303

LIEBE GEHT DURCH DEN WAGEN

5,5/10

 

303© 2018 Alamode

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: HANS WEINGARTNER

CAST: MALA EMDE, ANTON SPIEKER, MARTIN NEUHAUS U. A.

 

Ab in den Süden! – Ich kann es kaum erwarten, bis Buddy vs. DJ the Wave wieder aus dem Radio scheppert, bis die Uhren endlich umgestellt sind und es langsam wieder nach Sommer riecht. Mit Ab in den Süden ist das Urlaubsfeeling in der Zielgeraden, da freut man sich, endlich ausbrechen und den ganzen Alltag hinter sich lassen zu dürfen. So wie die 24jährige Biologiestudentin Jule, die gerade ihre letzte Prüfung vor der große Pause versemmelt hat und sich nun mit einem Wohnmobil der Marke Mercedes Homer 303 aufmacht, ihren Freund zu besuchen, der in Portugal weilt und noch gar keine Ahnung davon hat, dass er womöglich Vater wird. Doch ganz sicher ist sich Jule da nicht – ob sie die Schwangerschaft nicht abbrechen soll? Kurz nach Berlin gabelt die junge Frau an einer Tankstelle den Tramper  Jan auf – ebenfalls Student, ebenfalls mit einem Projekt gescheitert, und eigentlich vaterlos. Sein unbekannter, biologischer Erzeuger, der weilt auch im Süden, und zwar in Spanien. Sommerferien sind also da, um das zu tun, was man irgendwie tun muss − wobei der Weg als Ziel eigentlich viel schöner ist als das, was wartet, wenn man ankommt.

Fatih Akin hat schon Anfang der 90er mit der Sommerkomödie Im Juli so ein launiges, verliebtes Roadmovie inszeniert, mit einer traumhaft quirligen Besetzung, und mit einer kurzweiligen Story, die nah an der hollywoodtauglichen Krimikomödie entlangflaniert. 25km/h, die Reise auf zwei Mofas Richtung Nordsee, war auch so ein Selbst- und Wiederfindungstrip. Und 303 – der liegt auch irgendwo auf dieser Schiene, nähert sich aber thematisch fast schon mehr den Dialogkomödien eines Richard Linklater an, insbesondere der Before-Trilogie, bestehend aus Sunrise, Sunset und Midnight. Ethan Hawke und Julie Delpy trafen sich da in Wien, Paris oder letztendlich in Griechenland, um einfach miteinander zu reden, Diskussionen vom Zaun zu brechen und an den Erkenntnissen zu wachsen. Das ist auch der Punkt, warum Linklaters Dialog-Trilogie in allen Teilen so gut funktioniert. Weil einfach die Chemie zwischen den beiden gestimmt hat – und beide auch bereit waren, ihren Standpunkt zu verändern, aus einem anderen Licht zu betrachten, sich selbst zu hinterfragen.

