der namenlose Flüchtling geht ihm für 3 Euro die Stunde zur Hand – und weiß gar nicht, welche Wendung sein Leben nehmen wird.

Karl Markovics´ überaus dicht inszeniertes Kammerspiel geht wortwörtlich an die Substanz. Natürlich ist es nicht verwunderlich, dass ein Film wie Nobadi den Österreichischen Filmfond begeistert hat, findet sich darin doch einiges aus dem War- und Ist-Zustand gesellschaftspolitischer Befindlichkeiten wieder. Doch es scheint nicht so, als wäre die Thematik in Nobadi ein den Förderchancen angepasstes Szenario gewesen, auch wenn der völlig selbstmitleidlose Streifen sowohl an die Verfolgung ethnischer Minderheiten in der NS-Zeit als auch an die Flüchtlingskrise vor ein paar Jahren erinnert, an den fatalen Um- und Notstand also, vertrieben worden zu sein. Für einen knapp 90minütigen Film würde das schon reichen, aber Nobadi geht tiefer, will gar etwas Basaleres. Was der alte Herr Senft vorhat, kommt unerwartet und wie mit dem Stellwagen ins Gesicht. Seine traumatische Besessenheit – aus Reue, Wiedergutmachung oder einfach nur aus Prinzip, das bleibt unklar – folgt einem geradezu wienerisch-morbiden Amoklauf zwischen Macht-Ohnmacht-Balance und einem verstörenden Notfallplan, um Nobadi nicht dem Vergessen zu opfern. Das ist eine düstere, durchaus blutige und hingebungsvoll nihilistische Miniatur, die einem aber seltsamerweise nicht  den Boden unter den Füßen wegzieht, weil Markovics eine durchdachte, wunderschön abgerundete Kleingartenallegorie geschaffen hat, die eine Nacht lang altruistische Werte neu und durchaus radikal, wenn nicht gar auf paradoxe Weise, hinterfragt. Das ist manchmal vielleicht zu dick aufgetragen, zu sehr mit der Gartentür ins Haus, aber unterm Strich gelingt dem ehemaligen Stockinger ein seufzendes Requiem auf einen völlig von den Göttern verlassenen Odysseus, der Polyphem als einzigen Freund hat.

Nobadi

Der wunderbare Garten der Bella Brown

DU KANNST ES DIR VORSTELLEN, ALSO KANNST DU ES AUCH PFLANZEN

8/10

 

bellabrown© 2016 Luna Film

 

ORIGINAL: THIS BEAUTIFUL FANTASTIC

LAND: GROSSBRITANNIEN 2016

REGIE: SIMON ABOUD

MIT JESSICA BROWN FINDLAY, TOM WILKINSON, ANDREW SCOTT, JEREMY IRVINE U. A.

 

Wie sie alle aus den Baumärkten schlendern, mit Steigen voller Blumen in den Armen, mit Säcken voller Saatgut und Erde – der Frühling ist da, und all die Gartencenter und Gärtnereien klopfen sich frohlockend auf die grün beschürzten Schenkel. Wer einen Garten hat, geht in den Garten. Pflanzt, baut an, jätet. Begrünt, was noch zu bewältigen ist. Freut sich angesichts der Strelitzien, Forsythien, Schwertlilien, Primeln und wie sie sonst so alle heißen. Pflanzen gibt es überall en masse. Nur pflegen muss man sie. Hat man einen grünen Daumen, ist alles nur mehr eine gemähte Wiese. Hat man ihn nicht, darf der professionelle Gärtner ran, weil in der künstlich erschaffenen Natur zu sitzen in jedem Fall ein Schuss ins Grüne ist. Hat man aber weder ein Faible für private Parks Marke Schreber noch einen grünen Daumen, wird der Garten zur sprichwörtlichen „G´stettn“. Wenn man sich’s also nicht vorstellen kann, kann man es auch nicht pflanzen. Und Bella Brown, die kann es nicht. Will es nicht. Pflanzen und alles, was da so unkontrolliert wächst, ist der verschrobenen Eigenbrötlerin ein Gräuel. Wie vernichtend muss dann ein gepflegter Garten sein. Obwohl ein solcher ja schon wieder ein geordnetes Chaos darstellt. Um so weit zu kommen, muss das unkontrollierbare, wandelbare Durcheinander gebändigt werden. Irgendwann hat die neurotische Bibliothekarin keine andere Wahl mehr, als ihre grünen Hölle vor dem Haus in die Schranken zu weisen, will sie nicht delogiert werden. Also heißt es, sich seinen Dämonen zu stellen. Der Unmittelbarkeit, der Willkür des Lebens, aber auch seiner Pracht und seiner Verlockung.

Lang hat´s gedauert, aber England hat endlich das französische Kino entdeckt! Was so viel heißt wie: das Independentkino der britischen Insel ist mit Der wunderbare Garten der Bella Brown auf den Geschmack der duftenden, leichten, verspielten RomCom aus dem Nachbarland gestoßen. Und das, obwohl das britische Schauspiel-Urgestein Tom Wilkinson wie ein erhabener Dirigent das vorläufige Geschehen dominiert. Allerdings ist ihm die Rolle des resoluten wie reichen Seniors auf den Leib geschrieben – und hat im Film auch schon seine verknöcherte Notwendigkeit. Man erkennt aber gleich – Wilkinson´s Rolle soll sich noch gehörig wandeln. Mit ihr auch jene von Jessica Brown Findlay, die mit ihrer femininen Antwort auf Bill Murray aus Was ist mit Bob? und Jack Nicholson in Besser geht’s nicht so herrlich französisch wirkt, dass man nicht vermuten würde, sie im erzbritischen Downton Abbey wiederzufinden. Abgesehen von dieser TV Show ist Findlay ein neues, unverbrauchtes Gesicht auf den Kinoleinwänden dieser Welt. Diese frische Mimik verstärkt das Gefühl, als Zaungast tatsächlich über die Hecke zu blicken und eine Alltagsgeschichte zu erspähen, dessen lückenlose Betrachtung den Aufwand lohnt.

Ob im Familien- oder Freundeskreis – es gibt sicher irgendwen, den ihr kennt, der liebend gerne gärtnert, vor allem im eigenen Garten. Sei es in einer gepachteten Schrebergartenparzelle oder auf weitläufigem Grund. Vielleicht ist meine geschätzte Leserin oder mein geschätzter Leser selbst so ein passionierter Gärtner. All jenen sei Der wunderbare Garten der Bella Brown ans blühende Herz gelegt. Es ist nicht nur eine Freude, zuzusehen, wie aus der widerspenstigen Outdoor-Banausin ein blätterliebkosender Genussmensch wird. Regisseur Simon Aboud, Ehegatte der Tochter Paul McCartney´s, hat ein urbanes Märchen über die Akzeptanz des Chaos gedichtet. Über den Reiz an Kontrollverlust, die dadurch entstehende Inspiration und einem täglich neuen Geschmack des Tages auf der Zunge. So unterschiedlich auch alle möglichen Blüten in Bella Brown´s Garten duften, so variierend und oszillierend kann die eigene Existenz sein. This Beautiful Fantastic, wie Aboud´s Film im Original betitelt wird, ist von auf Zehenspitzen trippelnder Leichtfüßigkeit. Versponnen, offenherzig und den Launen der Natur eines Gartens im besten Sinne ausgesetzt. Sich diesen Reizen zu widersetzen, wäre ein Griff in den Komposthaufen.

Der wunderbare Garten der Bella Brown