No Rest for the Wicked (2026)

WIR ALLE SIND INSELN

7,5/10


Pilou Asbæk und Egor Venned in der Literaturverfilmung No Rest for the Wicked
© 2026 Polyfilm / Slash Filmfestival


LAND / JAHR: DÄNEMARK, ISLAND, FÄRÖER 2026

REGIE: KASPER KALLE

DREHBUCH: RASMUS BIRCH, NACH EINER KURZGESCHICHTE VON KARL HEINRICH ULRICHS

KAMERA: JACOB MØLLER

CAST: PILOU ASBÆK, EGOR VENNED, SOFIA NOLSØE, JÓHANNES HAUKUR JÓHANNESSON, KJARTAN HANSEN, BÚI DAM, NICOLAJ FALCK U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN



Wer glaubt, dass der Färöer-Archipel zu Island gehört, irrt genauso wie jene, die glauben, er gehöre zu Schottland oder Norwegen. Nichts da, diese Inselwelt, die aussieht, als wäre sie eine der nordischen Welten, die man erreichen kann, wenn man durch Portale schreitet, die nur gottähnlichen Metawesen zugänglich sind, gehört zu Dänemark, also zumindest zur Krone, verwaltet sich aber, wie Grönland, stets autonom. Anders wäre diese Abgelegenheit gar nicht machbar.

Ein Baum, was ist das?

Wasserfälle und an den dunklen Felswänden entlang mäandernde Rinnsale wirken fast organisch. Tief ins Innere führen kleine, stille Fjorde, außen tobt der Nordatlantik und hat so manchen Kahn schon auf Grund gesetzt. Wie isoliert muss diese Welt erscheinen, wenn man die Zeit zurückdreht, sagen wir ins 19. Jahrhundert, in die Zeit der Romantik und der Schauergeschichten zwischen Mary Shelley, Lord Byron und Bram Stoker. Es ist die Zeit der melancholischen Landschaftsmaler und der Sehnsucht nach einem Leben nach dem Tod. Und eine Zeit, in der niemand die Spielarten von Liebe und Zuneigung überhaupt hinterfragt. Schließlich geht es nur ums Überleben in dieser kalten, baumlosen und vom Wetter dominierten Unwirtlichkeit.

Wir retten uns gegenseitig

In so einer Welt muss der junge Erwachsene Baldur seinen Vater ersetzen und bei Muttern leben, die ein frommes, karges Leben führt und nicht unwesentlich starken Druck auf ihren Sohn ausübt, damit der nicht auf die Idee kommt, sein eigenes Leben zu leben.

Bis er beim Rudern zwischen den Klippen und Felsen auf den Schiffbrüchigen Helge stößt. Der eine rettet den anderen und umgekehrt, und schon sitzt der Däne Pilou Asbæk, den wir alle aus der Kultserie Game of Thrones kennen, in welcher er den garstigen Onkel Euron Greyjoy gegeben hat, am Tisch zwischen Baldur und seiner Mutter, die schon gleich ein Auge auf ihn wirft, nichts ahnend, dass sich Helge dem gleichen Geschlecht zugehörig fühlt. Eine Romanze bahnt sich an, bei welcher von vornherein klar ist, dass die Gesetze der Färöer-Inseln nicht für Liebende gemacht sind.

Dem Zeitgeist verbunden und dennoch vordenken

Diese Wildromantik, die Kasper Kalle hier in seinem zweiten Langfilm das Geschehen dominieren lässt, dient dazu, eine 1884 verfasste Kurzgeschichte des deutschen Schriftstellers Karl Heinrich Ulrichs zu illustrieren, eines Mannes, der als Vorreiter in den Belangen homosexueller Menschen gilt. Klarerweise ist seine melodramatische, düstere Liebesgeschichte von all diesen avantgardistischen Gedanken geprägt – und er verknüpft sie mit vertrauten Tropen aus dem Schauergenre rund um Wiedergänger und Vampire, die damals wohl noch ein und dasselbe waren. Bram Stoker wird seinen berühmten Roman noch schreiben, Mary Shelleys Klassiker liegt schon Jahrzehnte zurück.

