X-Men: Dark Phoenix

ALLE(S) IN DER SCHWEBE

6,5/10

 

x-men-phoenix© 2019 20th Century Fox

 

LAND: USA 2019

REGIE: SIMON KINBERG

CAST: SOPHIE TURNER, JAMES MCAVOY, JENNIFER LAWRENCE, MICHAEL FASSBENDER, NICHOLAS HOULT, JESSICA CHASTAIN, TYE SHERIDAN U. A.

 

Die Apocalypse wurde abgewandt. Das war aber angesichts dieses vor drei Jahren über die Leinwand gestelzten blauhäutigen Schnösels mit unreflektierten Allmachtsfantasien a la Steppenwolf (siehe Justice League) wohl keine allzu große Hexerei. So wenig charismatisch und furchteinflößend, wie Oscar Isaac mit offensichtlich aufgepinselter Maske eigentlich war, so hohl war das effektgeladene Getöse um ihn herum. Versucht wäre man gewesen, den viel zu hoch gegriffenen Nickname Apocalypse gegen etwas handzahmeres zu tauschen, eventuell vielleicht gegen Dark Phoenix – aber der ist schon vergeben, nämlich an die gute Jean Grey, die doch eigentlich, zumindest in den ursprünglichen Teilen, mit dem Raubein Wolverine liiert war. Doch von der wandelnden Adamantiumklinge ist weit und breit keine Spur mehr. Diesen von James Mangold inszenierten Abgesang in Farbe oder Schwarzweiß (Sie haben die Wahl!) kann keiner mehr toppen, das war Comic-Kino vom Feinsten, nämlich bis in den letzten Klingenschliff hinein so dermaßen handelsunüblich, das wohl kein anderer Filmemacher ähnliches wagen würde.

Und so ist es auch. James Kinberg lehnt sich bei seinem Zapfenstreich für eine ganze Generation Superhelden natürlich nicht weiter aus dem Fenster wie vom Gesamtkonzept des bereits existierenden, generischen X-Men-Universums vorgesehen. Das muss doch alles zusammenpassen, und keine Wege führen an Apocalypse vorbei, das heißt, hier muss angeknüpft werden. In der Optik, im Erzählstil, und überhaupt. Das hat schon seine begrüßenswerte Stringenz, da wünsche ich mir tatsächlich keinen Logan, das darf schon so bleiben, dass es aussieht, als hätten wir es mit einer hochbudgetierten Streamingserie zu tun (TV-Serie sagt man ja eigentlich nicht mehr, oder?), die so wie bei Avengers: Endgame oder Game of Thrones alles zu einem erträglichen Ende führen will, ohne bei der Fangemeinde allzu viel Sodbrennen zu verursachen. Nun, bei den X-Men ist die Fangemeinde nicht ganz so verbissen und dogmatisch wie bei Game of Thrones oder Star Wars. Drehbuchentscheidungen beim Mutantenpatchwork können gar nicht so sehr den Erwartungen quergebürstet sein, um Kontroversen zu entfachen. Da ist es eher egal, wie es endet, zumindest meinem Eindruck nach. Und auch X-Men: Dark Phoenix erleidet Verluste in den eigenen Reihen, die filmische Finals einfach mit sich bringen müssen, das sagt der gute Ton eines Schlussakkords. Kein Ende ohne Schrecken.

Dabei schreckt mich in X-Men: Dark Phoenix positiv betrachtet eigentlich gar nichts. Das letzte Kapitel rund um Sophie Turners Levitationen ist ein gestrafftes, direkt schon betriebsinternes Teambuilding, das sich den Kick fürs kommende Tabula Rasa aus dem extraterrestrischen Raum holt. Und dort gibt es ja bekanntlich jede Menge Intelligenzen, die einfach nicht an Gaja vorbeikommen können oder wollen, weil wir Menschen vielleicht doch etwas Einmaliges sind, vielleicht einmalig, weil wir uns so sehr mit uns selbst beschäftigen, dass Eroberungen jenseits des Sol-Systems noch lange nicht zur Debatte stehen. Das dürfte richtig niedlich sein, für all die eroberungswütigen Aliens. Und so lockt sie eine amorphe Energie in den Dunstkreis des blauen Planeten, die bei einer Rettungsmission unseres Mutantenkorps großen Gefallen an einer Telepathin findet, die gegen ihren Willen eine recht interdisziplinäre Begabungsförderung genießen wird. Entstehen wird Dark Phoenix, die verdrängte Traumata durchleben und sich entscheiden muss, wo ihre Skills wohl am Besten aufgehoben sind. Weiters im Mittelpunkt: der gute oder weniger gute Charles Xavier, der sich ebenfalls zu etwas durchringen muss, was seinem profunden Allgemeinwissen zwangsläufig zuwiderlaufen wird. Da ist das schauspielerische Können eines ganzen Ensembles gefragt, und Kinberg erreicht in dieser Hinsicht Qualitäten, die wir bislang fast nur von Joss Whedon kennen. Das Buffy-Mastermind kennt sich mit Teamgeist am besten aus, und Kinberg macht es ihm nach, mit sichtlichem Erfolg. Hier kommt keiner der Helden zu kurz, weder Beast noch Raven noch der fahrige Teleporter Nightcrawler, der überhaupt seine formschönsten Auftritte hat, vor allem in der Weltraumszene zu Beginn des Films.

