Beast

DIE GUTEN, DIE BÖSEN UND DIE HÄSSLICHEN

8,5/10


beast© 2017 MFA+ Filmdistribution


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2017

BUCH / REGIE: MICHAEL PEARCE

CAST: JESSIE BUCKLEY, JOHNNY FLYNN, GERALDINE JAMES, SHANNON TARBET, TRYSTAN GRAVELLE U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN


Filmschätze, die im Verborgenen liegen, und die das Gefühl vermitteln, etwas wirklich Besonderes entdeckt zu haben, ohne den Druck dahinter, nun endlich einen von Kritikern hochgelobten Film selbst mal von der Liste zu streichen – Filmschätze wie diese bescheren Momente des unvergleichlichen Genusses. Die werden, eben weil man es nicht erwartet, zum Erlebnis. Und da weiß man wieder, warum man als Cinephiler nicht von den laufenden Bildern lassen kann. Eines dieser Werke ist der 2017 erschienene, britische Psychothriller Beast.

Der Titel: kurz, knackig und, wie man sehen wird, treffend. Schauplatz ist die grüne, verregnete und recht düstere Kanalinsel Jersey – ein durchs tosende Meer begrenzter Ort. Ein Mikrokosmos sozialer und psychischer Defizite. Alles auf engem Raum, trotz Wiesen und Weiden. Moll, ein Mädchen in den späten Zwanzigern, ist das mit mütterlichen Argusaugen überwachte Problemkind einer autoritär geführten Familie. Hier herrschen Konventionen, Bigotterie und Reaktionismus. In diesem Dunstkreis feiert die nonkonforme junge Dame zwar eines Tages ihren Geburtstag, zieht aber alsbald von dannen Richtung Dorfdisco, wo sie trinkt und tanzt und am nächsten Morgen sexuell genötigt wird. Zum Glück erscheint die bedrohliche Gestalt eines Jägers, der den Unwillkommenen vertreibt. Moll ist gerettet, weiß aber anfangs nichts mit dem blonden und wortkargen Pascal anzufangen; weiß aber, dass er sie faszinierend findet – und umgekehrt. Gegen den Willen der Eltern gehen die beiden eine Romanze ein. Zeitgleich allerdings treibt ein Serienkiller sein Unwesen, der es auf junge Frauen abgesehen hat. Der Verdacht fällt auf Pascal, alle Indizien sprechen dafür. Moll verschafft ihm ein Alibi, wohl ach, weil sie weiß, wie es sich anfühlt, ein Leben lang stigmatisiert zu bleiben für etwas, das man vielleicht mal getan hat.

Weder ist Beast ein klassischer Beziehungsthriller, noch ein routiniertes Selbstfindungsdrama. Autorenfilmer Michael Pearce erzählt hier etwas ganz Außergewöhnliches. Und zwar deshalb, weil er darauf verzichtet, seine herumirrenden Seelen als gut oder böse zu deklarieren. Beast ist eine unheilvolle, stimmige Ballade auf ungeliebte Außenseiter, auf Ausreißer und Andersartige. Auf Freaks und Eremiten. Obwohl von der Gesellschaft gerne in ihrer Gesamtheit in eine Schublade gezwängt, sind weder Moll noch Pascal Vertreter der Bestie Mensch an sich, tragen aber ein Biest in sich, dass sich weder anpassen noch zügeln lässt. Wie weit ist es legitim, das Biest zuzulassen, ohne die eigene Freiheit und gleichzeitig die Freiheit des anderen einzuschränken? In diesem Spiel aus Trotz, Selbstbestimmung und bewusst inszenierter Ungefälligkeit bricht eine intensiv aufspielende Jessie Buckley eine Lanze für den Mut, anderen missfallen zu dürfen, wobei sie gleichzeitig auch nach einer Balance dafür sucht, die das Hässliche vom Bösen unterscheiden lässt. Dieser kräftezehrende, sowohl innere wie äußere Konflikt steigert sich während des Films zusehends, fordert letzte Reserven wie beim Erklimmen eines Gipfels. Johnny Flynn begegnet Buckley spielerisch auf Augenhöhe, beide schenken sich nichts. Und gleichzeitig alles, vor allem das, was niemand wissen darf.

