Djam

RHYTHMUS DER STANDHAFTEN

6,5/10

 

djam© 2018 MFA

 

LAND: FRANKREICH, GRIECHENLAND, TÜRKEI 2018

REGIE: TONY GATLIF

CAST: DAPHNÉ PATAKIA, MARYNE CAYON, SIMON ABKARIAN U. A. 

 

Nichts hat er auf die Reihe bekommen, das Meiste improvisiert, und das hat dann schlussendlich doch geklappt: die Rede ist vom wohl berühmt-bercühtigsten Griechen in der Filmgeschichte, sehen wir mal von den Göttern und Halbgöttern des Olymps ab: Alexis Sorbas, grenzgenial verkörpert von Anthony Quinn. Und sein Tanz trotz all des Schlamassels am Ende des Films hat sogar einen völlig neuen Stil begründet: den Sirtaki. Vom Sirtaki ist die kokette Djam gar nicht so weit entfernt – ihr Steckenpferd ist der Rembetiko, eine den osmanischen Klängen verwandte Musikrichtung, die auch als der Blues Griechenlands bezeichnet wird. Tragische Inhalte, die von Liebe, Heirat und sonstigen Herzschmerz erzählen, melancholisch bis zum letzten Ouzo-Tropfen, allerdings aber auch von orientalisch-beschwingten Rhythmen durchzogen. Rembetiko – das ist Musik, da bleibt man laut STS wirklich irgendwann mal dort und steckt die Füße in den weißen Sand, grad weil es akustisch eben auch so anders ist als daheim.

Diese Djam also lebt auf Lesbos, direkt an der Grenze zur Türkei. Wir wissen natürlich, welchen schicksalhaften Stellenwert Lesbos in Sachen Flüchtlingskrise hat und ganz klar bleibt dieser tragische Faktor neben einigen anderen nicht unerwähnt. Die unangepasste Waise, die bei ihrem Onkel lebt, wird also von selbigem nach Istanbul geschickt, um Ersatzteile für das Ausflugsboot zu holen, das wieder flottgemacht werden soll, für den Fall, dass sich irgendwann doch wieder Touristen hierher verirren. Klar, dass Djam keinen straffen Zeitplan folgt, ganz im Gegenteil. Sie gabelt noch dazu eine völlig mittellose Französin auf, die auf dem Weg in ein syrisches Flüchtlingslager sitzengelassen wurde. Die beiden tun sich zusammen, vergessen Zeit und Ort und mit Musik geht fortwährend sowieso alles besser, und wo prinzipiell mal jeder die Flinte ins Korn wirft, wenn überall gestreikt oder sonst was wird, holt Djam ihre Instrumente hervor und trällert zwischen Grenzzaun und levantinischer Geschichte den Mut zum Weitermachen her.

Viel mehr ist in Tony Gatlifs Roadmovie gar nicht los. Muss es auch nicht, denn der gebürtige Algerier mit einem ausgeprägten Faible für richtig gute Volksmusik sucht den richtigen Klang für Momente, an denen Worte nicht mehr reichen, lässt Schauspielerin Daphné Patakia die Hüften schwingen und andere am Bouzouki schrummen. Gemeinsam setzen all diese Menschen, denen sowohl die Finanzkrise der Griechen oder das humanitäre Drama der Flüchtenden übel mitspielt, ganz auf Tradition, besinnen sich auf ihre Wurzeln, wollen durchhalten, solange die „Musi“ spielt. Gatlif, der 2005 für Exils den Regiepreis in Cannes gewonnen hat, ist mir mit seinem 2000 erschienenen, so feurigen wie temperamentvollen Film Vengo bis heute gut in Erinnerung geblieben. Djam entwickelt nicht ganz so ein Feuer und erweckt auch keine Sehnsucht nach dem Süden, zeigt Europa aber mal von einer ganz anderen Seite, nämlich mit dem Blick von der Ostküste her aufs Mittelmeer. Probleme gibt’s dort viele, irgendwann zählt nur mehr, woher man kommt. Und das lässt sich mit Klängen und Rhythmen am besten anpeilen, obwohl selbst diese berauschenden Rhythmen die gelegentliche Schwermut von Djam nicht ausgleichen können. Wer einen Sommerfilm erwartet, wird schaumgebremst – Gatlif verlegt seine kulturelle Reise in den mediterranen Winter, er filmt Schauplätze auf Lesbos, die alles, nur nicht touristisch verwertbar sind. Er zeigt die Grenze und die Verzweiflung, die Traurigkeit und den Trotz. Manchmal wirkt die Musik dabei fehl am Platz, aber vielleicht ist sie genau dann am besten platziert, wenn gar keinem danach ist, zu musizieren. Vielleicht braucht man dann die Musik am meisten. Wie bei Zorbas, dem Griechen, der plötzlich anfängt zu tanzen.

Djam

Ein griechischer Sommer

FERIEN WIE DAMALS

6/10

 

Ein griechischer Sommer© 2012 obs/ZDF/LAURENT THURIN NAL

 

ORIGINALTITEL: NICOSTRATOS LE PÉLICAN

LAND: FRANKREICH, GRIECHENLAND 2012

REGIE: OLIVIER HORLAIT

CAST: EMIR KUSTURICA, THIBAULT LE GUELLEC, JADE-ROSE PARKER, FRANÇOIS-XAVIER DEMAISON U. A.

