Pleasure

ALICE IM PORNOLAND

5/10


pleasure© 2022 Plattform Produktion


LAND / JAHR: SCHWEDEN, NIEDERLANDE, FRANKREICH 2021

BUCH / REGIE: NINJA THYBERG

CAST: SOFIA KAPPEL, REVIKA REUSTLE, EVELYN CLAIRE, CHRIS COCK, DANA DEARMOND, KENDRA SPADE, MARK SPIEGLER U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Viele machen es, und kaum einer spricht darüber: Pornos schauen. Denn die Libido lässt sich schwer einsperren. Und Sex, wann immer Mann will, kann Mann schließlich nicht einfordern. Das war vielleicht in früheren Zeiten so, als Frauen den ehelichen Pflichten nachkommen mussten, was wiederum noch nicht so lange her ist. Die beste Alternative: Pornos eben. Mann weiß, wie Mann sich helfen muss – also gibt’s dafür eine Industrie, die Kohle scheffelt bis zum Abwinken. Ein Patriarchat ist das Ganze, viel mehr noch als das Model-Business. Zwischen beiden kann es durchaus zu Überlappungen kommen – je nachdem, wofür das eine oder andere Model gebucht werden will. Denn die Freiheit, zu entscheiden, was man wo und mit wem für Geld macht, ist in dieser Branche oberstes Gebot. Eine Art Persilschein, den die schwedische Regisseurin Ninja Thyberg für ihr Publikum klar verständlich an den Bildrand heften möchte.

Doch wer sind diese Kandidatinnen, die glauben, frei entscheiden zu können, was sie zeigen oder tun möchten? Junge Mädchen wie Linnéa, die sich den Künstlernamen Bella Cherry gibt und von weit her aus Schweden nach Amerika reist, ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten, um die Standfestigkeit amerikanischer Penisse zu überprüfen und dabei träumt, mit inszeniertem Sex ganz groß rauszukommen. Jede wie sie will, könnte ich meinen, es ist ja schließlich eine Sache der Freiheit – und natürlich lässt sich als 19jähriges Mädchen mit null Erfahrung in diesem Metier die ganze Sache realistisch sehen. Linnéa geht’s vermutlich so wie vielen anderen jungen Frauen mit gefälligem Äußeren, die als Model oder Schauspielerinnen Karriere machen wollen. Das Prinzessinnenoutfit liegt bereits parat, man muss nur die Treppen hoch und dabei nicht den Schuh verlieren, den der Prinz vielleicht vorbeibringt, doch so genau lässt sich das nicht prognostizieren. Heidi Klum hat daraus eine ambivalente Reality-Show gemacht, in der Mädchen vorgeführt und abgewählt werden, wenn sie nicht tough genug sind, Dinge zu tun, die unter ihrer Würde sind. Linnéa versucht es trotzdem. Weiß natürlich nicht, worauf sie sich einlässt, weiß aber, dass nur die harten Sachen wirklich zum Ziel führen. Und sei es, dass es Freundschaften kostet, die eigentlich mehr wert sein sollten als jeder Facial Cumshot.

Obwohl sich alles um Sex dreht, prickelt in Thybergs Film überhaupt nichts. Sex ist hier Technik und Schauspiel, als fixe Zeiteinheit zwischen Vertragsunterzeichnung und Vaginalspülung. Gut, dieser Umstand hinter den Kulissen feuchter Träume war zu erwarten. Dass hier manch ein Boy den besten Freund nicht hochkriegt, ebenso. Die Girls haben genauso wenig Freude dran. Schauspielerin Sofia Kappel lässt als Bella nicht nur einmal klar heraushängen, dass Wohlfühlen irgendwas anderes ist, nur nicht das. Nun, die Vorstellung von etwas und die dazugehörige Realität sind natürlich zwei Paar Schuhe. Das ist in jeder anderen Showbranche genauso. In diesem Business ist die Frau allerdings noch viel mehr ein Spielzeug im Gegensatz zum projektbeteiligten Akteur, denn der ist immer noch Vertreter eines dominanten Geschlechts, welches die Macht hat, die Weiblichkeit zu unterdrücken. Das liegt bei jedem Take unangenehm in der Luft, obwohl Pleasure weit davon entfernt ist, Männer als Monster hinzustellen. Nach Thyberg sind dies allesamt Profis, mit Respekt vor ihren Darstellerinnen und mit geradezu seelsorgenden Empathie. Thyberg bleibt da ebenfalls respektvoll und lässt den indirekt abgebildeten Sex auch nie zum Selbstzweck verkommen.

Dadurch, dass Pleasure aber im Grunde aber kaum Partei bezieht und auch sonst nichts Neues vom Adult-Set berichtet, bleibt das Karrieredrama überraschend flach. Es ist ein abturnendes Lustwandeln zwischen den Pornosparten, natürlich probiert Bella vieles aus, und manches wie Hardcore geht gar nicht. Dem Voyeur wird dabei die Tür vor der Nase zugeknallt, und jenen, die die xte Staffel von Germanys Next Top Model längst satthaben, könnten sich wundern, zumindest ansatzweise wieder dort gelandet zu sein. Nicht auszudenken, was der Österreicher Ulrich Seidl aus dem Stoff gemacht hätte. Doch da hält schon sein ungeschönter Blick Models für mehrere Jahrzehnte vor. Pleasure ist vom Tabu zu sehr abgelenkt, greift den eigentlichen Konflikt, den der ganze Film eigentlich zum Thema haben sollte, erst viel zu spät auf und weiß nicht, ob es dokumentieren oder dramatisieren soll. Ein eigentümlicher Hybrid also, so lustlos wie der Akt vor der Kamera.

