Men in Black: International

I WANT TO BELIEVE!

6,5/10

 

1233076 - MEN IN BLACK: INTERNATIONAL© 2019 Columbia Pictures

 

LAND: USA 2019

REGIE: F. GARY GRAY

CAST: CHRIS HEMSWORTH, TESSA THOMPSON, LIAM NEESON, REBECCA FERGUSON, EMMA THOMPSON U. A.

 

Es ist wie es ist und man muss der Wahrheit, die irgendwo da draußen ist, einfach ins Auge sehen: Die Men in Black haben ausgedient. Will Smith und Tommy Lee Jones als Agenten J und K waren immerhin integre Agenten frei von jeglicher Befangenheit anderen extraterrestrischen Rassen gegenüber, aber auch in der streng geheimen Organisation, von der wir alle nichts wissen, geht die Zeit nicht spurlos vorüber. Die Men werden endlich auch zu Women, und dass das dritte Sequel des relativ gelungenen Originals immer noch nicht gegendert wurde, ist der gelernten Marke geschuldet. Sonst aber weiß selbst Emma Thompson keine wirklich schlüssige Antwort darauf. Doch warum sollte sie auch – die ehrgeizige Molly ist ja schließlich noch im Probemonat, sofern das alles klappt, könnte man der Obrigkeit ja nochmal ein Gesuch unter die Nase reiben. Denn die Women, insbesondere Tessa Thompson, retten die routinierten Spezialisten vor einem redundanten Trott, der sich trotz farbenfroher Diversität, die den Völkern diverser Weltraumsagas alle Ehre macht, nicht erst seit dem letzten Teil breitgemacht hat.

Men in Black: International ist – oh Wunder aller Wunder – der wohl letzte Notstopp vor dem unausgeschilderten Dead End einer Straße ohne Überholspur, auf der aber Smith, Jones und Josh Brolin noch ordentlich Gas geben wollten. Selbst überholen geht aber nicht, da muss jemand anderes die älteren Herren aufs Parkett drängen. Die uns Marvel-Nerds längst bekannte Tessa Thompson tigert sich in ihre Rolle als aufgeregt engagierte Bewerberin mit einer Begeisterung hinein, die wahrscheinlich Scully zu Beginn ihrer Laufbahn auch gehabt haben muss. Tessa als spätere Agentin M „wants to believe“, und das glaube ich ihr jede Sekunde. Diese schätzenswerte Spielfreude aber schwappt nur teilweise auf ihren Arbeitskollegen über, nämlich auf Chris Hemsworth, der ja mit seinem weiblichen Buddy schon früher Bekanntschaft gemacht hat. In Takia Waititis Thor: Tag der Entscheidung war das Duo schon so dermaßen eingespielt, als hätte es eine ganze gemeinsame Sitcom hinter sich. Eingespielt sind sie auch in Men in Black: International, nur Hemsworth, der eigentlich einfach nur Thor sein will, weiß nicht so recht wie er seine Rolle anlegen soll. Ist er ein draufgängerischer Bond? Oder nur das Testimonial für einen Herrenduft? Oder beides? Und passt das überhaupt ins Profil eines Alien-Diplomaten mit Zugang zu einem Waffenarsenal, das zu kuriosem Gigantismus neigt? Das ist so eine unentschlossene Sache, währenddessen Thompson bereits alle Sympathien auf sich gezogen hat.