Beast ist eine Naturgewalt von Thriller. Unorthodox, wiederspenstig und ungemütlich. Und von so erzählerischer Raffinesse, dass ein Film wie dieser nur schwer nachzuahmen ist. Vorbilder sucht sich Beast ebenso wenig. Und das entspricht wieder ganz und gar dem konsequenten Kurs eines abseits des Mainstreams schlummernden Meisterwerks bis hin zu seinem verblüffenden Finale.

Beast

X-Men: Dark Phoenix

ALLE(S) IN DER SCHWEBE

6,5/10

 

x-men-phoenix© 2019 20th Century Fox

 

LAND: USA 2019

REGIE: SIMON KINBERG

CAST: SOPHIE TURNER, JAMES MCAVOY, JENNIFER LAWRENCE, MICHAEL FASSBENDER, NICHOLAS HOULT, JESSICA CHASTAIN, TYE SHERIDAN U. A.

 

Die Apocalypse wurde abgewandt. Das war aber angesichts dieses vor drei Jahren über die Leinwand gestelzten blauhäutigen Schnösels mit unreflektierten Allmachtsfantasien a la Steppenwolf (siehe Justice League) wohl keine allzu große Hexerei. So wenig charismatisch und furchteinflößend, wie Oscar Isaac mit offensichtlich aufgepinselter Maske eigentlich war, so hohl war das effektgeladene Getöse um ihn herum. Versucht wäre man gewesen, den viel zu hoch gegriffenen Nickname Apocalypse gegen etwas handzahmeres zu tauschen, eventuell vielleicht gegen Dark Phoenix – aber der ist schon vergeben, nämlich an die gute Jean Grey, die doch eigentlich, zumindest in den ursprünglichen Teilen, mit dem Raubein Wolverine liiert war. Doch von der wandelnden Adamantiumklinge ist weit und breit keine Spur mehr. Diesen von James Mangold inszenierten Abgesang in Farbe oder Schwarzweiß (Sie haben die Wahl!) kann keiner mehr toppen, das war Comic-Kino vom Feinsten, nämlich bis in den letzten Klingenschliff hinein so dermaßen handelsunüblich, das wohl kein anderer Filmemacher ähnliches wagen würde.

Und so ist es auch. James Kinberg lehnt sich bei seinem Zapfenstreich für eine ganze Generation Superhelden natürlich nicht weiter aus dem Fenster wie vom Gesamtkonzept des bereits existierenden, generischen X-Men-Universums vorgesehen. Das muss doch alles zusammenpassen, und keine Wege führen an Apocalypse vorbei, das heißt, hier muss angeknüpft werden. In der Optik, im Erzählstil, und überhaupt. Das hat schon seine begrüßenswerte Stringenz, da wünsche ich mir tatsächlich keinen Logan, das darf schon so bleiben, dass es aussieht, als hätten wir es mit einer hochbudgetierten Streamingserie zu tun (TV-Serie sagt man ja eigentlich nicht mehr, oder?), die so wie bei Avengers: Endgame oder Game of Thrones alles zu einem erträglichen Ende führen will, ohne bei der Fangemeinde allzu viel Sodbrennen zu verursachen. Nun, bei den X-Men ist die Fangemeinde nicht ganz so verbissen und dogmatisch wie bei Game of Thrones oder Star Wars. Drehbuchentscheidungen beim Mutantenpatchwork können gar nicht so sehr den Erwartungen quergebürstet sein, um Kontroversen zu entfachen. Da ist es eher egal, wie es endet, zumindest meinem Eindruck nach. Und auch X-Men: Dark Phoenix erleidet Verluste in den eigenen Reihen, die filmische Finals einfach mit sich bringen müssen, das sagt der gute Ton eines Schlussakkords. Kein Ende ohne Schrecken.

