The Rip (2026)

ONKEL DAGOBERT BEI DER DROGENFAHNDUNG

5/10

 

© 2026 Netflix Inc.

 

LAND / JAHR: USA 2026

REGIE / DREHBUCH: JOE CARNAHAN

KAMERA: JUAN MIGUEL AZPIROZ

CAST: MATT DAMON, BEN AFFLECK, STEVEN YEUN, TEYANA TAYLOR, SASHA CALLE, CATALINA SANDINO MORENO, SCOTT ADKINS, KYLE CHANDLER, LINA ESCO U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN



Die BFFs Matt Damon und Ben Affleck stehen wiedermal gemeinsam vor der Kamera. Was passt da besser als eine raue Bullen-Pistole unter der Regie von Joe Carnahan, dessen markiger Nachname die raubtierhafte Grundstimmung zwischen Nacht, Nebel und blinkenden Lichtern in der Nachbarschaft bereits vorwegnimmt. The Rip (im Polizeijargon unter anderem das Beschlagnahmen von Drogengeld) nennt sich der neue Buddy-Actioner, eben erst taufrisch auf dem Streamer Netflix erschienen, der sich damit wiedermal unentbehrlich machen will, denn Affleck und Damon sehen viele schließlich gern. Affleck nicht unbedingt als Batman, aber als einer, der gerne im Zwielicht hantiert, den harten Mittfünfziger macht und dabei noch nicht zum alten Eisen gezählt werden will, während Damon, der Charakterkapazunder der beiden, mit dem Feingespür eines Theaterschauspielers in der Interpretation seiner Rolle vieles unbeantwortet lässt – was die Lust natürlich steigert, vor allem Damons Intensionen auf den Grund gehen zu wollen. Beide ergänzen sich prächtig, und das ganze als Bromance zu bezeichnen das einzig vernünftige.

Carnahan steckt sie also in die Berufsmontur polizeilich ermittelnder Drogenfahnder der Spezialeinheit TNT, welche, irgendwie anders als die DEA, womöglich mehr Freiheiten genießt. Was die TNT also stets am Radar haben sollte, ist deponiertes Drogengeld. Ihr Ziel: Den Mammon sicherzustellen, abzuzählen und dem Staat zu übergeben.

Die Exekutive zählt Dollars

Wir haben alle, wirklich alle, aus dem Genre des amerikanischen Polizeifilms gelernt: Den Tango Korrupti tanzen nicht nur Politiker, sondern auch Polizistinnen und Polizisten – meistens dann, wenn sie bei ihrer eigenen Gewerkschaft kein Gehör finden, sich selbst als unterbezahlt betrachten oder einfach der Versuchung erliegen, den nicht erhaltenen Lottogewinn vielleicht im Wegschneiden gefundener Vermögen zu kompensieren, deren Summe bei den Behörden noch nicht durchgesickert ist. Gerne passiert es, und so mancher Bulle ist mit den Drogenkartellen auf du und du. Eben, weil leicht verdientes Geld durchaus schmutzig sein darf. In diesem Dunstkreis möglicher Machenschaften stochern Damon und Affleck sogar noch nach Dienstschluss, weil ohne Fleiß kein Preis, in den vier Wänden eines Hauses herum, dessen Adresse von verlässlichen Informanten als heiß zugespielt wurde. Besser noch ein Nest ausheben als die Beine vor dem Fernseher hochlagern. Und so fallen den Bros und ihrem Team weitaus mehr Kohle in den Schoß als vermutet.

