In den Gängen

DIE SEHNSUCHT DES GABELSTAPLERS

6,5/10

 

indengaengen© 2018 Zorro Film

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: THOMAS STUBER

CAST: FRANZ ROGOWSKI, SANDRA HÜLLER, PETER KURTH, ANDREAS LEUPOLD, MICHAEL SPECHT U. A.

 

Stanley Kubrick hat in seinem Meisterwerk 2001- Odyssee im Weltraum den Tanz der Raumschiffe mit den Klängen des Donauwalzers hinterlegt: eine, wenn nicht DIE Sternstunde des Kinos schlechthin. Regisseur Thomas Stuber, dem Kubrick´s Film wohl auch gefallen haben muss, hat den Menschen in seinem Fortschrittseifer vom Himmel geholt und den ganzen technisch-utopischen Reigen auf eine alltägliche Morgendämmerung im Supermarkt zurechtgestutzt. Was aber, wider Erwarten, eine poetische Eleganz entwickelt, die man so völlig unattraktiven Großhallen mit all ihren Regalen und sterilen Gängen nicht zugetraut hätte. Zuerst das Angehen der Lichter, fotografische Blicke in die Regalfluchten. Und dann kommen sie angerollt – die Putzmaschinen und Gabelstapler. Und vollführen ein Ritual, das wohl jedem Supermarktbediensteten die Tränen der Rührung und Begeisterung in die Augen treibt. Denn die wohl eher stets monotone, nüchterne Arbeit im Supermarkt wird durch das Intro von Stuber´s Normalverbraucher-Drama zu etwas ganz Besonderem, direkt Sakralem – zu einer verklärenden Liturgie eines sonst konformen Jobprofils. Fast erwartet man, dass Regalräumer und Lagerarbeiter auf Rollschuhen in geprobten Figuren durch die Gänge gleiten. Doch bevor das Schöne am Praktischen von anerkennender Aufmerksamkeit zur Parodie kippt, endet auch der Zauber des beginnenden Alltags, kurz bevor die Pforten öffnen – und der einkaufende Bürger als austauschbare Variable seine eigenen vier Wände mit Lebensmitteln versorgt.

Dieses Intro, das ist der größte inszenatorische Wurf in diesem zaghaften Kaleidoskop aus blauen Arbeitsmänteln, Getränkekisten, Automatenkaffee und Südseetapeten, die im Pausenraum den unerreichbaren Plan B für Mindestlohnbezieher symbolisieren. In den Gängen könnte furchtbar trist sein – ist es aber nur zum Teil. Die Schönheit des Ereignislosen, der Zauber des Raureifs auf den Äckern und das unbeschriebene Blatt des morgendlichen Himmels bekommt eine Aura des Unentdeckten, Spannenden. Als hätte Dokufilmer Nikolaus Geyrhalter, der eine Vorliebe für das Majestätische des Schlichten hat, ein Drehbuch von Ulrich Seidl verfilmt, selbst ein Unerschütterlicher, wenn es darum geht, ins Innerste gesellschaftlicher Milieus zu blicken. Doch so abstoßend wie Hundstage oder Import/Export ist In den Gängen keineswegs. Stets mit einer Menge Sympathie und fast schon fürsorglicher Liebe zu seinen genügsamen Figuren setzt Stuber eine unprätentiöse Romanze in Gang, welche sehnsüchtige Zugeständnisse in den Details versteckt, die im Überangebot einer Konsumgesellschaft verschwinden. Sie zu suchen, macht sich der Plot von In den Gängen zur Aufgabe. Und dennoch – wirklich glücklich macht das Drama über resignativ-disziplinierte Alltagsexistenzen eben trotzdem nicht.

