Wildhexe

DIE MAGIE DER SCHREBERGÄRTEN

5,5/10

 

Vildheks. Gerda Langkilde Lie Kaas som Clara. .© 2018 Polyfilm Verleih

 

LAND: DÄNEMARK 2018

REGIE: KASPAR MUNK

CAST: GERDA LIE KAAS, SONJA RICHTER, SIGNE EGHOLM OLSEN, HENRIK MESTAD U. A.

 

Hexen haben Hexenbesen, das singt zumindest das steirische Synthiepop-Duo Ecco. Was aber mit dem dänischen Fantasyfilm Wildhexe leider widerlegt wird. Denn nicht alle Hexen fliegen laut gackernd durch Nacht und Nebel. Manche bleiben auch im Wald. Oder gehen normal zur Schule, sofern es sich um Junghexer und -hexen handelt. Das wissen wir seit Buffy. Die rothaarige Clara aber ist eine, deren Skills erst durch Katzenkratzer angeworfen werden. Dabei war das keine gewöhnliche Katze. Ein Gestaltwandler sozusagen. Ja, das kommt uns auch bekannt vor. Und ist somit der Anfang eines Coming of Witch-Szenarios, das sich vermehrt jenseits urbaner Gefilde abspielt. Vorwiegend auf Wiesen und in Wäldern eben. Und plötzlich sind alle, bei denen man nie geglaubt hätte, dass sie Hexen sind, Hexen. Gut, ein paar Hexer schleichen sich auch noch ein, aber da nehme ich einiges vorweg.

Ich kann mich noch gut an das samstäglich im österreichischen Rundfunk laufende Format „Fortsetzung folgt nicht“ erinnern. Da hat Edgar Böhm, später langjähriger Unterhaltungschef des ORF und mittlerweile auch schon in Pension, uns lesefreudigem Jungpublikum pädagogisch wertvolle Bücher schmackhaft gemacht. Und das nicht nur rein verbal Marke literarisches Quartett, sondern auch anhand nachgespielter einleitender Kapitel. Wie das ganze weitergeht, hat man dann aber selbst lesen müssen. In der Art und Weise, wie diese Jugendbücher anhand von Spielszenen dargestellt wurden, da ist Wildhexe nicht ganz unähnlich. Nur hier wird die Geschichte auserzählt, obwohl man auch gut und gerne gleich zur literarischen Vorlage von Lene Kaaberbøl greifen kann. Der Däne Kaspar Munk hat aber im Gegensatz zu Edgar Böhms recht fernsehformatigen Fünfminütern in Sachen Kinoformat dann doch tiefer in die Geldtasche gegriffen als das Fernsehbudget hergegeben hätte. Wer sich auf Wildhexe einlässt, erhält ganz viel Landschaft, ganz viele Wälder und tief stehende Sonnen, die die morgendliche Feuchtigkeit forstwirtschaftlich akkurater Wälder anhand pittoresker Dunstschwaden im Gegenlicht aus der Botanik reißen. Zwischen all dem goldlichtdurchwirkten Ökoversum die klassische Einsiedelei einer erfahrener Magierin, die wie die gesetzte Version von Preußlers kleiner Hexe daherkommt. In diesem Fall aber ist es das Mädchen Clara, dass die Welt davor bewahren muss, nicht unter die Fuchtel einer im Kryoschlaf befindlichen, mächtigen Antagonistin zu geraten.

Seltsamerweise aber kommt das geschmackvoll bebilderte Abenteuer über die Magie eines sich selbst gießenden Schrebergartens nicht hinaus, auch wenn Transmitter-Portale zu anderen Dimensionen geöffnet werden können. Das ist das, was ich meine, wenn ich Wildhexe mit einem fürs Fernsehen aufbereiteten Jugendfilm vergleiche oder zumindest mit einem Film, der irgendwo zwischen Ronja Räubertochter und den graustichigen, aber charmanten Nachmittagsmärchen aus dem ehemaligen Ostblock seinen Zauberstab schwingt. Obwohl – hier gibt es nicht mal den. Wildhexe distanziert sich deutlich vom High Fantasy-Universum eines Harry Potter, ahmt nichts nach, ist viel barfüßiger und versponnener, vor allem auch ruhiger. Was zur Folge hat, dass es keinen sonderlichen Eindruck hinterlässt. Oder zumindest nicht mehr Eindruck als ein Waldspaziergang im Spätsommer, an dem man sich Märchen erzählt. Was durchaus auch bleibend sein kann, wenn die Stimmung passt. Und die hat der Film irgendwie doch.

Wildhexe

Trollhunter

MYTHEN, DIE WÜTEN

7/10

 

trollhunter1© 2011 Universal Pictures Germany

 

LAND: NORWEGEN 2011

REGIE: ANDRÉ ØVREDAL

CAST: OTTO JESPERSEN, GLENN ERLAND TOSTERUD, JOHANNA MØRCK, TOMAS ALF LARSEN U. A.