Packend wie ein Kassasturz

Gelegenheit macht Diebe, nur wer lässt sich als solche überführen? Joe Carnahans selbst verfasster Actionkrimi legt falsche Fährten und lädt zum Mitraten ein. Der über weite Strecken des Films eng gefasste Schauplatz unterstreicht dabei das Gefühl, einer Art Whodunit beizuwohnen, bei dem es auf jedes Detail ankommt. Doch der Schein der Taschenlampen, die durchs Dunkel brechen, trügt etwas. The Rip hat rein konzeptionell durchaus eine gewisse Klasse, auch dank der illustren Besetzung, die über Affleck und Damon hinausgeht. Doch obwohl wendungsreich, eiert die Story um sich selbst herum, als läge ihr ein ausgeklügeltes Skript zugrunde. Wenn dem so wäre: wie kommt es dann, dass trotz der durchdachten Handlung zuviel Salz in der Suppe fehlt, um dem Film seine USP zu verpassen? Die mangelnde Würze ist einer gewissen fehlenden Nahbarkeit geschuldet. Die Figuren des Ensembles bleiben flach und austauschbar. Ohne entsprechende Vibes, ohne Zwischentöne bleibt das alles etwas kalt und knurrig. Handwerklich sauber, das muss man zugestehen. Doch dieser Umstand bringt trotz der düsteren, zumindest moralisch nicht ganz astreinen Grundstimmung eine Sterilität zuwege, die The Rip im besseren Mittelfeld belässt, was Streamingfilme angeht, die so tun, als hätten sie ins Kino gehört.

Säße man genau dort, wäre man wohl enttäuscht. So aber ist es nur Streaming, das die Toleranzgrenze für verlorene Lebenszeit deutlich höher setzt. Davon ist man natürlich doch noch ein Stückchen entfernt, aber dennoch: Netflix und Co wissen schon ganz genau, was sie auf die große Leinwand bringen und was nicht.

The Rip (2026)

From the World of John Wick: Ballerina (2025)

WENN WIR ALLE KILLER WÄREN

7/10


Ana de Armas als die Kikimora in Len Wisemans Actionfilm Ballerina© 2025 LEONINE Studios


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: LEN WISEMAN

DREHBUCH: SHAY HATTEN

CAST: ANA DE ARMAS, GABRIEL BYRNE, ANJELICA HUSTON, KEEANU REEVES, IAN MCSHANE, NORMAN REEDUS, CATALINA SANDINO MORENO, DAVID CASTAÑEDA, SHARON DUNCAN-BREWSTER, LANCE REDDICK, AVA JOYCE MCCARTHY U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN


Das von Derek Kolstad und Chad Stahelski aus der Taufe gehobene Universum aus Killern, Kriegern und Kampfmaschinen, das als scheinbar parallele Dimension zu der unseren existiert, bleibt insofern bemerkenswert, da es nicht nur darauf setzt, von einem Shootout, Fight oder Kill zum nächsten zu hetzen, was rasch für Ermüdungserscheinungen gesorgt oder sich abgenützt hätte. Die Welt von John Wick, der ja den Dreh- und Angelpunkt dieses Franchise bildet, ganz so wie Harry Potter im Universum der Hexen und Zauberer, gestaltet sich als eine Art Subkultur mit strengen Regeln, Gepflogenheiten und Traditionen. Hier darf natürlich getötet werden auf Teufel komm raus, jedoch sind Werte wie Respekt, Fairness und das Credo von Gefallen und Gegengefallen gleich wehenden Fahnen. Dazu werden nicht selten goldene Münzen gereicht, wenn der oder die eine bei dem oder der anderen in der Schuld steht. Diese zu begleichen bleibt eine Frage der Ehre. All diese Details und auch der Umstand, dass die mysteriöse Hotelkette Continental den Killern und Kriegern ein Leo bietet, falls man hinter ihnen her ist, lassen das klassische Action-Genre mit dem Sagenhaften kokettieren. Diese Welt ist – wie jene der Outlaws des Wilden Westens oder der Ronin Japans – eine, die sich aus Legenden bildet.