Die Chemie zwischen Mala Emde und Anton Spieker scheint erstmal auch zu stimmen. Beide Schauspieler lassen sich gut aufeinander ein, und sehr wahrscheinlich lief das Casting für diesen Film nicht getrennt voneinander ab, wie vielleicht bei Herzblatt. Die beiden mögen sich, das ist klar, zumindest nach dem zweiten Anlauf, denn beim ersten Mal hat Jan noch den Beifahrersitz räumen müssen, weil er bei Jule einen wunden Punkt getroffen hat. Gut aber, dass der Zufall es so wollte und beide wieder zusammengeführt hat. Und so tingeln sie quer durch Deutschland, Belgien, Frankreich und Spanien. Wir sehen, wie sie die offenen EU-Grenzen passieren, wenn der Kölner Dom oder rustikale französische Dörfer vorbeirauschen und das Meer zum Greifen nah ist. Während sie so von einer Landschaft in die nächste reisen, rund eine Woche lang, wird viel geredet, diskutiert und sinniert. Und genau darin liegt das Problem in diesem deutlich überlangen und auch viel zu langen Reisefilm vom Österreicher Hans Weingartner (Das weiße Rauschen, Die fetten Jahre sind vorbei). Sein mobiler Liebesfilm nimmt sich einerseits und vollkommen nachvollziehbar genügend Zeit, die Zuneigung der beiden füreinander langsam, aber stetig und glaubhaft wachsen zu lassen. Das ist das Kernstück, das tatsächlich auch so gemeinte Herzstück des Films – denn das Herz, das spielt hier eine große Rolle. Und was das Herz will, das, so wünscht man sich, soll es bei Jule und Jan auch bekommen. Andererseits aber sind die Dialoge nicht das, was sie sein sollten, da hätte Weingartner von Linklater mehr lernen sollen. Insbesondere bei den Gesprächen, die so aussehen sollen wie jene über Gott und die Welt. Wenn es um Suizid, Sexualität und Massenkonsum geht, wirken die Diskussionen so klischeehaft, vorbereitet und in den Mund gelegt wie durchkonzipiertes Schulfernsehen. Kann sein, dass Mala Emde und Anton Spieker hier aus dem Stegreif plaudern, aber wie Stegreif mutet das ganze nicht an. Eher wie eine Umfrage zu trendigen Jugendthemen. Da fehlt das Unmittelbare, das Aufgreifen des Gesprächs aus der Situation heraus. So hat man das Gefühl, einem Schulprojekt aus der Oberstufe beizuwohnen, das gerade mal ein Wochenende Zeit gehabt hat, sich stichwortartig die Fragen zu überlegen.

Liebens- und sehenswert sind die beiden ja trotzdem, und es sei ihnen das Glück in ihrem jungen Leben vergönnt, aber vielleicht bin ich diese Art der Twentysomething-Diskussionskultur schon durch und muss niemandem mehr meinen Standpunkt klarmachen. Weingartners Verliebte müssen das, und so ist sein Film auch durch den Eifer seiner populären, recht aufgepappten Topics ein reiner Jugendfilm, der weder überrascht, erstaunt oder Reibungsflächen bietet, der einfach nur  – und das kann er aber –- vom Gefühl einer Sommerliebe erzählt, und vom Alltag, den man gerne zurücklassen würde. Was aber nicht ganz klappt, denn die Hürden des Lebens sind mit dabei, wobei diese in 303 aber kleiner werden, sich anders verlagern oder von selbst lösen. Das ist wohl das, was das Reisen ausmacht – Distanz hinter sich und dem Status Quo zu bringen, während man sich neuen Horizonten auf der Landkarte und im Kopf zuwendet.

303

Die Farbe des Horizonts

SEGELN UM KOPF UND KRAGEN

7/10

 

Sam Claflin and Shailene Woodley star in ADRIFT 
Courtesy of STXfilms© 2018 Weltkino

 

ORIGINAL: ADRIFT

LAND: USA 2018

REGIE: BALTASAR KORMÁKUR

MIT SHAILENE WOODLEY, SAM CLAFLIN, GRACE PALMER U. A.

 

Neidisch könnte ich werden. Junge Menschen an den Stränden Tahitis, ungebunden und nur für sich selbst verantwortlich. Einfach zu jung, um sich Sorgen zu machen. Manche haben sogar ihr eigenes Boot, wenn geht selbst gebaut, mit dem sie die Meere durchkreuzen, immer auf der Suche nach neuen Abenteuern, neuen Eindrücken, oder gleich nach der Frau fürs Leben. Die findet der junge Richard, als er in der Südsee einen Zwischenstopp macht. Die Kalifornierin Tami ist auch so eine losgelöste Seele, mal da mal dort ein bisschen Geld verdienen, um nur das zu machen, was wirklich auf der Willhaben-Liste steht. Gefunden haben sich die beiden schnell, ihre Liebe zueinander ist bald gestanden. Auf geht’s übers Meer.

