Rebecca (2020)

IM DUNSTKREIS EINER TOTEN

5/10


rebecca© 2020 Netflix


LAND: USA 2020

REGIE: BEN WHEATLEY

CAST: LILY JAMES, ARMIE HAMMER, KRISTIN SCOTT THOMAS, SAM RILEY, KEELEY HAWES, ANN DOWD, BILL PATERSON U. A.

LÄNGE: 2 STD 2 MIN


Ben Wheatley schafft es einfach nicht, mich zu überzeugen. Eine Tatsache, die Ben Wheatley ziemlich egal sein kann. Der Brite kann sich auf seine Zielgruppe schon verlassen, da bin ich mir sicher. Denn einfach so, aus heiterem Himmel, wäre dieser nicht dafür verpflichtet worden, einen Klassiker neu zu verfilmen, der bereits 1940, zwei Jahre nach Veröffentlichung von Daphne Du Mauriers Roman, vom kultigsten Profil der Filmgeschichte, nämlich Alfred Hitchcock, fürs Kino adaptiert wurde. Star des Mysterydramas, das mehr andeutet, als präzise zu werden, war damals Laurence Olivier, an seiner Seite Joan Fontaine. Klarer Fall von Suspense für Hitchcock. Klarer Fall von gediegener Langeweile für Ben Wheatley.

Dabei gibt es hier im Gegensatz zu Wheatleys eher misslungenen Filmen High Rise oder Free Fire nicht wirklich etwas auszusetzen. Wirklich zu bewundern gibt es aber genauso wenig. Berauschend schön ist jedenfalls die Landschaft an der französischen Mittelmeerküste. Es ist, als befände man sich in einem Krimigemälde von Agatha Christie oder Patricia Highsmith. Jeden Moment könnte der talentierte Mr. Ripley um die Ecke flanieren. Nein, in diesem Fall ist es der geschniegelte und äußerst distinguierte Dandy Armie Hammer. Ein beachtlicher Schauspieler, das hat er in Call Me by Your Name so richtig bewiesen. Gefallen findet dieser edle Herr an der jungen, etwas unbeholfenen, aber liebreizenden Gesellschafterin ohne Namen, die später die Zweitbesetzung der legendären Mrs. De Winter werden soll. Kenner von Hitchcocks Klassiker und der Buchvorlage wissen: Rebecca, Maxime de Winters verstorbene erste Frau, kann durch nichts und niemanden ersetzt werden. Das wiederum findet Haushälterin Mrs. Danvers, die, sobald das frisch getraute Ehepaar im Herrschaftssitz Manderlay ankommt, keine Gelegenheit verstreichen lässt, diese Tatsache der jungen, impulsiven neuen Liebschaft unter die Nase zu reiben. Interessant, dass dieses romantisch-morbide Drama seine titelspendende Hauptfigur maximal in flüchtigen Tagträumen präsentiert. Rebecca ist ein Schatten der Vergangenheit, der über allem liegt. Mal zerstörerische Furie, mal eine vom Schicksal gebeutelte, arme Seele. Lily James bleibt nichts anderes übrig, als inmitten all der Rätsel und unausgesprochenen Begebenheiten neugierige Nase zu spielen. Zum Missfallen manch alteingesessener Belegschaft.

Rebecca, die siebte Verfilmung (einschließlich aller Miniserien) ist Ausstattungskino in schönen Bildern, schenkt der bezaubernden Lily James massenhaft Bühne und steckt Kristin Scott Thomas, stets mit versteinertem Antlitz, in dunkle, eng geschnürte Gewänder. Warum nicht, ist alles sehr ansprechend. Doch das Problem dabei: Rebecca ist, zumindest in adaptierter Drehbuchform (denn das Buch selbst kenne ich nicht), ein müßiges Stück salonfähiger Depression. Düstere Romantik, sturmgepeitschte Küste, mit dunklem Holz getäfelte Räume, schickes Interieur. Wirklich aufregend ist das ganze Szenario aber beileibe nicht. Vielleicht hatte Hitchcock einfach das bessere Händchen, um abstrakte Bedrohungen auch wirkungsvoll im Raum stehen zu lassen. Wheatley erstickt diese zu sehr in akkurater, farbintensiver Edeloptik, gerät dabei sehr glatt und schnörkellos wie ein Straßenmaler, der in gelerntem Manierismus täglich seine Kathedrale aufs Papier pinselt. Immer wieder. So gekonnt generisch ist diese Superreichen-Melancholie dann auch geworden.

Rebecca (2020)

After Midnight

DA IST WAS IM BUSCH

6/10


after-midnight© 2019 Drop Out Cinema


 

LAND: USA 2019

DREHBUCH & REGIE: JEREMY GARDNER

CAST: JEREMY GARDNER, BREA GRANT, HENRY ZEBROWKSI, JUSTIN BENSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 23 MIN


Wie geht der Song von Jack Johnson nochmal? Sitting, Waiting, Wishing. Ummünzen lässt sich dieser Titel so ziemlich haargenau auf den phantastisch angehauchten Südstaatenstreifen des Autorenfilmers Jeremy Gardner, der After Midnight sowohl geschrieben, inszeniert und mit sich selbst in der Hauptrolle auch besetzt hat. Filmemacherherz, was willst du mehr! Was dabei herausgekommen ist? Etwas recht Kauziges und durchaus Mysteriöses. Dabei wäre das kleine Filmexperiment nicht mehr und nicht weniger die Beziehungsgeschichte einer Langzeitpartnerschaft, die kurz dafür stünde, in eine zumindest aus weiblicher Sicht lang ersehnte Vermählung überzugehen. Haus- und Barbesitzer Hank, freiheits- und naturliebend und ab und an auch Rotwild jagend, macht keinerlei Anstalten, die Zweisamkeit ins nächste Level zu heben. Ihm geht’s ja gut, er vermisst schließlich nichts. Freundin Abby allerdings schon – und verschwindet von einem auf den anderen Tag. Zumindest ein Post-it hat sie hinterlassen: Auf dass sie bald wiederkommen wird. Nur wann, ist unklar. Und seit Abby weg ist, passieren seltsame Dinge des Nächtens rund ums Haus, in dem Mann sich, weitab von dörflichen Umtrieben, ziemlich einsam vorkommt. Und gefährdet, denn da ist was im Busch, ein monströses Etwas. Und es will ins Haus, schabt an der Tür, jede Nacht. Hank, die Couch vor die Tür geschoben und bewaffnet mit einer Pumpgun, will dem Untier auf die Schliche kommen. Wie sich aber herausstellen wird, ist das monströse Etwas nichts, was in den Tierbüchern steht…

