Thrash (2026)

EIN HAI KAM IN DIE KÜCHE

4/10


Phoebe Dynevor schreit um ihr Leben im Film Thrash von Tommy Wirkola
© 2026 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE / DREHBUCH: TOMMY WIRKOLA

KAMERA: MATTHEW WESTON

CAST: PHOEBE DYNEVOR, DJIMON HOUNSOU, WHITNEY PEAK, ALYLA BROWNE, STACY CLAUSEN, DANTE UBALDI, AMY MATHEWS. ELIJAH UNGVARY, JON PRASIDA U. A.

LÄNGE: 1 STD 23 MIN



Sommersaison ist Hurrikan-Saison – zumindest im Süden der Vereinigten Staaten. Während hier im Herzen Europas der Heat Dome wie eine Käseglocke die aus Nordafrika heraufziehende Saunaluft konserviert, bewegen sich die Luftmassen andernorts um so vieles mehr, als würden sie die Trägheit des Wetters jenseits des Atlantiks kompensieren wollen.

Mach die Welle!

Im Survival- und Katastrophenreißer Thrash des Norwegers Tommy Wirkola, den wir ja alle nicht erst seit der Shootout-Variante von Hänsel und Gretel kennen und der eine siebenfache Noomi Rapace als wandelnden Wochenkalender in What Happened to Monday gegen ein dystopisches Geschwisterverbot ankämpfen ließ, schickt nun haushohe Wellen aus dem Atlantik über die Küste bis in jedes Haus, das bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht als Pfahlhütte durchgeht.

Aufgegabelt während des Hurrikans

Die Küstenstadt Annieville ist in Thrash Schauplatz einer Katastrophe, in der Phoebe Dynevor als schwangere junge Dame, die jeden Moment ihr Kind zur Welt bringen kann, nur eine von mehreren Protagonistinnen und Protagonisten darstellt, die auf unterschiedliche Art und Weise mit dem Wasser, der Gefährlichkeit dahintreibender und von der Energie des Wassers herumgeschleuderter Objekte und natürlich gefräßigen Bullenhaien klarkommen müssen. Dynevor jedenfalls steckt in einem Fahrzeug fest – so wie es aussieht, und so wie Wirkola es darstellt, ist ihre Lebenszeit wohl abgelaufen, denn die starre Astgabel, die sie umschlingt, lässt sich wohl nicht brechen.

Katastrophe überall

Falsch gedacht, zumindest bei Thrash. Denn hier geht nichts mit rechten Dingen zu. Gefährlich ist es auch nur dann, wenn die Story in Anbetracht des Ensembles schon längst zwischen entbehrlich und unentbehrlich entschieden hat. Von anderen Filmemachern, die mit diesem Genre vertraut sind wie zum Beispiel Alejandro Aja (z.B. Crawl) oder Jaume Collet-Serra (The Shallows), will Thrash kein bisschen lernen, was sich dadurch erkennen lässt, dass er sich in leidenschaftsloser Episodenhaftigkeit verliert.

Haie als kleine Fische

Wirkola begibt sich zum ersten Mal ins Genre des Katastrophenthrillers, will aber auch am Tierhorror mitnaschen, nur sind seine Haie selten viel mehr als zähnefletschendes Treibgut. Ihnen schenkt er relativ wenig Beachtung, sie sind eben Nutznießer der ganzen Situation und betreiben feuchtfröhliche Home Invasion, um in Küchen und Vorzimmern fremder Häuser ihre Runden zu drehen – mal sehen, ob ein Zweibeiner seine Extremitäten ins Wasser hält.

Im Vergleich dazu setzt Die Wasser der Seine – ebenfalls ein haarsträubender Netflix-Tierhorror ohne exorbitanter Katastrophe, die den Viechern die Show stiehlt – voll auf Fokus, zieht das Ding durch und feiert genau diesen B-Movie-Faktor konsequent bis zum Ende. Thrash hingegen weiß die meiste Zeit nicht, in welcher Tonalität er sich bewegen soll, wie weit er gehen darf und wie viel Übertreibung denn für so eine Katastrophe, die alles andere als parodiert werden will, gestattet sein darf. Wirkola verliert sich in halbgar erzählten Schicksalen, frönt Küchenkredenz-Parcours und schwimmenden Betten, konzentriert sich aber auf nichts richtig und hat schlichtweg das Problem, sich selbst in diesem Szenario nichts zuzutrauen.

Am Ende die Übertreibung

Am Ende macht er dann das, was er von Beginn an schon hätte machen sollen: Die Trash-Karte ausspielen, das überzogene Gedöns, die Natur beim Wasser-Wrestling, die lustvolle Übertreibung. Wirkolas Spaß an der Sache kommt erst spät, letztlich wirkt sein Zugeständnis nur noch aufgesetzt und kaum noch vonnöten, anders als bei den späten Gästen einer Party, die umso schöner werden.

Thrash (2026)

Bodies Bodies Bodies

SIE WOLLEN NUR SPIELEN

6/10


bodiesbodiesbodies© 2022 Public House Rights LLC.


