Du lebst noch 105 Minuten

MORD AUF DRAHT

6,5/10


sorry-wrong-number© 1948 Warner Bros. Studios


LAND / JAHR: USA 1948

BUCH: LUCILLE FLETCHER, NACH IHREM HÖRSPIEL

REGIE: ANATOLE LITVAK

CAST: BARBARA STANWYCK, BURT LANCASTER, ED BEGLEY, ANN RICHARDS, WILLIAM CONRAD U. A. 

LÄNGE: 1 STD 28 MIN


Das ukrainische Multitalent Anatole Litvak hat noch in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts einen Film gedreht, der so heutzutage nicht mehr funktionieren würde. Das Handicap von damals: das Festnetztelefon fernab günstiger Tarife. Aber was heißt Festnetztelefon – wenn’s doch nur das gewesen wäre. Barbara Stanwyck muss sich hier als herzkranke Industriellenerbin über die Hürden der Vermittlungsdamen hieven, die da, aufgefädelt wie Perlen an einer Kette – bedürftige Telefonierer in alle Welt zu verbinden hatten. Was für ein Job – den gibt es zum Glück auch nicht mehr. Mit Smartphones hätten Barbara Stanwyck und der blutjunge Burt Lancaster zumindest über entleerte Akkus und verlegte Devices stolpern können, doch der nostalgische Reiz von Wählscheibe und separiertem Sprechteil ginge natürlich flöten. Das wäre schon ein Film fürs technische Museum, Schauraum Fernsprechgeschichte. 

Der Leinwandstar von damals harrt also, in Habtacht-Position neben dem Apparat, dem Kommen ihres Gatten, der allerdings ausbleibt – und dem auch leider nicht in den Sinn kommt, seine bessere Hälfte über sein Fortbleiben zu informieren. Stanwyck versucht, Gott und die Welt an den Hörer zu bekommen. Letzten Endes muss sie sich mit zwei fremden Stimmen begnügen, deren Gespräch sie belauscht. Dabei kommt ihr Schreckliches zu Ohren: die beiden planen einen Mord. Und nicht nur irgendeinen, sondern einen Mord an einer unbekannten Dame, die anscheinend allein zu Hause sitzt. Um Viertel nach Elf soll das Kapitalverbrechen grünes Licht bekommen – bis dahin haben wir – so sagt uns der Filmtitel – 105 Minuten! Der bettlägerigen Barbara dämmert leise ein Verdacht… gar nicht gut fürs schwache Herz.

Zugegeben, Du lebst noch 105 Minuten (im Original: Sorry, Wrong Number) ist kein Hitchcock und nimmt sich trotz seiner knappen Spielzeit von 88 Minuten (da hätte man locker für den Echtzeit-Faktor 105 Minuten herausschlagen können) aufgrund einer gewissen Dialoglastigkeit doch so manches Mal die Eigendynamik und wäre fast ein bisschen schal. Hätte Litvak – oder eben Lucille Fletcher, die Autorin sowohl des zugrundeliegenden Hörspiels als auch des Drehbuchs, nicht die Idee gehabt, eine Geschichte zu erzählen, die eigentlich fast nur aus (leicht verwirrenden) Rückblenden besteht. Dabei ist es mit einer Zeitebene zurück nicht getan – Litvak eröffnet noch eine. So ein Konstrukt fiel mir zuletzt in der spanischen Psychogroteske Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden auf. Auch hier erzählten einzelne Figuren von Figuren, die wiederum von Figuren erzählen. Und Regisseur Aritz Moreno schraubt sogar noch eine Zeitebene runter. Du lebst noch 105 Minuten begnügt sich mit drei solcher Ebenen, was den Film schön genüsslich im Sud möglicher Motive fischen lässt, die vielleicht eben auch Burt Lancaster betreffen, der hier noch am Anfang seiner Karriere stand und entsprechend hölzern agiert.

Wie in den damaligen Krimis, inspiriert durch das Suspense-Kino Hitchcocks, handelt auch dieses gewiefte Drama von Psychospielen und inszenierten Abhängigkeiten, von Macht und Ohnmacht zwischen Mann und Frau. Der Spannungsfaktor kommt da etwas zu kurz – die fatale Psychologie dahinter jedoch nicht. Mehr Melodram als Thriller also, dafür aber eine runde Sache, die ihr Dilemma konsequent auserzählt.