Ein Horrorfilm ist After Midnight keiner, sondern vielmehr ein lakonisches Zusammentreffen zweier Ereignisse, die erstmal, so wie es scheint, überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Denn wie könnte ein Monster schon mit Abbys Abwesenheit in Verbindung stehen? Es beginnt ein nächtliches Mysterienspiel aus Neugier, Gänsehaut und kryptozoologischen Nachforschungen, die kaum Licht in die Sache bringen. Gardner spinnt seinen müßiggängerischen Filmtraum, in dem viel getrunken, an Türen gekratzt und schönen Zeiten nachgehangen wird, zwischen den Bartflechten der Sumpfzypressen bis zu den abblätternden Türzargen eines äußerlich verfallenen Hauses, den Horrorfilmer als Bühne dankbar annehmen würden. Doch interessanterweise will Gardner sein Publikum nicht zwingend gruseln. Er will die Parameter von Liebe und Zweisamkeit in eine raubtierhafte Sommernachts-Allegorie transportieren, indem sich Ist-Zustände, die im Argen liegen, manifestieren müssen, um wahrgenommen zu werden. Kreativ zwar, keine Frage, und garantiert nur etwas für Seher, die vorbehaltlos in einen Film gehen, denn sowohl Fans des phantastischen Kinos als auch Liebhaber diverser Beziehungskisten könnten an diesem Genre-Spagat durchaus so Manches vermissen. Ein bisschen hängt After Midnight daher im Nirgendwo, mag sich nicht fügen und auch nicht erklären, bleibt fast bis zuletzt in lethargischer Ruhe vor einem Sturm, der zu erwarten wäre, jede Minute des Films. Das Unterwandern der Erwartung ist fast schon fies, irgendwie aber auch eine Provokation in einem gewohnten Miteinander aus Film und Filmfan.

After Midnight

Feuerwerk am helllichten Tage

DER WÄRMENDE MANTEL DES SCHWEIGENS

7,5/10

 

feuerwerk-hellichter-tag© 2014 Weltkino

 

LAND: CHINA, HONGKONG 2014

REGIE: DIAO YINAN

CAST: LIAO FAN, GWEI LUN MEI, XUE-BING WANG, JING-CHUN WANG, AILEI YU U. A. 

LÄNGE: 1 STD 46 MIN

 

Ich weiß nicht genau, was es ist, aber Chinas Filmwelt ist neben historischem Ausstattungspomp unter anderem auch ein Spezialist dafür, melancholische Kriminaldramen zu erzählen. Wie macht es das? Und vor allem: wieso funktioniert das so gut, obwohl die Tempi der Geschichten aufs Notwendigste gedrosselt werden und der Kriminalfall als solcher mehr als ungeöffnete Büchse der Pandora im Hintergrund die Zeiten überdauert, während im Vordergrund menschliche, insbesondere zwischenmenschliche Dramen von Obsession, angeknackster Psyche und autoaggressiver Treue erzählen? Das sind haargenau jene Zutaten, die einen Film Noir erst so richtig sehenswert machen. Der beste seines Genres für mich: Der dritte Mann von Carol Reed, expressionistisch und innovativ, ein Nachkriegsfilm voller ramponierter Seelen und vieler Geheimnisse.

Feuerwerk am helllichten Tage erzeugt eine ähnliche Faszination, allerdings eindeutig rezenter, weniger abstrakter, aber die Zutaten stimmen: Regisseur Dao Yinan erzählt ein tragisches, diffuses Epos mit langem Atem, der sichtbar wird, wenn der Film druch die Wintermonate trägt. Im Zentrum ein Kommissar, der in dürrenmatt´scher Obesssion wie Kommissar Bärlach in Das Versprechen (eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe) einem Mordfall auf die Spur kommen will. Anfangs scheint es nämlich so, als könnten die vielen Puzzleteile noch zueinanderfinden. Und das sind sie, im wahrsten Sinne des Wortes, denn die Leiche, die gefunden wird, ist zerstückelt und per Güterwaggons in alle Himmelsrichtungen der Stadt verteilt worden. Wie es das Schicksal aber will, werden wie durch Zufall all jene mundtot gemacht, die vielleicht etwas wissen könnten. Und da gibt es noch die junge Frau namens Wu, die Witwe des Ermordeten. Die aber nicht nur ihn, sondern auch schon einen anderen Liebhaber auf gewaltsame Weise verloren hat. Eine Männermörderin? Kommissar Zili geht der Sache nach – und kommt nicht mehr los von diesem unlösbaren Mysterium und genauso wenig von der aparten Schönheit, die als Verdächtige gilt.

Die Taiwanesin Kwai Lun-Mei ist eine unnahbare und gerade durch diese Attitüde faszinierende Gestalt. Liao Fan, der bereits in Asche ist reines Weiß seine Männlichkeit und seine Sicht auf die Welt eines mutigen Frauenbildes hinterfragen musste, liefert als grummeliger, obszöner und gleichzeitig leidenschaftlicher Inspektor außer Dienst, der diesen seinen Fall noch unbedingt lösen muss, eine wunderbar ergänzende, intensive Performance ab. In diesem entschleunigten Rhtythmus kann sich eine hochkomplexe, detailverliebte Geschichte wie diese bestens entfalten. Feuerwerk am helllichten Tage (ja, dieser Titel ist nicht nur so daherpoetisiert) erzählt von Mitschuld, Manie und Selbstaufgabe. Die Protagonisten sind, wie für einen Film Noir, allesamt und auf gewisse Weise traumatisiert, ein Opfer ihrer Pflicht und ihres verbissen gelebten Alltags. Identifikationen sind sie keine, dafür aber tastet sich das Genre des Kriminalfilms weg von der Plakativität des Ermittelns und Erhaschens. Hin zu einer balladenhaften Schwermütigkeit ohne eine Spur von Selbstmitleid. Dafür aber mit dem Stolz des verträumten Verlierers.

Feuerwerk am helllichten Tage

Der geheime Roman des Monsieur Pick

ZU GUT VERFASST, UM WAHR ZU SEIN

7/10

 

dergeheimeromanpick© 2019 Neue Visionen

 

LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: RÉMI BEZANÇON

CAST: FABRICE LUCHINI, CAMILLE COTTIN, ALICE ISAAZ, BASTIEN BOUILLON, JOSIANE STOLÉRU, HANNA SCHYGULLA U. A.