Was zu kurz kommt, das ist die Geschichte dahinter, die den Stein der X-Men-Neuordnung überhaupt erst ins Rollen bringt. Die unbekannten Agressoren aus den Tiefen des Alls verkommen zu einer Variablen, die der Einfachheit halber so wie in gefühlt jeder Kino-Invasion Gestaltwandler sind. Das ist banal, und auch der Allmachtsdrang a la Apocalypse von Seiten der Antagonisten wenig durchdacht. Doch die Supervision der X-Men braucht dringend ein Handlungsgerüst, egal welches. Für dieses stellt sich Jessica Chastain als schlupflidriges Powerwesen in aschblondem Haar gerne zur Verfügung. Sophie Turner hat damit nebst ihren eigenen inneren Dämonen eine relativ ebenbürtige Gegnerin, ohne großen Background zwar, aber mit bekanntem Konterfei. Dem zuzusehen, und so, wie sich der wilde Haufen einer kraftvollen Elite zusammenrauft, das ist deutlich attraktiver als beim letzten Mal, spart sich am Ende auch langes Gesülze und muss niemandem die Liebe mal 3000 gestehen. Das ist recht pragmatisch, dafür aber auch ohne viel Verzettelung zu Ende erzählt. Vielleicht auch, weil Disney-Marvel schon ungeduldig in den Startlöchern scharrt, um auch diese Heldenclique schleunigst in das Cinematic Universe zu transferieren. Was dann folgen mag, ist vielleicht wieder ein kompletter Neuanfang, vielleicht sogar wieder mit Wolverine, der sich erneut in eine Jean Grey verguckt, die wir dann zum dritten Mal neu kennenlernen müssen.

X-Men: Dark Phoenix

Macbeth (2015)

IM NEBEL DER DICHTUNG

6/10

 

macbeth© 2015 Studiocanal

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2015

REGIE: JUSTIN KURZEL

CAST: MICHAEL FASSBENDER, MARION COTILLARD, DAVID THEWLIS, PADDY CONSIDINE, JACK REYNOR U. A.

 

So eine Witterung ist gut für die Nebenhöhlen. Morgens raus auf auf die baumlosen Ebenen des schottischen Hochlands und den dichten Bodennebel mal so richtig durchziehen lassen. Obendrein ist Feuchtigkeit auch noch gut für die Haut. Wenn man da nicht auch noch gleich in eine Schlacht verwickelt werden müsste, die Heerführer Macbeth gegen die Widersacher des schottischen Königs Duncan auszutragen hat. Da gibt die feuchtkalte Luft auch optisch einiges her, vor allem, wenn das Licht im flachen Winkel auf die in Superzeitlupe heranstürmenden Schotten trifft. Bei so viel Grazie von Mord und Totschlag fangen Anhänger der LARP-Gemeinschaft (Live Act Role Play) womöglich das Träumen an. Das ist in Szene gesetztes Mittelalter, da reicht die hauseigene Digicam, sofern man die Schlachten nachstellen will, auch nicht mehr aus. All die schmerzverzerrten Gesichter wie aus der Zeit gefallene Fotografien, fast schon bis zum Stillstand verlangsamte Leiber im diffusen Dampf, gestaffelt bis zur erahnbaren Spukerscheinung, ganz vorne der Hauptakteur dieses blutgetränkten Dramas, welches keine andere Tragödie sein kann als die des Usurpators Macbeth, auf immer verewigt von William Shakespeare. In der Hand das Schwert. Diese Waffe aus Stahl, die ist längst mehr als nur ein Werkzeug, um zu töten. Das wissen wir seit Excalibur. Seit Balmung. Seit Bilbo´s Stich. Wenn die Klinge im feuchten Boden steckt, leicht vibrierend, dann ist etwas Weltbewegendes passiert. Solche Szenen, die sind ikonisch und eignen sich bestens für ein Theater wie dieses.

