Das Gesetz der Familie

TUN, WAS PAPA SAGT

4/10

 

gesetzderfamilie© 2017 Koch Media

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2016

REGIE: ADAM SMITH

MIT MICHAEL FASSBENDER, BRENDAN GLEESON, RORY KINNEAR, KILLIAN SCOTT U. A.

 

Die Redewendung „Im Kreise der Familie“ bekommt im vorliegenden britischen Bandenthriller eine gänzlich unbequeme Bedeutung. Wenn Michael Fassbinder als Stammhalter morgens erwacht und ins Freie tritt, blickt er auf eine Ansammlung kreisförmig geparkter Wohnwägen, deren Insassen irgendwo in der Grafschaft Gloucestershire mehr illegal als legal und ziemlich versteckt kampieren, um den Steuern zu entgehen und Pläne für den nächsten Coup zu schmieden. Denn Michael Fassbender ist Verbrecher. Von Berufs wegen Einbrecher und Dieb, Fluchtwagenfahrer und gleichzeitig aber auch Vater von zwei Kindern. Dass er ihnen das antut, ist keine Frage des Wollens. Sondern eine Frage der Hörigkeit – dem alles überragenden Patriarchen gegenüber. Eine Pflichtschuldigkeit, die niemand in Frage stellt. Wie denn auch? Bei Infragestellen familiärer Pflichten ist Gewalt nicht selten die Antwort.

Das klingt ja nach einem wuchtigen Thrillerdrama – so dachte ich mir, nach Sichtung der Synopsis und der Gewissheit, dass ein Cast wie Fassbender und der großartige Brendan Gleeson eine Sternstunde des Retail-Kinos gewähren. Zugegeben, da habe ich so ziemlich aufs falsche Pferd gesetzt. Das Gesetz der Familie hat zwar Potenzial für etwas ganz Großes im Stile von Sydney Lumet´s Tödliche Entscheidung, nutzt es aber so gut wie gar nicht. Gleeson als glattrasierter Soziopath und Apostel einer radikalen, wissenschaftsfeindlichen Weltanschauung donnert durch sein heruntergekommenes Refugium, wohlwissend, welchen Einfluss er auf alles hat und wem er wann die Hölle heiß machen kann. Wie ein verblendeter Narr, der König sein will. Und zu wissen glaubt, dass die Erde eine Scheibe ist. Die Rolle des Iren wäre ja schon polternd genug, ausreichend Angriffsfläche für den unbeugsamen Sohn, der nicht mehr will und nicht mehr kann. Aber der schweigt, aus Angst vor einem eigentlich lächerlichen Über-Ich.

Der Befreiungsschlag in ein besseres Leben atmet nur mit halber Luft. Konfrontationen verlaufen im Sand des mobilen Dorfes der Unbeugsamen, es fehlt der Wille zur Zuspitzung, das Volumen für dramaturgische Dichte. Der Film wirkt vor allem mit Gleeson zwar gut besetzt, sonst aber drehbuchtechnisch hingehudelt, ohne in reifer Überlegung den Konflikt zu einem konsequenten Ende zu bringen. Das Ende, das kommt dann willkürlich, ist noch nicht fertig, wie der ganze Thriller. Wirkt schaumgebremst und schüchtern angesichts der Möglichkeiten, die da genutzt hätten werden können. Als A-Sozialportrait über einen ausgerufenen Mikro-Verbrecherstaat ist Das Gesetz der Familie zu wenig ausführlich, als Familiendrama zu kompromissbereit, um wirklich anzuecken oder zu faszinieren.

Das Gesetz der Familie

Maudie

DIE WELT IM BILDERRAHMEN

7,5/10

 

maudie10© Photo by Duncan Deyoung, Courtesy of Mongrel Media

 

LAND: Irland, Kanada 2017

Regie: Aisling Walsh

Mit Sally Hawkins, Ethan Hawke, u. a.