Sehnsucht, Bestimmung und Pflicht

Bereits früh im Film ist klar: Zwischen Pilou Asbæks Figur und des vom Färöer Schauspieldebütanten Egor Venned dargestellten Baldur gibt es eine Verbindung, die weit über den Tod und das tragische Schicksal hinausgeht. Ob nun Kasper Kalle dem morbiden Sehnsuchtsgenre Neues abverlangen kann?

Es gelingt insofern, als sich Kalle voll und ganz auf jene Stimmung verlässt, die ihm die Färöer Landschaft vermittelt. Viel tun dafür muss er nicht. Regen, Nebel und dergleichen kommen wie das Amen im Gebet. Das ist klassisch, das ist gut so, um all das, was an Paranormalem passiert, etwas anders zu erzählen.

Das, was vom Mythos erzählt, fällt nicht ganz so klassisch aus. Vielmehr geht es um das Rollenspiel unter den dreien, oder ich will fast sagen vieren, denn der absente, tote Vater, dessen Lücke niemand füllen will, drängt danach, ersetzt zu werden. Es ist ein Reigen der Bestimmungen: Die Mutter sieht Helge als Mann, Helge sieht dieses Heim als Zuflucht, Baldur Helge als seinen Schlüssel zur Freiheit.

Der letzte Wille stirbt nie

Wenn dann der Tod zum Thema wird, weicht die rationale Physik okkulten Gesetzen, die tief in die historische Angst vor Wiedergängern eintaucht und die Ursache des Untoten-Daseins fast schon absichtlich missverstehen, damit Kalle sie entsprechend interpretieren kann. Das geht mit viel Dunkelheit, wenigen Worten, wenig, aber doch mit Blut und gänzlich ohne Maskerade.

Mag sein, dass für die Intensität dieser Liebe zu wenig Platz bleibt. Das, was später folgt, mag sich gar nicht mal auf diese innige Zugehörigkeit rückbesinnen können, da sie fast ausschließlich durch Körperlichkeiten dargestellt wurde, nicht aber durch geistige, charakterliche Verschmelzung.

Woher dann diese Sehnsucht? Weil alle in dieser Welt irgendwo dazugehören wollen, zu jemand anderem, zu einer anderen Welt vielleicht außerhalb dieses eigenen Archipels? Die queere Liebe ist da nur eine Variation einer ganz anderen Selbstbestimmung, die mit postmortalem Recht und Gehörtwerden zu tun hat.

No Rest for the Wicked (2026)

The Damned (2024)

IN DER NOT VERFLUCHT DER MENSCH DIE SEE

7/10


© 2024 Vertical


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, ISLAND, IRLAND, BELGIEN 2024

REGIE: ÞÓRÐUR PÁLSSON

DREHBUCH: JAMIE HANNIGAN

CAST: ODESSA YOUNG, JOE COLE, LEWIS GRIBBEN, SIOBHAN FINNERAN, FRANCIS MAGEE, RORY MCCANN, TURLOUGH CONVERY, MICHEÁL ÓG LANE U. A.

LÄNGE: 1 STD 29 MIN


Kleine Sünden straft Gott sofort, heisst es doch so schon im Volksmund. Für große Sünden schickt dieser oder gar der Teufel die Toten wieder zurück zu den Lebenden als Wiedergänger, um sie in den Wahnsinn zu treiben. Obwohl von Sünden nur eingefleischte Gläubige hinter vorgehaltener Hand zu murmeln wissen, nimmt dieses einem erbarmungslosen Weltgericht unterworfene Gleichnis von üblen Taten und schlechtem Gewissen jene Begrifflichkeit als Kompassnadel für die Chronik eines Wahnsinns, der sich in gespenstischer Isolation irgendwo an der Küste Islands Bahn brechen wird. Schuld sind dabei Menschen, die während eines kargen, entbehrungsreichen Winters um Nahrung ringen müssen – und die sich mehr erhoffen, als nur zu überleben.