Franz Rogowski als Ex-Häftling, der in seiner Arbeit als Staplerfahrer vorübergehend Erfüllung und neuen Halt im Leben findet, bleibt – verloren in den unendlich scheinenden Weiten des Großhandelsortiments – eine unnahbare, extrem introvertierte Gestalt, fast schon kafkaesk. Und wenn der gewissenhafte Helfer dann zu Wort kommt, ist er ob seines Sprachfehlers kaum zu verstehen. Sandra Hüller, dem Publikum gut bekannt als Tochter Peter Simonischek´s in Toni Erdmann, ist das sensible Aschenputtel in all den repetitiven Handgriffen, die das tägliche Werk von Angebot und Verkauf am Laufen halten. Und der, von dem man glaubt, die Dinge am Besten im Griff zu haben – nämlich Peter Kurth (Babylon Berlin) als Bruno – wird alle Anwesenden eines Besseren belehren. Drei Schicksale also, die jeweils als Kapitel den Film dritteln. Mal mehr, mal weniger lebensmutig. Und während man zusieht, wie mühsam sich das Leben dieser Angestellten weiterbewegt, wünscht man ihnen auch privat so etwas wie einen Gabelstapler, der das eigene kiloschwere „Pinkerl“ aus Frust, Flucht und schwankender Zuversicht leichter tragen und ertragen lässt. Doch dieses Gerät, das fährt nur in den Gängen hin und her, hebt und senkt sich. Und klingt dabei manchmal so wie das Rauschen des Meeres, das so unendlich fern ist. Dieses Abfinden der Umstände, dieses Strecken nach der Decke, mag ernüchternd kampflos sein, wenn es um Träume geht. Doch den Umständen einen Lebenswert abzugewinnen, ist die Kunst der kleinen Leute, die mit dieser Liebeserklärung zutiefst respektiert werden.

In den Gängen

Kaffee mit Milch und Stress

WIE DIE ALTEN SUNGEN

6/10

 

kaffeemilchstress© 2017 Filmladen Filmverleih

 

LAND: FINNLAND 2017

REGIE: DOME KARUKOSKI

MIT ANTTI LITJA, PETRA FREY, MARI PERANKOSKI, LIKKA FORSS U. A.

 

Entweder die Alten flüchten aus dem Altersheim, und zwar nicht durch die Hintertür, sondern durch das Fenster. Oder sie grummeln herum und werden nur langsam zu Verbündeten. Oder sie isolieren sich tief in den Wäldern und hacken noch das Kleinholz wie anno dazumal. Blöd nur, wenn der alte Aussteiger dann über die Kellertreppe stürzt – dann gibt es nämlich kein Entkommen mehr aus der Gegenwart, da lässt sich die Zeit auch nicht mehr zurückdrehen. Da muss der alte Mann der Realität ins Auge sehen: die Konservierung vor dem Verfall funktioniert so nicht ganz, und wenn dann der Nachwuchs noch alles besser weiß, gibt’s ordentlich Zündstoff. Was ich damit sagen will – Das Kino Nordeuropas gibt seinen Senioren zumindest filmtechnisch genügend Sendezeit. Mit diebischer Freude dürfen sie gesellschaftliche Dogmen über Bord werfen, radikales Entkommen wählen oder einfach nur sagen, was Sache ist. Das nämlich früher alles besser war. Das meint der alte Hinterwäldler, und hört nicht auf, es wieder und wieder zu betonen, vor allem wenn ihm die Schwiegertochter Mate Tee statt Kaffee vorsetzt. Da könnte ich aber mit meinen jungen Jahren auch schon die Nerven schmeißen. Nichts geht über Kaffee. Wie erschreckend, wenn der Haushalt seines Filius nicht mal mehr den Frischgemahlenen verarbeiten kann. Und Sojakost zum Nachtmahl – Nein, Danke. In vielen Dingen hat der alte Besserwisser so ziemlich recht. Und er lässt keinen Moment verstreichen, seine Ansichten kundzutun. Aber, was wir natürlich schon im Vorfeld wissen – er hat nicht in allem Recht.

