Der wunderbare Garten der Bella Brown

DU KANNST ES DIR VORSTELLEN, ALSO KANNST DU ES AUCH PFLANZEN

8/10

 

bellabrown© 2016 Luna Film

 

ORIGINAL: THIS BEAUTIFUL FANTASTIC

LAND: GROSSBRITANNIEN 2016

REGIE: SIMON ABOUD

MIT JESSICA BROWN FINDLAY, TOM WILKINSON, ANDREW SCOTT, JEREMY IRVINE U. A.

 

Wie sie alle aus den Baumärkten schlendern, mit Steigen voller Blumen in den Armen, mit Säcken voller Saatgut und Erde – der Frühling ist da, und all die Gartencenter und Gärtnereien klopfen sich frohlockend auf die grün beschürzten Schenkel. Wer einen Garten hat, geht in den Garten. Pflanzt, baut an, jätet. Begrünt, was noch zu bewältigen ist. Freut sich angesichts der Strelitzien, Forsythien, Schwertlilien, Primeln und wie sie sonst so alle heißen. Pflanzen gibt es überall en masse. Nur pflegen muss man sie. Hat man einen grünen Daumen, ist alles nur mehr eine gemähte Wiese. Hat man ihn nicht, darf der professionelle Gärtner ran, weil in der künstlich erschaffenen Natur zu sitzen in jedem Fall ein Schuss ins Grüne ist. Hat man aber weder ein Faible für private Parks Marke Schreber noch einen grünen Daumen, wird der Garten zur sprichwörtlichen „G´stettn“. Wenn man sich’s also nicht vorstellen kann, kann man es auch nicht pflanzen. Und Bella Brown, die kann es nicht. Will es nicht. Pflanzen und alles, was da so unkontrolliert wächst, ist der verschrobenen Eigenbrötlerin ein Gräuel. Wie vernichtend muss dann ein gepflegter Garten sein. Obwohl ein solcher ja schon wieder ein geordnetes Chaos darstellt. Um so weit zu kommen, muss das unkontrollierbare, wandelbare Durcheinander gebändigt werden. Irgendwann hat die neurotische Bibliothekarin keine andere Wahl mehr, als ihre grünen Hölle vor dem Haus in die Schranken zu weisen, will sie nicht delogiert werden. Also heißt es, sich seinen Dämonen zu stellen. Der Unmittelbarkeit, der Willkür des Lebens, aber auch seiner Pracht und seiner Verlockung.

Lang hat´s gedauert, aber England hat endlich das französische Kino entdeckt! Was so viel heißt wie: das Independentkino der britischen Insel ist mit Der wunderbare Garten der Bella Brown auf den Geschmack der duftenden, leichten, verspielten RomCom aus dem Nachbarland gestoßen. Und das, obwohl das britische Schauspiel-Urgestein Tom Wilkinson wie ein erhabener Dirigent das vorläufige Geschehen dominiert. Allerdings ist ihm die Rolle des resoluten wie reichen Seniors auf den Leib geschrieben – und hat im Film auch schon seine verknöcherte Notwendigkeit. Man erkennt aber gleich – Wilkinson´s Rolle soll sich noch gehörig wandeln. Mit ihr auch jene von Jessica Brown Findlay, die mit ihrer femininen Antwort auf Bill Murray aus Was ist mit Bob? und Jack Nicholson in Besser geht’s nicht so herrlich französisch wirkt, dass man nicht vermuten würde, sie im erzbritischen Downton Abbey wiederzufinden. Abgesehen von dieser TV Show ist Findlay ein neues, unverbrauchtes Gesicht auf den Kinoleinwänden dieser Welt. Diese frische Mimik verstärkt das Gefühl, als Zaungast tatsächlich über die Hecke zu blicken und eine Alltagsgeschichte zu erspähen, dessen lückenlose Betrachtung den Aufwand lohnt.

Ob im Familien- oder Freundeskreis – es gibt sicher irgendwen, den ihr kennt, der liebend gerne gärtnert, vor allem im eigenen Garten. Sei es in einer gepachteten Schrebergartenparzelle oder auf weitläufigem Grund. Vielleicht ist meine geschätzte Leserin oder mein geschätzter Leser selbst so ein passionierter Gärtner. All jenen sei Der wunderbare Garten der Bella Brown ans blühende Herz gelegt. Es ist nicht nur eine Freude, zuzusehen, wie aus der widerspenstigen Outdoor-Banausin ein blätterliebkosender Genussmensch wird. Regisseur Simon Aboud, Ehegatte der Tochter Paul McCartney´s, hat ein urbanes Märchen über die Akzeptanz des Chaos gedichtet. Über den Reiz an Kontrollverlust, die dadurch entstehende Inspiration und einem täglich neuen Geschmack des Tages auf der Zunge. So unterschiedlich auch alle möglichen Blüten in Bella Brown´s Garten duften, so variierend und oszillierend kann die eigene Existenz sein. This Beautiful Fantastic, wie Aboud´s Film im Original betitelt wird, ist von auf Zehenspitzen trippelnder Leichtfüßigkeit. Versponnen, offenherzig und den Launen der Natur eines Gartens im besten Sinne ausgesetzt. Sich diesen Reizen zu widersetzen, wäre ein Griff in den Komposthaufen.