Die langen Nächte tauchen die windumtoste Küste in scheinbar ewige Finsternis, im spärlichen Licht des Tages funkelt das Eis und spendet die Illusion eines Reichtums. Als Kaff lässt sich diese karge Ansammlung an Hütten gar nicht mal bezeichnen, und dennoch überwintert hier eine junge Witwe als Bootsbesitzerin, die dieses an eine Handvoll wettergegerbte Fischer verleiht, die wiederum dafür sorgen, dass genug auf den Teller kommt. Eines Tages sieht die kleine Gemeinschaft am Ende ihrer Bucht, wo gefährliche Untiefen herrschen, einen Dreimaster kentern. Wo ein Schiff, da gibt’s meistens auch Besatzung. Die gerettet werden muss, alles andere wäre unterlassen Hilfeleistung und somit nicht nur eine Straftat, sondern moralisch höchst verwerflich. Wo ein Schiff, da gibt es allerdings auch Proviant. Was die Strömung nicht an Land spült, holen sich die Fischer bei Nacht und Nebel. Die Schiffbrüchigen kommen dabei zum Handkuss. Denn schließlich; wer soll all die Mäuler denn stopfen, wenn es nicht mal für jene reicht, die den Winter überstehen wollen? Tage später werden die ersten Leichen angespült. Und mit ihnen kommt das Grauen.

Die Romantik des Mysteriösen

Das alles hört sich so an, als wäre die Vorlage eine des Films von H. P. Lovecraft. Gekonnt verknüpft Autor Jamie Hannigan ein düsteres, nihilistisches Abenteuerdrama mit mythologischem Gothic-Horror, der im Seemannsgarn herumspinnt. Regisseur Þórður Pálsson liefert dazu die atmosphärischen Bilder einer unwirtlichen Landschaft, wie Malereien eines Romantikers – der Wind, die Nacht, der Schnee, der Nebel – all diese natürlichen Parameter aus Meteorologie und Jahreszeit setzen die Bühne für einen Schrecken, der gar nicht mal visualisiert werden muss, da er sich in den Köpfen nicht nur der verfluchten Seelen manifestiert. Das Weglassen plumper Schockeffekte holt sich die Paranoia wie eine ansteckende Krankheit in den Kreis der Verängstigten, die in ausufernd klassischer Dramatik Opfer ihres eigenen Aberglaubens werden.

Stellenweise erinnert The Damned an Robert Eggers schwarzweißen Nautik-Terror Der Leuchtturm. Fans des von der Franklin-Expedition inspirierten Desaster-Abenteuers The Terror werden ihre helle Freude haben. Licht, Stimmung und der Verlust zivilisierter Menschlichkeit sind die Essenz für schaurige Fernwehstiller, die das entlegene Anderswo so ausweglos erscheinen lassen wie der entfernteste Winkel im Universum. Wenn dann noch das Paranormale hereinbricht, von dem keiner weiß, was es ist und sich erst ganz am Ende durch einen erstaunlichen Twist offenbart, wird man gut daran getan haben, diesen Film zu finstersten Stunde des Tages gesehen zu haben, wenn die Kälte durch die Ritzen der Türen und Fenster dringt und der Sommer lange vorbei ist.

The Damned (2024)

Sea Fever

ALLE IM SELBEN BOOT

6/10


seafever© 2019 Neasa Hardiman


LAND / JAHR: IRLAND, USA, GROSSBRITANNIEN, SCHWEDEN, BELGIEN 2019

BUCH / REGIE: NEASA HARDIMAN

CAST: HERMIONE CORFIELD, DOUGRAY SCOTT, CONNIE NIELSEN, JACK HICKEY, ARDALAN ESMAILI, ELIE BOUAKAZE U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Die Natur findet immer einen Weg, sich des Menschen zu entledigen. Nennt sich: Naturkatastrophen. Neben Erdbeben, Vulkanausbrüchen, Tsunamis und dem ganzen tektonischen wie meteorologischen Treiben finden sich auch ganz kleine Organismen wie Viren und anderes Zeug dazwischen. Bakterien zum Beispiel. Oder Parasiten. Bei diesen durch den Willen zur Vermehrung angetriebenen proaktiven Winzlingen lässt einem das Gefühl nicht los, dass so etwas nur dazu auf der Welt ist, um Homo sapiens populationstechnisch in die Schranken zu weisen. Der Mensch jedoch ist klug genug, um das Schlimmste zu verhindern. Zumindest gegenwärtig. Oder hier in diesem Bio-Schocker auf hoher See, der genauso gut auf einem Raumschiff irgendwo in den Weiten des Alls hätte spielen können. Dann hätten wir Life von Daniel Espinoza. Doch griffiger wird’s, wenn der Zirkus auf der guten alten Erde abgeht. Und noch schöner, wenn wieder mal Europas Norden Filme wie diese inszeniert. Dann muss es nämlich nicht zwingend gut ausgehen, sondern einfach zu einem den Umständen entsprechenden, plausiblen Ende führen.

