Photograph

ICH MÖCHT´ VON MIR EIN FOTO

4/10

 

photograph02© 2018 Joe D’Souza, Tiwari’s Ghost, LLC

 

LAND: INDIEN, DEUTSCHLAND, USA 2018

REGIE: RITESH BATRA

CAST: NAWAZUDDIN SIDDIQUI, SANYA MALHOTRA, FARRUKH JAFFAR, ABDUL QUADIR AMIN U. A.

 

Wie es wohl in Zeiten wie diesen dem indischen Tourismus geht? Vor dem Taj Mahal oder dem indischen Tor in Mumbai werden sich womöglich nicht ganz so viele Touristen tummeln als sonst. Auch die Hausierer und Souvenir-Verkäufer werden an den Mauern lehnen und auf Kundschaft warten. Auch die ganzen EPU-Fotografen, die mit ihrer Polaroid-Kamera im Normalfall Sofortbilder der Besucher anfertigen, werden wohl zusehen müssen, dass ihre Filmemulsion nicht die Haltbarkeitsdauer überschreitet. Als Lunchbox-Regisseur Ritesh Batra seinen Liebesfilm Photograph inszeniert hat, war noch alles im Guten und Corona samt sozialem Stillstand weit entfernt. Da lief der Vorplatz vor dem antiken Bauwerk noch auf Hochbetrieb, war chaotisches Wuseln von Alt und Jung ein Garant für Umsatz. Oder ein Garant dafür, neue Beziehungen zu knüpfen.

Das hat Single Rafi aber nicht im Sinn. Der bleibt lieber solo, wohnt in einer Wellblech-WG mit ein paar weiteren Jungs und hat nur Draht zu seiner hochverehrten Oma, die endlich will, dass ihr Enkel unter die Haube kommt. Nach einigen hoffnungslosen Versuchen, ihn umzustimmen, droht die Alte sogar, ihre lebensnotwendigen Medikamente abzusetzen – was für ein Ultimatum! Rafi aber ist Fotograf, und hat unlängst erst eine junge Dame abgelichtet. Warum nicht einfach dieses Foto schicken, mehr muss Oma ja nicht wissen. Falsch gedacht: Rafi bleibt nicht viel Zeit, denn Oma hat sich angekündigt. Und will ihre Schwiegerenkelin in spe mal unter die Lupe nehmen.

Was muss das für ein origineller Film sein. Humorvoll, situationskomisch, berührend. Inklusive indischer Lebensfreude made for cinema. So dachte ich mir. Schwer zu glauben, wenn es anders wäre. Aber wir sind mit Photograph nicht in Bollywood. Ritesh Batra distanziert sich davon völlig. Weder ist sein Film üppig, noch allzu exotisch, noch übertrieben farbenfroh. Batra strebt etwas völlig anderes an: eine Art filmischen Realismus. Dafür ist die prinzipiell kuriose Romanze kaum die richtige Wahl. Photograph ist unerwartet lakonisch und völlig humorbefreit. Weder Hauptdarsteller Nawazuddin Siddiqui noch seine Partnerin Sanya Malhotra haben schauspielerischen Esprit. Siddiqui wirkt geradezu stoisch, enorm introvertiert, geradezu lustlos. Malhotra scheint auch keine großen Gefühle zu empfinden. Dass beide sich füreinander interessieren werden, lässt sich lediglich aus der Inhaltsangabe erahnen, aus dem Film lässt es sich schwer ableiten. Wenn bei einer Lovestory wie dieser beide Parts nicht wissen, was sie miteinander anstellen sollen, dann geht die Rechnung einfach nicht auf – und der Streifen frönt der Langeweile, die sich durch die Straßen Mumbais schleppt. Als hätten wir Monsun mitsamt depressiver Schwüle,und alle harren in ausgesuchtem Phlegmatismus auf ein Ende dessen, um sich wieder befreiter bewegen zu können. Für die Zeitspanne des Films jedoch war ein Ende des Wartens nicht absehbar.

Photograph

In den Gängen

DIE SEHNSUCHT DES GABELSTAPLERS

6,5/10

 

indengaengen© 2018 Zorro Film

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: THOMAS STUBER

CAST: FRANZ ROGOWSKI, SANDRA HÜLLER, PETER KURTH, ANDREAS LEUPOLD, MICHAEL SPECHT U. A.