Der wunderbare Garten der Bella Brown

Blade Runner 2049

DIE TOTALE ERINNERUNG

6/10

 

bladerunner2049© 2017 Sony Pictures / Quelle: filmstarts.de

 

LAND: USA 2017

REGIE: DENIS VILLENEUVE

MIT RYAN GOSLING, HARRISON FORD, AMY DE ARMAS, ROBIN WRIGHT U. A.

 

Nun, was haben wir denn heute Schönes geträumt? Auch wenn ich mich noch so bemühe, ich kann mich nicht erinnern. Elektrische Schafe waren es keine. Das muss etwas anderes gewesen sein. Doch was? Denken Roboter eigentlich über ihre Träume nach, die aus ihren Erinnerungen erwachsen? Erinnerungen, die als Erfahrung beständig bleiben und dem Denken und Handeln vorausgesetzt sind? Nur die Emotion hinter einer Erinnerung garantiert Wahrhaftigkeit. Eine Einsicht, die im düsteren Erdenjahr 2049 für wohlgeordnete Erkenntnisse sorgen soll. Erkenntnisse über das eigene Ich. Über die Existenz einer Seele. Und über den Wert der Persönlichkeit.

In der nebelverhangenen Finsternis von 2049 sucht ein einsamer Anti-Held, ein Blade Runner namens „K“, nach solchen Wahrheiten. Und er wird beileibe nicht alle, aber so manche Geheimnisse lüften. Vor allem mithilfe der Erinnerung. Ein Thema, welchem sich der Frankokanadier Denis Villeneuve bereits in seinem Meisterwerk Arrival angenommen hat. In diesem philosophischen und wohl einem der besten Science-Fiction Filme der letzten Jahre spielt Zeit und Erinnerung eine ganz andere Rolle. Das Gestern und Morgen ist nicht mehr linear in eine Richtung gerichtet. Und so können Erinnerungen auch jene an eine mögliche Zukunft sein. Dank der genialen Vorlage von Autor Ted Chiang war und ist Arrival eine Bereicherung im Kosmos der anspruchsvollen Filme mit Hang zum Fabulieren und des Um-die-Ecke-Denkens.

Um die Ecke denken auf Kosten der Erinnerung wollte Denis Villeneuve auch bei der heiß ersehnten und von Fans lange erwarteten Fortsetzung von Blade Runner. Einem wegweisenden, visionären Klassiker nach dem Buch von Philip K. Dick aus dem Jahr 1982, wohl Ridley Scotts anspruchsvollster Film und längst Kult. Über den Inhalt und die Bedeutung des Originals brauche ich hier nicht mehr viele Worte verlieren. In der Zukunft einer überbevölkerten Erde und expandierenden Menschheit ist die Unberechenbarkeit der Androiden Marke Nexus 6 eine Bedrohung für den Weltfrieden. Dabei ist die Unberechenbarkeit in einem Menschen biologischen Ursprungs sogar viel stärker inhärent als bei einer künstlichen Intelligenz. Und während Batty alias Rutger Hauer über das Leben philosophiert, kann Rick Deckard nur wortlos zuhören. Also wen gilt es jetzt zu jagen? Mensch oder Maschine? Gejagt werden jene mit falscher Erinnerung. Die echten, totalen Erinnerungen; Gefühle, abstraktes Denken und das Vermögen, fiktive Szenarien zu imaginieren, garantieren die Unversehrtheit. Möchte man anfangs meinen. Im schwermütigen Sequel der urbanen Science Fiction kann man aber eines Besseren belehrt werden.