Dabei schreckt mich in X-Men: Dark Phoenix positiv betrachtet eigentlich gar nichts. Das letzte Kapitel rund um Sophie Turners Levitationen ist ein gestrafftes, direkt schon betriebsinternes Teambuilding, das sich den Kick fürs kommende Tabula Rasa aus dem extraterrestrischen Raum holt. Und dort gibt es ja bekanntlich jede Menge Intelligenzen, die einfach nicht an Gaja vorbeikommen können oder wollen, weil wir Menschen vielleicht doch etwas Einmaliges sind, vielleicht einmalig, weil wir uns so sehr mit uns selbst beschäftigen, dass Eroberungen jenseits des Sol-Systems noch lange nicht zur Debatte stehen. Das dürfte richtig niedlich sein, für all die eroberungswütigen Aliens. Und so lockt sie eine amorphe Energie in den Dunstkreis des blauen Planeten, die bei einer Rettungsmission unseres Mutantenkorps großen Gefallen an einer Telepathin findet, die gegen ihren Willen eine recht interdisziplinäre Begabungsförderung genießen wird. Entstehen wird Dark Phoenix, die verdrängte Traumata durchleben und sich entscheiden muss, wo ihre Skills wohl am Besten aufgehoben sind. Weiters im Mittelpunkt: der gute oder weniger gute Charles Xavier, der sich ebenfalls zu etwas durchringen muss, was seinem profunden Allgemeinwissen zwangsläufig zuwiderlaufen wird. Da ist das schauspielerische Können eines ganzen Ensembles gefragt, und Kinberg erreicht in dieser Hinsicht Qualitäten, die wir bislang fast nur von Joss Whedon kennen. Das Buffy-Mastermind kennt sich mit Teamgeist am besten aus, und Kinberg macht es ihm nach, mit sichtlichem Erfolg. Hier kommt keiner der Helden zu kurz, weder Beast noch Raven noch der fahrige Teleporter Nightcrawler, der überhaupt seine formschönsten Auftritte hat, vor allem in der Weltraumszene zu Beginn des Films.

Was zu kurz kommt, das ist die Geschichte dahinter, die den Stein der X-Men-Neuordnung überhaupt erst ins Rollen bringt. Die unbekannten Agressoren aus den Tiefen des Alls verkommen zu einer Variablen, die der Einfachheit halber so wie in gefühlt jeder Kino-Invasion Gestaltwandler sind. Das ist banal, und auch der Allmachtsdrang a la Apocalypse von Seiten der Antagonisten wenig durchdacht. Doch die Supervision der X-Men braucht dringend ein Handlungsgerüst, egal welches. Für dieses stellt sich Jessica Chastain als schlupflidriges Powerwesen in aschblondem Haar gerne zur Verfügung. Sophie Turner hat damit nebst ihren eigenen inneren Dämonen eine relativ ebenbürtige Gegnerin, ohne großen Background zwar, aber mit bekanntem Konterfei. Dem zuzusehen, und so, wie sich der wilde Haufen einer kraftvollen Elite zusammenrauft, das ist deutlich attraktiver als beim letzten Mal, spart sich am Ende auch langes Gesülze und muss niemandem die Liebe mal 3000 gestehen. Das ist recht pragmatisch, dafür aber auch ohne viel Verzettelung zu Ende erzählt. Vielleicht auch, weil Disney-Marvel schon ungeduldig in den Startlöchern scharrt, um auch diese Heldenclique schleunigst in das Cinematic Universe zu transferieren. Was dann folgen mag, ist vielleicht wieder ein kompletter Neuanfang, vielleicht sogar wieder mit Wolverine, der sich erneut in eine Jean Grey verguckt, die wir dann zum dritten Mal neu kennenlernen müssen.

X-Men: Dark Phoenix