 

Stanley Kubrick hat in seinem Meisterwerk 2001- Odyssee im Weltraum den Tanz der Raumschiffe mit den Klängen des Donauwalzers hinterlegt: eine, wenn nicht DIE Sternstunde des Kinos schlechthin. Regisseur Thomas Stuber, dem Kubrick´s Film wohl auch gefallen haben muss, hat den Menschen in seinem Fortschrittseifer vom Himmel geholt und den ganzen technisch-utopischen Reigen auf eine alltägliche Morgendämmerung im Supermarkt zurechtgestutzt. Was aber, wider Erwarten, eine poetische Eleganz entwickelt, die man so völlig unattraktiven Großhallen mit all ihren Regalen und sterilen Gängen nicht zugetraut hätte. Zuerst das Angehen der Lichter, fotografische Blicke in die Regalfluchten. Und dann kommen sie angerollt – die Putzmaschinen und Gabelstapler. Und vollführen ein Ritual, das wohl jedem Supermarktbediensteten die Tränen der Rührung und Begeisterung in die Augen treibt. Denn die wohl eher stets monotone, nüchterne Arbeit im Supermarkt wird durch das Intro von Stuber´s Normalverbraucher-Drama zu etwas ganz Besonderem, direkt Sakralem – zu einer verklärenden Liturgie eines sonst konformen Jobprofils. Fast erwartet man, dass Regalräumer und Lagerarbeiter auf Rollschuhen in geprobten Figuren durch die Gänge gleiten. Doch bevor das Schöne am Praktischen von anerkennender Aufmerksamkeit zur Parodie kippt, endet auch der Zauber des beginnenden Alltags, kurz bevor die Pforten öffnen – und der einkaufende Bürger als austauschbare Variable seine eigenen vier Wände mit Lebensmitteln versorgt.

Dieses Intro, das ist der größte inszenatorische Wurf in diesem zaghaften Kaleidoskop aus blauen Arbeitsmänteln, Getränkekisten, Automatenkaffee und Südseetapeten, die im Pausenraum den unerreichbaren Plan B für Mindestlohnbezieher symbolisieren. In den Gängen könnte furchtbar trist sein – ist es aber nur zum Teil. Die Schönheit des Ereignislosen, der Zauber des Raureifs auf den Äckern und das unbeschriebene Blatt des morgendlichen Himmels bekommt eine Aura des Unentdeckten, Spannenden. Als hätte Dokufilmer Nikolaus Geyrhalter, der eine Vorliebe für das Majestätische des Schlichten hat, ein Drehbuch von Ulrich Seidl verfilmt, selbst ein Unerschütterlicher, wenn es darum geht, ins Innerste gesellschaftlicher Milieus zu blicken. Doch so abstoßend wie Hundstage oder Import/Export ist In den Gängen keineswegs. Stets mit einer Menge Sympathie und fast schon fürsorglicher Liebe zu seinen genügsamen Figuren setzt Stuber eine unprätentiöse Romanze in Gang, welche sehnsüchtige Zugeständnisse in den Details versteckt, die im Überangebot einer Konsumgesellschaft verschwinden. Sie zu suchen, macht sich der Plot von In den Gängen zur Aufgabe. Und dennoch – wirklich glücklich macht das Drama über resignativ-disziplinierte Alltagsexistenzen eben trotzdem nicht.

Franz Rogowski als Ex-Häftling, der in seiner Arbeit als Staplerfahrer vorübergehend Erfüllung und neuen Halt im Leben findet, bleibt – verloren in den unendlich scheinenden Weiten des Großhandelsortiments – eine unnahbare, extrem introvertierte Gestalt, fast schon kafkaesk. Und wenn der gewissenhafte Helfer dann zu Wort kommt, ist er ob seines Sprachfehlers kaum zu verstehen. Sandra Hüller, dem Publikum gut bekannt als Tochter Peter Simonischek´s in Toni Erdmann, ist das sensible Aschenputtel in all den repetitiven Handgriffen, die das tägliche Werk von Angebot und Verkauf am Laufen halten. Und der, von dem man glaubt, die Dinge am Besten im Griff zu haben – nämlich Peter Kurth (Babylon Berlin) als Bruno – wird alle Anwesenden eines Besseren belehren. Drei Schicksale also, die jeweils als Kapitel den Film dritteln. Mal mehr, mal weniger lebensmutig. Und während man zusieht, wie mühsam sich das Leben dieser Angestellten weiterbewegt, wünscht man ihnen auch privat so etwas wie einen Gabelstapler, der das eigene kiloschwere „Pinkerl“ aus Frust, Flucht und schwankender Zuversicht leichter tragen und ertragen lässt. Doch dieses Gerät, das fährt nur in den Gängen hin und her, hebt und senkt sich. Und klingt dabei manchmal so wie das Rauschen des Meeres, das so unendlich fern ist. Dieses Abfinden der Umstände, dieses Strecken nach der Decke, mag ernüchternd kampflos sein, wenn es um Träume geht. Doch den Umständen einen Lebenswert abzugewinnen, ist die Kunst der kleinen Leute, die mit dieser Liebeserklärung zutiefst respektiert werden.