 

Abgelehnt! Und wieder: Abgelehnt! Kein Schreiberling, der so eine Abfuhr zum eigenen Werk nicht irgendwann mal ertragen hat müssen, da nehme ich mich gar nicht aus. Die meisten der Verlage antworten gar nicht, da landet das Script in der Rundablage, aus der es nicht mehr herauskommen will. Wenige antworten dann doch, mit einem Standardsatz auf dem firmeneigenen Briefpapier, mit Floskeln wie: und viel Erfolg weiterhin! Ganz wenige schreiben, dass das Werk durchaus gewinnende Ansätze haben könnte, allein das Genre ist keines, womit sich das Haus identifizieren kann. Also bitte, dann doch lieber on Demand. Aber wer macht dann die Werbung?

Über diese postalischen oder telefonischen Körbe, die künstlerische Karrieren im Keim ersticken, hat sich der französische Filmemacher Rémi Bezançon (u. a. Cest la vie – So sind wir, so ist das Leben) so seine Gedanken gemacht. Was, wenn all diese Verlage in ihrer Beurteilung literarischer Qualitäten doch nicht so unfehlbar sind? Wie lässt sich das am Klügsten entlarven? Mit einer ganz eigenen Bibliothek, nämlich jener der abgelehnten Werke. Die gibt es, irgendwo in der Bretagne, im Hinterzimmer einer Provinzbücherei, also zumindest gibt es die in der investigativen Literaturkomödie Der geheime Roman des Monsieur Pick. Da kann man als Normalsterblicher oder auch als Verlagsagent einfach hingehen und sich durch obskure Titel ackern – um vielleicht doch auf ein unerkanntes Juwel zu stoßen. Genau das ist der ehrgeizigen Verlegerin Daphné passiert, die anscheinend den Roman des Jahrzehnts entdeckt, verfasst von einem gewissen Monsieur Henri Pick, der allerdings nicht mehr unter den Lebenden weilt und von dem selbst die eigenen Hinterbliebenen verblüffte Gesichter machen ob der Erkenntnis, dass der Hingeschiedene schriftstellerische Ambitionen gehabt hätte. Der war doch Pizzabäcker, wann hätte der denn schreiben sollen? Doch anscheinend ist das passiert, und der veröffentlichte Roman macht Henri Pick posthum zum großen Faktor X der Literaturszene. Nur einer kann das nicht ganz glauben – Literatur- und Fernsehkritiker Rouche, welcher dem Bestseller-Phänomen auf eigen Faust auf den Grund gehen will.

Marcel Reich-Ranicki hätte womöglich seine Freude an diesem Film gehabt, der auch so etwas Ähnliches wie das literarische Quartett als Startschuss für die folgenden Nachforschungen hernimmt. Fabrice Luchini ist zwar längst nicht so verschroben wie Reich-Ranicki es war, dafür aber ist sein Literatur-Ermittler zwischen Anchorman der Kultur und skeptischem Intellektuellen mit ausreichend Sinn für Polemik eine liebevoll distinguierte Erscheinung. Höflichkeit kommt vor dem Rauswurf, Beharrlichkeit vor dem Erkennen plausibler Ungereimtheiten. Das geheime Buch des Monsieur Pick ist ein pointierter Bücherkrimi gar nicht mal ohne Todesfall, ein triezender, durchaus subversiver Angriff auf Medien und inszenierte Hypes, jedoch immer vorwiegend zuvorkommend, wie ein taktischer Journalist, der sein Gegenüber diskret zu manipulieren weiß.

Leider nur gelingt Regisseur Bezançon nicht der eleganteste Absprung vom Elfenbeinturm moderner Mythenbildung, das Ende wirkt übers Knie gebrochen, als hätte man die vorletzten, nicht die letzten Seiten eines guten Buches aus einer Gier nach einem guten Ende heraus übersprungen. Dennoch – das französische Kino hat mit diesem Werk wiedermal was feingeistig Komödiantisches auf Lager, dass seinen Witz aus den Worten zieht und dem Beachtung schenkt, was zwischen den Zeilen verweilt.

Der geheime Roman des Monsieur Pick

The Farewell

DUMM GESTORBEN IST LÄNGER GELEBT

8/10

 

farewell© 2019 A24_DCM

 

LAND: USA 2019

REGIE: LULU WANG

CAST: AWKWAFINA, TZI MA, DIANA LIN, ZHAO SHUZHEN, LU HONG, JIANG YONGBO U. A. 

 

Wie gut, dass Oma Nai Nai eine Schwester hat. Sonst wäre sie selbst vor vollendeten Tatsachen gestanden – nämlich, dass sie Krebs hat, und zwar im Endstadium. Solche Nachrichten sind erschütternd, fast schon wie der Teaser zur eigenen Hinrichtung. „Sie haben nur noch wenig zu leben, regeln Sie ihre Dinge, bringen Sie alles zu Ende“. Mit so einer ähnlichen Message wurde damals meine Großmutter ins restliche Leben entlassen. Nai Nais Schwester hier in diesem Film hat das abgefangen. Nai Nai weiß von nichts – alle anderen schon. Im Grunde die ganze Familie, und auch Enkelin Billi, die mit ihren Eltern in den USA lebt, erfährt davon. Es tanzen also alle an, mit dem Vorwand, die Hochzeit von Enkel Hao Hao zu feiern, der seine Flamme erst drei Monate kennt. Die Frage, ob das nicht zu früh sei, stellt sich keiner. Viel eher aber jene, wie denn der Oma gutgelaunt gegenübertreten, nach einer Erkenntnis wie dieser für selbige? Anscheinend ist es in China üblich, die letzte Zeit eines Lebens für Schwerkranke insofern zu erleichtern, indem man ihnen vorenthält, was wirklich Sache ist. Natürlich: was ich nicht weiß macht mich nicht heiß – oder traurig. Aber ist das nicht eine Lüge? Ist das nicht moralisch verwerflich, wenn man erst mit der Wahrheit herausrückt, wenn das Unausweichliche selbst für den Betroffenen unübersehbar ist?