In die Reihe dieser Einzelgänger, abnormal unkaputtbar und lakonisch wie kaum sonst wer, sticht der dunkle Depri-Engel, der anfangs nur seinen Hund rächen will, wie eine prototypische Erscheinung hervor. Doch er ist nicht allein: Wie man in den Filmen mit Keanu Reeves in seiner Paraderolle, die selbst Neo aus Matrix überholt, bereits längst erfahren hat, ist die von Grand Dame Anjelica Huston geführte Balletschule der Ruska Roma die Wiege von John Wick und nach außen hin ein traditionelles, rustikales Theater. In Wahrheit ist diese Einrichtung eine Schule für eine todbringende Elite, in die auch die junge Waise Eve Maccaro integriert wird – und sich selbstredend zur eleganten Kriegerin mausert, die mit Ehrgeiz und eisernem Willen und auch kaum einer Spur von Skrupel oder Gewissen Zielpersonen über den Jordan schickt. Während ihres ersten Einsatzes jedoch wird sie mit den Schergen jenes Kults konfrontiert, die ihren Vater auf dem Gewissen haben. Keine Frage, da kann Grande Dame Huston noch so sehr darauf pochen, ihre Anweisungen zu befolgen – diese Leute müssen ins Gras beißen, allen voran der Kopf dieser Sekte, genannt der Kanzler. Gespielt wird dieser von Gabriel Byrne, der sich mit seinem Killer-Volk wo genau verschanzt hat?

Das Geheimnis von Hallstatt

Im letzten Drittel eines bemerkenswert frischen und straff hingezimmerten Actionfilms, in welchem Ana de Armas ihre Rolle im Eiltempo lieben lernt und sich so unarrogant und allürenlos gibt wie kaum sonst eine Abziehbildkillerin in der Filmgeschichte, reist Len Wiseman ins oberösterreichische Hallstatt. Was wir alle niemals vermutet hätten und uns fast schon wie einen erhellenden Schock trifft: Dieses pittoreske, rustikale Dörfchen und von den Chinesen nachgebaute Kulturgut Europas, umrahmt von Bergen, innerhalb derer es womöglich immer ein bisschen schneit, ist in Wahrheit nichts anderes als die Heimat einer finsteren Sekte, die keine Ehre kennt, keine Regeln befolgt und in der selbst das Bild der biederen vierköpfigen Familie mit Rodel und Skier vor der Haustür nur als Fassade für zur Waffe greifende Gesetzlose dient. Wiseman (Underworld) hatte nicht mal vor, den Ortsnamen zu ändern: Hallstatt bleibt Hallstatt, deren Bewohner nicht nur von der Kikimora dezimiert werden, sondern auch von der Baba Yaga, wie John Wick im Kreise der Ruska Roma genannt wird. Dieser Gastauftritt ist ein Genuss und entbehrt nicht eine gewisse Wehmut, wenn man weiß, was das Schicksal in John Wick: Kapitel 4 für ihn bereithielt.

Die Sache mit Hallstatt (Die Gemeinde dankt ob der guten Imagepflege) mag seltsam bizarr wirken – abgesehen davon ist From the World of John Wick: Ballerina wohl als ein diesjähriges Highlight des Genres zu feiern. Der Umstand ist neben dem Konzept, das hinter dieser Welt steht, einzig und allein Ana de Armas zu verdanken, die ordentlich einstecken kann, allerdings auch spüren lässt, dass nicht alles schmerzfrei an ihr vorübergeht. Sie keucht, sie schwitzt, sie blutet, sie improvisiert. Für letzteres gibt es im Rahmen ausgeklügelter und aufwändig gefilmter Actionszenen jede Menge blutbadender Gelegenheiten, bei denen tief in der Ideenkiste gekramt wird. Schließlich will man die Fans nicht langweilen. Und spätestens wenn die Flammenwerfer fauchen, muss man sich um Hallstatt langsam Sorgen machen.

