Vaterland (2026)

MEPHISTOPHELISCHES NACHGLÜHEN

5/10


Sandra Hüller und Hanns Zischler als Erika und Thomas Mann im Film Vaterland
© 2026 Polyfilm / Agata Grzybowska


LAND / JAHR: POLEN, DEUTSCHLAND, ITALIEN, FRANKREICH 2026

REGIE: PAWEŁ PAWLIKOWSKI

DREHBUCH: PAWEŁ PAWLIKOWSKI, HENK HANDLOEGTEN

KAMERA: ŁUKASZ ŻAL

CAST: HANNS ZISCHLER, SANDRA HÜLLER, AUGUST DIEHL, DEVID STRIESOW, ANNA MADELEY, DAVID MENKIN, JOACHIM MEYERHOFF, ENNO TREBS, THEO TREBS, FRITZI HABERLANDT, MILAN PESCHEL, WALDEMAR KOBUS U. A.

LÄNGE: 1 STD 22 MIN



An dir, liebes Deutschland, ist ein Dichter verloren gegangen. Thomas Mann, einer der größten deutschsprachigen Wortakrobaten des 20. Jahrhunderts, dem wir die Buddenbrooks, den Zauberberg oder den Tod in Venedig zu verdanken haben, hatte 1933 diesem in den Untergang treibenden Vaterland den Rücken gekehrt. Wieder einer weniger von all den Intellektuellen, die rechtzeitig erkannt hatten, dass einer wie Hitler nichts Gutes bringen kann.

Zwischen den politischen Stühlen

17 Jahre später, so viel zumindest sagen die historischen Fakten, ist der Vater der Literatur und Vater von Erika und Klaus Mann, der sich in diesem Jahr auch das Leben nehmen wird, zurückgekehrt. Die Absicht, von West und Ost instrumentalisiert zu werden, hegt er nicht. Die beiden politischen Systeme des Landes – der liberale Westen, der es sich gerichtet hat, und natürlich die kommunistische DDR – wollen diesen klugen Kopf aber für sich beanspruchen.

Hier wie dort soll Thomas Mann mit dem Goethe-Preis ausgezeichnet werden, benannt nach einem weiteren Halbgott der Literatur, der zu Lebzeiten mehrfach durchsickern ließ, nicht allzu viel vom jüdischen Volk zu halten. Doch das scheint eine andere Geschichte zu sein, denn Goethe ist in Paweł Pawlikowskis eng gesetztem Psychogramm das personifizierte Nachglühen einer längst vergangenen Welt.

Woher komme ich, wenn nicht von hier?

Dieses Nicht-Wiedererkennen einer Heimat ist das Kernstück dieser schwarzweißen Beobachtung, Hanns Zischler als Thomas Mann findet keine emotionale Regung für dieses Dilemma und verkriecht sich hinter seinen Satzeskapaden, die er, unverständlich fürs zuhörende Volk, zum Besten gibt. Wie Perlen vor die Säue kommen seine Reden rüber, applaudiert wird, weil man applaudieren muss.

Mit im Buick, der durchs Land fährt, vorbei an ruinenhaften Zeitzeugen des Krieges, sitzt Tochter Erika. Dem nachglühenden, mephistophelischen Faschismus, den das Land wie ein schlummerndes Virus immer noch in sich trägt, stellt sie sich mit verbalem Unmut und einer Ohrfeige, die ganz allein Gustav Gründgens gehört.

In dieser einen Szene, die fast schon als Kernstück von Vaterland anzusehen ist, bündelt Pawlikowski den ganzen Frust derjenigen, die bislang geglaubt haben, Deutschland habe aus seinen Fehlern gelernt. Joachim Meyerhoff liefert hier in dieser Szene das Bild eines Elite-Deutschen, der sich zugunsten des Ruhms gerne auch mit dem Teufel arrangiert hat. Erkannt hat das Klaus Mann schon viel früher, als er Mephisto schrieb und den Charakter Gründgens in sein Werk mit einfließen ließ.