Regisseur F. Gary Gray hat es geschafft, die Essenz dieses freilich anspruchslosen Akte X-Panoptikums neu zu erden, und mit all seinen charmanten Extras auf den Boden der verschleierten Tatsachen zurückzuholen, Zitate aus dem Erstling inklusive. Men in Black: International gleicht dem elegant durchgegliederten Produkt einer Rechnung, wenn Star Wars mit James Bond multipliziert wird. Size does matter, diese Devise gilt zwar bei den Waffen, aber nicht bei der liebevollen Selektion diverser Aliens, die, je kleiner und detaillierter sie sind, dem Geklotze gigantischer Riesen wie unlängst in Godzilla: King of the Monsters um Lichtjahre voraus sind. Das ist einer der Stärken beim Men in Black-Franchise, nämlich Aliens in der uns umgebenden, gewohnten Realität so zu verstecken, als gäbe es sie gar nicht. Da kann es schon sein, dass Rauschebärte und Schachfiguren ganz anders gesehen werden und mit Planen verdeckte Boliden irgendwas im Deflektorschilde führen. Dass nun quer um den Erdball ermittelt wird, tut dem verspielten Konzept ebenfalls ganz gut, da kann es schon sein, dass unsere gendergemixten Agenten demnächst auch mal in Berlin oder Wien einfallen. Unerklärliches gibt’s da nämlich genug 😉 Doch angesichts des traurigen Einspiels steht das wohl noch in den Sternen.

Men in Black: International

X-Men: Dark Phoenix

ALLE(S) IN DER SCHWEBE

6,5/10

 

x-men-phoenix© 2019 20th Century Fox

 

LAND: USA 2019

REGIE: SIMON KINBERG

CAST: SOPHIE TURNER, JAMES MCAVOY, JENNIFER LAWRENCE, MICHAEL FASSBENDER, NICHOLAS HOULT, JESSICA CHASTAIN, TYE SHERIDAN U. A.

 

Die Apocalypse wurde abgewandt. Das war aber angesichts dieses vor drei Jahren über die Leinwand gestelzten blauhäutigen Schnösels mit unreflektierten Allmachtsfantasien a la Steppenwolf (siehe Justice League) wohl keine allzu große Hexerei. So wenig charismatisch und furchteinflößend, wie Oscar Isaac mit offensichtlich aufgepinselter Maske eigentlich war, so hohl war das effektgeladene Getöse um ihn herum. Versucht wäre man gewesen, den viel zu hoch gegriffenen Nickname Apocalypse gegen etwas handzahmeres zu tauschen, eventuell vielleicht gegen Dark Phoenix – aber der ist schon vergeben, nämlich an die gute Jean Grey, die doch eigentlich, zumindest in den ursprünglichen Teilen, mit dem Raubein Wolverine liiert war. Doch von der wandelnden Adamantiumklinge ist weit und breit keine Spur mehr. Diesen von James Mangold inszenierten Abgesang in Farbe oder Schwarzweiß (Sie haben die Wahl!) kann keiner mehr toppen, das war Comic-Kino vom Feinsten, nämlich bis in den letzten Klingenschliff hinein so dermaßen handelsunüblich, das wohl kein anderer Filmemacher ähnliches wagen würde.

Und so ist es auch. James Kinberg lehnt sich bei seinem Zapfenstreich für eine ganze Generation Superhelden natürlich nicht weiter aus dem Fenster wie vom Gesamtkonzept des bereits existierenden, generischen X-Men-Universums vorgesehen. Das muss doch alles zusammenpassen, und keine Wege führen an Apocalypse vorbei, das heißt, hier muss angeknüpft werden. In der Optik, im Erzählstil, und überhaupt. Das hat schon seine begrüßenswerte Stringenz, da wünsche ich mir tatsächlich keinen Logan, das darf schon so bleiben, dass es aussieht, als hätten wir es mit einer hochbudgetierten Streamingserie zu tun (TV-Serie sagt man ja eigentlich nicht mehr, oder?), die so wie bei Avengers: Endgame oder Game of Thrones alles zu einem erträglichen Ende führen will, ohne bei der Fangemeinde allzu viel Sodbrennen zu verursachen. Nun, bei den X-Men ist die Fangemeinde nicht ganz so verbissen und dogmatisch wie bei Game of Thrones oder Star Wars. Drehbuchentscheidungen beim Mutantenpatchwork können gar nicht so sehr den Erwartungen quergebürstet sein, um Kontroversen zu entfachen. Da ist es eher egal, wie es endet, zumindest meinem Eindruck nach. Und auch X-Men: Dark Phoenix erleidet Verluste in den eigenen Reihen, die filmische Finals einfach mit sich bringen müssen, das sagt der gute Ton eines Schlussakkords. Kein Ende ohne Schrecken.