In den Gängen

Arthur und Claire

AMSTERDAM SEHEN… UND STERBEN?

7/10

 

arthurundclaire© 2018 Tivoli Film – Wolfgang Amslgruber

 

LAND: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND, NIEDERLANDE 2018

REGIE: MIGUEL ALEXANDRE

MIT JOSEF HADER, HANNAH HOEKSTRA, RAINER BOCK U. A.

 

Für alle, die den österreichischen Kultfilm Indien von Alfred Dorfer und Josef Hader aus dem Jahr 1992 nicht kennen, sei er dringend ans Herz gelegt. Dort gibt der noch sehr junge Kabarettist Hader mit Kinnbart einen vereinsamten Restauranttester, der durch die Ödnis Ostösterreichs tingelt und eine bittersüße Zweckfreundschaft fürs Leben findet. Jetzt ist der latent griesgrämige „Woody Allen“ Österreichs im besten Sinne zumindest ansatzweise zu seiner Paraderolle des lebensüberdrüssigen Einzelgängers zurückgekehrt. Allerdings gibt Hader diesmal nicht den Biedermann wie in Indien – seine Figur stammt aus anderen, gehobeneren Kreisen der Gesellschaft, ist aber nicht weniger ausgestoßen.

Der Charakter des Unsozialen mit ausgeprägtem Sinn für Zynismus zur richtigen Zeit steht dem stets blassnasigen Schauspieler mit dem Wiener Schmäh und dem unverkennbaren Sprachklang ganz ausgezeichnet. Überhaupt ist sein Arthur die wohl beste und sehenswerteste Performance seit Langem – da ist ihm Stefan Zweig im Exil aus Vor der Morgenröte längst nicht so gut gelungen. Den Dichter und kritischen Denker zu spielen ist auch offen gesagt eine ziemlich schwierige Aufgabe. Da fällt die Rolle des Arthur schon leichter, trotz der immensen Schwere des Schicksals, die ihn nach Amsterdam führt.

Den Freitod will er wählen, ganz offiziell. In ausgeschlafenem Zustand und mit Giftspritze. Dass am Abend davor das Schreiben des Abschiedsbriefes aufgrund von Unruhestörung im Nachbarzimmer des Hotels so gar nicht gelingen will, wird aber zum unbequemen Anfang von etwas, dass sich fast schon Fügung nennt. Denn Claire, die will ihrem Leben auch ein Ende setzen. Wogegen Josef Hader – in der womöglich intensivsten und virtuosesten Szene des Filmes – ordentlich dagegen interveniert – und sich beide zuerst wiederwillig, aber dann immer hilfesuchender, näherkommen.

Der Portugiese Miguel Alexandre (Der Mann mit dem Fagott), der mit Josef Hader gemeinsam auch am adapierten Drehbuch schrieb, ist eine Tragikomödie par excellence gelungen. Eine mal zutiefst traurige, mal urkomische Romanze, die unerwartet leicht von der Hand geht und fast schon so natürlich und launig durch die Krachtenstadt gondelt, als wäre Arthur und Claire eine französische Komödie. Zwischendurch blitzt immer wieder Haders ganz eigener trockener Humor auf, den seine Filmpartnerin Hannah Hoekstra mit Leidenschaft auffängt. Die niederländische Schauspielerin ist eine bereichernde Neuentdeckung. Ihre Sympathie zu Josef Hader dürfte auf alle Fälle nicht gespielt gewesen sein. Andernfalls wäre der Film ohnehin nicht gelungen, würde die Chemie nicht stimmen. Und der niederländische Dialekt entfaltet vor allem bei Hoekstra ihren liebevoll kauzigen Reiz. Das Sprachkolorit des Tulpenlandes bekommt nicht nur einmal sein Fett weg – Hader nützt jede Gelegenheit dazu.

Arthur und Claire ist Kopf-hoch-Kino zum Mitfühlen, ein urbanes Außenseitermärchen mit ganz viel keckem Charme. Niemals trist, oft trotzig, und in manchen Szenen so aufrichtig ungekünstelt und so direkt aus dem Bauch heraus gespielt, wie man es vor allem von Josef Hader noch nie so gesehen hat. Ausser in Indien vielleicht.

Arthur und Claire