Maggie

REQUIEM FÜR EINEN ZOMBIE

5/10


maggie© 2015 Splendid Film


LAND / JAHR: USA, SCHWEIZ 2015

REGIE: HENRY HOBSON

CAST: ABIGAIL BRESLIN, ARNOLD SCHWARZENEGGER, JOELY RICHARDSON, DOUGLAS M. GRIFFIN, J. D. EVERMORE, BRYCE ROMERO U. A. 

LÄNGE: 1 STD 37 MIN


Auch wenn die menschenfleischgierigen Untoten nicht gut für die Gesundheit der noch nicht Gebissenen sind und daher gerne als das Böse angesehen werden – im Grunde sind Zombies erbarmungswürdige, traurige Kreaturen, die, ihrem Willen beraubt, völlig wertfrei darauf warten, dass sie irgendwer einen Kopf kürzer macht. Um diese Traurigkeit, dieses Ausgeliefertsein, diesen schmerzlichen Prozess der Veränderung auch ein bisschen mehr hervorzukehren, wird im düsteren Drama Maggie eine Lanze für jene gebrochen, die mit ihrem Zombiedasein in absehbarer Zeit werden „leben“ müssen.

Ein solches Schicksal muss Abigail Breslin (u. a. Little Miss Sunshine) ausfassen, sehr zum Leidwesen von Papa Arnold Schwarzenegger, der in Zeiten der Pandemie seine gebissene Tochter um nichts in der Welt in Quarantäne stecken will. In Maggie bedeutet dies: zusammengepfercht mit anderen Zombies zu sein, die sich schlimmstenfalls gegenseitig als Frühstück betrachten. Also bleibt das Mädchen daheim und siecht dahin, bekommt den milchigen Blick und blutet schwarzes Blut. Währenddessen heißt es warten. Warten bis zum Ende.

Und ja, mehr ist in diesem Horrordrama eigentlich nicht los. Interessant dabei ist der im Film dargestellte, Wochenenddemonstranten wohl glücklich stimmende Umgang mit einem noch viel schrecklicheren Virus als Covid19. Abstand, Maske und sonstige Vorkehrungen sind keine vorhanden, anscheinend überträgt sich diese Krankheit nur durch beißen, also braucht’s das alles nicht. Das ist natürlich reichlich naiv, aber gut – eine Zombifizierung ist ja auch etwas Irreales. Umso realer ist die Düsternis in diesem Streifen, die sich von Minute zu Minute immer mehr siechend dahinschleppt. Die Bilder sind in entsättigte, graubraune Farben getaucht, schwer liegt der Score auf sowieso schon zementsackschweren Szenen, die den Verfall zelebrieren. Mittendrin ein völlig ratloser Arnold, der in seinem Leben beruflich sowieso schon alles, was nur möglich ist, erreicht hat, und nun auch mal schauspielerisch die ernstere Schiene erproben will. Später tut er das nochmal mit dem ebenso bleischweren Trauerdrama Aftermath. Mit Maggie zeigt er, wie sehr man ratlos herumstehen und herumsitzen kann, zwischendurch auch mal mit Nickerchen. Nicht schlecht, aber auch nicht wirklich gut. Da wirkt Abigail Breslin natürlich unterstützend – ihre Figur ist ebenso ratlos und voller Furcht, allerdings überzeugender. Doch es hilft alles nichts – Lethargische Erschöpfung und krassierende Symptome schreiten fröhlich voran. Das ist Nihilismus als ausharrendes, meditatives Familiendrama, das wenig mehr weckt als ein ungutes Gefühl. Oder: ein Film wie ein verfaulender Organismus – nur drumherum Menschen, händehaltend im Kreis, die einander und sich selbst nicht verlieren wollen.

Maggie

Euphoria

STIRB AN EINEM ANDEREN TAG

5/10

 

euphoria© 2018 Wild Bunch

 

LAND: SCHWEDEN, DEUTSCHLAND, GROSSBRITANNIEN 2017

REGIE: LISA LANGSETH

CAST: ALICIA VIKANDER, EVA GREEN, CHARLOTTE RAMPLING, CHARLES DANCE, ADRIAN LESTER U. A.