Bis dahin klingt die auf wahren Ereignissen beruhende Geschichte ein bisschen – was heißt ein bisschen – nach Nicholas Sparks oder Rosamunde Pilcher, vielleicht sogar ein bisschen nach einem Ferienfilm von Richard Linklater, in dem ganz viel gequatscht wird, während den jungen Dauerurlaubern die Sonne auf den Bauch scheint. Doch ein Werk von Studenten-Philosoph Linklater ist dieser Film keiner. Obwohl von Schauspielerin Shailene Woolley höchstselbst produziert, trägt das romantische Abenteuerdrama Die Farbe des Horizonts die Handschrift eines Genre-Experten, der mit unglaublichen Outdoor- und Survival-Geschichten bereits seinen Beitrag zur Filmgeschichte geleistet hat: Balthasar Kormákur. Der Isländer hat mit seinem True Story-Debüt The Deep schon so ziemlich überzeugt. Sein letzter „Land der Berge“-Horror Everest war intensiv und fesselnd. Die Dimensionen der Kälte im Rücken, hat Kormakur nun seinen menschlichen Kreuzweg in den warmen Pazifik verfrachtet, genau dorthin, wo nämlich nichts ist, außer Himmel und Meer, quälende Sonne und verlockende Resignation. Dass dieses ach so verliebte, turtelnde Paar dann, statt bis nach Japan, quer über den Pazifik segelt, um das Boot eines Bekannten in den sicheren Hafen von San Diego zu bringen, ist der Wink eines Schicksals, welches später gnadenlos zuschlagen wird. In der schwer zu fassenden Gestalt eines Hurrikans, mitten auf hoher See. Das möchte ich nicht mal im Traum erleben, mir selbst reicht schon ein böiger Wind, der das Boot einer Attraktion im Vergnügungspark gleich hin und her schaukeln lässt, weit entfernt von lebensbedrohlichen Szenarien. Doch die Ratio kommt im Kopf nicht an, vor manchen Dingen hat man einfach mehr Angst als vor anderen. Dennoch lockt es mich immer wieder in solche Filme, vielleicht, weil ich in diese Richtung bereits Erlebtes gut verarbeiten kann, oder weil es mich einfach fasziniert, wie Menschen über sich herauswachsen, um Unmögliches durchzustehen.

Shailene Woodley´s Jung-Amerikanerin Tami gelingt genau das – sie steht das Fernweh, das diesmal so richtig wehtut, bis zur Selbstaufgabe durch. Ihr sonnengebleichtes Haar, ihr tropengebräunter Teint macht sie zu einer Ali McGraw des authentischen Abenteuerfilms, mit Mut zur leidensfähigen Expressivität, die wir normalerweise von Jennifer Lawrence gewohnt sind. Woodley holt das Publikum aber sogar noch besser ab, vertraut ihrer Rolle und ihrem Zugang dazu. Lässt teilhaben an dieser Entbehrung in einer lebensfeindlichen Unendlichkeit, wie damals Robert Redford in All is Lost, allerdings mit dem Faktor einer Liebenden, die mehr zu verlieren hat als „nur“ die eigene Existenz.

Die Farben des Horizonts, die leicht als kitschig fehlinterpretiert werden und die als Titel eines Filmes die falschen Hoffnungen für einen Schmachtfetzen hegen, ist ein unchronologisch erzähltes Südseedrama mit dem Geschmack von Meersalz, das mit dem Höhepunkt beginnt und das Gestern und Morgen behutsam zusammenführt. Das mag erstmal etwas verwirrend und vielleicht auch zu willkürlich und unmotiviert anmuten, erhält aber gegen Ende seine Berechtigung und bleibt als packender Überlebenskampf gegen Wellen, Meer und Himmelsrichtung auf schmerzvolle wie trotzige Weise in guter Erinnerung.

Die Farbe des Horizonts

Dolmetscher

OPFER, TÄTER UND IRGENDWAS DAZWISCHEN

5/10

 

dolmetscher© Barbora Jancárová/Titanic, InFilm, coop99

 

LAND: ÖSTERREICH, TSCHECHIEN, SLOWAKEI 2018

REGIE: MARTIN ŠULÍK

MIT JIRÍ MENZEL, PETER SIMONISCHEK, ZUZANA MAURÉRY, ATTILA MOKOS U. A.