 

Was war das nicht für ein Hype rund um den Hexenhorror The Blair Witch Project? Viral Marketing par excellence, und so mancher dachte dabei wirklich, dass das gefilmte Rohmaterial authentisch ist. Ein neuer Stil war da plötzlich mehr als nur amatuerhafter Spuk, es waren diese Fake-Arrangements, die von da an das relativ zügig ausreizbare Found-Footage-Genre in die Welt des Kinos gesetzt hatten. Das mit der Wackelkamera, den gehetzten Kameraschwenks und dem permanenten Vergessen, auf der Flucht vor dem Grauen die Aufnahme zu unterbrechen, das hat sich mittlerweile schon des Öfteren in einer gewissen Redundanz verbissen. Noch mehr Laufmeter dahinziehenden Waldbodens mit Gekeuche und Gekreische aus dem Off waren danach wirklich kaum noch nötig. Irrtum – Cloverfield hat´s dem Publikum nochmal ordentlich gegeben. In Sachen Monsterhorror ein gewitzter Knüller. Und was die Amerikaner können, können die Europäer allerdings auch. Mit einer Mockumentary aus dem hohen Norden, in dessen Vorspann steif und fest behauptet wird, dieses Filmmaterial begutachtet und für echt befunden zu haben. So kann man sich in die Irre führen lassen, aber so kann man sich auch hingeben in eine alternative Realität, die so gerne möchte, dass es so mythische Wesen wie Trolle oder Zwerge tatsächlich gibt.

Gehen wir mal davon aus, es gibt sie. Oder gehen wir einmal davon aus, wir hätten nie geglaubt, dass es sie gibt, wären aber offen für stichhaltige Widersprüche – vorliegende, brisante Doku würde uns eines Besseren belehren, indem sie sich an die  Fersen eines Sonderlings heftet, irgendwo in der Unwirtlichkeit Norwegens, wo der Wald alles ist und teilweise auch so verlassen und wild wie in den entlegensten Gegenden Kanadas. Gut möglich, dass dieses Dickicht manch krypotozoologische Sensation verbirgt. Irgendwas ist da im Argen jedenfalls, so finden das drei Hobbyfilmer, die einfach so aus Neugier dem seltsamen Eremiten folgen, bis der trotz anfänglichem Widerstand klein beigibt – und geradezu bereitwillig über sein außergewöhnliches Tun als Trolljäger aus dem Nähkästchen plaudert – inklusive Feldforschung und handfesten Beispielen, wie denn so eine Trolljagd tatsächlich vonstatten geht.

Der norwegische Autorenfilmer André Øvredal hat sich da einen riesengroßen Spaß erlaubt, einen köstlichen Nerdfilm und Fantasy-Irrsinn sondergleichen, den Taika Waititi wohl nicht besser hinbekommen hätte. Sein 5 Zimmer Küche Sarg – eine Mockumentary über Alltagsvampire – ist so dermaßen überzeichnet, dass diese nur noch wenig dokumentarische Attitüden aufweist. Trollhunter zehrt ziemlich lange an der Reality-Gier des Zusehers, und setzt die Geduld der reichlich naiven Jungfilmer gehörig auf die Probe. Sie machen womöglich all die gleichen Fehler wie seinerzeit die Hexenjäger von Blair, aber diesmal haben sie wenigstens einen harten Kerl an der Seite, der mit Blitzlicht und Betonhammer auf die Pirsch geht. Dabei tut mir als eingefleischten Troll-Fan (nur echte Trolle, nichts au dem Internet) das Herz richtig weh, wenn es darum geht, diese Urviecher, die ihr Revier verlassen, allesamt erlegen zu müssen. Das muss doch nicht sein – oder doch? Zumindest darf die Menschheit niemals erfahren, dass es Trolle wirklich gibt, daher ist auch das Bildmaterial heiß begehrtes Ziel staatlicher Geheimdienste, die den Pionieren in Sachen realer Mythen und Monster ebenfalls auf den Fersen sind. Das ist spannend und kauzig, und die Ideen, die all die Spuren erklären, die diese mal befellten, mal dreiköpfigen, mal riesenhaften Knilche nun mal zwangsläufig hinterlassen, wirklich gut ausgedacht. Da sieht man Schutthaufen am Waldesrand oder Felsstürze gleich mit anderen Augen. Logisch, manches könnte ja auch ein Bär sein – aber was, wenn nicht? Øvredals Drehbuch hat da tatsächlich Hand und Fuß, und es passt verblüffenderweise wirklich vieles zusammen. Haarsträubend ist natürlich das Handeln der kleinen Menschleins angesichts dieser latenten Gefahr, die von den Riesen ausgeht, aber das ist eher wieder dem Subgenre des Slasher-Horrors entlehnt, deren Jumpscare-Benefits wohl bei aller Vernunft mager ausfallen würden. Trollhunter ist aber kein Horrorfilm; nichts, was Grauen erregt, sich aber an entdeckerfreudigem Suspense die Hände schmutzig macht, der seine Giganten gut getimt ins Bild rückt und wieder verschwinden lässt. Der weiß, wie Spannungsaufbau funktioniert, und sich das Beste und Größte bis zum Schluss aufhebt.

Es gibt ihn also vielleicht, diesen feuchten Traum aller Kryptozoologen, die sich an Nessie oder Bigfoot bereits jahrzehntelang die Zähne ausgebissen haben und vielleicht Lust auf Anderes bekommen, vielleicht mehr den Spuren frühmittelalterlicher Epen folgend, wie Beowulf und Grendel, wobei letzterer den Trollen in Øvredals Film sicherlich Pate gestanden hat. Kurzum: Trollhunter ist ein spinnertes Vergnügen zwischen Monstermuff und rettendem Sonnenlicht, trotz all der wirren Optik.

Trollhunter