From the World of John Wick: Ballerina (2025)

Silent Night – Stumme Rache (2023)

EIN MANN SIEHT WEIHNACHTSROT

4/10


silent-night-2023© 2023 Leonine


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: JOHN WOO

DREHBUCH: ROBERT ARCHER LYNN

CAST: JOEL KINNAMAN, KID CUDI, CATALINA SANDINO MORENO, HAROLD TORRES, VINNY O´BRIEN, YOKO HAMAMURA, ANTHONY GIULIETTI U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Freunde der abseitigen Seasons Greetings auf der Leinwand werden sich noch erinnern können, wie Stranger Things-Star David Harbour vorletztes Jahr als martialischer Weihnachtsmann in Violent Night ungeladene Gäste der Reihe nach und auch blutig genug ins Jenseits beförderte. Violent Night – ein keckes, gar silbentreues Wortspiel. Der Weihnachts-Faktor, sofern sich dieser bemessen ließ, war hoch genug und deutlich höher als bei Stirb langsam, an welchem sich die Geister scheiden, ob er nun in dieses spezielle Genre passt oder nicht. Santa Claus mochte in Tommy Wirkolas actiongeladener Zuckerstange viel Gutes im Schilde geführt haben – allerdings war der Umstand, böse Jungs zu bestrafen, nichts, was der Allmächtige tadeln hätte wollen. Der Equalizer würde das genauso sehen.

Nach Wirkola folgt nun Altmeister John Woo. Die im Jahreskalender der Kinos pflichtmarkierte Actionhülse durfte schließlich auch 2023 nicht fehlen. Diesmal aber ganz ohne Wortspiel. Schlicht und ergreifend als Silent Night – Stumme Rache betitelt, liegt der Clou dieses Streifens darin, gänzlich auf Dialoge zu verzichten. Fast wie Mel Brooks‘ Silent Movie, nur mit Geräuschkulisse. Ein Kniff, der zuletzt im Alienhorror No One Will Save You seine Anwendung fand (zu sehen auf Disney+). Das Donnern von Explosionen, fauchende Projektile und die akkurat gesetzte Handkante muss natürlich den Ton angeben, denn was ist ein Actionfilm ohne Sound Design. Im Mittelpunkt des Geschehens steht Joel Kinnaman als trauernder Familienvater, der im sonnigen Süden der USA das Weihnachtsfest 2022 im Garten seines Anwesens verbringt. Da liefern sich rivalisierende Banden, wohl kaum im Bewusstsein, welcher Tag heute ist, jenseits des Gartenzauns einen Shootout. Eines dieser Projektile trifft den siebenjährigen Sohnemann tödlich. Kinnaman läuft den Gangstern hinterher, durchschwitzt dabei seinen blutverschmierten Rentierpulli, kann nicht mehr klar denken, denn sonst würde er wohl abschätzen können, dass die Wut in dessen Bauch niemanden der bösen Jungs davon abhalten würde, auch ihm den Rest zu geben. Letztlich wird auch er erschossen. Die Kugel tötet ihn zwar nicht, lässt ihn aber verstummen. So plant der finstere, trauernde und wortlose Normalo ein Jahr lang seine Rache – ganz zum Leidwesen der verzweifelten Ehefrau und Mutter, die nicht zu ihrem Gatten durchdringt.

Mehr gibt der Plot von Silent Night – Stumme Rache dann auch nicht her. Das alles ist ein klarer Fall für ein Sequel von Ein Mann sieht rot, Death Wish oder überhaupt eine Neuinterpretation des ganzen trivialen Musters, unbedingt und fast schon erzwungenermaßen getrimmt auf saisonalen Charakter, wie sie Weihnachtsfilme eben haben. Nur spürt man davon nichts. Silent Night – Stumme Rache kann, noch viel mehr als Stirb langsam, überall und irgendwann spielen. Das Übrige ist die Routine eines Rache-Plots, angereichert mit pathetischen Sequenzen, wie sie John Woo gerne inszeniert. Es fliegt viel Blei durch die Gegend, es spritzt das Blut in mehr oder weniger expliziter Martial Art. Es ist ein Film, der allein schon durch das durchschnittliche Spiel von Joel Kinnaman den Moment verpasst, am Zuschauer anzudocken. Die Schlachtplatte am Heiligen Abend zieht vorbei wie der Rentierschlitten am Firmament, weder gelingt die emotionale noch die Thrillerschiene. John Woo lässt es krachen, keine Frage. Für den Moment vielleicht befriedigend, darüber hinaus aber viel zu simpel und schmerzlich vorhersehbar.

Silent Night – Stumme Rache (2023)