Whalefall (2026)

VON WALEN UND VERWANDTSCHAFTEN

5,5/10


Austin Abrams als Jay im Survivalthriller Whalefall
© 2026 Disney / 20th Century Fox


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: BRIAN DUFFIELD

DREHBUCH: BRIAN DUFFIELD, DANIEL KRAUS, NACH SEINEM ROMAN

KAMERA: AARON MORTON

CAST: AUSTIN ABRAMS, JOSH BROLIN, ELISABETH SHUE, JOHN ORTIZ, JANE LEVY, EMILY RUDD U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN



Keine Hand mehr frei

Austin Abrams hat im Kino derzeit zwei Probleme zu bewältigen – oder genauer gesagt drei, denn zwei davon sind in einem Film vereint. Dass er nebenher noch in Resident Evil vor den Untoten Haken schlägt, mag man kaum glauben, wenn man gesehen hat, wie dieser zur selben Zeit von einem Pottwal verschluckt wird, während eigentlich ein wuchtiges Vater-Sohn-Drama die Bühne entern und von Meeressäugern, die mehr frühstücken, als ihnen lieb ist, keinen Meter verdrängt werden will.

Ein Vater, so einschüchternd wie das Meer

Schließlich hat sich Josh Brolin als verwegener Seebär mit Muckis und Tattoos dazu bereit erklärt, seinem eingeschüchterten Filius die Welt und noch mehr zu erklären, und zwar auf eine Weise, die einen zum Duckmäuser werden lässt, es sei denn, man plant die innerfamiliäre Revolution.

Austin Abrams tut das aber nicht. Er hält sich zurück, gibt klein bei, kann auch später nichts mit diesem Unangepassten von Vater anfangen. Letztendlich aber lernt man immer irgendetwas von denen, die einen aufziehen – ungeachtet der Tatsache, ob man sie schätzt oder nicht. Und so hat Jay, wie sich Abrams im Film nennt, zumindest perfekt tauchen gelernt, sodass er selbst ohne Buddy an einem wenig einladenden Tag ins Meer steigt, um die Überreste jenes Papas zu finden, der, schwer erkrankt, an seinem Lieblingstauchspot den Freitod gewählt hat.

Muss man alles einfach runterschlucken?

Und so finden wir uns nach der obligaten Episode des Kennenlernens, um mal ein Gefühl für die Figur und ihr Umfeld zu schaffen, bald schon an einer Abbruchkante im tosenden Pazifik wieder. Abrams blickt über den Rand in die Tiefe, man könnte Nietzsche wieder mal zitieren, aber ich lasse es. Zwischen Kelp, bunten Fischen und reichlich Plankton, das die Sichtweite einschränkt, macht Jay ganz plötzlich die Tierbeobachtung seines Lebens: Ein Architeuthis oder Riesenkalmar! Eines jener Exemplare, die man als Lebendtier lange nicht vor die Linse bekam. Neidisch wird man angesichts dieses einzigartigen Moments in der maritimen Natur. Ach, hätte Jay doch eine Kamera dabei – was für eine verpasste Chance.

Dieser Kalmar ist aber nicht alles. Was dem Kopffüßer hinterherjagt, ist ein Pottwal, ein stattliches Tierchen, das den vielarmigen Pechvogel (einen Schnabel hat er immerhin) verschlingt, und mit ihm rutscht, weil Beilagenesser, auch noch der strampelnde und sich windende Jay mit hinein, will doch der Kalmar anscheinend nicht alleine sterben.

Gastroskopie mal anders

Diese Szene ist wahrlich spektakulär, und man kann schon einen guten Teil dieses anatomischen Bio-Action-Kunststücks während des Trailers miterleben. Im Film ist das Ganze natürlich extended, und wie Austin Abrams ins Innere des Tieres gelangt, ist so atemlos wie komplex und dennoch nicht völlig chaotisch gefilmt.

Es stellt sich die Frage: Wie lässt sich in der Finsternis eines Leibes denn überhaupt die ganze Geschichte darstellen? Mangels einer Taschenlampe dient die Biolumineszenz sämtlicher Mikroorganismen, die für lauschige Lichtstimmungen sorgen – inmitten höhlenwandgleicher, gigantischer Muskeln. Die Panik, die Abrams dabei durchlebt, macht er jede Sekunde glaubhaft, Nichts davon scheint nur so getan, als ob. Alles ist hier auf Flucht ausgerichtet – man fühlt, man bangt, man kämpft hier lange Zeit mit, und vergisst dabei fast, sich zu fragen: Ist so etwas überhaupt möglich?