Justin Kurzel, der sich später in ähnlich vergeistigter Manier an die Videospielverfilmung Assassins Creed herangewagt hat und für manche zu oft Stimmung mit packender Geschichte verwechselt hat, erarbeitete sich den Beweis seines Könnens mit einem zentnerschweren Brocken Literaturgeschichte. Macbeth inszeniert und spielt man einfach nicht nur so. Das will ins richtige Licht gerückt werden. Und am besten noch in den originalen Versen eines Shakespeare erzählt werden. Da passt die sphärische Bilderflut in den gestreuten Farben des Fegefeuers natürlich bestens dazu. Und Macbeth kann noch so klassisch und unkritisierbar sein – es ist die Geschichte eines von vielen Tyrannen, die sich an die Macht intrigiert und getötet haben, in wütender Barbarei geherrscht und dann schmählich untergegangen sind. Die blutige Tragödie aus dem sehr frühen 17. Jahrhundert lebt natürlich in erster Linie zumindest gegenwärtig von den wohlklingend ausformulierten Worthülsen, die die Chronik einer finsteren Regentschaft in eine atemberaubende Sprache kleiden. Das todessehnsüchtige Intrigenspiel als solches ist aber in Zeiten detailverliebter Mittelalterdystopien wie Game of Thrones zwar nach wie vor ein dankenswerter Einstand, auf den Filmemacher und Romanschreiber respektvoll zurückblicken – in Anbetracht der Erwartungshaltung der Genre-Fans bleibt Macbeth grob umrissen, auf die Eckpfeiler der Historie reduziert und viel zu getragen, um emotional mitzureißen. Da macht es auch keinen großen Unterschied, ob das Königsdrama rein fiktiv oder historisch fundiert ist. Das mag für eingefleischte Schotten vielleicht relevant sein, für alle anderen ist das Schicksal von König Macbeth und seiner besseren Hälfte, die Lady selbigen Namens, ungefähr genauso fern wie Westeros.

Dennoch beschert uns Regisseur Kurzel einen wuchtigen Augenschmaus zwischen Schattentheater, flackerndem Kerzenlicht und feuchtkalter Ödnis – Szenerien, die die Möglichkeiten einer Theaterbühne geschickt erweitern (es sei denn, wir haben es mit Bühnen wie jener des Wiener Burgtheaters zu tun, die eigentlich fast schon alles kann). Michael Fassbender in Kriegsbemalung und als gekröntes Haupt ist vielleicht nicht die absolut ideale Wahl für so ein irrsinniges Machtmonster wie Macbeth, da fehlt mir dann doch der Wahn des Alleinherrschers, dafür ist Fassbender zu folgsam und zu sehr verliebt in seine Verse, die er da sprechen muss. Das kann bei Schauspielern, die Shakespeare über alles stellen, relativ leicht passieren. Marion Cottilard hingegen ist erwartungsgemäß entrückt wie es die Rolle auch vorschreibt, ihr Zwiegespräch mit dem verstorbenen Nachwuchs ein schauderhaftes Highlight.

Macbeth ist also nicht ganz die unvergessliche Interpretation des Barock-Dichters mit Halskrause, wobei Sir William wohl zufrieden wäre mit all den Tänzen aus Licht und Schatten, die seine Worte zweifelsohne effektiv verstärken.

Macbeth (2015)

Das Gesetz der Familie

TUN, WAS PAPA SAGT

4/10

 

gesetzderfamilie© 2017 Koch Media

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2016

REGIE: ADAM SMITH

MIT MICHAEL FASSBENDER, BRENDAN GLEESON, RORY KINNEAR, KILLIAN SCOTT U. A.