Wäre meiner Großmutter diese Nachricht mit anderen Worten oder vielleicht gar nicht übermittelt worden, hätte sie vielleicht länger gelebt. Auch in diesem extrem liebevollen, kuschelwarmen und gänzlich unpathetischen Familienfilm The Farewell ist es, so wird zitiert, vielmehr die Angst im Kopf das, was den Menschen viel eher lähmt und aufgeben lässt als die Krankheit selbst. Wäre das nicht die bessere Form des Umgangs? Den oder die Erkrankte eben nicht vorzeitig geistig sterben zu lassen? Wenn es kommt, dann kommt es ohnehin. Also dann doch lieber dumm als furchtvoll dahingehen. Mit diesen Gedanken meistern die meisten der ganzen großen Familie von Oma das Unterfangen, vorzugeben, so glücklich wie noch nie zu sein. Die Sache klingt absurd? Dennoch ist es eine Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht, und eine bemerkenswert entspannte Tonart an die vermeintlich letzten Tage legt.

Filme übers Sterben, die sind meist superschweres Betroffenheitskino. Nicht aber The Farewell. Es geht auch anders, beweist dieses Kleinod mit Schauplatz China, Kandidat auf dem Sundance-Festival und Golden Globe-Gewinnerfilm für Hauptdarstellerin Awkwafina. Die Komikerin, Sängerin und Schauspielerin mit dem unaussprechlichen Namen (zuletzt aufgefallen in Jumanji – The Next Level) lässt ihre Filmfigur zwischen lakonischem Humor, Sehnsucht nach der Kindheit und übermannender Traurigkeit einen ganzen Tidenhub an Emotionen verspüren. Dennoch lässt sie ihren eigentlichen authentischen Charakter nicht außen vor, der angenehm natürlich und in seinem Empfinden von Glück und Melancholie ernüchternd trocken daherkommt, fast schon trotzig. Zwischen all diesen Höhen und Tiefen, die bei diesem langen, langen Abschied, der sich über mehrere Tage hinzieht (und Oma einfach nicht checkt, was Sache ist) und fast alle Familienmitglieder heimsucht, wird ganz viel und vor allem entschleunigt gegessen und getrunken. Das erinnert stark an Ang Lees Eat Drink Man Woman. Und so wie das taiwanesische Meisterwerk kostet auch The Farewell von allem möglichen, was Familien so eigen ist und was diese Art der Gemeinschaft erst so richtig ausmacht. Das ist berührend, volksphilosophisch und überraschend zuversichtlich. Warum? Weil Oma die einzige zu sein scheint, die wirklich glücklich ist. Das erzeugt eine gedankliche Wende im Kopf des Betrachters, das lässt ihn anders über das Ende nachdenken, ob es vielleicht doch möglich wäre, andere, vielleicht radikalere Schritte zu setzen, die Abschiede erleichtern und Wehmut zu Energie umwandeln können, wie Billi es am Ende des Films dann auch noch schafft. Mit einem lauten Ha! Wer hätte das gedacht, so aus einem stereotypen Schicksal herauszukommen und neue Paradigmen zu kreieren?

The Farewell

We Have Always Lived in the Castle

GESCHWISTER ÜBER ALLES

5/10

 

alwayslivedcastle© 2019 Kinostar

 

LAND: USA 2018

REGIE: STACIE PASSON

CAST: TAISSA FARMIGA, ALEXANDRA DADDARIO, SEBASTIAN STAN, CRISPIN GLOVER, PETER COONAN U. A.

 

Dieses Setting kommt mir irgendwie bekannt vor: Auf einem Hügel ein herrschaftliches Gemäuer, drum herum eine Kleinstadt, bevölkert von Leuten, die dem Schloss da oben nicht wirklich wohlgesinnt sind. Da gäbe es zum Beispiel die von Charles Addams ersonnene Familie gleichen Namens, die über alle gängigen Sozialformen erhaben ist und sich so verhält, wie ihr Eigensinn eben gewachsen ist, und in welche Richtung er auch steuert. Spooky sind sie obendrein. Und vor allem eines: durchaus komisch. Die beiden Geschwister aber, die in vorliegendem Film das immobile Erbe ihrer Eltern hüten, sind weit davon entfernt, irgendeinen Gefallen an ihrer Situation zu finden. Zumindest vorerst nicht. Denn das Anwesen war Schauplatz eines Giftmords. Die Opfer: beide Eltern. und ja, auch der Onkel, der aber knapp überlebt hat und seitdem im Rollstuhl sitzt. Obendrein wohnt der noch mit seinen Nichten unter einem Dach und gibt sich traumatisierter und durchgeknallter als die beiden Stammhalterinnen selbst.

Davon ist eine sehr daran interessiert, den Schein eines perfekten Lebens zu wahren, nach guter alter Hausfrauenart aus der Waschmittelwerbung. Die andere macht einen auf Hexe, erntet Kräuter, vergräbt Dinge unter der Erde. Will verfluchen und Flüche bannen. Wenn ihr mich fragt: ich würde mich diesem düsteren Wohnsitz wohl auch nicht nähern, weil Halbwissen oftmals zu Gerüchten führt, und Gerüchte zu Jahrzehnte überdauernden Legenden werden. Ich hätte mich dem Spuk im Hill House aber auch nicht ausgesetzt. Kenner des Filmes aus den 60er Jahren – Bis das Blut gefriert – und der aktuellen Serie auf Netflix würden wissen, was sie erwartet. Beides – We have always lived in the Castle und Bis das Blut gefriert – sind Werke aus der Feder von Shirley Jackson. Eine Art weiblicher Edgar Allan Poe, nur vielleicht romantischer, bürgerlicher, auf eine gediegene Art schauriger, während Poe in seinen Werken stets einer Schrecklichkeit zusteuert, aus der es kein Entrinnen gibt.

Ich könnte mir We have alyways lived in the Castle gut als Schwarzweiß-Produktion vor vielen Jahrzehnten vorstellen. Jean Crawford, Bette Davis in jüngeren Jahren, hausend in verfluchten vier Wänden. Rätselhafter Suspense in Reinkultur. Den lässt die aktuelle Verfilmung fast zur Gänze vermissen. Gibt es wenigstens mehr Mystery? Stimmungen, die so in ihren Bann ziehen, dass man nicht wegsehen kann? Wohl eher nicht. Aus Shirley Jacksons Vorlage wird ein hemdsärmeliger, etwas steifer Gesellschaftskrimi, der mehr an Agatha Christie erinnert, wobei aber die Suche nach dem Unheilvollen, nach den Tätern, sollte es solche geben, nicht vorrangig verfolgt, sondern sich ganz auf seine Schwestern konzentriert, die aber aneinander vorbeispielen. Alexandra Daddario wird natürlich ihrer Rolle gerecht und gibt sich unglaublich maskenhaft, wie eine der Frauen von Stepford. Das schafft aber auch Distanz. Die buckelnde Taissa Farmiga (unübersehbar die Schwester von Vera Farmiga) hingegen bleibt so richtig undurchschaubar, sie ist die Erzählerin aus dem off gleichermaßen und das Zentrum des Geschehens. Die übrigen Figuren bleiben schemenhaft, Was dahintersteckt, lässt sich bald erahnen, lässt aber aufgrund dieser eher gestelzten Inszenierung die Neugier außen vor. Der Thriller mit behändem Eskalationsfaktor will zwar geheimnisvoll sein, will vielleicht auch über Urban Legends und ihre Opfer philosophieren, verschenkt aber sein Potenzial an dem Anspruch, sich von Gothic-Stilmitteln allzu sehr loszulösen. Da wäre ein tieferer Griff in die durchaus gern verstaubte Trickkiste klassischer Stimmungsmacher durchaus ratsam gewesen.