Kaffee mit Milch und Stress ist eine zerknautschte Tragikomödie über die Verklärung der guten alten Zeit und über die mangelnde Reflexion der Neuzeit. Mittendrin ein alter Mann, der nicht so griesgrämig ist wie ein Mann namens Ove, der aber als Verfechter von Bewährtem in einer Zeitkapsel existiert und so lebt, als dürften die kommenden Tage nur Variationen der besten Momente von damals sein. Viel zu schmerzhaft ist die Vergänglichkeit, das Gewesene, das niemals Wiederkehrende. Filme über das Alter sind selten nur frohgemute Komödien mit allerlei skurrilen Anteilen – Filme dieser Art sind oft traurig, wehmütig, und bieten genug Anknüpfungspunkte an die eigene Familiengeschichte – was sie nur noch er- und begreifbarer macht. Regisseur Dome Karukoski (Helden des Polarkreises) lässt seinen stets mit einer ausladenden Bärenfellmütze geschmückten Eigenbrötler im Grunde längst nicht resignierend daherkommen – viel zu viel von all dem Alten wurde lange Zeit erfolgreich gehütet, so wie der kleine rote Ford Escort – für die nötige Wehmut sorgt die musikalische Untermalung der ganzen Familiendramödie, die vielleicht um einiges zu dick aufträgt und eigentlich situationskomische Szenen in verheißungsvoller Melancholie missinterpretiert. Das mag bei den wie alten Postkarten eingefärbten Rückblenden passend sein, nicht aber den ganzen Film hindurch. Ein Beispiel, wie sehr der Soundtrack Filmszenen umfärben kann, die im Grunde gar nicht so gemeint sind. Oder doch? Schön und stimmungsvoll ist sie ja.

Wobei die besten Szenen eben jene sind, in der die erfolgreiche Businessfrau und Schwiegertochter Liisa den alten Hinterwäldler während eines Geschäftsabschlusses mit russischen Interessenten an der Backe hat. Die skurrile Konstellation erinnert nicht nur ungefähr an die österreichisch-deutsche Tragikomödie Toni Erdmann, wo Papa Simonischek nicht von der Tochter Seite rückt, nur, um ihr zu zeigen, dass das Leben durchaus eine Portion ungezwungenen Spaß vertragen kann. Bärenfell-Opa will ähnliches, allerdings längst nicht so von langer Hand geplant. In diese Schiene hinein hätte noch mehr passieren können. Stattdessen schlägt der Film eine für finnische Verhältnisse fast schon konventionelle Richtung ein, die sicherlich aufrichtig gemeint und in sich stimmig ist, im Endeffekt aber in der Art und Weise, wie er den unausweichlichen Generationen-Clash interpretiert, auf bewährte Messages zurückgreift. Kaffee mit Milch und Stress lässt Älterwerden nur dann zu, wenn auch sonst alles beim Alten bleibt. Das hat natürlich Witz und gewährt Einsicht, für die geistige Frischzellenkur von Vater und Sohn, die beide mit Gewohntem brechen müssen, fehlt fast ein bisschen das gewisse Radikale, auch wenn der Ford Escort auf dem Autofriedhof landet.

Kaffee mit Milch und Stress

Aufbruch zum Mond

DIE NÄHE DES UNERREICHBAREN

9/10

 

aufbruchzummond© 2018 Universal Pictures International Germany GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: DAMIEN CHAZELLE

CAST: RYAN GOSLING, CLAIRE FOY, KYLE CHANDLER, CIARAN HINDS, JASON CLARK, COREY STOLL, PABLO SCHREIBER U. A.

 

Eigentlich hätte ich es mir denken können. Das junge Naturtalent Damien Chazelle hatte mich schon vor zwei Jahren mit dem Musikerdrama Whiplash so ziemlich mit der Peitsche erwischt, und das zu Recht vielprämierte Musical La La Land ließ mich, obwohl ich Singspiele nicht so sonderlich mag, doch noch an das Gute darin glauben. Die Erwartungshaltung also für Chazelle´s drittes Werk war ziemlich hoch – und diese mangelnde Unvoreingenommenheit im Voraus für etwas, das man nicht kennt, kann leicht zu einer Enttäuschung führen. Die kinematographische Erfahrung aber, die ich mit Aufbruch zum Mond machen konnte, war die eines Gewinners, der erst um Einiges später registriert, was eigentlich gerade passiert ist.