 

Die Redewendung „Im Kreise der Familie“ bekommt im vorliegenden britischen Bandenthriller eine gänzlich unbequeme Bedeutung. Wenn Michael Fassbinder als Stammhalter morgens erwacht und ins Freie tritt, blickt er auf eine Ansammlung kreisförmig geparkter Wohnwägen, deren Insassen irgendwo in der Grafschaft Gloucestershire mehr illegal als legal und ziemlich versteckt kampieren, um den Steuern zu entgehen und Pläne für den nächsten Coup zu schmieden. Denn Michael Fassbender ist Verbrecher. Von Berufs wegen Einbrecher und Dieb, Fluchtwagenfahrer und gleichzeitig aber auch Vater von zwei Kindern. Dass er ihnen das antut, ist keine Frage des Wollens. Sondern eine Frage der Hörigkeit – dem alles überragenden Patriarchen gegenüber. Eine Pflichtschuldigkeit, die niemand in Frage stellt. Wie denn auch? Bei Infragestellen familiärer Pflichten ist Gewalt nicht selten die Antwort.

Das klingt ja nach einem wuchtigen Thrillerdrama – so dachte ich mir, nach Sichtung der Synopsis und der Gewissheit, dass ein Cast wie Fassbender und der großartige Brendan Gleeson eine Sternstunde des Retail-Kinos gewähren. Zugegeben, da habe ich so ziemlich aufs falsche Pferd gesetzt. Das Gesetz der Familie hat zwar Potenzial für etwas ganz Großes im Stile von Sydney Lumet´s Tödliche Entscheidung, nutzt es aber so gut wie gar nicht. Gleeson als glattrasierter Soziopath und Apostel einer radikalen, wissenschaftsfeindlichen Weltanschauung donnert durch sein heruntergekommenes Refugium, wohlwissend, welchen Einfluss er auf alles hat und wem er wann die Hölle heiß machen kann. Wie ein verblendeter Narr, der König sein will. Und zu wissen glaubt, dass die Erde eine Scheibe ist. Die Rolle des Iren wäre ja schon polternd genug, ausreichend Angriffsfläche für den unbeugsamen Sohn, der nicht mehr will und nicht mehr kann. Aber der schweigt, aus Angst vor einem eigentlich lächerlichen Über-Ich.

Der Befreiungsschlag in ein besseres Leben atmet nur mit halber Luft. Konfrontationen verlaufen im Sand des mobilen Dorfes der Unbeugsamen, es fehlt der Wille zur Zuspitzung, das Volumen für dramaturgische Dichte. Der Film wirkt vor allem mit Gleeson zwar gut besetzt, sonst aber drehbuchtechnisch hingehudelt, ohne in reifer Überlegung den Konflikt zu einem konsequenten Ende zu bringen. Das Ende, das kommt dann willkürlich, ist noch nicht fertig, wie der ganze Thriller. Wirkt schaumgebremst und schüchtern angesichts der Möglichkeiten, die da genutzt hätten werden können. Als A-Sozialportrait über einen ausgerufenen Mikro-Verbrecherstaat ist Das Gesetz der Familie zu wenig ausführlich, als Familiendrama zu kompromissbereit, um wirklich anzuecken oder zu faszinieren.

Das Gesetz der Familie

The Light Between Oceans

SO FIES KANN SCHICKSAL SEIN

7/10

 

oceans© 2016 Constantin Film

 

LAND: USA, NEUSEELAND, GROSSBRITANNIEN 2016

REGIE: DEREK GIANFRANCE

MIT MICHAEL FASSBENDER, ALICIA VIKANDER, RACHEL WEISZ U. A.

 

Niemand ist eine Insel – oder doch? Zumindest wirkt der von Michael Fassbender verkörperte Heimkehrer aus dem ersten Weltkrieg so, als wäre er es. Nach Gewalt, Blut und Tod klingt nichts verführerischer als auf einer selbigen sein Trauma zu verarbeiten. Bestenfalls auf einer Insel, auf der sich sonst niemand befindet. Eine Insel mit Leuchtturm vor der australischen Küste. Da hat Mann genug zu tun, und Zeit, seinen inneren Seelenfrieden wieder zu finden. Zu dem wortkargen Neo-Eremiten dazugesellen möchte sich nun wirklich keiner, es sei denn, die Liebe ist im Spiel. Und die ist ein seltsames Spiel, denn als junge Dame betuchten Hauses ist sogar ein Leben auf einem Steinhaufen zwischen zwei Ozeanen – so der Titel – vorstellbar. Sofern sich Nachwuchs einstellt. Und da schlägt das Schicksal dann erbarmungslos zu. Denn der Kindersegen kommt nicht. Beim ersten Mal nicht, und später nimmt das Verhängnis abermals seinen Lauf.