Wie realistisch ist das Ganze?

Die sensationellen Aufnahmen eines Surfers, der versehentlich von einem Buckelwal geschnappt, aber dann gleich wieder ausgespuckt wird, sind das Höchste der Gefühle tatsächlicher Ereignisse. Unser Held hier erlebt womöglich dann doch höchst unwahrscheinliche Momente, die zwar nicht ganz auszuschließen sind, bei denen aber der Zufall sämtliche absonderlichen Faktoren zusammenbringen muss, um die Geschichte von Jonas und dem Wal nacherzählen zu können. Auch Pinocchio gelangte doch damals in so eine Situation, oder? Da ist Whalefall dann doch noch eine Spur realistischer, denn möbliert ist das Innenleben des Säugers schließlich nicht.

Regisseur Brian Duffield bemüht sich, dem Roman von Daniel Kraus ein reales Setting zu bescheren und Brehms Tierleben nicht gleich ganz zu verbrennen. Weniger beim Verhalten der Tiere wurde die Glaubwürdigkeit strapaziert, sondern mehr bei Abrams Fluchtversuchen. Wenn man will, kann man schon ein, zwei Augen zudrücken, um etwas zu sehen zu bekommen, was man so wohl noch nicht kennt.

Der Wal als Vatersymbol – Echt jetzt?

Whalefall, was eigentlich den in die Tiefe gesunkenen Kadaver eines Wales beschreibt, mag sich zwar wie Trash anhören, will aber mithilfe des Vater-Sohn-Dramas glaubwürdig bleiben. Genau da liegt aber das Problem des Films: Die Familienangelegenheiten lassen sich nur schwer mit dem existenziellen Überlebenskampf vereinen, das Loblied auf die Naturgewalt ringt mit der Atemluft. Es drängt sich sogar auf, den Walhorror metaphorisch zu verstehen, was aber richtig creepy wird, wenn man da weiterspinnt.

Doch irgendwie muss Duffield die Story ja auch genug strecken, um den Abend zu füllen. So kann man Brolin und Abrams zwar zusehen, wie sie sich streiten, vertragen und zwischen den Dimensionen des Tiefenrauschs miteinander reden, während der Wal als Sprachrohr dient – mehr Aufmerksamkeit bekommt das Drama trotzdem nicht, während der Fall mit dem Wal im wahrsten Sinne des Wortes in die Tiefe geht. Dorthin, wo man ohnehin nicht mehr zwischen Realität und Fabulierlust unterscheiden kann.

Whalefall (2026)

No One Will Save You (2023)

IM STRENGEN LICHT DER INVASOREN

5,5/10


NO ONE WILL SAVE YOU© 2023 20th Century Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE / DREHBUCH: BRIAN DUFFIELD

CAST: KAITLYN DEVER, LAUREN MURRAY, GERALDINE SINGER, DANE RHODES, DARI LYNN GRIFFIN, DANIEL RIGAMER, ZACK DUHAME U. A.

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Wäre er nicht exklusiv auf Disney+ erschienen, hätte der experimentierfreudige Science-Fiction-Sonderling No One Will Save You wohl seinen fixen Platz im Programm diverser Fantasy-Filmfestivals. Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, kam dem Streifen keine solche Ehre zuteil, maximal eine geringe, für drei Tage exklusive Auswertung in amerikanischen Kinos. Doch Disney will schließlich auch Exklusivität verkaufen – unter der Nebenschiene Star gerne auch Schauriges. Und ja: mitunter schaurig ist diese Home Invasion sehr wohl, und dabei sogar noch weniger in den Momenten, die sich im Haus der jungen Brynn (Kaitlyn Dever, Booksmart) abspielen, sondern da draußen, jenseits der vier Wände, wo vertrautes Umfeld einer gespenstischen Welt weicht, die dem Unerklärlichen ins Auge blicken muss.