Pleasure

The Raid 2

VON WEGEN BLUTIGE ANFÄNGER

7/10

 

raid2

REGIE: GARETH EVANS
MIT IKO UWAIS, YAYAN RUHIAN, ARIFIN PUTRA

 

Nein, schön anzusehen ist dieser Film nicht. Und auch nichts für Leute, die kein Blut sehen können. Eher was für Fans von The Walking Dead. Nur, dass es in Gareth Evan´s Sequel des indonesischen Actionthrillers The Raid keine Zombies gibt, sondern gewöhnliche Sterbliche. Und die Apokalypse ist auch noch nicht ausgebrochen – möchte man meinen. Nun, in der Unterwelt vielleicht schon. In der indonesischen Unterwelt. Denn dort werden keine Gefangenen gemacht. Es gilt der Bandenkrieg bis zur totalen Vernichtung. Und mittendrin: Rama. Diesen Martial Arts-Hero kennen wir schon aus dem ersten Teil. Dort kommt der junge Familienvater und Polizist in einem Wohnhaus ins Kreuzfeuer einer Unterweltgang. Er und fünf weitere Kollegen überleben das Fiasko. Doch wie schon Bruce Willis in Stirb langsam all den Bösewichten barfuß und mit Köpfchen mehrere Knüppel zwischen die Beine geworfen hat, so hat sich auch Rama als Ein-Mann-Kampfmaschine im wahrsten Sinne des Wortes bis ins oberste Stockwerk durchgeschlagen. Der zweite Teil ist da weniger klaustrophobisch, hinterlässt aber gleich in der ganzen Millionenmetropole Jakarta knöcheltiefe Blutlachen. 

Wer sich noch an Quentin Tarantino´s Kill Bill Vol.1 erinnern kann, und zwar insbesondere an Uma Thurman´s blutbefleckten gelben Overall während des schwertscharfen Schlagabtauschs mit den Ninja-Kämpfern, wird sich so ungefähr vorstellen können, welchen Tonus The Raid 2 anschlägt. Es ist ein Hauen, Stechen und Niederschießen, bis der Leichenwagen kommt. Da wird hingerichtet, niedergemetzelt und mit Stahlhämmern traktiert, dass sich der Zuseher selbst schon gemartert fühlt. Dagegen ist John McClane eine wahre Mutter Theresa. Dagegen ist John Wick geradezu ein Waisenknabe, der von Rama noch Vieles lernen kann. Und zwar fernöstliche Kampfkunst, wenn schon Messer, Schwerter und Macheten nichts mehr vollbringen.

Zugegeben, The Raid 2 ist Hardcore. Selten ist ein Actionfilm brutaler. Allerdings – Ramas Odyssee durch die Unterwelt ist ein virtuoses, exzessives Kunstwerk, das mit Motiven der Gewalt gestaltet worden ist. Vor perfekt komponiertem Interieur, monochromen Räumen und anhand eines Storyboards mit dem Hang zur Symmetrie werden Blut, gebrochene Knochen und kaltblütiger Killerinstinkt zu Farbe und Pinsel. Entstanden ist ein erschreckend faszinierendes Meuchelepos, das inhaltlich stark an Martin Scorsese´s The Departed erinnert und neben all seiner perfekten Flesh-and-Blood-Choreographie tatsächlich eine durchaus spannende Geschichte über Vertrauen, Verrat und Rache zu erzählen weiß. Die japanische Filmwelt des Takeshi Kitano hat hier ähnliche Ambitionen. Dort ist es die Yakuza-Mafia, die ihre Opfer wie die Fliegen sterben lässt. Hana Bi – Feuerblume zählt hier zu den herausragendsten Hardcore-Thrillern aus dem Land des Bonsais.

Viele werden womöglich bei The Raid 2 die Grenze des Erträglichen überschritten sehen und das Kino verlassen. Oder das Streaming stoppen. Im Grunde hätte ich das auch getan. Das war bei Only God Forgives von Nicolas Winding Refn der Fall. Ein unseliges Machwerk, dass dem asiatischen Unterweltkino nacheifern wollte. Obwohl Gareth Ewans selbst ein Brite ist, beherrscht er die Parameter östlicher Kinokultur aber aus dem FF. Modifiziert zum Mainstream für zerstreuungswütige Asiaten, die mit westlichen Werten liebäugeln, entsteht so etwas wie The Raid. Ein knallharter, eleganter Martial Arts-Horror für kunstsinnige Actionfans. Und leise rieselnden Schnee, der auf Jakarta fällt, sieht man auch nur hier.

The Raid 2