Die reizende Alicia Vikander alias Lucy fällt in der Einschicht in tiefe Depression. Da kann ihr selbst der geliebte Gemahl nicht helfen, hat der doch selbst mit seiner Vergangenheit genug zu tun. Doch die Liebe ist stark, das erwartet man sich in diesem Film. Die Liebe, die nutzt das alsbald hereinbrechende Schicksal zur Rettung des Familienglücks. Dass es das Schicksal in Gestalt eines fast schon göttlich anmutenden Winks nur scheinbar gut meint, in Wahrheit aber ein mieser Verräter ist, erscheint von vornherein klar. Weil Babys, die werden nicht so einfach angespült, ohne von irgendwem vermisst zu werden. Es sei denn, es handelt sich um Moses, da war das ganze gewollt. Umso schmerzlicher zu ertragen ist die zweite Hälfte des Filmes, in der wir mehr wissen als das unglücklich glückliche Paar und jede Minute erwarten, dass das Damoklesschwert mit erschütternder Wucht zuschlägt.

Wie bei Derek Cianfrance tut es das dann auch, so sehr man sich auch wünscht, dass der Kelch an den beiden vorübergeht. Auch dass Tom so handelt, wie er handelt, lässt sich nachvollziehen. Gefühle spielen eine große Rolle, das Begreifen der eigenen endlichen Existenz und der unbedingte Wille zum Neuanfang, das Einfordern von Gerechtigkeit und die Möglichkeit momentaner Erlösung, ganz ohne Blick nach vorn. Cianfrance spielt gerne mit dem Schicksal, lässt Menschen aufeinander treffen, die einander vergeben müssen und sich trotz aller Abscheu verstehen wollen. Weil sie sonst selbst nicht weitermachen können. In The Place Beyond the Pines war das Schicksal ebenso mächtig, auch in Blue Valentine hat der Filmemacher die Philosophie des Fatalismus zu einer über allem stehenden Macht verklärt.

The Light Between Oceans ist erlesen besetztes, schwelgerisches Liebesdrama und romantische Tragödie im Licht des Sonnenauf- und untergangs. Vom Winde verweht, und mit dem Geschmack vom Meersalz auf den Lippen. Kino für anspruchsvolle Genießer im Stile epischer Romantik.

The Light Between Oceans

Alien: Covenant

SKLAVE DES HIMMELS, HERR DER HÖLLE

6,5/10

 

aliencovenant

Regie: Ridley Scott
Mit: Michael Fassbender, Katherine Waterston, Billy Crudup

 

Auch wenn der Film zwar optisch alle Stücke spielt, dramaturgisch aber etwas hinkt, würde ich Fans der Alien-Reihe durchaus anraten, Ridleys Scotts Prequel-Erstling Prometheus nochmal zu Rate zu ziehen. Die Frischzellenkur für den 2012 veröffentlichten Auftakt einer den Alien-Mythos erklärenden Trilogie hat zumindest mir den Einstieg in Alien: Covenant leichter gemacht. Und auch der sehr wohl durchdachte Plot der Monstersaga erschließt sich nach nochmaliger Betrachtung fast naht- und fugenlos und macht darüber hinaus auch wirklich Sinn – sowohl für Prometheus als auch für Alien: Covenant. Was man vom Original und den danach folgenden drei Sequels nicht sagen kann. Sie zu kennen ist – wie auch cinema festgestellt hat – tatsächlich nicht vonnöten. Selbst Ridley Scott ignoriert sie. Mit Aliens – Die Rückkehr, Alien 3 und Alien –  Die Wiedergeburt will der Altmeister seinen Xenomorph-Kosmos nicht kontaminiert sehen und ignoriert sie daher auch völlig. Somit teilen sich die Storylines von Alien in mehrere Parallelen. Bei Cameron´s Fortsetzung haben die Monster – wie wir alle wissen – gleich einem Bienenstaat eine Königin, die all die Eier legt, aus denen die Facehugger schlüpfen. In Alien 3 hinterfragt David Fincher in keinster Weise irgendeine Storyline, sondern schafft im Rahmen eines dystopischen Thrillers die Variable einer biologischen Bedrohung. Und Jean-Pierre-Jeunet fabuliert überhaupt ein für sich alleine stehendes Kunstwerk, dass sich zur Zukunft der Genetik mit geradezu bösartigem Sarkasmus äußert. Allerdings hat Jeunet 1997 bereits Ridley Scotts inhaltliche Ambition vorweggenommen. In seiner sehr persönlichen und eigenen neuen Geschichte hat die Genetik einen mindestens ebenso hohen Stellenwert wie in Alien – Die Wiedergeburt. 