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: HALINA REIJN

BUCH: SARAH DELAPPE, NACH EINER STORY VON KRISTEN ROUPENIAN

CAST: AMANDLA STENBERG, MARIA BAKALOVA, RACHEL SENNOTT, CHASE SUI WONDERS, PETE DAVIDSON, LEE PACE U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Die Zukunft der Menschheit liegt in den Händen solcher Leute? Na, ich hoffe doch nicht ausschließlich. Denn Party, Party, Party geht auch nicht immer, obwohl jugendlicher Hedonismus zur besseren Resilienz die Schräglage unserer Welt manchmal auf die leichte Schulter nehmen darf. Ganz so sehr dem Frust über Klimakrise, Krieg und Geldknappheit muss man sich auch nicht immer hingeben, andererseits aber wäre ein bisschen mehr Bodenhaftung angesichts einer Realität wie dieser schon wünschenswert. Die Mädels und Jungs in Bodies Bodies Bodies kreisen jedoch in erster Linie um ihre aufgebauschten Befindlichkeiten, während man auf der Luxuswelle vor sich hintreibt und gerade zum Splish Splash ins feudale Heim eines selbsternannten Sex-und Koks-Gottes, dargestellt von Pete Davidson, eingeladen wird.

Es beginnt das hysterische Kammerspiel mit der großzügigen Darstellung eines innigen French Kiss zwischen zwei Mädels (Amandla Stenberg und Borat-Oscarnominierte Maria Bakalova), die so frisch verliebt sind wie das 90er-Girlie-Duo t.a.t.u., und zum feuchtfröhlichen Wochenende aufschlagen, das sie mit einer recht illustren Runde an jungen Frauen und einem älteren Herrn (Lee Pace – kaum zu glauben dass der mal den anmutigen Elben Thranduil gegeben hat) teilen müssen. Sophie und ihre Freundin Bee werden kritisch beäugt, lässt sich Sophie doch seit längerer Abstinenz erstmals wieder blicken. Ein Drogenproblem hat die soziale Interaktion leider verhindert, doch das Verständnis hat bei so vielen Ego-Trips aktuell keinen Platz. Als der angekündigte Hurrikan für diesen Tag langsam Anstalten macht, hereinzubrechen, sucht die Gruppe Vergnügungssüchtiger indoor nach Beschäftigungen – und probiert das hübsche Spiel Bodes Bodies Bodies aus, was ungefähr so zu funktionieren scheint wie das gerne zelebrierte Werwolfspiel vom Düsterwald. Ein Mörder geht um und killt seine Mitspieler bei Berührung. Das Opfer fällt zu Boden und schon muss jener Spieler, der es entdeckt, dreimal Bodies rufen, um das Rätselraten einzuläuten. Es wäre kein Thriller, sondern einfach nur ein Partyfilm, würde nicht tatsächlich einer der Anwesenden bald das Zeitliche segnen. Und es passiert auch: Gerade Pete Davidson als Gastgeber klebt blutverschmiert an der Verandatür. Whodunit? Vielleicht die zuvor von ihm kompromittierte Freundin? Oder gar der undurchschaubare Gelegenheitsflirt Greg, der sich bereits frühzeitig ins Schlafgemach abgeseilt hat? Irgendwer will sich da an irgendwen – oder gleich an allen? – rächen, denn es dauert nicht lange, da wird die blutige Spur immer länger und länger.

Das Blut, das tragen bald alle Protagonistinnen wie Kriegsbemalung im Gesicht. Und es sieht nicht so aus, als hätten sie all den Körpersaft deswegen dort, weil sie zufällig in die Wunden der Opfer gefallen sind. Das sieht zwar seltsam aus, doch vielleicht ist das Absicht. Vielleicht herrscht hier, im englischsprachigen Erstling der Niederländerin Halina Reijn, ein Zickenkrieg zwischen selbstgerechten Influencer-Ladies, die in ihrer Smartphone-Blase auf und ab gackern, als gäbe es kein Morgen mehr. Für manche wird dieser auch nicht aufziehen, und es ist manchmal tatsächlich kaum auszuhalten, den keifenden Frauen beim verbalen Austeilen zuzuhören, deren Stimmen sich bis zum exzessiven Gekreische überlagern, wenn sich die Reichen und Schönen am Boden wälzen, weil keine die sein will, für die sie die anderen halten. Bodies Bodies Bodies ist aber, hat man die Katze aus dem Sack gelassen, am Ende einer turbulenten Blutnacht voller Ein-, Aus- und Zufälle das Armutszeugnis einer unzurechnungsfähigen Society, die ihre Selbstdarstellung bis zur Selbstüberschätzung treibt. Dabei wird Social Media nicht per se verteufelt, sondern viel mehr das, was man daraus macht. Worauf es ankommt, verschwimmt zusehends. Und der viele Lärm war um nichts.