Thomas Mann arrangiert sich auch. Vielleicht aber eher, um einen ganz anderen Frust auszuhalten, nämlich den, der mit einer Verzweiflung einhergeht, das Vaterland vollends verloren zu haben.

Der Blick an der Seele vorbei

Pawlikowski lässt erkennen, welche Gespenster die Familie Mann immer noch heimsuchen – die des vergangenen, des gegenwärtigen und des zukünftigen Deutschland. Das heißt aber nicht, dass er diesen historischen Figuren auch Tiefe gibt. Die fehlt in Vaterland über weite Strecken, sie gehen verloren in der Rekonstruktion überforderter Laudatoren, die dem Rückkehrer zujubeln.

Vaterland hält sich mit einer Agenda auf, die wohl besser dafür genutzt worden wäre, dem Dichter mehr in die Seele zu blicken. Sandra Hüller versucht das Defizit zu kompensieren, und übertüncht wird das dünne Handlungskonstrukt mit einer erlesenen Bildsprache, die beeindruckend authentisch wirkt. Pawlikowski ist wohl mehr ein Meister des visuellen Arrangements als der Dramaturgie, ungeachtet seiner Palme, die ihm dieses Jahr für die beste Regie verliehen wurde.

Geschmackvoll, aber starr

In der reduktiven Sachlichkeit seiner Bilder stecken virtuose Schachzüge. Die Schlüsselszene mit August Diehl zu Beginn des Films ist eine einzige statische Einstellung mit Bedacht aufs Detail. Gesprächspartner bleiben im Off, bevor sie ins Bild gerückt werden oder bleiben, am anderen Ende der Telefonleitung, gesichtslos positioniert. All das ist streng komponiert, völlig durchdacht – und letztlich auch auffallend starr, was die eigentliche Erzählung betrifft.

In diesem Korsett bewegt sie sich kaum, doch vielleicht spiegelt das die Gefühlswelt unfehlbarer Dichter wie Mann oder Goethe wider, die gerne mit ihrem Ego zeitlos erhaben über allem wären. Was sie letztlich nicht sind.

Vaterland (2026)

Das gewisse Etwas (2026)

MIT DEM HERZEN AUF DER ZUNGE

6/10


Die beeinträchtigte Feriengruppe rund um Mala Emde im Film Das gewisse Etwas
© 2026 Constantin Film


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2026

REGIE: MARC ROTHEMUND

DREHBUCH: MURMEL CLAUSEN, NACH DEM FILM VON VICTOR-ARTUS SOLARO

KAMERA: AHMET TAN

CAST: MAX VON DER GROEBEN, MALA EMDE, FLORIAN LUKAS, JASMIN SCHWIERS, LORENZO GERMENO, FRANGISKOS KAKOULAKIS, ANTONIA RIËT, SIMON RUPP, JAN BOBKE, NATALIE KIM LEHMANN, FERDINAND KUNER, LUCA DAVIDHAIMANN, LINN BADE, TIMON HEINZL, PAUL KÖGLER, DIETER LANDURIS U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN



Über Untertitelfaulheit

Welchen Sinn hat es eigentlich, Filme, die es schon gibt, nochmal nachzuerzählen, und zwar nahezu bild- und szenengenau? Studios in den USA tun das in der Erwartung, dass knackige Stoffe, die in Europa reüssierten, in ihrem Land vielleicht genauso Erfolg haben, und zwar in originalem US-Englisch, denn Untertitel will dort niemand lesen. Das mag ein guter Grund sein, und glücklicherweise auch die Watchlist europäischer Filmnerds reduzieren, die das Original bereits kennen.

In Deutschland gibt es das auch – da werden gerne französische Originale nachproduziert, wie zum Beispiel Der Vorname. Und jetzt auch Das gewisse Etwas. Ist das deutschsprachige Publikum demnach genauso untertitelfaul wie das US-amerikanische?