Generell – die Fortsetzung eines Kultfilms ist immer eine haarige Sache. Ein künstlerisch hochwertiges Heiligtum anzurühren ist fast so, als würde man die Rückenansicht von Mona Lisa malen wollen. Oder ihr Profil. Dabei stellt sich die Frage: stimmt man in den stilistischen Kanon der Vorlage mit ein – oder löst man sich davon los? Fans will man nicht verkraulen, man will aber auch nicht kopieren und das selbe Musikstück noch einmal neu auflegen. Das Problem hatte bereits Ridley Scott bei Alien: Covenant. Und ja, auch J.J. Abrams bei Star Wars: Das Erwachen der Macht. Villeneuve, kein Anhänger von Sequels, hat versucht, die Geschichte an sich weiterzuerzählen. Und ja, auch den stilistischen wie akustischen Parametern von Blade Runner zu folgen. Also alle Fliegen mit einer Klappe. Sowas gelingt meist nur bedingt. Da muss man schon großer Fan sein, um darüber hinwegsehen zu können, dass die Anpassung an das Original einfach zu gewollt ist. Und die inhaltliche Entfernung davon ebenso. Mit nichts zufrieden zu sein ist aber auch keine Lösung. Also gestehe ich Blade Runner 2049 zu, dass die monströse Zukunftsoper zumindest, was den Plot angeht, halbwegs neue Einsichten liefert und die Geschichte rund um Mensch und Replikant bereichert. Wer aber die Neuauflage der SciFi-Serie Battlestar Galactica kennt, wird von alldem, was in Blade Runner 2049 passiert, nicht mehr überrascht sein. Die 5staffelige Serie mit Origami-Künstler Edward James Olmos in der Hauptrolle hat sich mit der Frage nach der Gleichheit von Android und Mensch bereits intensivst auseinandergesetzt und Dick´s Ideen konsequent weitergeführt. Villeneuve tut nichts anderes. Zumindest nichts Neues. Aber dennoch – Gewichtigkeit hat seine erzählerische Erkenntnissuche trotzdem.

Zu erkennen ist in der düsteren, vergifteten Atmosphäre einer zerrütteten Welt aber nur wenig. Dieses diffuse, flächendeckend bebaute und beackerte, technologisierte Nordamerika dominiert über ausgewalzte zweieinhalb Stunden lang in teils atemberaubenden, gigantomanischen Kulissen, Bauwerken und Bildern das kunstbeflissene Machwerk. Kameramann Roger Deakins leistet Meisterliches. Wenn man so will, kann man den Bilderstürmer, der auch für Filme wie Skyfall, Prisoners und Sicario verantwortlich zeichnet, mit Villeneuve als Regisseur auf eine Stufe setzen. Was Blade Runner anno 82 schon visuell fabelhaft gemeistert hat, wird aber in 2049 über die Maße aufgeblasen. Da reicht es nicht, mit beeindruckenden Kamerafahrten durch düstere Häuserschluchten zu gleiten und damit Akzente zu setzen. Die Akzente werden zum Grundtonus und ziehen sich nicht ganz mühelos durch den Film. Langsam, schleppend, wie eine getragene Wagner-Oper. Riesige Statuen, Schiffswracks und immobile Bauwerke ragen aus dem staubbeladenen Dunst. Die Welt, eine Reise in die Tiefsee, als wäre man weit unter dem Meer. Damals hat Vangelis dazu einen akzentuierten Soundtrack geliefert. Hans Zimmer hat den Stil nun beibehalten, überlagert den Film aber zu oft mit sphärischen Klängen und Donnerschlägen aus dem Synthesizer, welche die unheilvolle, getragene Szenerie fast schon prätentiös wirken lassen. Prätentiös ist auch Jared Leto als Leander Wallace. Seine Szenen im fahlen Licht im Inneren der ehemaligen Tyrell-Pyramide tragen den Charakter einer Burgtheater-Inszenierung. Mit einer Brise unfreiwilliger Komik, die er sich mit Harrison Ford teilt. Der alternde Star findet sich in dem Film zwar irgendwie zurecht, wirkt aber etwas bemüht.

War es ein Fehler, vorher nochmal das Original zu genießen? Oder hätte ich das vermeiden sollen? Hätte mir Blade Runner 2049 dann besser gefallen? Ich hätte zwar vielleicht nicht alle Details verstanden, aber vielleicht wäre mir die ambitionierte Nachahmung all der Qualitäten von Blade Runner nicht so sehr aufgefallen. Villeneuve, der von sich sagt, er versuche sein Ego außen vor zu lassen, begibt sich erst recht auf einen Egotrip, der sich, je weiter der Film voranschreitet, immer mehr verlangsamt. Schleppend und träge zieht sich die Handlung dahin, durchsetzt mit Bedeutungsschwere, die plakativ bleibt und die ansonsten fein nuancierte Geschichte selten unterstützt. Und nach der sitzfleischfordernden Zeit im Dunklen festigt sich die Erkenntnis, dass Kultfilme selten gelungen fortgesetzt werden können. Wenn, dann unmittelbar danach. Aber nicht 30 Jahre später. Notwendig wäre das stilistisch perfekte Blade Runner 2049 nicht gewesen, aber welche Fortsetzung ist das wirklich? Bleibt zu hoffen, dass von Blade Runner 2079 die Finger gelassen werden. Sonst haben wir womöglich ein neues Matrix Revolutions.