 

Die Ferien sind vorüber, die Schule hat begonnen. Kann sein, dass der sogenannte Altweibersommer zurückkehrt. Der erinnert dann noch mal an die schönen Stunden, die der mittjährliche Urlaub so mit sich brachte, abgesehen vom An- und Abreisestress, vom Ein- und Auspacken und vom Waschen der ganzen Urlaubswäsche. Aber das gehört schließlich dazu. Man würde es vermissen, hätte man nicht alle Hände voll zu tun, um durchschnittlich zwei Wochen irgendwo anders abzuhängen, ob in den Bergen oder am Meer, stets in Reichweite diverser mobiler Endgeräte. Dabei kann natürlich sein, dass, war man in den Bergen, in Balkonien oder im eigenen Land, das Meer immer noch Fokus diverser Sehnsüchte bleibt, so richtig Marke STS und im Sinne von Irgendwann bleib I dann dort, mit den Füßen im weißen Sand, eine Bottle Rotwein in der Hand und so weiter. Austropop-Kenner wissen, was ich meine, kaum ein Lied nährt mehr den Traum, auszusteigen als dieses. Bevor der Herbstalltag also einem Damoklesschwert gleich über uns hereinbricht, ließe sich unter Umständen mit vorliegendem Film der Sommer zumindest in den eigenen vier Wänden noch etwas hinauszögern. Ein griechischer Sommer ist genau das, was der Film beschreibt – eine strahlend schöne Jahreszeit irgendwo in der Ägäis, auf einer kleinen, unbekannten Insel voller pittoresker Küsten und verführerischen Lagunen, versteckt hinter strahlend blauem Meer.

Allerdings geht’s in dem französisch-griechischen Coming-of-Age-Filmchen weniger ums Urlaubmachen und Aussteigen, sondern um einen Vogel. Genauer gesagt um einen Pelikan, und der ins Deutsche übersetzte Titel Ein griechischer Sommer verbirgt im Gegensatz zum Originaltitel, was dahintersteckt. Diesen Pelikan, den findet der Halbwaise Yannis, der mit seinem griesgrämigen Fischervater irgendwo in einem einsamen Häuschen an der Küste lebt, bei einem Matrosen an Bord eines Frachtkahns. Allerdings ist der da noch ein kieliger Jungvogel – im Austausch gegen das Erbstück seiner Mutter kann er diesen aber freikaufen. Der Vater, der weiß natürlich nichts davon. Gut versteckt zieht Yannis den Vogel auf – bis die ganze Insel von der ornithologischen Sensation Wind bekommt.

Überraschend an diesem mediterranen Jugendfilm ist der Auftritt Emir Kusturicas. Der serbische Cannes-Gewinner und Autorenfilmer so schrill-schräger Kunststücke wie Underground oder Time of the Gypsies ist, wie ich zuletzt in On the Milky Road feststellen musste, alles andere als ein guter Schauspieler. In Ein griechischer Sommer schlägt er sich so halbwegs brauchbar mit seiner Rolle herum, sein verzotteltes Aussehen sorgt für mildernde Umstände. Was sonst noch zu sehen ist, passt auf eine Freilichtbühne neben obligatorischem Ausschank, wo es logischerweise auch Ouzo geben sollte. Denn so klischeehaft, wie das kleine Hafenstädtchen und seine aus der Zeit gefallenen Bürger, so kauzig ist das Ganze auch – erst vor einigen Jahren hat sich Christoph Maria Herbst in Highway to Hellas per Esel durch den mediterranen Karst geschleppt. Ähnlich geht es auch hier zu. Außer Fische fangen, dem Ausschenken von Rebensaft und dem Improvisieren mit dem wenigen, was da ist, bleibt nur noch, aufs Meer zu schauen und nichts zu tun. Und auch nichts zu erwarten. Wären da nicht die beiden Teenies Yannis, wie schon eingangs erwähnt, und Angeliki, dem Mädel vom Festland, Nichte des einzigen Barbesitzers der Insel und bald dicke Freundin des frisch gebackenen Vogelvaters. War das Tier anfangs noch eigenartig mechatronisch, ist es als adultes Federvieh ein tatsächlich dressiertes Unikum. Und wäre der Pelikan nicht, wäre der Film ein relativ belangloser Zwischenstopp in den blauweißen Farben von Griechenland, der wenig aufgeweckte Jugenderinnerungen hervorholt. Diese wiederum erinnern an einen ganz anderen Film, nämlich an Wie Brüder im Wind, in welchem ein Junge, der ebenfalls alleine mit seinem griesgrämigen Vater im unwirtlichen Gebirge haust, ein Adlerjunges findet – und großzieht. Im Grunde ist das die gleiche narrative Basis, nur mit weniger Personal. In Ein griechischer Sommer nimmt man die Metapher des Flüggewerdens allerdings leichter, humorvoller, weniger grüblerischer, aber auch leicht hysterischer. Das ist angenehm anders, und somit irgendwie noch eine kleine, filmische Auszeit vor dem Alltag.

Ein griechischer Sommer