Rückkehr nach Ithaka (2024)

ZUHAUSE IST ES DOCH AM SCHÖNSTEN

6/10

 

Ralph Fiennes und Juliette Binoche als Odysseus und Penelope in Rückkehr nach Ithaka
© 2024 Piffl Medien

 

ORIGINALTITEL: THE RETURN

LAND / JAHR: USA, FRANKREICH, ITALIEN, VEREINIGTES KÖNIGREICH, GRIECHENLAND 2024

REGIE: UBERTO PASOLINI

DREHBUCH: UBERTO PASOLINI, EDWARD BOND, JOHN COLLEE, NACH MOTIVEN AUS HOMERS EPOS

KAMERA: MARIUS PANDURU

CAST: RALPH FIENNES, JULIETTE BINOCHE, CHARLIE PLUMMER, TOM RHYS HARRIES, MARWAN KENZARI, CLAUDIO SANTAMARIA, AMIR WILSON, ÁNGELA MOLINA U. A.

LÄNGE: 1 STD 56 MIN



Auch hier spielt, wie in Christopher Nolans Blockbuster, Prinzessin Nausikaa von der Phäakeninsel keine Rolle. Auch hier liegt, mehr tot als lebendig, ein von Abenteuern und Entbehrungen geschundener Körper am Strand, der zu niemandem geringerem als dem schon seit zwanzig Jahren abstinenten König von Ithaka gehört. Zu diesem Zeitpunkt weiß das aber noch niemand. Nicht mal Sohnemann Telemachos, der den reumütigen Haudegen nicht mal als seinen Vater erkennen würde, wenn er vor ihm stünde. Auch Penelope weiß nichts davon und webt weiter ihr ewiges Leichentuch für den Großvater, der auch nicht mehr lange zu leben hat.

Vor Nolan war noch ein anderer dran

Bevor nun Christopher Nolan seinen marketingtechnisch klug konzipierten und breit gefächerten IMAX-Kamera-Hype losgetreten und für die Macht des Analogen im wahrsten Sinne des Wortes eine Lanze gebrochen haben wird, hat sich zwei Jahre zuvor ein bescheidener, italienischer Autorenfilmer namens Uberto Pasolini (grandios: Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit) des Homerischen Epos angenommen und dabei jenen Teil verfilmt, der mit Odysseus‘ Heimkehr zu tun hat.

Erkennst du mich denn nicht?

The Return heisst das spartanische Werk, übersetzt: Rückkehr nach Ithaka. Stimmt schon, das Wort Ithaka lockt schon mal Freunde der Antike an. Da wissen die meisten schon: Hier wird der Bogen zwar nicht über-, aber gespannt werden, und zwar nur von einem einzigen, nämlich dem König, gehüllt in Tüchern eines Landstreichers und unkenntlich gemacht durch Bartwuchs und verfilzter Mähne.

Dass ihn Penelope aber trotzdem nicht erkennt, sich an seine Stimme nicht mehr erinnern und die Augen des Geliebten nicht mehr als die seinen identifizieren kann, mag schon in der grundlegenden literarischen Vorlage verwirren. Aber gut, mit dieser Prämisse und diesen Parametern musste auch Nolan klarkommen, der hat immerhin Penelope und Odysseus in einen erweiterten Beichtstuhl gesetzt, während die Gemahlin dem Inkognito-Reisenden die Sünden absolviert.

Das Epos gehört den Liebenden

Pasolini, der nicht mit dem großen Neorealisten Paolo Pasolini verwandt ist, stattdessen aber mit einem anderen, nämlich Luchino Visconti (ebenfalls Realist), konzentriert sich lieber auf die leidende Intensität seiner beiden Hauptfiguren. Mit Juliette Binoche als Penelope und Ralph Fiennes als Odysseus hat der Filmemacher zwei Kapazunder am Start, die in ihrer Rollenfindung aufgehen, und wodurch sich Pasolini auch leisten kann, alles in seinem Film komplett auf die beiden auszurichten.

Puristischer On Location-Anspruch

Was braucht es noch, um kostengünstiger und weniger egomanisch, trotz allem aber nicht weniger visionär ein Alternativprogramm zum Sommerblockbuster zu liefern? Vielleicht schmeckt Pasolini der Anspruch, alles on Location drehen zu wollen, genauso.