Blade Runner 2049

Zoomania

DEM FAULTIER EINEN WITZ ERZÄHLEN

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zoomania

Wollt ihr mehr über das liebe Federvieh und ihr ungeheuer neurotisches Verhalten wissen? Dann müsst ihr euch Angry Birds ansehen. Oder hättet ihr mehr Lust auf Filme über Chamäleons und ihre nicht minder eigenwillige schuppige Verwandtschaft? Dann wäre wohl Rango von Gore Verbinski die richtige Wahl. Wenn aber jene beiden Bereiche des kinematographischen Tiergartens immer noch nicht zufriedenstellen, wartet immerhin noch ein ganz besonderes Zoo-Erlebnis auf uns. Nämlich das Abenteuer Säugetiere. Und ehe wir uns versehen, finden wir uns in Zootopia wieder.

Ja, Zootopia, das ist kein Tippsler. Im Original heißt der Film nämlich so. Völlig unverständlich, wieso Zootopia in Zoomania umgetauft wurde, bezieht sich doch das Kürzel – topia – auf einen Platz bzw. auf eine Region, ursprünglich, wie so viele Wörter, aus dem Griechischen kommend. Das Attribut mania hingegen bezieht sich auf eine Manie, auf Wahnsinn oder Raserei – wie auch immer. Wir kennen das schon aus Starmania. Daher ist es relativ befremdlich, wenn in der deutschen Synchronisation von Zoomania die Rede ist, als Bezeichnung einer überdimensional großen Stadt voller Säugetiere. Und in diesem phänomenalen Paradies der Kuscheltiere, das wiederum unterteilt ist in unterschiedliche Klimazonen, damit sich sowohl Eisbär als auch Gürteltier wohlfühlen können, geschieht ein Verbrechen. Und wer von all den Nagern, Huftieren, Krallen- und Samtpfoten wird der Sache auf den Grund gehen? Das äußerst knuffige Karnickel- oder Hasenmädchen Judy. Im Schlepptau einen zwielichtigen Fuchs, ein charmanter Ganove, der unfreiwillig zum Handkuss kommt.

Diesmal ganz ohne Unterstützung der Trickmagier aus Pixar wuchten die Disney Animations Studios ganz im Alleingang eine mitreißende Fabel auf die Leinwand, die in Charakterzeichnung, Story und Ideen dem Studio mit der hüpfenden Schreibtischlampe um nichts nachsteht. Zoomania ist rundum gelungen – und vor allem eines: sehr witzig. Wohl jetzt schon eine Szene mit Kultpotenzial ist die Begegnung mit dem Faultier hinterm Schalter am Verkehrsamt. Für alle, die sich bislang immer schon gefragt haben, wie es wohl ist, einem Faultier einen Witz zu erzählen, hat jetzt die Gelegenheit dazu, sich schiefzulachen. Überhaupt lassen die Macher des Filmes kein tierisches Klischee unerwähnt, angefangen von den Spitzmäusen bis hin zu den Elefanten. Und wenn dann der Unterweltboss Zoomanias in Gestalt eines Opossums dem guten alten Don Corleone die Ehre erweist, weiß man, dass das Geld für die Kinokarte kein rausgeschmissenes war. Und dabei haben wir es nicht mal nur mit einem klamaukigen, turbulenten Abenteuer zu tun, dass lediglich den Nachwuchs erfreut, während die Erwachsenen im Dunkel des Kinosaales immerwährend auf die Uhr schielen. Nein – Zoomania bedient das gesamte Besucherspektrum, wobei die ganz Kleinen im Publikum angesichts der komplexen Krimihandlung sehr wahrscheinlich w.o. geben werden. Aber sei´s drum – das Rendezvous im Tierreich entschädigt für jeglichen inhaltlichen Blindgänger.

Das aufgeweckte urbane Abenteuer ist zugleich kurioser Krimi und Situationskomödie vom Feinsten. Eine ausgefuchste Fabel, die an die Disney-Klassiker Basil – der große Mäusedetektiv oder Bernard und Bianca erinnert. Mit einer Story, die tierisch menschelt, ungezwungen sympathisch daherkommt, pointiert parodiert und die Fauna unseres Planeten zu schätzen weiß. Die Stadt, in der sich Fuchs und Hase im wahrsten Sinne des Wortes Gute Nacht sagen, ist auf alle Fälle einen Besuch wert.

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Zoomania