Also betrachten wir des Weiteren lediglich die ersten beiden neuen Kapitel Scotts unter der Lupe. In seiner düsteren, brillant bebilderten Planetenvision haben wir es mit einem viralen Pathogen zu tun, welches von den sogenannten Ingenieuren entwickelt wurde. Ob dieser Virus nun synthetisch oder natürlichen Ursprungs ist, bleibt auch nach Alien: Covenant ungeklärt. Wieso diese unglaublich anpassungsfähigen Mikrolebewesen in einem Raumschiff mit Kurs auf die Erde eingelagert wurden, verharrt ebenso als Akte X in den Annalen kosmisch-humaner Expansionsgeschichte. Was wir aber wissen, ist, dass es sich bei dem Pathogen um einen biologischen Allrounder handelt.

Dieses Virus, oder was immer es auch ist, kann alles. Alles zerstören und sich auf jede erdenkliche Art und Weise verändern, vermehren, anpassen und entstehen. Das egoistische Gen, das vor einiger Zeit der Darwinist Richard Dawkins als Ruler über uns Menschen theoretisiert hat, bleibt im Angesicht dieses höchst aggressiven Evolutionsbausteines so klein und arm wie eine Kirchenmaus. Beim Alien-Gen hat es die Menschheit mit einem Egoisten zu tun, der im Survival-Wettlauf of the Fittest die wohl effektivste Ellbogentaktik beherrscht., Dawkins, Charles Darwin oder Carl Sagan wären bei so einem Albtraum schweißgebadet in ihren Betten aufgewacht. So eine radikale Weiterführung ihrer entwicklungsbiologischen (Hypo)thesen hätten sie dann doch nicht haben wollen. Ridley Scott aber zeigt ihnen die kalte Schulter. Seine Biologie gewinnt Gold. Und macht aus Spezialisten, die wissen, wo in ihren evolutionären Nischen ihr Platz ist, Experten für globales Tabula Rasa. Das Alien in all seinen Auswüchsen – ob als Wurm, Pilzmyzel, Weichtier, Achtfüßer oder humanoider Drache – macht keine Gefangenen. Warum auch. Es ist ein egoistisches Gen, das bereit ist, alles zu vernichten. DAS ist natürliche Auslese. Alles andere ist Mumpitz. 

Ehrlich gesagt – anders wollen wir den Neomorph oder Xenomorph gar nicht sehen als etwas, das alles andere kaputt macht, bevor es selbst kaputt gemacht wird. Diesen Willen des Überlebens und Ausbreitens finden wir in so aggressiven Viren wie Ebola oder Malaria. Jetzt muss man sich folgendes vorstellen: Hätten irdische Viren das Zeug, sich zu Zellen zusammenzuschließen und sich körperlich zu manifestieren – dann, ja dann hätten wir ein Alien. Oder eines dieser Ausgeburten, je nachdem, womit wir diese Gene kreuzen. 