Wie auch immer. Ein reines Symptomtagebuch auf einem Fischkutter ist Sea Fever auch nicht geworden. Ein bisschen mehr als das. Vielleicht sogar etwas, dass sich als Nachzügler einreiht in die Ende der 80er Jahre so großzügig auf den Videothekenmarkt geworfenen Monsterhorrorstreifen, die James Camerons Abyss folgten und vorzugsweise in submarinem Umfeld stattfanden. Sea Fever ist aber durchaus subtiler. Zumindest anfangs erinnert der Streifen an das von mir sehr geschätzte Monsterdrama mit dem unverwechselbaren Titel Monsters von Gareth Edwards (by the way: Was wurde eigentlich aus diesem begnadeten Talent?). Auch hier kann die Crew eines irischen Trawlers der unheimlichen Begegnung mit einem zoologischen Mysterium nicht entgehen. Denn irgendetwas hält den Kahn an Ort und Stelle, viele Kilometer von der Küste entfernt. Nur gut, dass die Seeleute ganz zufälligerweise eine junge, zum Leidwesen aller abergläubischen Fischer rothaarige Studentin an Bord haben, die anomale Verhaltensweisen der Meeresfauna beobachten soll. Da Seeleute selten schwimmen können, und schon gar nicht daran denken, ins unheimliche Nass zu tauchen, muss das Mädchen Siobhan ran – und entdeckt da unten in der Dunkelheit etwas, das, würde man es nicht selbst sehen, leider als Seemannsgarn durchgehen muss, das lauschendem Tavernenvolk ungläubiges Kopfschütteln entlockt. Dieses Seemannsgarn hat aber noch ganz andere Qualitäten auf Lager, und es dauert nicht lange und das erste Mitglied der Besatzung spuckt Blut. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, in welchem Siobhan ganz vorne mitrennen muss, hat sie doch das meiste Knowhow, um dem Organismus wissenschaftlich und auch rational auf den Leib zu rücken, ohne sich dabei hinreissen lassen zu müssen, Poseidon anzubeten.

Sea Fever – in deutscher Übersetzung mit Angriff aus der Tiefe relativ austauschbar betitelt – folgt nicht wirklich neuen Pfaden, wenngleich der Blick in die Tiefe und bei dem, was da so zum Vorschein kommt, Thassalophobikern feuchte Hände garantiert. Oberwasser holt sich der Aggressor, ganz ähnlich anderen physisch überlegenen Bioinvasoren in ganz ähnlichen Thrillern, einen nach dem anderen. Das ist routiniert inszeniert und macht trotz der tödlichen Lage Lust darauf, noch tiefer abzutauchen, um dem Ökosystem noch andere Mysterien dieser Art zu entlocken. Darüber hinaus schafft, und das hebt den Film dann doch noch auf eine ethische Ebene, Regisseurin Neasa Hardiman sich und ihrem Skript ausreichend Raum, um auch die Frage nach Verantwortung zu stellen, wenn viel mehr auf dem Spiel steht als nur, die eigene Haut zu retten.

Sea Fever

Gaza Mon Amour

IN DER GUNST DES APOLLO

6/10


GazaMonAmour© 2021 Alamode Film


LAND / JAHR: FRANKREICH, DEUTSCHLAND, PORTUGAL 2020

BUCH / REGIE: ARAB & TARZAN NASSER

CAST: SALIM DAW, HIAM ABBASS, MAISA ABD ELHADI, GEORGE ISKANDAR, HITHAM OMARI U. A.