Dabei schreckt mich in X-Men: Dark Phoenix positiv betrachtet eigentlich gar nichts. Das letzte Kapitel rund um Sophie Turners Levitationen ist ein gestrafftes, direkt schon betriebsinternes Teambuilding, das sich den Kick fürs kommende Tabula Rasa aus dem extraterrestrischen Raum holt. Und dort gibt es ja bekanntlich jede Menge Intelligenzen, die einfach nicht an Gaja vorbeikommen können oder wollen, weil wir Menschen vielleicht doch etwas Einmaliges sind, vielleicht einmalig, weil wir uns so sehr mit uns selbst beschäftigen, dass Eroberungen jenseits des Sol-Systems noch lange nicht zur Debatte stehen. Das dürfte richtig niedlich sein, für all die eroberungswütigen Aliens. Und so lockt sie eine amorphe Energie in den Dunstkreis des blauen Planeten, die bei einer Rettungsmission unseres Mutantenkorps großen Gefallen an einer Telepathin findet, die gegen ihren Willen eine recht interdisziplinäre Begabungsförderung genießen wird. Entstehen wird Dark Phoenix, die verdrängte Traumata durchleben und sich entscheiden muss, wo ihre Skills wohl am Besten aufgehoben sind. Weiters im Mittelpunkt: der gute oder weniger gute Charles Xavier, der sich ebenfalls zu etwas durchringen muss, was seinem profunden Allgemeinwissen zwangsläufig zuwiderlaufen wird. Da ist das schauspielerische Können eines ganzen Ensembles gefragt, und Kinberg erreicht in dieser Hinsicht Qualitäten, die wir bislang fast nur von Joss Whedon kennen. Das Buffy-Mastermind kennt sich mit Teamgeist am besten aus, und Kinberg macht es ihm nach, mit sichtlichem Erfolg. Hier kommt keiner der Helden zu kurz, weder Beast noch Raven noch der fahrige Teleporter Nightcrawler, der überhaupt seine formschönsten Auftritte hat, vor allem in der Weltraumszene zu Beginn des Films.

Was zu kurz kommt, das ist die Geschichte dahinter, die den Stein der X-Men-Neuordnung überhaupt erst ins Rollen bringt. Die unbekannten Agressoren aus den Tiefen des Alls verkommen zu einer Variablen, die der Einfachheit halber so wie in gefühlt jeder Kino-Invasion Gestaltwandler sind. Das ist banal, und auch der Allmachtsdrang a la Apocalypse von Seiten der Antagonisten wenig durchdacht. Doch die Supervision der X-Men braucht dringend ein Handlungsgerüst, egal welches. Für dieses stellt sich Jessica Chastain als schlupflidriges Powerwesen in aschblondem Haar gerne zur Verfügung. Sophie Turner hat damit nebst ihren eigenen inneren Dämonen eine relativ ebenbürtige Gegnerin, ohne großen Background zwar, aber mit bekanntem Konterfei. Dem zuzusehen, und so, wie sich der wilde Haufen einer kraftvollen Elite zusammenrauft, das ist deutlich attraktiver als beim letzten Mal, spart sich am Ende auch langes Gesülze und muss niemandem die Liebe mal 3000 gestehen. Das ist recht pragmatisch, dafür aber auch ohne viel Verzettelung zu Ende erzählt. Vielleicht auch, weil Disney-Marvel schon ungeduldig in den Startlöchern scharrt, um auch diese Heldenclique schleunigst in das Cinematic Universe zu transferieren. Was dann folgen mag, ist vielleicht wieder ein kompletter Neuanfang, vielleicht sogar wieder mit Wolverine, der sich erneut in eine Jean Grey verguckt, die wir dann zum dritten Mal neu kennenlernen müssen.

X-Men: Dark Phoenix