The Uprising – Für die Freiheit (2026)

KÖNIGRUFEN MIT SCHLECHTEN KARTEN

6,5/10


Andrew Garfield wettert in The Uprising gegen den König
© 2026 Constantin Film Verleih


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH, DEUTSCHLAND 2026

REGIE / DREHBUCH: PAUL GREENGRASS

KAMERA: VOLKER BERTELMANN

CAST: ANDREW GARFIELD, JAMIE BELL, STEPHEN DILLANE, TOM HOLLANDER, COSMO JARVIS, WOODY NORMAN, KATHERINE WATERSTON, THOMASIN MCKENZIE, JOHNNY LEE MILLER, GERALD TYLER, SKY YANG U. A.

LÄNGE: 2 STD 8 MIN



Steuern waren immer schon unbeliebt. Vor allem im Mittelalter. Wenn man die damalige Zeit der Strumpfhosen, Kettenhemden und Schwerter mit dem Eintreiben des Zehnt verbindet, denken wir alle unweigerlich an einen Kerl in grünem Linnen und Kapuze, der wie kein anderer mit dem Bogen umgehen kann und vorzugsweise im Dickicht des Sherwood Forest campt. Lasst es uns ruhig aussprechen: Sein Name ist Robin Hood.

Dessen Tod haben wir dieses Jahr schon betrauern müssen, in Michael Sarnoskis The Death of Robin Hood – einem kernig-deftigen Absolutionsabenteuer, in dem Hugh Jackman mit der Reue so seine Probleme hat, weil schließlich war er zumindest in dieser Interpretation ein gar nicht so guter Kerl.

So lebt man die Idee einer Rebellion

Paul Greengrass geht die Sache anders an. Sein Film The Uprising – Für die Freiheit ist auf den ersten Blick keine weitere Origin-Story des legendären Königs der Diebe, auch wenn das Marketing für diesen Film weltweit dafür gesorgt hat, dass alle das glauben. Andererseits lässt sich Greengrass dazu hinreißen, es seinem Zunft-Kollegen Todd Philipps nachzumachen, der mit seinem Joker-Gedankenexperiment Joker: Folie à Deux das visionäre Konzept einer antagonistischen Persönlichkeit als überall anwendbar erklärt hat.

Der Begriff Robin Hood und dessen Intention funktioniert genauso, und zwar als eine der Gesellschaft inhärente Geisteshaltung, wobei man zugeben muss, dass der Grüngewandete zwei Jahrhunderte früher existiert haben muss, zu Lebzeiten König Richard Löwenherz, der kreuzzugsmäßig verplant war und seinen Bruder John Ohneland alleine auf der britischen Insel walten ließ.

Ein zeitloses Streben nach Gerechtigkeit

Ob früher oder später: Letztendlich hat sich der Mythos bis in die Gegenwart gerettet, weil er auf zeitlose Weise für etwas eintritt, was man Gerechtigkeit und Fairness nennt im Schatten politischer Macht. Immer noch ist Robin Hood ein Good Guy, da kann Hugh Jackman noch so finster blicken.

Was machen da schon zwei Jahrhunderte, wenn einer wie Robin Hood eigentlich nicht sterben, sondern als Idee das rechtschaffene Volk durchdringen soll. Diesen Spirit erfasst auch einen wie Ploughman, fast schon ein namentlicher Platzhalter, denn Andrew Garfield, dem in Sachen gespielter Freudlosigkeit niemand das Wasser reichen kann, ist eine menschliche Variable. Einer, der aber die Schneid hat, die Schneide auszupacken, um der geldgeilen Entourage eines völlig unpässlichen Königs martialische Grenzen zu setzen.

Wir lernen Geschichte

Bald schon gerät die fiktive traurige Gestalt in den Dunstkreis des sozialkritischen Predigers John Ball (Jamie Bell) und des ehemaligen Recken Wat Tyler (Cosmo Jarvis, Shogun), womit wir nun historisch gesehen auf der sicheren Seite sind. Die beiden hat es tatsächlich gegeben, und sie traten auch im Bauernaufstand des Jahres 1381 derart in Erscheinung, dass sie in den Geschichtsbüchern hängen blieben.