LÄNGE: 1 STD 28 MIN


Die Gebrüder Tarzan und Arab Nasser hätten es fast geschafft, ihre verschmitzte Alltagsminiatur der Academy of Motion Pictures and Science als würdig für den Auslandsoscar zu verkaufen. In Gaza Mon Amour suchen weder epische Schicksale die hier Mitwirkenden heim, noch wagt die Geschichte narrative Bocksprünge, bei denen einem die Brillen runterfallen. Nichts dergleichen geschieht hier – im Grunde ist es nicht nur das Warten auf den Linienbus in Gaza Stadt, sondern auch auf das Warten einer transzendentalen Eingebung, die festgefahrenen religiösen wie ethnischen Ansichten längst erhaben zeigt. Das passiert dann auch, in Gaza Mon Amour, und zwar widerfährt dieser Wink von oben, aus einer ganz anderen Ecke antiker Weltanschauungen, einem genügsamen Fischer, der jede Nacht aufs Meer hinausfährt, um seinen Fang dann tags darauf am Markt zu verkaufen, wobei er stets die Chance hat, der netten Schneiderin von nebenan einen schönen Tag zu wünschen. Da braucht er sich gar nicht mal groß vor einem eifersüchtigen Ehemann in Acht zu nehmen, denn den gibt es nicht mehr. Siham ist nämlich geschieden. Eines Nachts zieht der gestandene Issa nicht nur seine Fische aus dem Wasser, sondern auch eine antike Statue des Gottes Apollo. Das Besondere dabei: das bronzene Abbild des schön gestalteten Jünglings feiert im Intimbereich nachhaltige Potenz, und das ganz ohne Viagra. Was tun mit diesem Fund? Der Behörde melden? Oder einfach mit nachhause nehmen und vorerst mal verstecken. Vielleicht hilft’s ja was in der Sache mit Siham.

Die Welt im Nahen Osten scheint also noch nicht ganz von allen guten Göttern verlassen. Obwohl entfernt die Bomben donnern und immer wieder Schüsse zu hören sind, ist die andauernd schwelende offen Wunde des Scharmützelkrieges gerne etwas, dem Leute wie Issa oder Siham keine Beachtung mehr schenken, wenn’s denn nicht unbedingt sein muss. Eine dritte, unsichtbare Kraft bahnt sich den Weg zwischen zwei einander zugetane Menschen, die ihr Glück nicht in der Flucht sehen, sondern in einem möglichen Miteinander, inmitten einer Welt, die ihnen immerhin noch gut vertraut ist. Tarzan und Arab Nasser injizieren dem redundanten Alltag jener, die ihrer schlichten Existenz nachgehen, ein Quäntchen Zauber. Natürlich muss dieser verdient sein – es gibt Ärger mit der Polizei und den Behörden, aber dargestellt als kauziges Abenteuer aus den Seitengassen großer Weltbühnen.

Großes Kino ist Gaza Man Amour keines. Wohl eher eine lakonische, allerdings sehr volkstümliche Romanze, der ein bisschen mehr metaphysische Präsenz vielleicht noch gutgetan hätte. Die vielleicht zu behutsam der Mentalität vor Ort auf den Zahn fühlt. Schwierig, wenn man das ganze Politikum außen vorlassen will und etwas Unbefangenes erzählen möchte. Die Ambition dahinter ist verständlich, Apollos Gunst dabei nur eine zaghaft arrangierte Allegorie.

Gaza Mon Amour

Ein griechischer Sommer

FERIEN WIE DAMALS

6/10

 

Ein griechischer Sommer© 2012 obs/ZDF/LAURENT THURIN NAL

 

ORIGINALTITEL: NICOSTRATOS LE PÉLICAN

LAND: FRANKREICH, GRIECHENLAND 2012

REGIE: OLIVIER HORLAIT

CAST: EMIR KUSTURICA, THIBAULT LE GUELLEC, JADE-ROSE PARKER, FRANÇOIS-XAVIER DEMAISON U. A.

 