Die Vielfalt des Aliens könnte bereits ein kleines Lexikon füllen. Auch in Alien: Covenant haben wir es mit neuen Arten zu tun. Schön für die Wissenschaft. Schlecht für die unsäglich naiven Kolonisten, die aus Spaß an der Freude und eigentlich aus Bequemlichkeit heraus einen völlig unbekannten Planeten ansteuern und einem kryptischen Funkspruch nachstellen, der sie ins Verderben stürzt. Wie sehr man seinen Vertrag – seinen Covenant – missachten kann, dass zeigen Katherine Waterston (leider keine Sigourney Weaver), Billy Crudup und andere. Ihr Untergang ist hausgemacht, also hält sich mein Mitleid ziemlich in Grenzen. Leider hält sich auch die Monstershow in Grenzen. Wenn es hochkommt, dann zeigt sich das Vieh summa summarum aufregende 15 bis 20 Minuten. Eine Enttäuschung. Gut, diese Minuten sind das Kinoticket schon wert. Vor allem in den Bodyhorror-Szenen, in denen unter kaltem Neonlicht hysterische, bananenköpfige Babys mitsamt glitschiger Nachgeburt auf den Fliesenboden klatschen. So grausig es ist – da jubelt das Herz des Alien-Fans. Es jubelt auch, wenn Scott sein Original auf ehrerbietende Weise und mit Alien-Closeup genüsslich zitiert. Doch um das Alien geht es ernüchtenderweise nur sekundär. Alien: Covenant erzählt wider Erwarten eine andere Geschichte als bisher in diesem Kosmos. Das ist erfrischend, interessant und kurzweilig. Scott schafft es fast dreiviertel seines Filmes, sich nicht selbst zu kopieren. Alle Achtung. Was er sich ausgedacht hat, ist neu – und rückt den Focus auf die Schlüsselfigur des Androiden David aus dem Vorgänger Prometheus. Weniger auf die Kreatur selbst, die Mittel zum Zweck oder zufälliges Ergebnis wilder Experimente bleibt. Viel mehr konzentriert sich die Science-Fiction-Oper auf die Ambitionen eines Androiden, sich über seinen Schöpfer zu stellen – womit Scotts Themenradius um künstlich geschaffene Intelligenzen auch Richtung Blade Runner schielt. Der Weyland-Humanoiden träumt demnach zwar nicht unbedingt von elektronischen Schafen, aber immerhin von der Macht, Leben zu erschaffen. Sehr anthroposophisch, das Ganze. Aber gut durchdacht. 

Dennoch bleibt der Nachgeschmack nach Alien: Covenant zwar metallisch-blutig, aber durchwachsen. Ich will nicht sagen, dass die letzte halbe Stunde misslungen ist – doch dahingeschludert ist sie auf jeden Fall. Zum Showdown fällt den Drehbuchautoren nichts Neues mehr ein. Alles endet dort, wo das Original-Alien seine spannendsten Minuten hat. Und da wissen wir bereits, wie es endet. Schnell noch den Xenomorph erledigen, dann ab in die Kojen. Genauso fühlt es sich an – lieb- und ideenlos. Dabei hätte das nun perfekt getrickste Untier mehr Potenzial gehabt, um auch in anderem Kontext in Erscheinung zu treten. Vielleicht hebt sich Scott dies für Teil 3 auf – obwohl dieser zwischen Prometheus und Covenant angesiedelt sein soll. Wie auch immer – Alien-DNA hat der Film jede Menge, die Story ist stringent, die Crew nach wie vor undiszipliniert. Doch Angst vor seiner eigenen und Giger´s Kreatur sollte der Film keine haben.

Scheint aber leider so.

 

 

 

Alien: Covenant

Assassin´s Creed

DER APFEL FÄLLT NICHT WEIT VOM STAMM

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assassinscreed

Zeitreisen kennen wir zur Genüge. Vor allem im Kino. Sei es mit einer antiquierten Zeitmaschine, wie in H. G. Wells gleichnamigem Klassiker, mit welcher Rod Taylor zu den Morlocks in die Zukunft gereist ist. Oder der fliegende De Lorean – ein Auto, das Marty McFly einmal hierhin und einmal dorthin durch die Zeit katapultierte. Oder eben mittels Büchern, wie im Butterfly Effect mit Ashton Kutcher. Jedes Mal waren es Artefakte, Gerätschaften oder Fahrzeuge, die die Reise durch die Zeit ermöglicht haben. Im martialischen Abenteuer Assassin´s Creed, welches lose auf dem gleichnamigen Computerspiel von Ubisoft basiert, fällt den Kreativen hinter den Kulissen endlich mal was Neues ein. Und zwar Zeitreisen mittels DNA.

Die Idee hat mich überrascht – und ist zugleich durchdacht und logisch nachvollziehbar. Jede Zelle eines Menschen besitzt das Erbgut vorangegangener Generationen. Je weiter das Leben der Vorfahren zurückliegt, desto weniger bleibt davon über. Die Information ist aber dennoch da. Wie in diesem Film dargestellt, filtert eine ausgeklügelte Technologie die Erbinformation eines gewissen Ahnen heraus – und speist den gegenwärtigen Menschen mit seiner Erinnerung an ein vergangenes Leben. Ich kenne nicht das ganze schriftstellerische Œuvre von Philipp Dick, des Schöpfers von Minority Report oder Blade Runner – aber diese Vision einer Zeitreise hätte auch er haben können. Somit beginnt das phantastisch-historische Szenario von Macbeth-Regisseur Justin Kurzel mit einer innovativen Überraschung. Und vermag auch in weiterer Folge zumindest visuell zu überzeugen.