We Have Always Lived in the Castle

The Good Liar – Das alte Böse

WER EINMAL LÜGT, DEM GLAUBT MAN NICHT

4/10

 

thegoodliar© 2019 Warner Bros. GmbH

 

LAND: USA 2019

REGIE: BILL CONDON

CAST: HELEN MIRREN, IAN MCKELLEN, RUSSEL TOVEY, JIM CARTER, JOHANNES HAUKUR JOHANESSON U. A.

 

Ich hätte nie gedacht, dass der integre, weise, knollennasige Gandalf zu so etwas fähig wäre: nämlich zu lügen wie gedruckt. Er sieht ja auch viel zu treuherzig aus, aber Vorsicht: man soll nie einen Menschen nach seinem Äußeren beurteilen. Ian McKellen, der sieht tatsächlich schon sehr knuddelig aus, fast schon wie seinerzeit Walter Matthau. Dessen Hängebacken waren legendär, aber auch Matthau war zuletzt ein richtiger Grumpy Old Man. Ian McKellen ist – ohne wallendem weißen Haar, Rauschebart und Zauberhut – ein gewinnender älterer Herr, der scheinbar überhaupt nichts Böses will. Seine kleinen wässrigen Augen blicken gütig, er ist ganz Gentleman, vor allem Damen gegenüber, und insbesondere Helen Mirren, die beim ersten Date der beiden ganz die diskrete feine Dame gibt und fast ein bisschen wie die Queen mit verschmitztem Understatement punktet. Wir wissen natürlich: der Schein trügt hier gewaltig, auf beiden Seiten, so schmeichelnd, süßlich und zuvorkommend die beiden auch sind. Der Film würde nicht The Good Liar – Das alte Böse heißen (der deutsche Zusatztitel ist ein bisschen bärbeißig, aber gut), würden Mirren und McKellen sich nicht gegenseitig gehörig auf die Seife steigen lassen.

Und ja, anfänglich macht es Spaß, den beiden zuzusehen. Und der beste Moment ist wohl der, wenn Ian McKellen mit sich alleine ist, ganz inkognito, und aus dem gütigen Opa-Blick plötzlich ein finsteres „Gschau“ wird, inklusive abschätziger, arroganter Mundhaltung. Gut gemimt, keine Frage. McKellen weiß, Theater zu spielen. Und selbiges vorzuspielen. Ob aber Helen Mirren etwas im Schilde führt, bleibt lange unklar. In diesem Punkt erreicht The Good Liar doch einige Momente dezenten Suspense, in gepflegter pensionsbedingter Gemütlichkeit, obwohl Altsein allein nicht zwingend heißt, nichts mehr auf dem Kerbholz zu haben.

Dann aber ganz plötzlich weiß The Good Liar einfach nicht mehr weiter. Bill Condon, der mit Mr. Holmes jetzt nicht gerade für den cineastischen Bringer in Sachen Sherlock Holmes gesorgt hat, der hat sich meiner Meinung nach mit der literarischen Vorlage zu seinem aktuellen Film gehörig vergriffen. Der Roman von Nicholas Searle ist nur bedingt empfehlenswert. Der Plot nimmt eine Wendung, die ungefähr so aufgesetzt wirkt wie die pflichtbewusste Sonntagseinladung der lamentierenden Schwiegermama am Muttertag. The Good Liar fühlt sich an, als wären zwei Geschichten fragmentarisch vorhanden, die aber unbedingt entweder einen Anfang oder ein Ende brauchen. Natürlich auch mit Story-Twist, denn ein Thriller ohne solchen ist kein Thriller mehr, der Rest wäre dann allzu vorhersehbar. Schön und gut, wenn beide Geschichten zusammenpassen würden. Das überkonstruierte Schicksal der beiden Altvorderen jedoch ist weder glaubwürdig noch authentisch oder ernsthaft nachvollziehbar. Das, so vermute ich, liegt sicher an der literarischen Vorlage, und ein Film dazu macht es nicht besser.  Interessant dabei ist, dass beide Darsteller – Mirren und McKellen – nur schwer die unwillkürlich aufgebrummten Aufgaben ihrer Filmfiguren stemmen können. Als hätten sie selbst nicht gewusst, was auf sie zukommt. Und darauf verzichtet, ihre Charaktere dem Plot entsprechend neu zu orientieren. Nun, das hätten sie schon zu Beginn machen sollen, aber der Beginn des Films, der versprach etwas ganz anderes. Und der hätte diesen bedeutungsschweren Überbau über Schuld, Verjährung und Rache überhaupt nicht nötig gehabt. Lieber einfach ganz charmant hinters Licht führen, ohne die Welt zu bewegen. Das hätten die augenzwinkernden Psychoduelle der beiden zwischen Kaffeekränzchen, Schlummertrunk und galantem Türaufhalten schon vollauf erfüllt.

The Good Liar – Das alte Böse

Trollhunter

MYTHEN, DIE WÜTEN

7/10

 

trollhunter1© 2011 Universal Pictures Germany

 

LAND: NORWEGEN 2011

REGIE: ANDRÉ ØVREDAL

CAST: OTTO JESPERSEN, GLENN ERLAND TOSTERUD, JOHANNA MØRCK, TOMAS ALF LARSEN U. A.