Die Ferien sind vorüber, die Schule hat begonnen. Kann sein, dass der sogenannte Altweibersommer zurückkehrt. Der erinnert dann noch mal an die schönen Stunden, die der mittjährliche Urlaub so mit sich brachte, abgesehen vom An- und Abreisestress, vom Ein- und Auspacken und vom Waschen der ganzen Urlaubswäsche. Aber das gehört schließlich dazu. Man würde es vermissen, hätte man nicht alle Hände voll zu tun, um durchschnittlich zwei Wochen irgendwo anders abzuhängen, ob in den Bergen oder am Meer, stets in Reichweite diverser mobiler Endgeräte. Dabei kann natürlich sein, dass, war man in den Bergen, in Balkonien oder im eigenen Land, das Meer immer noch Fokus diverser Sehnsüchte bleibt, so richtig Marke STS und im Sinne von Irgendwann bleib I dann dort, mit den Füßen im weißen Sand, eine Bottle Rotwein in der Hand und so weiter. Austropop-Kenner wissen, was ich meine, kaum ein Lied nährt mehr den Traum, auszusteigen als dieses. Bevor der Herbstalltag also einem Damoklesschwert gleich über uns hereinbricht, ließe sich unter Umständen mit vorliegendem Film der Sommer zumindest in den eigenen vier Wänden noch etwas hinauszögern. Ein griechischer Sommer ist genau das, was der Film beschreibt – eine strahlend schöne Jahreszeit irgendwo in der Ägäis, auf einer kleinen, unbekannten Insel voller pittoresker Küsten und verführerischen Lagunen, versteckt hinter strahlend blauem Meer.

Allerdings geht’s in dem französisch-griechischen Coming-of-Age-Filmchen weniger ums Urlaubmachen und Aussteigen, sondern um einen Vogel. Genauer gesagt um einen Pelikan, und der ins Deutsche übersetzte Titel Ein griechischer Sommer verbirgt im Gegensatz zum Originaltitel, was dahintersteckt. Diesen Pelikan, den findet der Halbwaise Yannis, der mit seinem griesgrämigen Fischervater irgendwo in einem einsamen Häuschen an der Küste lebt, bei einem Matrosen an Bord eines Frachtkahns. Allerdings ist der da noch ein kieliger Jungvogel – im Austausch gegen das Erbstück seiner Mutter kann er diesen aber freikaufen. Der Vater, der weiß natürlich nichts davon. Gut versteckt zieht Yannis den Vogel auf – bis die ganze Insel von der ornithologischen Sensation Wind bekommt.

Überraschend an diesem mediterranen Jugendfilm ist der Auftritt Emir Kusturicas. Der serbische Cannes-Gewinner und Autorenfilmer so schrill-schräger Kunststücke wie Underground oder Time of the Gypsies ist, wie ich zuletzt in On the Milky Road feststellen musste, alles andere als ein guter Schauspieler. In Ein griechischer Sommer schlägt er sich so halbwegs brauchbar mit seiner Rolle herum, sein verzotteltes Aussehen sorgt für mildernde Umstände. Was sonst noch zu sehen ist, passt auf eine Freilichtbühne neben obligatorischem Ausschank, wo es logischerweise auch Ouzo geben sollte. Denn so klischeehaft, wie das kleine Hafenstädtchen und seine aus der Zeit gefallenen Bürger, so kauzig ist das Ganze auch – erst vor einigen Jahren hat sich Christoph Maria Herbst in Highway to Hellas per Esel durch den mediterranen Karst geschleppt. Ähnlich geht es auch hier zu. Außer Fische fangen, dem Ausschenken von Rebensaft und dem Improvisieren mit dem wenigen, was da ist, bleibt nur noch, aufs Meer zu schauen und nichts zu tun. Und auch nichts zu erwarten. Wären da nicht die beiden Teenies Yannis, wie schon eingangs erwähnt, und Angeliki, dem Mädel vom Festland, Nichte des einzigen Barbesitzers der Insel und bald dicke Freundin des frisch gebackenen Vogelvaters. War das Tier anfangs noch eigenartig mechatronisch, ist es als adultes Federvieh ein tatsächlich dressiertes Unikum. Und wäre der Pelikan nicht, wäre der Film ein relativ belangloser Zwischenstopp in den blauweißen Farben von Griechenland, der wenig aufgeweckte Jugenderinnerungen hervorholt. Diese wiederum erinnern an einen ganz anderen Film, nämlich an Wie Brüder im Wind, in welchem ein Junge, der ebenfalls alleine mit seinem griesgrämigen Vater im unwirtlichen Gebirge haust, ein Adlerjunges findet – und großzieht. Im Grunde ist das die gleiche narrative Basis, nur mit weniger Personal. In Ein griechischer Sommer nimmt man die Metapher des Flüggewerdens allerdings leichter, humorvoller, weniger grüblerischer, aber auch leicht hysterischer. Das ist angenehm anders, und somit irgendwie noch eine kleine, filmische Auszeit vor dem Alltag.

Ein griechischer Sommer