Das Kapitel der Assassinen, ursprünglich perfekt trainierte Killermaschinen im Auftrag des Sultans, ist klarerweise ein relativ düsteres. In genauso düstere, staubverhangene und sandverkrustete Bilder kleidet Kurzel seine freie Interpretation eines beliebten Ego-Spiels, das ich selbst nicht kenne und ich mich daher nur peripher an Plakaten und Bildern des todesspringenden Kuttenträgers erinnern kann. Da mich plakative Abenteuerfilme mit historisch-geografischem Bezug prinzipiell interessieren, wollte ich mir den Klingenthriller im Fahrwasser von Tomb Raider und Prince of Persia natürlich nicht entgehen lassen. Und da kann Angelina Jolie noch so sehr ihre Lippen schürzen – der spanisch-maurische Attentäter ist eindeutig cooler. Und braucht auch seine Hüften nicht schwingen zu lassen. Stattdessen tanzt er über Dächer, Gesimse und Zinnen, erklettert Hauswände und stürzt sich in mehreren Salti von Türmen, die über Spaniens Hauptstadt aufragen. Das ganze noch dazu im Spätmittelalter des 15. Jahrhunderts, im selben Jahr, in welchem Christoph Kolumbus zu neuen Ufern aufbrechen wird. Justin Kurzel und sein Kameramann Adam Arkapaw leisten Beachtliches. Die Kamerafahrten und Blickwinkel sowie Ton- und Filmschnitt erzeugen eine eindrucksvolle Sogwirkung und katapultieren den Zuseher mitten ins Geschehen. Eine ähnlich visuelle Machart hatte zuvor der viel geschmähte Neuaufguss von Ben Hur. Hier war vor allem die Szene des Wagenrennens mindestens genauso außergewöhnlich dargestellt. Gelungen sind auch jene Sequenzen, in denen die Erinnerungen aus der Vergangenheit in die erlebte Gegenwart transzendieren. Schemenhaft, wie Spiegelbilder.

Assassin´s Creed löst sich vom simplen Computerspiel und entwickelt einen ganz eigenen Treasure-Hunt quer durch die Zeiten. Dieser Mix aus Historienspektakel im Stile eines Ridley Scott und unterkühlter Science Fiction ist überraschend sehens- und erlebenswert, wenngleich ihm jegliches Augenzwinkern abhanden gekommen ist.  Spaß kommt hier keiner auf, der Kampf zwischen Templern und Assassinen ist eine zutiefst ernste Angelegenheit, worüber man sich niemals lustig machen soll. Michael Fassbenders verkniffene Mimik und Marion Cottilards androides Auftreten kühlen das Abenteuer noch um einige Grad runter. Und Lachen wird zur Sünde. Im Grunde treffen hier Islam und Christentum aufeinander, beide mit dem Ziel, den Apfel von Eden unter Gewahrsam zu nehmen. Dass man damit den freien Willen des Menschen außer Kraft setzen kann, hat für Kenner der christlichen Genesis durchaus seine logische Konsequenz. Das Objekt der Begierde reiht sich zwischen Bundeslade und Heiligen Kral, beide von Indiana Jones gesucht und gefunden, perfekt ins Abenteuer-Entertainment ein, der etwas steife und beerdigungsernste Grundtonus der Geschichte lässt das reißerische, phantastisch angehauchte Gefahrenszenario aber etwas fehl am Platz wirken. Mehr Lockerungsübungen vor dem Dreh wären ratsam gewesen. Das gilt auch für Jeremy Irons steifes Staffagenspiel.

Sonst aber kann man an Kurzels futuristischen Kredo-Krieg nicht wirklich meckern. Der Film hat was für sich, ist filmtechnisch innovativ und hat den Verriss der Kritiker so sicher nicht verdient. Mal sehen wie viel das Werk lukriert. Dann wäre sogar Platz für eine mögliche Fortsetzung – die ich, wenn es soweit ist, wahrscheinlich nicht versäumen werde.

 

Assassin´s Creed