 

Was war das nicht für ein Hype rund um den Hexenhorror The Blair Witch Project? Viral Marketing par excellence, und so mancher dachte dabei wirklich, dass das gefilmte Rohmaterial authentisch ist. Ein neuer Stil war da plötzlich mehr als nur amatuerhafter Spuk, es waren diese Fake-Arrangements, die von da an das relativ zügig ausreizbare Found-Footage-Genre in die Welt des Kinos gesetzt hatten. Das mit der Wackelkamera, den gehetzten Kameraschwenks und dem permanenten Vergessen, auf der Flucht vor dem Grauen die Aufnahme zu unterbrechen, das hat sich mittlerweile schon des Öfteren in einer gewissen Redundanz verbissen. Noch mehr Laufmeter dahinziehenden Waldbodens mit Gekeuche und Gekreische aus dem Off waren danach wirklich kaum noch nötig. Irrtum – Cloverfield hat´s dem Publikum nochmal ordentlich gegeben. In Sachen Monsterhorror ein gewitzter Knüller. Und was die Amerikaner können, können die Europäer allerdings auch. Mit einer Mockumentary aus dem hohen Norden, in dessen Vorspann steif und fest behauptet wird, dieses Filmmaterial begutachtet und für echt befunden zu haben. So kann man sich in die Irre führen lassen, aber so kann man sich auch hingeben in eine alternative Realität, die so gerne möchte, dass es so mythische Wesen wie Trolle oder Zwerge tatsächlich gibt.

Gehen wir mal davon aus, es gibt sie. Oder gehen wir einmal davon aus, wir hätten nie geglaubt, dass es sie gibt, wären aber offen für stichhaltige Widersprüche – vorliegende, brisante Doku würde uns eines Besseren belehren, indem sie sich an die  Fersen eines Sonderlings heftet, irgendwo in der Unwirtlichkeit Norwegens, wo der Wald alles ist und teilweise auch so verlassen und wild wie in den entlegensten Gegenden Kanadas. Gut möglich, dass dieses Dickicht manch krypotozoologische Sensation verbirgt. Irgendwas ist da im Argen jedenfalls, so finden das drei Hobbyfilmer, die einfach so aus Neugier dem seltsamen Eremiten folgen, bis der trotz anfänglichem Widerstand klein beigibt – und geradezu bereitwillig über sein außergewöhnliches Tun als Trolljäger aus dem Nähkästchen plaudert – inklusive Feldforschung und handfesten Beispielen, wie denn so eine Trolljagd tatsächlich vonstatten geht.

Der norwegische Autorenfilmer André Øvredal hat sich da einen riesengroßen Spaß erlaubt, einen köstlichen Nerdfilm und Fantasy-Irrsinn sondergleichen, den Taika Waititi wohl nicht besser hinbekommen hätte. Sein 5 Zimmer Küche Sarg – eine Mockumentary über Alltagsvampire – ist so dermaßen überzeichnet, dass diese nur noch wenig dokumentarische Attitüden aufweist. Trollhunter zehrt ziemlich lange an der Reality-Gier des Zusehers, und setzt die Geduld der reichlich naiven Jungfilmer gehörig auf die Probe. Sie machen womöglich all die gleichen Fehler wie seinerzeit die Hexenjäger von Blair, aber diesmal haben sie wenigstens einen harten Kerl an der Seite, der mit Blitzlicht und Betonhammer auf die Pirsch geht. Dabei tut mir als eingefleischten Troll-Fan (nur echte Trolle, nichts au dem Internet) das Herz richtig weh, wenn es darum geht, diese Urviecher, die ihr Revier verlassen, allesamt erlegen zu müssen. Das muss doch nicht sein – oder doch? Zumindest darf die Menschheit niemals erfahren, dass es Trolle wirklich gibt, daher ist auch das Bildmaterial heiß begehrtes Ziel staatlicher Geheimdienste, die den Pionieren in Sachen realer Mythen und Monster ebenfalls auf den Fersen sind. Das ist spannend und kauzig, und die Ideen, die all die Spuren erklären, die diese mal befellten, mal dreiköpfigen, mal riesenhaften Knilche nun mal zwangsläufig hinterlassen, wirklich gut ausgedacht. Da sieht man Schutthaufen am Waldesrand oder Felsstürze gleich mit anderen Augen. Logisch, manches könnte ja auch ein Bär sein – aber was, wenn nicht? Øvredals Drehbuch hat da tatsächlich Hand und Fuß, und es passt verblüffenderweise wirklich vieles zusammen. Haarsträubend ist natürlich das Handeln der kleinen Menschleins angesichts dieser latenten Gefahr, die von den Riesen ausgeht, aber das ist eher wieder dem Subgenre des Slasher-Horrors entlehnt, deren Jumpscare-Benefits wohl bei aller Vernunft mager ausfallen würden. Trollhunter ist aber kein Horrorfilm; nichts, was Grauen erregt, sich aber an entdeckerfreudigem Suspense die Hände schmutzig macht, der seine Giganten gut getimt ins Bild rückt und wieder verschwinden lässt. Der weiß, wie Spannungsaufbau funktioniert, und sich das Beste und Größte bis zum Schluss aufhebt.

Es gibt ihn also vielleicht, diesen feuchten Traum aller Kryptozoologen, die sich an Nessie oder Bigfoot bereits jahrzehntelang die Zähne ausgebissen haben und vielleicht Lust auf Anderes bekommen, vielleicht mehr den Spuren frühmittelalterlicher Epen folgend, wie Beowulf und Grendel, wobei letzterer den Trollen in Øvredals Film sicherlich Pate gestanden hat. Kurzum: Trollhunter ist ein spinnertes Vergnügen zwischen Monstermuff und rettendem Sonnenlicht, trotz all der wirren Optik.

Trollhunter

Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen

DER LANGEN REDE KURZER ZAUBER

5/10

 

grindelwald© 2000-2018 Warner Bros.

 

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: DAVID YATES

DREHBUCH: JOANNE K. ROWLING

CAST: EDDIE REDMAYNE, KATHERINE WATERSTON, DAN FOLGER, JOHNNY DEPP, JUDE LAW, EZRA MILLER, ZOË KRAVITZ U. A.