 

Zum cineastischen Fastenprogramm abseits vom Leben und Sterben Jesu lassen sich natürlich auch Werke zählen, die sich mit Glauben und Kirche auseinandersetzen – und ganz schlicht und ergreifend mit dem Thema Tod, auch wenn der Sensenmann seine eigentlichen Feiertage von Halloween bis Allerseelen hat. Aber macht nichts. Besinnlich darf und kann man diese Woche ja durchaus sein, wenn einem danach verlangt, als Gläubiger oder auch als Agnostiker, das ist ganz gleich. Der Tod ist sowieso konfessionslos und bietet so viel Stoff, da ist für jeden etwas dabei. Wie zum Beispiel ein Film über das sowieso recht brisante und streitbare Thema der Sterbehilfe.

Die gibt’s bei uns nicht, das ist klar. Die gibt’s in der Schweiz, soweit ich weiß. Sterbehilfe ist hierzulande immer noch Mord, egal wie schlecht es dem oder der zu Sterbenden geht. Das eigene Recht auf den Freitod könnte ein Grundrecht sein, könnte Freiheit bis zum Ende bedeuten. Das hat schon Richard Dreyfus in Ist das nicht mein Leben zu Tränen rührend eingefordert. Javier Bardem wollte als vollständig gelähmter Seemann in Das Meer in mir auch nicht mehr weiterleben. Bedürfnisse, die nichts für Zwischendurch sind, und für die man sich erst sammeln muss, um sich das Elementarste im Leben als Fallbeispiel zu Gemüte führen zu wollen. Das schwedisch-britische Sterbedrama Euphoria von Autorenfilmerin Lisa Langseth packt die ganze Thematik in einen abendlichternen Ausflug durchs schwedische Grün eines späten Sommers. Und lässt dabei zwei Schwestern nach langer Abstinenz aufeinander treffen, die sich vieles zu sagen hätten, aber nichts mehr voneinander wissen oder auch wissen wollen. Bis die eine draufkommt, dass die andere todkrank ist – und an einem ominösen Ort der Ruhe inmitten nordischer Wälder nach eigenem Ermessen und nach eigener Bestimmung das Zeitliche segnen will. Wie jetzt? Gerade mal wieder gefunden, schon winkt der Exitus? Alicia Vikander, die eine mäßig erfolgreiche Künstlerin gibt, muss diese vollendeten Tatsachen, vor die sie gestellt wird, erst verdauen. Eva Green, unheilbar an Krebs erkrankt, ist sich ihrer Sache sehr sicher, und versteht die ganze Entrüstung nicht. Erinnerungen von damals poppen auf, das Leid einer Familie von früher wird zur Prüfung beider Seelen, die mit Vorurteilen und Beschuldigungen nur so um sich schmeißen und erst mal lernen müssen, wie gute Kommunikation im Selbsthilfe-Rest einer Familie überhaupt funktioniert.

Der ganze Film erinnert an die existenzialistischen, melancholisch-düsteren Werke, vor allem Spätwerke eines Ingmar Bergmann. Schach mit dem Tod wird hier zwar nicht gespielt, aber das Flanieren im Vorhof zum Paradies wird zur romantischen Akklimatisierung auf das Jenseits. Wenn all die Freitod-Touristen hier durch íhr letztes bisschen Leben schlendern, wenn „Tywin Lennister“ Charles Dance noch einmal groß die Sau rauslässt, ganz im Stile von Klaus Maria Brandauer aus Jedermanns Fest, dann ist die Todessehnsucht keine geringe. Dann wird Euphoria zu einem Märchen für Mieselsüchtige, die ihre letzte Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod verwetten. Oder die letzteres gar nicht brauchen, weil die Stille, die folgt, vielleicht das Erholsamste ist, was man sich vorstellen kann. Charlotte Rampling gibt das Mädchen für alles, was das Klientel der Übergänger noch benötigt. Vom üppigen Frühstück bis zum Glockenläuten, der den nächsten Dead Man Walk für Freiwillige ankündigt.

Euphoria ist trotz seines tröstenden, morbiden Ambientes, trotz seiner Waldesruh in Thomas Mann´scher Manier, in welcher der Tod sein Tässchen Tee trinkt, ein unerquicklich trister Film. Eva Green will partout nicht mehr leiden müssen, und Vikander leidet wegen ihrer Versäumnisse aus frühen Jahren. Das Ganze ist schon sehr viel Kümmernis, sehr viel Selbstmitleid, aber mit kaum Mitleid für die, die sich dem Ende stellen. Letzten Endes werden es nicht alle tun, denn das Leben hat für manche noch die Reboot-Taste parat. Für viele aber ist es der letzte Gang – womit wir wieder bei der Karwoche wären, die Freitags entlang der Via Dolorosa in Richtung Zukunft marschiert. Die Euphorie kommt erst 3 Tage später, wie wir wissen – in Langseths Film eigentlich gar nicht.