 

Zu meiner Schande muss ich gestehen – ich habe immer noch nicht den Film Happy Go Lucky gesehen. Diesen Gute Laune-Film mit der britischen Schauspielerin Sally Hawkins, die mir erstmals in der Waris Dirie-Verfilmung Wüstenblume positiv aufgefallen war. Mike Leigh´s Happy-Film soll von ansteckender positiver Ausstrahlung sein, vor allem dank dem expressiv-launigen Spiel seiner Hauptdarstellerin. Steht also ganz oben auf meiner Watchlist. Aber eigentlich erst, nachdem ich mir ihr neuestes Werk angesehen habe – Maudie. Das biografische irische Drama um eine an Arthritis erkrankten Lebens- und Bilderkünstlerin ist womöglich nicht weniger einnehmend als eingangs erwähnter Film. Denn Maudie ist, mit Verlaub, eine Sternstunde des Schauspielkinos. 

Es stimmt schon – Schauspielerinnen und Schauspieler, die Menschen mit besonderen Bedürfnissen darstellen müssen, haben es grundsätzlich leichter. Die Auffälligkeit ihrer Rollen ist dem Handicap geschuldet, mit welchem die Figur ihren Alltag bzw. ihr Leben bestreiten muss. Sind Haltung und Verhalten mal einstudiert, gelingt zuerst mal eine augenscheinlich meisterhafte Performance. Aber, wie gesagt, eigentlich mehr wegen dem, was die dargestellte Person trotz ihrer Defizite leistet, und weniger wegen dem Schauspieler dahinter. Doch Vorsicht – ich will Leistungen wie Eddie Redmayne´s Darstellung von Stephen Hawking oder Dustin Hoffman als Rain Man sicherlich nicht schmälern. Und genauso wenig will ich Sally Hawkins Interpretation der grazilen, kleinen Hausfrau und Malerin schmälern, die im Nirgendwo in Nova Scotia in einer zugigen Fischerhütte ihr Leben durch den Bilderrahmen betrachtet. Hawkins stellt das zerbrechliche Häuflein Mensch mit manischer Präzision dar. Jeder Schritt ist ein schmerzvolles, mühsames Vorwärtskommen. Jeder Pinselstrich eine körperliche Anstrengung. Doch die wahre Brillanz ihrer Rolle wohnt der wundersamen Fähigkeit inne, der Unwirtlichkeit ihres Daseins auf engelsgleiche Art die Stirn zu bieten. Was in dieser kleinen, starken Frau zu stecken mag, ist unbeugsame Stärke, grenzenloser Lebenswillen und den Mut, Nähe zu geben uns zuzulassen. Dieses Unterfangen ist kein Leichtes. Der Mann, mit dem sie zusammenlebt, ist ein wortkarger, ruppiger Misanthrop. Ein eigenbrötlerischer Fischer, der den Menschen aus dem Weg geht und seine Gefühle tief vergraben hat. Ethan Hawke meistert den knorrigen Außenseiter mit Bravour und dem richtigen Gespür für Gestik und Mimik. Eine Beziehung, die auf Liebe basiert? Undenkbar. Und dennoch kommt, wie es kommen muss, wenn man sieht, wozu die kleine große Dame mit dem wirren Haar und der Liebe zum Farbenfrohsinn fähig sein kann. 

Maudie ist längst nicht nur das Portrait einer unbeugsamen Künstlerin, sondern auch ein ungemein zarter, teils enorm tragischer Liebesfilm, der seine Empfindungen ernst nimmt, ganz so wie seinerzeit Clint Eastwoods virtuoses Gefühlskaleidoskop Die Brücken am Fluss. Hawke und Hawkins schaffen es, tatsächlich etwas zu entfachen, was im Kinosaal spürbar ist. Sehnsucht, Nähe, Zusammenhalt. Und die Gewissheit, dass es das Wichtigste im Leben ist, geliebt zu werden. Dafür, dass man so ist, wie man ist, ohne zwingend etwas leisten zu müssen. Zwar hat es Maud Lewis mit ihrer naiven, einfachen Malerei sogar bis in die Medien geschafft – bemalt hat sie die Fischerhütte und alles, was ihr unter den Pinsel kam, eigentlich nur für sich und für ihr Seelenheil. Und genau so sollte es sein.

Maudie