 

Das muss man Joanne K. Rowling einmal nachmachen – nämlich einen dermaßen zielgenauen Treffer zu landen, was den Geschmack des lesefreudigen Bürgertums betrifft. Phantastische Literatur ist sicherlich nicht jedermanns Sache, eine Welt wie die von Harry Potter hingegen schon. Das liegt vor allem daran, dass die ehemalige Englischlehrerin, die schon von Kindesbeinen an das Schreiben für sich entdeckt hatte, Charaktere erschuf, die in die eigene Kindheit des jeweiligen Lesers zurückführen und das Erwachsenwerden als magische Challenge interpretieren. In einem dualistischen Universum, wo das Böse schleichend und nicht immer wahrnehmbar ist, das Gute oft ins Grau chargiert und Geheimnisse lange gehütet werden. Dieses Universum wird jenseits der auserzählten Geschichte über den Jungen mit der Narbe auf der Stirn mittlerweile als Wizarding World bezeichnet. Rowling ließ ja unmissverständlich verlauten, dass mit Den Heiligtümern des Todes die Ereignisse um den Waisenjungen auserzählt seien – mit Ausnahme eines als ergänzenden Band angelegten Theaterstückes – Harry Potter und das verwunschene Kind (auch unaufgeführt absolut lesenswert). Das Kino liebäugelt da wohl mehr mit der Zeit vor dem Unheil, das nicht genannt werden darf. Um genau zu sein: rund 70 Jahre vor den uns allen wohlbekannten Ereignissen, die man immer und immer wieder lesen kann.

Ein gewisser Newt Scamander, der in Harry Potter und der Stein der Weisen namentlich erwähnt wird, reist mit einem Koffer nach New York, in geheimer Mission, wie es scheint. Und der eine ganze Menagerie an sonderbaren Kreaturen über den Atlantik schleust, die ihm dann auch teilweise entfleuchen. So ein animalisches Fangenspiel wäre für eine so komplexe Welt wie die des Harry Potter eindeutig zu wenig. Auch Übersee hat ein Zaubereiministerium voller Auroren, die einem Obskurus auf der Spur sind – der negativen Energie eines Zauberers, dessen magisches Handeln verboten wird. So viel zu Teil eins, Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind. Und ich rate tunlichst, vor Sichtung des eben erschienen zweiten Teils der Prequel-Reihe den Erstling dringend nachzuholen, sofern hier noch Unkenntnis herrscht. Bei Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen quer einzusteigen mag zwar durchaus machbar sein, führt aber zu noch mehr Konfusion, als diese ohnehin auf das vorab informierte Publikum hereinbricht. Schauplatz ist diesmal nämlich London und Paris, und neben dem ausgebüxten Grindelwald gilt es, dem rätselhaften Obscurus namens Credence Barebone habhaft zu werden. Warum gerade der schrullige Newt Scamander darauf angesetzt wird, weiß nur der junge Dumbledore. Im Grunde ist es so, als würde man Charles Darwin darum bemühen, geheimdienstlich aktiv zu werden. Ich würde da jemand anderen wählen, aber bitte – jedem seinen Nervenkitzel.

Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen allerdings ist ein überlanges, wenig nervenaufreibendes Szenario mit natürlich allerlei Schauwerten. Die diesmal spärlicher eingestreuten Kreaturen – allen voran ein Fuchur-ähnlicher Glücksdrache – sind wiedermal enorm detailverliebt und in Vollendung gestaltet, und zur Freude leidenschaftlicher Harry Potter-Fans finden sich auch allerlei Reminiszenzen an das erste Jahr von Hogwarts, als der Stein der Weisen Voldemort´s erste Versuchung war. Mit diesen Bonmots aber hätte sich maximal ein Fanfilm ausgezahlt – nicht aber ein ganzer Film, der einem sagenhaft verworrenen und ermüdend redseligen Drehbuch unterliegt. Dafür verantwortlich: Joanne K. Rowling. Denn da wo Wizarding World draufsteht, ist die mächtige Autorin auch drin. Nichts geht hier ohne Abnicken der Urheberin, was prinzipiell durchaus verständlich ist. Und um ganz sicher zu gehen, dass ihre Welt auch nicht mit einer anderen kollidiert, bleibt das Leben des Newt Scamander auch niemand anderem überlassen. Doch genau darin liegt das Problem. Joanne K. Rowling ist eine großartige Schriftstellerin, die penibel genau ihre unzähligen Handlungsstränge beispiellos verwebt, zusammenführt und wieder aufdröselt. Auch ein Grund, warum die Harry Potter-Bücher so faszinieren. Das allerdings funktioniert so sagenhaft gut, wenn es sich um einen Roman handelt. Ein Drehbuch funktioniert ganz anders. Genauso wie ein Theaterstück. Da ich selbst Romane und Dramen verfasst habe, weiß ich, worauf es zu achten gilt. Beides sind zwar Medien der schreibenden Zunft, haben aber völlig unterschiedliche Regeln. Rowling scheint für Grindelwalds Verbrechen vergessen zu haben, dass sie nicht für den Ladentisch in der Buchhandlung, sondern für das Kino schreibt. Als Buch würde der Plot aus Grindelwalds Verbrechen verdächtig nach Bestseller aussehen. Eine vertrackte Geschichte voller Rätsel und Spuren, fast schon eine Verbeugung vor den Detektivkrimis eines John Huston. Seriöse Gestalten in schickem Trenchcoat und Fedora, einzig die Zauberstäbe unterm Ärmel lassen wissen, dass man hierbei niemand Gewöhnlichem auf der Spur ist. Als Vorlage für einen Film dieser Größenordnung lasse ich mal Rowling´s Talent außen vor: Ihr dichter Magierkrimi ist, was den inhaltlichen Aufbau betrifft, wie das Wedeln und Wischen mit angeknackstem Zauberstab. Folglich also ein Zauber, der nach hinten losgeht.

Ein Film fesselt dann, wenn der rote Faden des Erzählten stets erkennbar und das Handeln der Personen sowohl erwartbar als auch nachvollziehbar bleibt. Zumindest von jenen Personen, die als Identifikationsfiguren durch die Geschichte begleiten. Er fesselt dann, wenn der Plot nicht zerfranst und sich in einzelnen Charakterdramen verliert, die nicht wesentlich zum Vorwärtskommen der Story beitragen. Das ist Verzetteln auf hohem Niveau, auf welchem Komplexität gerne mit Komplikation verwechselt wird. Eine packende Story, die ist im darstellenden Medium eines Filmes oder Dramas so straff wie möglich, auf den Punkt genau gesponnen, sollte dabei aber tunlichst nicht unterfordern. Rowling erfüllt fast jedes dieser Do Not´s, und auch wenn sie als Romancier zu schreiben versteht – Drehbücher schreiben kann sie nicht.