Die Astronauten Neil Armstrong, Edwin „Buzz“ Aldrin und Michael Collins haben wohl selbst einige Zeit verstreichen lassen müssen, um überhaupt zu begreifen, welchen Anfang sie da gemacht hatten und ob das alles nicht nur ein Traum gewesen war. Natürlich ist die Nachwirkung eines Filmes nicht mit einem epochalen Schritt wie diesem gleichzusetzen, für ein Leinwanderlebnis aber bleibt Aufbruch zum Mond bewegend genug. Vor allem nachhaltig bewegend. Und all jene, die tatsächlich glauben, die Mondlandung habe gar nicht stattgefunden und niemand geringerer als Stanley Kubrick hätte nach seinem Erfolg von 2001 diese Szenen im Studio nachgedreht, die müssen um Chazelle´s Annäherung an eine Sternstunde der Menschheit keinen großen Bogen machen. Aufbruch zum Mond ist nämlich nicht unbedingt das, was manch einer vielleicht erwarten würde. Das Werk ist auch nicht zwingend gleichzusetzen mit Ron Howard´s Chronik des gescheiterten Mondflugs, nämlich Apollo 13. Auch nicht mit Kaufman´s Der Stoff, aus dem die Helden sind. Beides relativ akkurate Geschichtsstunden und großes Kino, keine Frage. Aufbruch zum Mond aber sieht seine Mission ganz woanders und lässt sich nicht mit der Art vergleichen, die technisch-realistische Weltraumfilme generell anstreben. Dieser Film hat eine deutliche Metabene, auf welcher sich ein völlig differentes Drama abspielt. Nämlich das Drama des Verlustes.

DER TRABANT DES INNEREN FRIEDENS

Selten ist ein Film so grandios als Metapher zu verstehen. Wir sehen zu Beginn Neil Armstrong als einen liebenden Vater. Da gibt es diese kleine Tochter, Karen. Sie stirbt im Alter von zwei Jahren womöglich an Krebs. Näher geht Chazelle nicht auf das Krankheitsbild der kleinen Tochter ein, was aber kaum relevant ist. Nichts ist schwerer zu ertragen, als das eigene Kind zu begraben. Es nie mehr in den Händen zu halten, über dessen Haar zu streichen. Szenen, die im Film immer wiederkehren. Wortlos, grobkörnig, ganz nah, wie mit einer Super 8-Kamera entstanden. Der Tod des Kindes hat die Familie Armstrong natürlich grundlegend erschüttert, und insbesondere Neil, der eine ganz besondere Beziehung zu seiner Tochter gehabt zu haben scheint. Dieser Verlust, diese Erkenntnis des Unwiederbringlichen, die scheint Chazelle´s Figur des Neil Armstrong fortan nicht mehr freizugeben. Immer wieder erinnert Ryan Gosling an den oscarprämierten Casey Affleck in Manchester by the Sea, ebenfalls ein Film, der stark mit den Schicksalen hadert, und eine Bewältigung anstrebt, die nicht zu erreichen ist. Dieses Unerreichbare, diese Dimension des Todes, die unserer Existenz inhärent ist und doch unangreifbar fern – dafür steht unser Trabant, dieser Mond. Eine Art Trost, stets für uns sichtbar. Es ist der Wille zur Nähe des Unerreichbaren, die Gosling´s Armstrong hier antreibt. Um überhaupt das zu erreichen, wofür er erst berühmt werden wird. Doch er tut dies nicht für die Vereinigten Staaten, nicht für irgendein Vaterland, nicht für den Fortschritt. Er tut es ganz alleine für sich. Und da erscheint mir anfangs und sogar während es ganzen Filmes Armstrong als eine unnahbare Persönlichkeit, als ein introvertierter, verbissener Charakter, der die Weltraumkapsel als unsichtbaren Kokon um sich herum mitträgt. Der sich aus dieser erdrückenden Enge menschengemachter Technik nicht hervorzwängen kann. Das macht ihn einerseits sogar zu einem unsympathischen Egoisten, es irritiert und befremdet. Ryan Gosling, generell eher ein Stoiker unter den Schauspielern, bleibt auch hier distanziert, unfähig, der Liebe zu Frau und Kind nachzufühlen, sich gar zu verabschieden, wenn es darum geht, Held zu sein. Vielleicht kommt er niemals wieder. Letzten Endes aber tut er es. Und sein kleiner Schritt wird ein gewaltiger für die Menschheit sein, so nebenbei allerdings. Dieser Grenzgang zwischen Todesverachtung, Wagnis und den Blick hinter den Horizont gerät hier zu einer flirrenden Ballade von Einsamkeit und Sehnsucht nach einem inneren Frieden.