Bei ihm gibt es noch weniger Studio als bei Nolan. Er ergänzt seine Gemäuer nicht mit gezimmerten Kulissen, sondern lässt sie, wie sie sind – verfallen, verschimmelt, der Verputz blättert ab. Nichts weist darauf hin, dass es sich hierbei um ein Königreich oder gar um einen ehrwürdigen Palast handelt.

Pasolini macht Pasolini

Binoche, meist mit einem schwarzen Schleier verhüllt, der die Trauer und das Warten symbolisiert, wirkt wie aus einem Bibeldrama entnommen. Als die Version einer katholischen Heiligen geistert sie durch spärlich beleuchtete, dunkle Gewölbe. Wenn man da nicht depressiv wird. Pasolini macht es dabei seinem Namensvetter Pasolini gleich. Dieser hatte mit Das 1. Evangelium: Matthäus, einen expressionistischen und auf allen Schnickschnack verzichtenden Bibelfilm geschaffen, in harten Schwarzweißkontrasten und in einen sozialrealistischen Kontext gesetzt, den der andere Pasolini, nämlich Uberto, zwar nicht unbunt, aber ähnlich, zur Wirkung bringt.

Zu alt für diesen Scheiß

Die dramaturgische Wucht, die bisweilen bei Nolan entfesselt wird, hat Rückkehr nach Ithaka nirgendwo. Hier zählt das kontemplative, innere Ankommen und die Akzeptanz jener, die nach langem Warten gar keine Erfüllung mehr darin finden können, wenn der Ersehnte endlich anlandet. In sich gekehrt und mit nacktem Oberkörper, von der Sonne gegerbt, zerschunden und gezeichnet, probt dieser ersehnte Ralph Fiennes hier schon mal für seinen Auftritt als Knochenmann in den letzten beiden 28 Years Later-Episoden.

Von ihm geht nicht weniger Faszination aus als von Matt Damon. Fiennes ist im Gegensatz zu seinem Schauspielkollegen so richtig „zu alt für jeglichen Scheiß“ – desillusioniert und reif für den Ruhestand, ein bisschen wie Hugh Jackman als Robin Hood, gleichsam ernsthaft und grimmig, dafür aber sehnsüchtiger. Juliette Binoches Penelope ist verhärmt, verschlossen, und unterdrückt ihren Seelenschmerz. Beide also Menschen, die sich vieles zu sagen hätten, es aber nicht mehr können.

Gestelzte Theatralik

Da ist Nolans Altkönigspaar deutlich profaner, immer noch resolut und vielleicht auch kämpferisch, für ein letztes Gefecht. Der Vergleich zahlt sich aus, zumindest im Hinblick seiner Figuren. Allerdings bringt Pasolini einen zähen Rhythmus in sein sparsames Szenario – gestelzte Dialoge und unbeholfenes Auftreten erwecken den Spirit einer schulisch einstudierten Passionsgeschichte, fast wie ein kleines Fernsehspiel, das den Neo-Realismus vielleicht nur anwendet, um mangelnden Ressourcen zu kaschieren.

Die Zärtlichkeit, die Nolan nicht hatte

Das aber ist nur eine gewagte These. Die letzte Episode in Homers Epos auf das Wesentliche zu reduzieren, ist dennoch befreiend übersichtlich. Belohnt wird man am Ende mit dem wundersamen Moment einer späten Liebesgeschichte; mit einem Ehedrama, von dem nur Gesichter, Blicke und ein hölzernes Bett erzählen.

Damit schlägt Pasolini sogar die letzten Momente aus Nolans Odyssee – so eine zarte Annäherung, die in seiner Verletzlichkeit an James Ivorys Was vom Tage übrigblieb oder Eastwoods Die Brücken am Fluss erinnert, hätten auch Anne Hathaway und Matt Damon verdient. Nun, das bleibt Binoche und Fiennes vorbehalten, die sich, hoffnungsvoll und wahrhaftig, auf einen gemeinsamen Lebensabend einstellen, ohne dafür gen Westen segeln zu müssen.