 

Irgendwann passiert es einfach. Und es lässt sich nicht verhindern. Die Opfer von früher treffen auf jene, die ihnen Böses wollten. Sind Opfer oder Täter von früher irgendwann nicht mehr, bleiben die Nachkommen. Doch auch als Filius eines Mörders ist ein solcher immer irgendwie noch jemand, der Schuld auf sich geladen haben muss. Und weiß man seine Eltern gemeuchelt im Massengrab unter der Erde liegend, prangt Opfer auf der Stirn des alten Waisen, der als Dolmetscher außer Dienst den Wohnsitz eben jenes Kriegsverbrechers heimzusuchen gedenkt, der das Leben von Mutter und Vater auf dem Gewissen hat. Der tschechische Filmemacher und Schauspieler JirÍ Menzel spielt diesen alten Herrn im Columbo-Gedächtnismantel und mit einem Profil, das frappant an Gunther Philipp zu seinen späten Kalauerzeiten erinnert, einzig die Ohrläppchen sind etwas kleiner. Da steht er also im Stiegenhaus eines Wiener Altbaus und läutet den völlig zerknitterten Georg Grabner aus dem vormittaglichen Müßiggang. Das hat erstmal nicht wirklich den gewünschten Effekt, den sich der alte Ali Ungar ausgemalt hätte, mit Schießeisen in der Manteltasche und den Memoiren von Papa Grabner im Koffer. Doch kommt Zeit, kommt Erkenntnis – und irgendwie finden sich die beiden plötzlich als Vertreter ihrer Past Generation im Auto wieder – quer durch die Slowakei, auf den Spuren politisch angeordneter Schwerverbrechen, auf aufklärerischen Pfaden, und auf der Suche nach dem Grab der Eltern – oder so ähnlich.

Denn irgendwie verzetteln sich die beiden. Gut, sie sind nicht mehr die Jüngsten, sie sollten sich ruhig Zeit nehmen. Kauzige Roadmovies mit ernstem Hintergrund haben schon Potenzial. Aber das heißt leider nicht, dass sich Regisseur Martin Šulík ebenfalls verzetteln muss. Dolmetscher ist sowohl die Geschichte einer Freundschaft, aber auch ein Gräuel-Dokument mit dem Holzhammer. Dieses Aussöhnen der Nachkommen, dieses Abklären der nachhaltigen Verantwortung und der Sippenhaft – diese Thematik findet sich auch in Chris Kraus´ schräger, ganz anders aufbereiteten Dramödie Die Blumen von gestern wieder. Da wurden sogar Enkelin und Enkel nicht mit ihrer Familiengeschichte fertig. Den Kraftakt muss Dolmetscher auch nicht auf knapp zwei Stunden hinbiegen, das ist etwas, das wohl niemals wieder richtig gut wird.

Die Annäherung von Täterkind Peter Simonischek an den völlig spaßbefreiten Ungar sind die besten Szenen des Filmes. Dieses Miteinander hätte schon Substanz genug gehabt, aus der ganzen nachhallenden Spurensuche ein streitbares Roadmovie durch ein so nahes und doch so unbekanntes Land zu skizzieren. Die von mir sehr geschätzte Burgtheaterlegende in Silbergrau hat noch immer ein bisschen den Toni Erdmann in den Knochen, kann aber auch sein, dass der Mann in diesem Film sehr oft einfach er selbst ist. Das macht ihn sympathisch, brummig und zugänglich – aber erinnert auch an einen Moderator aus einer Gedenktag-Doku. Menzel gibt mit seiner wandelnden, unfreiwillig schrulligen Tristesse in Beige da ordentlich kontra. Doch das und die nebelverhangenen Herbstlandschaften der Ostslowakei ziehen an einem Film vorbei, der eigentlich nur das Grauen der Nazizeit in der Slowakei aufarbeiten will. Das geht schwer zusammen, dafür ist auch zu wenig Platz in dieser Geschichte. Wenn in wenigen Momenten tatsächliche Zeugen auf alten Filmaufnahmen zu Wort kommen, dann ist das Aufarbeitung im Schnellverfahren – so viele schreckliche Details wie möglich in wenigen Minuten. Das kommt ein paar Mal vor. Und ist dann doch erzwungen reißerisch. Wenngleich der Versuch, der NS-Geschichte in den Tälern der Tatra Gehör zu verschaffen, von Regisseur Šulík durchaus ehrenhaft ist.

