Eagles of the Republic (2025)

DER PHARAO DARF DIENEN

7/10


Fares Fares im Politthriller Eagles of the Republic von Tarik Saleh© 2025 Yirgit Eken /MFA Film GmbH


LAND / JAHR: SCHWEDEN, FRANKREICH, DÄNEMARK, DEUTSCHLAND 2025

REGIE / DREHBUCH: TARIK SALEH

KAMERA: PIERRE AÏM

CAST: FARES FARES, LYNA KHOUDRI, AMR WAKED, ZINEB TRIKI, NAEL, HUSAM CHADAT, SHERWAN HAJI, AHMED KHAIRY, CHERIEN DABIS, DONIA MASSOUD, SUHAIB NASHWAN U. A.

LÄNGE: 2 STD 9 MIN


Man kann einen Schauspieler, einen Star besser gesagt, und zwar von nationalem Weltruhm (wenn das überhaupt geht) nicht einfach so verschwinden lassen, nur weil er nicht mitspielt. Man kann ihn aber so lange würgen, bis er Luft holen muss – und dann atmet er genau das, was die Mächtigen ihm vorgeben, gefälligst zu inhalieren: Den Dunst der Propaganda. Das aber ist nur die eine Seite. Es gibt noch andere, die den Staat Ägypten in Gefahr sehen. Und die alles daransetzen, einen Umsturz zu planen.

Ägypten ist eine Reise wert!

Als Tourist merkt man das alles natürlich nicht, da scheint Ägypten ein fast schon makelloses Land zu sein, mit Ferien-Resorts, Korallenriffen und dem letzten der sieben Weltwunder. Was kann schon schlecht sein an einem Land, das die Pyramiden hat. Und eigentlich aus seiner jahrtausendealten Geschichte längst hätte lernen können, um es hinter dieser Fassade besser zu machen. Doch die Autokratie herrscht auch dort, Präsident Abdel Fattah el-Sisi ist seit 2014 am Steuer, und hat auch nicht vor, die Macht abzugeben.

Nach so einer langen Regierungszeit könnte man ja einen Film in die Kinos bringen, der dessen Werdegang erzählt, selektiv gesehen natürlich und voller Schmeicheleien für einen Mann, der das Volk aber eigentlich an der Kandare nimmt und oppositionelle Stimmen genauso wenig zulässt wie weiter im Nordosten besagter Putin.

Spiel uns den Präsidenten!

George Fahmy, der Star, der irgendwann Luft holen muss, darf also el-Sisi spielen. Obwohl er ihm gar nicht ähnlich sieht. Dort ein gedrungener kleiner Onkel für alle mit freundlichem Blick, hier ein hochgewachsener „Liam Neeson Nordafrikas“ – Fares Fares. Ausgerechnet er, der Medien-Pharao, soll den Chef spielen? Egal, als Star könnte man ihn auch als Eiskönigin besetzen, und die Massen müssen wohl ins Kino strömen, andernfalls ließe sich verweigerndes Verhalten als Widerstand auslegen.

Also macht Fahmy mit, zwängt sich in die khakibraune Uniform, spielt die Revolution nach, wird dabei unentwegt beäugt von el-Sisis Apparatschik. Der mehr Engagement wünscht. Zeitgleich aber sind noch andere Energien am Werk, und so schnell kann Fahmy gar nicht schauen, haben ihn alle Seiten instrumentalisiert, ist er nur noch Marionette, Mittel zum Zweck, eingesponnen wie im Kokon einer Spinne.

Schauplatz einer Trilogie

Tarik Saleh beschließt mit Eagles of the Republic nach Die Nile Hilton Affäre – ein stimmungsmachender, wuchtiger Politthriller – und Die Kairo Verschwörung – ein Studentenkrimi – seine sogenannte Kairo-Trilogie. In jedem dieser Filme ist eine Verschwörung der komplexe Kern, den es freizulegen gilt. Diesmal aber setzt er vermehrt auf Dialog, politische Interessen, die während so manchem Meet and Greet mit der uniformierten Führungsriege geteilt werden – und ergänzend auf eine gefährliche Romanze, die dem leinwandbekannten Schürzenjäger wirklich alles kosten könnte.

Ein austauschbares Szenario

Für einen Old School-Politthriller hat Saleh diesen tatsächlich fein gesponnen – und setzt, um ihn auch wirken zu lassen, politische Vorkenntnisse voraus. Hat man die nicht, könnte es passieren, dass Eagles of the Republic von einem Platzhalter-Regime erzählt, da bis auf den Präsidenten und das Land selbst eine alternative Realität birgt – hat man sich dahingehend aber doch nachgebildet, wähnt man sich auch ohne das Panorama der Pyramiden im wohl beliebtesten nordafrikanischen Land wieder, das mit seinem Antike-Bonus Blicken von außen auf den eigentlich restriktiven Machtapparat die rosarote Brille aufsetzt.

Von Hollywood gelernt

Spannend und auf Zug inszeniert bleibt es bis zum Schluss, und gerade dann wird es richtig dramatisch. Gelernt hat Saleh sicherlich von Genre-Spezialisten wie Alan J. Pakula, Gosta Gavras oder Sydney Pollack. Den Touch of Old Hollywood konvertiert der Filmemacher in den Glamour, den die Kairo-Elite aufwarten kann.