Greengrass will sich damit auch nicht nachsagen lassen, ein Ridley Scott zu sein, indem er Fakten einfach verdreht und dehnt – letzten Endes tut er das aber auch, zugunsten eines Mythos. Aber bis dahin lässt die Akkuratesse in der Ausstattung und auch der Fortgang der Geschehnisse bis zu einem gewissen Punkt durchaus staunen.

Ach, diese Politiker!

Am meisten staunt man über Woody Norman, der an der Seite von Joaquin Phoenix in C‘mon C‘mon bereits Filmerfahrung gesammelt hat und als Richard II so dermaßen unangenehm berührt, dass es ein leichtes gewesen wäre, diesen Charakter in das zum Teil hassenswerte Who is Who von Westeros einzugliedern, ohne dass es groß auffällt.

Normans Interpretation des zutiefst gläubigen, eitlen und völlig von seiner Entourage dominierten Kindsmonarchen schlittert stets am Wahnsinn vorbei, und man möchte diese Figur aus ihrer dekadenten Agonie holen, was niemandem im Film wirklich gelingt.

Schulterboxend hinein ins Chaos

Diese unangenehme Berührtheit ist aber der notwendige Anker, um nicht das Interesse zu verlieren an einem chaotischen Bauern-Tsunami, den dieser fast schon gesichtslose Andrew Garfield anführt oder auch nicht. In diesem Chaos lässt es sich schwer andocken, die bei Greengrass-Filmen oftmals angewandte Wackelkamera tut dabei ihr Übriges, um das Gefühl zu vermitteln, man wäre als Reporter aus der Zukunft mit dem Smartphone dabei.

The Uprising – Für die Freiheit ist wie ein Found-Footage-Kino, das nach dem Historienepos in sich selbst sucht. Ab und an wird es fündig, und am Ende wird das Zugeständnis zum metaphorischem Kick-off im Sherwood Forest für alle Übervorteilten. Ganz schön wuchtig, ganz schön wirr.

The Uprising – Für die Freiheit (2026)

Trollhunter

MYTHEN, DIE WÜTEN

7/10

 

trollhunter1© 2011 Universal Pictures Germany

 

LAND: NORWEGEN 2011

REGIE: ANDRÉ ØVREDAL

CAST: OTTO JESPERSEN, GLENN ERLAND TOSTERUD, JOHANNA MØRCK, TOMAS ALF LARSEN U. A.

 

Was war das nicht für ein Hype rund um den Hexenhorror The Blair Witch Project? Viral Marketing par excellence, und so mancher dachte dabei wirklich, dass das gefilmte Rohmaterial authentisch ist. Ein neuer Stil war da plötzlich mehr als nur amatuerhafter Spuk, es waren diese Fake-Arrangements, die von da an das relativ zügig ausreizbare Found-Footage-Genre in die Welt des Kinos gesetzt hatten. Das mit der Wackelkamera, den gehetzten Kameraschwenks und dem permanenten Vergessen, auf der Flucht vor dem Grauen die Aufnahme zu unterbrechen, das hat sich mittlerweile schon des Öfteren in einer gewissen Redundanz verbissen. Noch mehr Laufmeter dahinziehenden Waldbodens mit Gekeuche und Gekreische aus dem Off waren danach wirklich kaum noch nötig. Irrtum – Cloverfield hat´s dem Publikum nochmal ordentlich gegeben. In Sachen Monsterhorror ein gewitzter Knüller. Und was die Amerikaner können, können die Europäer allerdings auch. Mit einer Mockumentary aus dem hohen Norden, in dessen Vorspann steif und fest behauptet wird, dieses Filmmaterial begutachtet und für echt befunden zu haben. So kann man sich in die Irre führen lassen, aber so kann man sich auch hingeben in eine alternative Realität, die so gerne möchte, dass es so mythische Wesen wie Trolle oder Zwerge tatsächlich gibt.