Dolmetscher weiß nicht, wie es mit all den Ansprüchen umgehen soll. Tragikomisch oder nur tragisch? Augenzwinkernd oder in trauernder Apathie? Neuanfang oder Nicht vergessen können? Natürlich darf Film Widersprüche vereinen, doch hier findet sich nicht mal Peter Simonischek ganz zurecht, den eigentlich mehr die Bilder von damals bewegen als alles andere. Im Grunde aber ist das Ganze ein unausgewogenes Drama, teils semidokumentarisch, teils das Reisevideo zweier Pensionisten, die unterschiedlicher nicht sein können. Zu wenig geht hier voran, zu viel will erledigt werden. Am Ende hat Martin Šulík sogar noch einen Story-Twist parat, der dann aber tatsächlich funktioniert, und die Figuren von Heute näher ans Ziel ihrer Bestimmung führt.

Dolmetscher

Atlantic

DES MEERES UND DER LIEBE WELLEN

7/10

 

Atlantic© 2014 Thimfilm

 

LAND: NIEDERLANDE / BELGIEN / DEUTSCHLAND / MAROKKO 2014

REGIE: JAN-WILLEM VAN EWIJK

MIT FETTAH LAMARA, THEKLA REUTEN, MOHAMED MAJD, BOUJMAA GUILLOUL U. A.

 

Stürmisch ist er. Saukalt. Strömungs- und nährstoffreich – der atlantische Ozean. Nicht gerade das Meer zum Chillen, aber das Meer, um den starken Sportler zu markieren und zu surfen, was das Zeug hält. Die Küsten Marokkos und jene der kanarischen Inseln sind das Paradies für Wellen-Junkies schlechthin. Wer ein Surfbrett hat, hat den Sinn seines Lebens gefunden. Und gehört fortan zu einer Gruppe von Menschen, die mit Dreadlocks, kurzen Schlabberhosen und einer gehörigen Portion Lässigkeit das Leben auf die leichte Schulter nehmen. Um meterhohen Wasserbergen zu trotzen gehört schon eine Portion rotzfrecher Todesmut. Und nach jeder unversehrten Rückkehr an den Strand ist die Existenz um einige Fuhren Küstensand leichter. Womit wir beim Subgenre des Surfer-Films wären. Tatsächlich gibt es Festivals wie jene des Bergfilms, die sich ausschließlich den gefilmten Loops mit Brett und Segel widmen. Womöglich nur was für Surfer-Nerds, obwohl auch Nicht-Dudes so mancher cineastischen Spezialität neben all den atemberaubenden Stunts auch andere Aspekte abgewinnen können. So gesehen bei Atlantic, einer entrückend poetischen Filmerzählung, die den Wassermassen zwischen alter und neuer Welt in den schönsten Lichtreflexionen huldigt und einen Fischersohn namens Fettah auf eine Reise schickt, von welcher er womöglich nicht mehr zurückkehren wird.

Der niederländische Filmemacher Jan-Willem van Ewijk hat ein elegisches Essay über die Sehnsucht nach einem besseren Leben inszeniert, ohne sich dabei aber explizit auf die Charakterisierung des Flüchtlings an sich zu beschränken. Sein Film fordert mehr Fragen und Skepsis zutage als es anfangs den Anschein hat. Denn der Laiendarsteller und Surfer Fettah, der von van Ewijk für eine Rolle selbes Namens gecastet wurde, gibt sich seinen Träumen hin. Den Träumen von einem Leben in einem Elysium des Westens, in einem gelobten Land, wo Milch und Honig fließen, wo es allen besser geht, wo das einzig erstrebenswerte Ziel des materiellen Wohlstands so nah ist wie nirgendwo sonst. Es ist weniger die Schwärmerei für eine junge Frau, die den jungen Fischer und Surfer beeindruckt, sondern der Ort, von wo dieses Wesen aus dem Westen herzukommen scheint. Längst an einen Freund Fettah´s vergeben, entspinnt sich zwischen beiden dennoch eine fast schon intime Vertrautheit – die aber nicht mehr sein kann als ein sommerlicher Flirt, dessen Buschfeuer relativ schnell verraucht. Der Mann aus Afrika will aber mehr. Was genau, darüber lässt uns van Ewijk eigentlich im Unklaren. Sein Abenteurer will das, was durch den Besuch sämtlicher Touristen plötzlich so greifbar nah erscheint. Will das, was er eigentlich gar nicht kennt, und über die Maßen idealisiert. Es ist die eigene Unzufriedenheit, die das Auswandern in ein besseres Leben rechtfertigen soll. Das eigene kleine Glück, die Wertschätzung vertrauter Menschen, greifbare Werte, die bleiben, wenn nichts mehr bleibt – selbst die einfordernden Rufe nach Rückkehr bleiben angesichts des Wagemuts, die Grundrechte auf das Menschenmögliche einzufordern, ungehört.