Das mögen zwar Klischees sein und bewusst eingesetzte Versatzstücke, doch den puren, semidokumentarischen Filmrealismus strebt Eagles of the Republic – so wie in den beiden Vorgängerfilme auch – ohnehin nicht an.

Das hier ist Leinwandkino – Autorenkino zwar, aber romantisierend, ohne dabei auf die Kritik an einer Regierung zu verzichten, die mit drastischen Mitteln für Ordnung sorgt. Er kann sich leisten, so auszuteilen, wird ihm doch niemals das passieren, was der Figur von Fares Fares widerfährt. Saleh lebt in Schweden, gedreht wurde in Istanbul.

Eagles of the Republic (2025)

The Hater

DIE EIGENDYNAMIK GEKRÄNKTER EGOS

6,5/10


thehater© 2020 Netflix


LAND: POLEN 2020

REGIE: JAN KOMASA

CAST: MACIEJ MUSIALOWSKI, VANESSA ALEKSANDER, MACIEJ STUHR, AGATA KULESZA, DANUTA STENKA U. A.

LÄNGE: 2 STD 16 MIN


Böses, böses Internet. Wie konntest du dich für Manipulation, Hetze und Hass nur so instrumentalisieren lassen? Was ist aus dieser schönen neuen, viel einfacheren Welt des sozialen Lebens nur geworden? Ein neues Schlachtfeld 2.0 für Neider. Nichts ist derzeit perfider als die soziale Vernichtung. Das Erschreckende: bis vor nicht allzu langer Zeit war digitales Gelände noch eine einzige Grauzone. Langsam aber fallen die Schranken und folgt die Ahndung, doch immer noch zu wenig. Hass im Netz, sofern er nicht unterbunden und sträflich verfolgt wird, kann tödlich enden. Der polnische Social Media-Thriller von Jan Komasa, der unlängst mit dem oscarnominierten Corpus Christi in den Kinos war, läuft derzeit auf Netflix und zeigt das virtuelle Miteinander als Apocalypse Now für die Generation Like.

Im Zentrum des Geschehens steht ein charismatischer junger Jus-Student, der aufgrund eines Plagiatvorwurfs von der Uni fliegt. Das ist natürlich nicht gut fürs Selbstbewusstsein, aber wieso schreibt man auch von anderen ab? Anyway, das war schon mal die erste Kränkung – die zweite folgt auf dem Fuß. Der notorische Abhorcher und Mitlauscher bekommt bald mit, dass scheinbar wohlgesinnte Bekannte in Wahrheit nicht viel für ihn übrighaben. Kränkung wird zur Wut, Wut führt zu Hass, Hass zu perfidem Aktivismus. Als er bei einer windigen PR-Agentur voller Soziopathen (wie kalt können Menschen sein?) einen neuen Job anfängt, mutiert seine latente Leidenschaft für Lug und Trug bald noch mehr – und koordinierte Hetze nimmt ihren Lauf, alles auf Auftrag. Existenzen werden zerstört, Ansehen durch den Schmutz gezogen. Tomasz, so heißt er, schert das wenig. Im Gegenteil: langsam fragt er sich selbst, wie weit er gehen kann. Tomasz wird zum Reformator, zum diabolischen Schürer, mit Ringen unter den Augen und ausgezehrter Vitalität. Wie Patrick Bateman aus American Psycho seine Gräueltaten begeht, einfach weil er es kann, perfektioniert Tomasz sein Können darin, Gott und die Welt gegeneinander auszuspielen. Sich selbst beliebt zu machen, einzuschleimen, anzubiedern, gleichzeitig das Fußvolk aufzuhetzen, insbesondere politische Gegner aus dem linken und rechten Lager.

Der Journalist Mateusz Pacewicz, der auch das Drehbuch zu Corpus Christi schrieb, seziert in The Hater die Mechanismen der digitalen Kriegsführung auf anschauliche Weise. Die neuen Waffen sind Fake-User aus Indien und der Missbrauch persönlicher Daten anderer. The Hater ist ein dunkler, polemischer, hässlicher Film. Einer, der im Sündenpfuhl der Online-PR herumstochert und nichts Gutes aus dem finsteren World Wide Web lukrieren kann. Hasspostings und Cybermobbing sind die neuen Scheiterhaufen und Standgerichte, nichts hat sich geändert, nur das gekränkte Ich wechselt stets sein Gewand. Genau dieses gekränkte Ich verkörpert Maciej Musialowski mit gelackter Gefälligkeit und vorgetäuschter Naivität. Dahinter brodelt nicht nur das Ego, sondern auch Polens Politik und so mancher Psychopath – bis sich die Hölle auftut. In einer Szene, die in ihrem nackten Realismus bis an die Grenzen des Erträglichen geht.

Dennoch – The Hater übt rechtmäßigerweise und durchaus verständlich harte Kritik am Social Media-System und hemmungslosem Cybermobbing, gerät aber unterm Strich viel zu nihilistisch, um bereichernd zu sein. Mitnehmen lässt sich kaum etwas, nur ein unbequemes Gefühl in Kopf und Magengegend, und vielleicht der Entschluss, Facebook und Co gezielter und achtsamer zu nutzen. Oder gar nicht mehr zu nutzen. Gut, das ist zumindest etwas.

The Hater