Gehen wir mal davon aus, es gibt sie. Oder gehen wir einmal davon aus, wir hätten nie geglaubt, dass es sie gibt, wären aber offen für stichhaltige Widersprüche – vorliegende, brisante Doku würde uns eines Besseren belehren, indem sie sich an die  Fersen eines Sonderlings heftet, irgendwo in der Unwirtlichkeit Norwegens, wo der Wald alles ist und teilweise auch so verlassen und wild wie in den entlegensten Gegenden Kanadas. Gut möglich, dass dieses Dickicht manch krypotozoologische Sensation verbirgt. Irgendwas ist da im Argen jedenfalls, so finden das drei Hobbyfilmer, die einfach so aus Neugier dem seltsamen Eremiten folgen, bis der trotz anfänglichem Widerstand klein beigibt – und geradezu bereitwillig über sein außergewöhnliches Tun als Trolljäger aus dem Nähkästchen plaudert – inklusive Feldforschung und handfesten Beispielen, wie denn so eine Trolljagd tatsächlich vonstatten geht.

Der norwegische Autorenfilmer André Øvredal hat sich da einen riesengroßen Spaß erlaubt, einen köstlichen Nerdfilm und Fantasy-Irrsinn sondergleichen, den Taika Waititi wohl nicht besser hinbekommen hätte. Sein 5 Zimmer Küche Sarg – eine Mockumentary über Alltagsvampire – ist so dermaßen überzeichnet, dass diese nur noch wenig dokumentarische Attitüden aufweist. Trollhunter zehrt ziemlich lange an der Reality-Gier des Zusehers, und setzt die Geduld der reichlich naiven Jungfilmer gehörig auf die Probe. Sie machen womöglich all die gleichen Fehler wie seinerzeit die Hexenjäger von Blair, aber diesmal haben sie wenigstens einen harten Kerl an der Seite, der mit Blitzlicht und Betonhammer auf die Pirsch geht. Dabei tut mir als eingefleischten Troll-Fan (nur echte Trolle, nichts au dem Internet) das Herz richtig weh, wenn es darum geht, diese Urviecher, die ihr Revier verlassen, allesamt erlegen zu müssen. Das muss doch nicht sein – oder doch? Zumindest darf die Menschheit niemals erfahren, dass es Trolle wirklich gibt, daher ist auch das Bildmaterial heiß begehrtes Ziel staatlicher Geheimdienste, die den Pionieren in Sachen realer Mythen und Monster ebenfalls auf den Fersen sind. Das ist spannend und kauzig, und die Ideen, die all die Spuren erklären, die diese mal befellten, mal dreiköpfigen, mal riesenhaften Knilche nun mal zwangsläufig hinterlassen, wirklich gut ausgedacht. Da sieht man Schutthaufen am Waldesrand oder Felsstürze gleich mit anderen Augen. Logisch, manches könnte ja auch ein Bär sein – aber was, wenn nicht? Øvredals Drehbuch hat da tatsächlich Hand und Fuß, und es passt verblüffenderweise wirklich vieles zusammen. Haarsträubend ist natürlich das Handeln der kleinen Menschleins angesichts dieser latenten Gefahr, die von den Riesen ausgeht, aber das ist eher wieder dem Subgenre des Slasher-Horrors entlehnt, deren Jumpscare-Benefits wohl bei aller Vernunft mager ausfallen würden. Trollhunter ist aber kein Horrorfilm; nichts, was Grauen erregt, sich aber an entdeckerfreudigem Suspense die Hände schmutzig macht, der seine Giganten gut getimt ins Bild rückt und wieder verschwinden lässt. Der weiß, wie Spannungsaufbau funktioniert, und sich das Beste und Größte bis zum Schluss aufhebt.

Es gibt ihn also vielleicht, diesen feuchten Traum aller Kryptozoologen, die sich an Nessie oder Bigfoot bereits jahrzehntelang die Zähne ausgebissen haben und vielleicht Lust auf Anderes bekommen, vielleicht mehr den Spuren frühmittelalterlicher Epen folgend, wie Beowulf und Grendel, wobei letzterer den Trollen in Øvredals Film sicherlich Pate gestanden hat. Kurzum: Trollhunter ist ein spinnertes Vergnügen zwischen Monstermuff und rettendem Sonnenlicht, trotz all der wirren Optik.

Trollhunter