Rückkehr nach Ithaka (2024)

Nowhere Special

BEREIT MACHEN ZUM LOSLASSEN

7/10


nowherespecial© 2021 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: ITALIEN, RUMÄNIEN, GROSSBRITANNIEN 2020

BUCH / REGIE: UBERTO PASOLINI

CAST: JAMES NORTON, DANIEL LAMONT, BERNADETTE BROWN, CHRIS CORRIGAN, VALENE KANE U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Mit der Einsamkeitselegie Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit hat mich der gebürtige Römer Uberto Pasolini nachhaltig beeindruckt. In diesem Meisterwerk – und das ist nicht übertrieben – lässt er Eddie Marsan nach Hinterbliebenen einsam Verstorbener suchen, während das Schicksal der Toten ihn selbst ereilt. Starker Tobak, kein erbauliches Thema, und trotz dieser Widmung für ein Tabu gelingt Pasolini eine wunderbar poetische, formvollendete Ode an die Nächstenliebe, die keineswegs für Trübsinn sorgt, sondern einfach nur enorm berührt, bewegt und erstaunt. Pasolini scheint einer jener Filmemacher zu sein, die sich dem gefälligen Trend an Themen auch nicht hingeben wollen. Er will vor allem einen Umstand betrachten, der es in Zeiten wie diesen mehr wert ist als viele andere, betrachtet zu werden: Das Füreinander.

Mit diesem Imperativ des Füreinander will Pasolini auch in seinem neuen Werk rund 8 Jahre später dem Dilemma des Allein- und Verlassenseins erneut die Stirn bieten. Diesmal aber aus einer ganz anderen Perspektive und einem ganz anderen Existenzbereich – nämlich jenem eines noch intakten familiären Gefüges aus Vater und Sohn. Zumindest sind hier zwei versammelt, die durch eine starke Bindung aus Liebe, Verantwortung und Vertrauen so schnell nichts aus der Bahn werfen kann. Dabei sei gesagt: Sohn Michael ist gerade mal 4 Jahre alt, ein süßer kleiner, recht introvertierter Bub, oftmals vor sich hin sinnierend und bei Papa all die Geborgenheit auskostend, die so ein kleiner Mensch tatsächlich braucht. Der Vater, John, gibt alles – doch wie lange noch? Wie es das Schicksal oft will, ist dieser an Krebs erkrankt und hat nicht mehr lange zu leben. Natürlich erfährt der kleine Michael davon nichts, doch diesem entgeht natürlich auch nicht, dass da irgendwas im Busch ist, wenn Papa immer mal wieder fremde Familien besucht. Warum tut er das, wird sich der Kleine wohl fragen. Ganz klar: Michael braucht neue Eltern, denn wenn John mal tot ist, hat der Kleine niemanden mehr.

Normalerweise schnürt es einem bei so etwas die Kehle zu und man bekommt kein Wort mehr heraus, weil der Frosch im Hals so groß ist. Noch dazu sieht Jungschauspieler Daniel Lamont dermaßen zum Steinerweichen aus, dass man am liebsten in den Film steigen und das Kind einfach an sich drücken will. Sich so vielen traurigen Aussichten auszusetzen – wer will das schon? Doch Pasolini ergeht sich nicht in Sentimentalitäten und hat auch überhaupt nicht vor, irgendwelche Tränendrüsen leerzudrücken. Er entwickelt einen Stil, wie ihn schon Ken Loach, der Meister des Sozialkinos, die längste Zeit souverän umsetzt – den nicht ganz nüchternen, aber objektiven Alltagsrealismus, die Draufsicht auf zwei Leben und deren Geschick, sich dem Unausweichlichen anzupassen. Die Chemie zwischen James Norton und dem kleinen Lamont stimmt, die letzten Tage und Wochen des Miteinanders verharren in einer unbekümmerten Gegenwart, anstatt sich in einer furchtvollen und verlustreichen Zukunft zu suhlen. Das macht Nowhere Special erträglich, wenngleich das gefühlvolle Drama dennoch seinen Weg findet, auf bescheidenem Wege das Herz zu berühren. Verblüffend aber, dass die Traurigkeit bei Pasolini tatsächlich von jener Art ist, die als schön empfunden werden kann. Der Schmerz eines Abschieds, verbunden mit dem Hallo eines Neuanfangs.

Nowhere Special