Bodies Bodies Bodies

Die Farbe des Horizonts

SEGELN UM KOPF UND KRAGEN

7/10

 

Sam Claflin and Shailene Woodley star in ADRIFT 
Courtesy of STXfilms© 2018 Weltkino

 

ORIGINAL: ADRIFT

LAND: USA 2018

REGIE: BALTASAR KORMÁKUR

MIT SHAILENE WOODLEY, SAM CLAFLIN, GRACE PALMER U. A.

 

Neidisch könnte ich werden. Junge Menschen an den Stränden Tahitis, ungebunden und nur für sich selbst verantwortlich. Einfach zu jung, um sich Sorgen zu machen. Manche haben sogar ihr eigenes Boot, wenn geht selbst gebaut, mit dem sie die Meere durchkreuzen, immer auf der Suche nach neuen Abenteuern, neuen Eindrücken, oder gleich nach der Frau fürs Leben. Die findet der junge Richard, als er in der Südsee einen Zwischenstopp macht. Die Kalifornierin Tami ist auch so eine losgelöste Seele, mal da mal dort ein bisschen Geld verdienen, um nur das zu machen, was wirklich auf der Willhaben-Liste steht. Gefunden haben sich die beiden schnell, ihre Liebe zueinander ist bald gestanden. Auf geht’s übers Meer.

Bis dahin klingt die auf wahren Ereignissen beruhende Geschichte ein bisschen – was heißt ein bisschen – nach Nicholas Sparks oder Rosamunde Pilcher, vielleicht sogar ein bisschen nach einem Ferienfilm von Richard Linklater, in dem ganz viel gequatscht wird, während den jungen Dauerurlaubern die Sonne auf den Bauch scheint. Doch ein Werk von Studenten-Philosoph Linklater ist dieser Film keiner. Obwohl von Schauspielerin Shailene Woolley höchstselbst produziert, trägt das romantische Abenteuerdrama Die Farbe des Horizonts die Handschrift eines Genre-Experten, der mit unglaublichen Outdoor- und Survival-Geschichten bereits seinen Beitrag zur Filmgeschichte geleistet hat: Balthasar Kormákur. Der Isländer hat mit seinem True Story-Debüt The Deep schon so ziemlich überzeugt. Sein letzter „Land der Berge“-Horror Everest war intensiv und fesselnd. Die Dimensionen der Kälte im Rücken, hat Kormakur nun seinen menschlichen Kreuzweg in den warmen Pazifik verfrachtet, genau dorthin, wo nämlich nichts ist, außer Himmel und Meer, quälende Sonne und verlockende Resignation. Dass dieses ach so verliebte, turtelnde Paar dann, statt bis nach Japan, quer über den Pazifik segelt, um das Boot eines Bekannten in den sicheren Hafen von San Diego zu bringen, ist der Wink eines Schicksals, welches später gnadenlos zuschlagen wird. In der schwer zu fassenden Gestalt eines Hurrikans, mitten auf hoher See. Das möchte ich nicht mal im Traum erleben, mir selbst reicht schon ein böiger Wind, der das Boot einer Attraktion im Vergnügungspark gleich hin und her schaukeln lässt, weit entfernt von lebensbedrohlichen Szenarien. Doch die Ratio kommt im Kopf nicht an, vor manchen Dingen hat man einfach mehr Angst als vor anderen. Dennoch lockt es mich immer wieder in solche Filme, vielleicht, weil ich in diese Richtung bereits Erlebtes gut verarbeiten kann, oder weil es mich einfach fasziniert, wie Menschen über sich herauswachsen, um Unmögliches durchzustehen.

Shailene Woodley´s Jung-Amerikanerin Tami gelingt genau das – sie steht das Fernweh, das diesmal so richtig wehtut, bis zur Selbstaufgabe durch. Ihr sonnengebleichtes Haar, ihr tropengebräunter Teint macht sie zu einer Ali McGraw des authentischen Abenteuerfilms, mit Mut zur leidensfähigen Expressivität, die wir normalerweise von Jennifer Lawrence gewohnt sind. Woodley holt das Publikum aber sogar noch besser ab, vertraut ihrer Rolle und ihrem Zugang dazu. Lässt teilhaben an dieser Entbehrung in einer lebensfeindlichen Unendlichkeit, wie damals Robert Redford in All is Lost, allerdings mit dem Faktor einer Liebenden, die mehr zu verlieren hat als „nur“ die eigene Existenz.

Die Farben des Horizonts, die leicht als kitschig fehlinterpretiert werden und die als Titel eines Filmes die falschen Hoffnungen für einen Schmachtfetzen hegen, ist ein unchronologisch erzähltes Südseedrama mit dem Geschmack von Meersalz, das mit dem Höhepunkt beginnt und das Gestern und Morgen behutsam zusammenführt. Das mag erstmal etwas verwirrend und vielleicht auch zu willkürlich und unmotiviert anmuten, erhält aber gegen Ende seine Berechtigung und bleibt als packender Überlebenskampf gegen Wellen, Meer und Himmelsrichtung auf schmerzvolle wie trotzige Weise in guter Erinnerung.

Die Farbe des Horizonts