Zugegeben, das klingt nun ein bisschen so, als wären wir in M. Night Shyamalans UFO-Grusler Signs gelandet: Kornkreise zeugen von Besuchern aus anderen Welten, die es nicht unbedingt gut mit Homo sapiens meinen – was genau sie wollen, weiß man logischerweise nicht. Zwei Welten – zwei Wahrnehmungen. Unter dieser kommunikativen Diskrepanz muss auch Brynn ihren nächtlichen Besucher zur Vernunft bringen, denn so unangemeldet mitten in der Nacht schneit man nicht, egal woher man kommt, in fremde Häuser. Dieser jemand – oder dieses Etwas – ist ein klassisches Weltraummännchen, entschlüpft aus frei zusammenfabulierten Bild- und Sun-Zeitungsberichten, aus Esoterikbüchern und obskuren UFO-Entführungsberichten: Schlaksiger Körperbau, kein Geschlecht, natürlich nackt und riesige Laktritze-Augen (oder ähnlichem) über einer kümmerlichen Mundpartie. Der Klassiker, wenn man so will. Und dieser Klassiker, der kramt in Brynns Küche herum, als diese aus dem Schlaf hochfährt und sich Minuten später im Katz und Maus-Spiel mit einer gutturale Laute ausstoßenden Kreatur wiederfindet, die irgendetwas will, vermutlich aber die Hausherrin entführen. Dinge, die Aliens eben mit uns tun wollen, dazu gehört auch das Schnallen auf Operationstische und das Einführen obskurer Sonden in den menschlichen Leib. Solchen Worst Case will die völlig isoliert lebende Junge Dame natürlich nicht über sich ergehen lassen, also gibt’s improvisierte Gegenwehr. Ein Szenario zwischen Steven Spielbergs Mystery-Lichterkonzert und eben Shyamalans Aluhut-Horror hebt an. Wo Fenster sind, fällt ungutes, gleißendes Licht in die Dunkelheit der Räume, ob rot, ob blau, ob gelb – egal, es ist kein gutes Leuchten.

Man könnte sich so bequem auf ein klassisches, gerne vorhersehbares UFO-Thriller-Szenario einlassen, ohne Out of the Box denken zu müssen. Wären da nicht einige Aspekte, die Regisseur und Drehbuchautor Brian Duffield (u. a. für Jane got a Gun, Underwater) unbedingt mit in sein exzentrisches Werk einbauen wollte. Es sind nicht nur periphere Versatzstücke, welche die Originalität eines prinzipiell mal wenig originellen Plots ankurbeln hätten sollen. Es sind grundlegende, neu gestreute Parameter. Wie zum Beispiel der Umstand, dass die wehrhafte Hauptdarstellerin Kaitlyn Dever (fast) kein einziges Wort spricht. Und nicht nur sie. Der ganze Cast bringt keinen Satz über die Lippen, somit ist No One Will Save You ein Stummfilm, der ausschließlich mit seinem Score und den exotischen, durchaus eindringlichen Geräuschen arbeitet, welche das invasive Volk und seine Technik so von sich gibt. Eine Zeit lang will man nicht wahrhaben, dass es wirklich so sein könnte, dass alle daran scheitern, sich zu artikulieren. Man wartet auf das erste Wort, doch es kommt nicht. Der Ausfall der verbalen Kommunikation lässt die Welt, in welcher Brynn als einsames Fifties-Girl ihr Dasein fristet, als eine gespenstische, unwirkliche Traumdimension erscheinen, die aber stets vermittelt, real zu sein.

Darüber hinaus gibt es noch eine andere Komponente: die von Brynns Schicksal. Der Tod ihrer besten Freundin, die Schmähung der trauernden Eltern, der Tod der eigenen Mutter, die Einsamkeit, vielleicht gar die nicht eingestandene Schuld? Es ist niemals so richtig klar, was unsere (Anti)heldin in diese Situation gebracht hat – man ist verwirrt, irritiert, überrascht. Duffields Film hat eine seltsame Aura, entwickelt einen einerseits kindlich naiven, dann wieder gespenstischen Sog, der an Nope erinnert. Dieses Experimentieren mit den Erwartungen und die Freude am Erproben genrefremder Versatzstücke wirken manchmal überfordernd, und öfters wie ein von Kindern intuitiv geformter Kuchen aus der Sandkiste. Ob Psychodrama, UFO-Thriller oder Kleinstadtsatire à la Don’t Worry Darling. Ob Selbstfindung, Home Invasion oder Lovecraft‘scher Monsterfilm: No One Will Save You will zu viel und gleichzeitig, drängt seine Ideen anderen, noch gar nicht entfalteten hinterher und kann sich schwer fokussieren. Vieles ist dabei, das sich lohnt, doch letzten Endes bleibt ein skeptischer Seitenblick auf ein sonderbar sperriges Kuriosum, schräg und gleichsam bieder.

No One Will Save You (2023)