KOMPOSITION AUS DISTANZ UND NÄHE

Erst in zweiter Linie ist Aufbruch zum Mond die Geschichte eines Pioniers, die Erfolgsstory der NASA mit all ihren Meilensteinen zum Ziel. Niemals wieder war der Mensch so weit von der Erde weg. Damien Chazelle gelingen Szenen, die in ihrer hypnotischen Wucht an die Grenzerfahrungen eines Dave aus Kubrick´s 2001 – Odyssee im Weltraum erinnern, da muss unsereins erst gar nicht hinter den Jupiter blicken. Kenner aber wissen: die Szene des Andocktests im Erdorbit ist eine ganz besondere Reminiszenz. Auch liegt der Fokus der Kamera stets auf den traurigen, erwartenden Augen Goslings, der etwas erblickt, was niemand sonst zu sehen vermag. Der den Vorhang einen Spalt breit lüftet. Es ist dieser Blick, der uns wissen lässt, dass hier eine Grenze überschritten wird, das Auge als Sinnbild eines Suchers, der sich einer ewigen Wahrheit nähert. Aufbruch zum Mond erinnert auch an Christopher Nolan´s nicht weniger intensives Kinoerlebnis Interstellar, vor allem die Landung auf dem Erdtrabanten wird zur packenden Sternstunde. Diese Szene ist wie eine Symphonie, wie ein akkurat dirigiertes, majestätisch klingendes Musikstück. Dann, wenn sich der Film daheim in den vier Wänden Armstrongs wiederfindet, Bruchstücken verlorener Gedanken gleich, ist es die Poesie eines Terrence Malick, nur ohne bedeutungsschwerer Stimme aus dem Off. Gesagt wird nicht, was gesagt werden muss. Und wo die Stimme versagt, wird geschwiegen. Die Bilder sprechen für sich, und der Kniff von Kameramann Linus Sandgren ist dabei, für die Schauplätze seines Filmes unterschiedliche Kameras zu verwenden. Während die intimen Szenen des Familienlebens in der ruhelosen Optik eines Homevideos die Distanz zum Publikum verliert, bleiben die NASA-Szenen auf nüchternem Abstand. Chazelle und Sandgren verzichten weitestgehend auf den wirkungsvollen Zauber des Blickes auf schwebende Raumschiffe. Die Magie dieser Erfahrung, die ist anders stark und liegt darin, den Zuschauer mit auf die Reise zu nehmen, lässt ihn den Blickwinkel der Astronauten innehaben, lässt ihn, den phsikalischen Gesetze unterworfen, erzittern wie Armstrong und sein Team. Der Blick durchs Fenster erweitert den Horizont fast mehr als die weite Aussicht über den Orbit. Das ist Kamerakunst, wie sie selten zu sehen ist. Das ist Film, der die Perspektive ändern kann, und der es meisterhaft versteht, das zu tun. Der anders denkt, auf mehreren narrativen Ebenen gleichzeitig, dabei so unfassbar berührt und nicht immer gefällig ist. Der niemals mit Pathos kokettiert oder sentimental wird. Die Rührung ist hier eine andere, eine tiefere, eine elementarere.

Aufbruch zum Mond ist ein bewegendes Kunststück, das die Geschichte des Fortschritts mit psychologischem Drama verbindet. Chazelle´s dritter Geniestreich ist längst nicht nur ein Weltraumfilm, sondern viel mehr. Etwas, dass sich nicht sofort erschließt, dass Zeit braucht, sich zu entfalten. Angesichts des zur Neige gehenden Kinojahres 2018 traue ich mich zu behaupten, dass Chazelle’s Werk für mich wohl das beste Filmereignis des Jahres sein wird. Ein großer Schritt für den Regisseur, und ein noch größerer für´s Kino.

Aufbruch zum Mond