Euphoria

Arthur und Claire

AMSTERDAM SEHEN… UND STERBEN?

7/10

 

arthurundclaire© 2018 Tivoli Film – Wolfgang Amslgruber

 

LAND: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND, NIEDERLANDE 2018

REGIE: MIGUEL ALEXANDRE

MIT JOSEF HADER, HANNAH HOEKSTRA, RAINER BOCK U. A.

 

Für alle, die den österreichischen Kultfilm Indien von Alfred Dorfer und Josef Hader aus dem Jahr 1992 nicht kennen, sei er dringend ans Herz gelegt. Dort gibt der noch sehr junge Kabarettist Hader mit Kinnbart einen vereinsamten Restauranttester, der durch die Ödnis Ostösterreichs tingelt und eine bittersüße Zweckfreundschaft fürs Leben findet. Jetzt ist der latent griesgrämige „Woody Allen“ Österreichs im besten Sinne zumindest ansatzweise zu seiner Paraderolle des lebensüberdrüssigen Einzelgängers zurückgekehrt. Allerdings gibt Hader diesmal nicht den Biedermann wie in Indien – seine Figur stammt aus anderen, gehobeneren Kreisen der Gesellschaft, ist aber nicht weniger ausgestoßen.

Der Charakter des Unsozialen mit ausgeprägtem Sinn für Zynismus zur richtigen Zeit steht dem stets blassnasigen Schauspieler mit dem Wiener Schmäh und dem unverkennbaren Sprachklang ganz ausgezeichnet. Überhaupt ist sein Arthur die wohl beste und sehenswerteste Performance seit Langem – da ist ihm Stefan Zweig im Exil aus Vor der Morgenröte längst nicht so gut gelungen. Den Dichter und kritischen Denker zu spielen ist auch offen gesagt eine ziemlich schwierige Aufgabe. Da fällt die Rolle des Arthur schon leichter, trotz der immensen Schwere des Schicksals, die ihn nach Amsterdam führt.

Den Freitod will er wählen, ganz offiziell. In ausgeschlafenem Zustand und mit Giftspritze. Dass am Abend davor das Schreiben des Abschiedsbriefes aufgrund von Unruhestörung im Nachbarzimmer des Hotels so gar nicht gelingen will, wird aber zum unbequemen Anfang von etwas, dass sich fast schon Fügung nennt. Denn Claire, die will ihrem Leben auch ein Ende setzen. Wogegen Josef Hader – in der womöglich intensivsten und virtuosesten Szene des Filmes – ordentlich dagegen interveniert – und sich beide zuerst wiederwillig, aber dann immer hilfesuchender, näherkommen.

Der Portugiese Miguel Alexandre (Der Mann mit dem Fagott), der mit Josef Hader gemeinsam auch am adapierten Drehbuch schrieb, ist eine Tragikomödie par excellence gelungen. Eine mal zutiefst traurige, mal urkomische Romanze, die unerwartet leicht von der Hand geht und fast schon so natürlich und launig durch die Krachtenstadt gondelt, als wäre Arthur und Claire eine französische Komödie. Zwischendurch blitzt immer wieder Haders ganz eigener trockener Humor auf, den seine Filmpartnerin Hannah Hoekstra mit Leidenschaft auffängt. Die niederländische Schauspielerin ist eine bereichernde Neuentdeckung. Ihre Sympathie zu Josef Hader dürfte auf alle Fälle nicht gespielt gewesen sein. Andernfalls wäre der Film ohnehin nicht gelungen, würde die Chemie nicht stimmen. Und der niederländische Dialekt entfaltet vor allem bei Hoekstra ihren liebevoll kauzigen Reiz. Das Sprachkolorit des Tulpenlandes bekommt nicht nur einmal sein Fett weg – Hader nützt jede Gelegenheit dazu.

Arthur und Claire ist Kopf-hoch-Kino zum Mitfühlen, ein urbanes Außenseitermärchen mit ganz viel keckem Charme. Niemals trist, oft trotzig, und in manchen Szenen so aufrichtig ungekünstelt und so direkt aus dem Bauch heraus gespielt, wie man es vor allem von Josef Hader noch nie so gesehen hat. Ausser in Indien vielleicht.

Arthur und Claire