Dennoch verspricht Grindelwalds Verbrechen einigen Filmgenuss, der weitgehend vom guten alten Johnny Depp verschuldet wird. Man kann über diesen exzentrischen Star sagen, was man will – schauspielern kann er, und wie! Nach der letzten Fluch der Karibik-Gurke und einiger Auszeit kann Depp wieder aus neuen, kreativen Ressourcen schöpfen. Und verpasst seinen Gellert Grindelwald eine ganz eigene charakterliche Note. Weder kokettiert er mit den diabolischen Allüren eines Voldemort, noch gibt er sich platter Boshaftigkeit hin. Grindelwald ist ein politischer Aktivist, ein perfider Taktiker. Gelassen und selbstbewusst, weniger manisch. Gegen die paar Minuten gachblonder Überlegenheit wirken Newt Scamander und seine Entourage geradezu blass. Und die Entourage ist breit gefächert, unzählige Figuren tauchen aus dem Dunst der magischen Historie empor und haben kaum genug Spielzeit, um nachhaltig aufzufallen. Das ist mitunter auch ein Handicap an dieser versuchten Entfesselung an hellen und dunklen Künsten, die auf das große Duell von Dumbledore und Grindelwald hinarbeiten. Seine Verbrechen markieren somit die bisher schwächste Filmepisode aus Rowling´s Welt, und so sehr ich Niffler, Bowtruckles und Kelpies liebend gern anfassen würde – der phantastische Zirkus weicht einem konfusen Who is Who vor der Kulisse eines magischen Europa, dass die mitreißende Effizienz jugendlicher Neugier, wie sie Ron, Hermine und Harry an den Tag legten, vermissen lässt. Hoffen wir, das Teil III die Zügel der Thestrale deutlich straffer zieht.

Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen

Am Ende des Tages

DER FREUND VON FRÜHER

7,5/10

 

amendedestages© 2011 Thimfilm

 

LAND: ÖSTERREICH 2011

REGIE: PETER PAYER

MIT NICHOLAS OFCZAREK, SIMON SCHWARZ, ANNA UNTERBERGER U. A.

 

Bei meinen Reviews versuche ich stets, so gut es geht allen Spoiler-Versuchungen großräumig auszuweichen, sodass meine Beiträge auch gelesen werden können, auch wenn der betreffende Film noch nicht zur Sichtung kam. Bei dem österreichischen Thriller Am Ende des Tages ist es wirklich sehr schwierig, nicht zuviel zu verraten. Worüber ich aber rezensieren kann, das sind die Schauspieler – und das Genre des Streifens, der eigentlich weitaus mehr ist, als die Synopsis vermuten lässt. Was Peter Payer´s Roadmovie eben auch ist: ein Werbefilm für Österreich. Wir sehen einen österreichischen Politiker, gespielt von Simon Schwarz, der im schulterklopfenden Erfolgstaumel eines Sebastian Kurz kurz davor steht, in den Nationalrat einzuziehen, steht die Riege einflussreicher Politbonzen doch hinter ihm und hofiert, dass die Parlamentsbänke krachen. In kessem Schwarz und mit überheblichem Gutmenschen-Grinser will Robert in Tirol ein angenehmes Wochenende verbringen, gemeinsam mit seiner Frau und zukünftigen Mutter, die Tochter superreicher Eltern. Vielleicht zwischendurch ein Interview mit dem Magazin Profil, aber sonst will das exklusive Paar zwischen den Gipfeln Westösterreichs so ziemlich für sich sein. Sie fahren mit dem Auto – also quer durch das schöne Land von Mozartkugel und Arnold Schwarzenegger. Und da geizt der Film natürlich nicht mit panoramaformatierten Reizen, von den agrardominierten Niederungen des Ostens bis zu den schneebedeckten Gipfeln des Westens. Auch Salzburg darf seine Schokoladenseite präsentieren, und irgendein See im Salzkammergut, in dem sich gut baden lässt. Tourismuswerbung all inclusive, das Budget des Filmes dürfte damit schon auf der Haben-Seite sein. Doch warum eigentlich nicht, was das Filmland Österreich hat, das hat es. Und es hat nicht nur wohlgeteerte Autobahnen und Freilandstrassen, sondern auch Schauspieler, die, während sie fahren und an Tankstellen und Raststationen halten (Danke Landzeit und BP), ein recht subversives, garstiges Drama vom Zaun brechen, das als Stalkerthriller alleine zwar auch sehr gut funktioniert, mit den Seitenhieben einer Politsatire aber noch besser punktet. Und das überrascht mich dann doch.

Was mich weniger überrascht, ist Nicholas Ofczarek´s famoses Spiel. Stets in seiner Rolle, wunderbar nuanciert, ekelhaft gut: der Sohn österreichischer Opernsänger ist ohnehin als Qualitätsgarant auf Bühnen, im Kabarett und im Fernsehen eine stets Erwartungshaltungen erfüllende Kunstfigur. Immer mit dem Hang zum Vulgären, Absonderlichen, Brutalen. Aber niemals plump, stets überlegt und mit cleverem Pfiff. Genauso legt der schwerfällig scheinende Hüne auch seine Rolle des vermeintlichen Psychopathen Wolfgang an, der seinem ehemaligen Jugendfreund scheinbar zufällig über den Weg läuft, um ihn dann nicht mehr aus den Augen zu lassen. Was für ein Stalker unter der sommerlichen Sonne, der sich noch dazu in Frauenkleider zwängt und dem werdenden Polit-Star fortan mit unangenehmen Fragen konfrontiert, von dessen Inhalt selbst die neureiche Kathi keinen blassen Schimmer hat. Simon Schwarz allerdings stößt bei seinem Spiel des souveränen Weltmenschen manchmal an seine Grenzen, da wirkt sein Spiel aufgesetzt und schulisch. Darstellerische Fehler, die er in anderen Szenen aber wieder wettmacht.

Die kompakt konzipierte, schneidige Story nimmt von Anfang an und im wahrsten Sinne Fahrt auf, hat keinerlei Verschnaufpausen notwendig und führt den etwas anderen Politthriller zu einem konsequenten, schlüssigen Finale, das sogar ein bisschen an Roman Polanski´s Der Tod und das Mädchen erinnert. Um Wahrheit geht es hier, um Ehrlichkeit und Verdrängung. Um weiße Westen und die Gier nach Macht, die jeden selbstherrlichen Orator in die Politik drängt.

Ich hätte nicht vermutet, hinter Am Ende des Tages einen so differenzierten Mix aus mehreren Genres vorzufinden. Einen schnittigen Thriller, der vieles will, dieses Viele klug komprimiert und eigentlich alles erreicht, was er sich vorgenommen hat. Inklusive Wetterpanorama von unserem schönen Österreich.

Am Ende des Tages