So fängt der junge Mann und das Meer keinen Marlin, der an der Angel hängt und wie bei Hemingway während der Fahrt zurück ans Ufer aufgefressen wird – vielmehr orientiert sich der Glückssucher an den Gestirnen, und verliert dennoch die Orientierung. Mag sein, dass ich Atlantic völlig falsch eingeschätzt habe. Doch das, was mir van Ewijk´s Film vermittelt, ist kein Manifest, dass Mut macht oder den Mutigen bemitleidet. Nichts, was den Flüchtenden besser verstehen lässt. Im Gegenteil. Die Sehnsucht nach dem Mehr im Leben taucht im Meer des Lebens auf poetische, zurücknehmend kritische Weise als Fragment in der kalten Strömung unter.

Atlantic

Bach in Brazil

MUSIK VERBINDET

7/10

 

bachbrazil

REGIE: ANSGAR AHLERS
MIT EDGAR SELGE, ALDRI ANUNCIACAO, FRANZISKA WALSER

 

Da sitzt er, der kauzige, verklemmte Musiklehrer außer Dienst. Inmitten einer ihm unbekannten brasilianischen Kleinstadt. Holt sein Blasinstrument hervor und spielt ein paar Takte auf dem Originalmusikblatt des Barockmeisters Johann Sebastian Bach – das Erbstück eines ehemaligen Schulfreundes. Allerdings musste der Housesitter und Reisemuffel den beschwerlichen Weg in das südamerikanische Bergstädtchen selbst zurücklegen, um begehrtes Kulturgut zu erlangen. Wider Erwarten landet der schräge Vogel abgebrannt und ausgeraubt bei einem bruchstückhaft deutschsprechenden Einheimischen. Das Notenblatt wiederzuerlangen wird nun zur absichtlich hinausgezögerten Aufgabe des Brasilianers – währenddessen der Musiklehrer wieder zu seiner eigentlichen Profession zurückfindet und den Kindern einer Jugendstrafanstalt das Musizieren beibringt.

Ansgar Ahlers herzerfrischende, unbeschwerte Multikulti-Komödie wirkt überraschend undeutsch. Vielmehr so, als wäre die liebenswerte, wohlwollend harmlose Version von Wie im Himmel ein brasilianisches Original, fern jeglichen Schwermuts eines Josef Hader aus Vor der Morgenröte. Dem lustvoll verknöchert aufspielenden Edgar Selge sieht man gerne zu, wie er seine Vorbehalte vor dem Fremden Stück für Stück ablegt und jene Lebenslust annimmt, die den Problemkindern in der Haftanstalt trotz ihrer misslichen Lage anzuhaften scheint. Doch die neue Aufgabe, das neue Ziel und die zu Tage tretenden Talente manch eines Halbwüchsigen wecken den Ehrgeiz für noch Größeres. Bei so viel positiven Vibes schaut das Publikum gerne zu, auch wenn die Story so scheint, als käme sie aus kreativen Kinderhänden. Das naive Feel-Good-Movie kontert jede Unannehmlichkeit des Lebens mit dem Wunder des Willens, der Freude und dem Glauben an das Gute im Menschen. Und die eigenwillige, spezielle Interpretation von Bachs Ensemblestück in Verbindung mit den Klängen aus dem fernen Süden zeigt wieder einmal mehr, dass Musik wirklich allen gehört. Quer über den Globus und wieder zurück.

Bach in Brazil