Du lebst noch 105 Minuten

The Guilty

IM ZWEIFEL FÜR DEN ANRUFER

8/10

 

theguilty© 2018 Nikolaj Møller

 

LAND: DÄNEMARK 2018

REGIE: GUSTAV MÖLLER

CAST: JAKOB CEDERGREN, JAKOB ULRIK LOHMANN, MORTEN THUNBO U. A. 

 

Um einen perfekten Film zu machen braucht man (außer einem guten Buch) eigentlich nicht viel. Im Grunde sogar fast gar nichts. Eine Kamera, eine Schauspielerin oder einen Schauspieler, eine Location. Diese könnte auch nur ein Auto sein. Was man aber mit Sicherheit braucht, ist ein Telefon. Oder mehrere. No Turning Back mit Tom Hardy war so ein Film. Ein Mann in seinem Vehikel, eine Fahrt durch die Nacht. Am Hörer: alle möglichen Leute, die mit Hardys Schicksal zu tun haben werden. Die Rechnung für so ein minimalistisches Konzept, die ging damals tatsächlich auf. Auf den Dialog kommt es an. Auf einen roten Faden. Und dem Charisma des einen Schauspielers, der es schafft, trotz fehlendem Gegenüber unterschiedlichste Emotionen aus dem Ärmel zu schütteln. Hardy konnte das. Jakob Cedergren im Telefonthriller The Guilty kann das auch.

Weniger ist mehr. Den Überblick verliert man in Gustav Möllers Kammerspiel wirklich nicht. Und das ist gut so. Der dänische Knüller beweist sich als eine willkommene Abwechslung von Filmen, die sich in ihrer Ambition, ordentlich Inhalt zu kreieren, in Konfusion verlieren. The Guilty behält als filmischer Einakter einen klaren Kopf, und holt heraus, was aus seinem Potenzial herauszuholen ist, ohne prätentiös zu wirken. Die Dänen, die können das. Ihre Werke sind oft Kunststücke einer überlegten Strategie. Der Stoff, aus dem ambivalente Filme sind, die nicht zwingend Norm-Parameter erfüllen, entfaltet sich dann ganz von selbst. In The Guilty hat die Geschichte eine ganz besondere Eigendynamik. Das Erstaunliche: alles, was hier passiert, wirkt plötzlich. Man könnte meinen, The Guilty ist ein unmittelbares Dialog-Happening, fast schon eine Live-Schaltung, ein Stück Dokusoap über einen strafversetzten Polizisten, der im Innendienst Notrufe entgegennehmen muss und dann einen Anruf erhält, der den Dienstschluss um einige Zeit nach hinten verschieben wird. Am anderen Ende der Leitung: eine Frauenstimme – verzweifelt, weinerlich, angsterfüllt. Die Dame ist entführt worden. Dann, nach mehreren Calls und Backcalls wird der Fall immer klarer, und Polizist Asger immer tiefer in einen Fall hineingezogen, der seine Kompetenzen bei weitem übersteigt und der ihn auch ganz persönlich immer mehr in die Extreme treibt, ohne dabei einen kühlen Kopf zu bewahren. So zumindest scheint es.

Und dann? Dann ist The Guilty mehr ein Hörspiel als ein Film. Diese Hybriden gibt es. Hörfilme, wenn man so will. Hätten wir für Möllers Film kein Bild, würde er allerdings genauso funktionieren. Das Unsichtbare gegenüber am Telefon fasst in Worte, was wir nicht sehen und uns umso stärker vorstellen können. The Guilty entfaltet einen ganz speziellen Sog in eine imaginäre Realität im Kopf. Bei No Turning Back war das längst nicht so stark. Die zweite Ebene des Hörens und Vorstellens ist von einnehmender Gewichtigkeit, fast rückt der kahle Büroraum mit den Bildschirmen und dem Kunstlicht in immer weitere Ferne, das Hörbild übernimmt die Führung. Bis Stille einkehrt und Jakob Cedergrens grübelndes Konterfei wieder den Ist-Zustand dominiert. So switcht das filmische Experiment hin und her, hat fast schon eine interaktive Funktion. Darüber hinaus wagt sich der Thriller auch inhaltlich an einen klugen Diskurs über die Frage nach Schuldigen, Tätern und Opfern. Klar deklarieren lässt sich hier keiner der Involvierten, und wenn doch, dann ist das Spektrum des Gehörten und voreilig Gerurteiltes nur das Segment eines Ganzen, einer nachtschwarzem, verregneten Grauzone, die in beeindruckender Nuancierung narrative Kreativität entfacht, die ausladende Event-Filme manchmal kaum ansatzweise erreichen.

The Guilty