Von Drehbuchtexten und anderer Literatur

In Oper und Theater ist es seit Jahrhunderten gang und gäbe, immer die gleichen Libretti und Drama-Vorlagen auf der Bühne nachzuinterpretieren. Da käme wohl niemand auf die Idee, sich darüber zu beschweren, dass zum Beispiel Hamlet doch schon mal inszeniert wurde.

Der Unterschied liegt daran, dass in der Live-Performance wie Oper und Theater die literarische oder kompositorische Vorlage weitaus deutlicher für sich alleine steht als das Drehbuch eines Films. Eine Bühneninszenierung ist wie die andere Meinung eines Künstlers zu einem Werk, das Drehbuch ist Teil eines dicht verzahnten Gesamtkunstwerks und wird daher selten als eigenständiges Werk betrachtet. Somit fällt das Remake eines Films deutlicher auf. Und bei Was ist schon normal? bleibt die Frage tatsächlich wie ein Elefant im Raum stehen. Warum nur nochmal den gleichen Film?

Der ganz spezielle Gute-Laune-Film

Ich kannte das Original nicht, packe also die Gelegenheit beim Schopf und lasse mich von Mala Emde und Fack Ju Göthe-Star Max von der Groeben in Sachen Inklusion eines Besseren belehren. Verantwortlich für dieses Remake zeichnet Marc Rothemund, erfahren in sentimental-ironischen Beziehungskomödien, allerdings auch in schweren Stoffen, nachzuvollziehen am Beispiel Sophie Scholl – Die letzten Tage.

Rothemund will aber diesmal den substanzvollen Gute-Laune-Film für den Spätsommer ans Publikum bringen und sammelt eine illustre Schar an Leuten um sich, die garantiert nicht einfach in Szene zu setzen sind. Es sind Menschen mit Beeinträchtigung – vorzugsweise mit Down-Syndrom. Ein anderer ist spastisch gelähmt, andere womöglich autistisch?

Die Qualität kindlichen Schauspiels

Unterm Strich zeichnet sich dieses Ensemble aber dadurch aus, dass es nicht vorgibt, beeinträchtigt zu sein, sondern es tatsächlich ist. Einer unter ihnen, Frangiskous Kakoulakis, ist tatsächlich schon länger im Schauspielgeschäft unterwegs. Man merkt ihm an, wie gut er seine Rolle beherrscht. Das Erstaunliche daran aber ist: all die anderen ebenfalls. Da sie in ihrem Gemüt fast schon so wie Kinder sind, und Kinder, wie wir wissen, schauspielerisch Unglaubliches leisten, eben weil sie es vorbehaltlos empfinden und nichts von ihrer Rolle in ein Regelkorsett stecken, gelingt auch den Erwachsenen, die in ihrer alljährlichen Sommerwoche in den österreichischen Alpen dem Kommunen-Alltag einen bunten Anstrich verleihen, beeindruckend lebensnahe Performances, die letzten Endes dem ganzen professionellen Ensemble den Rang ablaufen.

Ungewohnt offenherzig

Obwohl aufgeschlossen für Inklusion und soziale Agenden, fällt es in Das gewisse Etwas anfangs gar nicht leicht, mit den beeinträchtigten Schauspielerinnen und Schauspielern warm zu werden. Sie geben sich exaltiert, ehrlich, selbstbewusst schräg. Es geht uns wie den beiden Bankräubern Alex und Karlo, die nicht glauben können, wo sie da hineingeraten sind. Bis sich diese Menschen letztlich öffnen, bis man ihr Verhalten kennt, ihren Charakter schätzen lernt. Innerhalb kurzer Zeit sind einem selbst diese emotional stark involvierten Menschen, die ihr Herz auf der Zunge tragen, auch an selbiges gewachsen.

Ein Plot, der unterfordert

Angesichts dessen wird der komödiantische Aufbau – das narrative Gerüst um Lug, Trug und romantische Gefühle – zum trivialen, simpel gestrickten Extra, das allzu viel behauptet und auch selbst nicht daran glaubt, was es da erzählt. Zwischen Mala Emde und Max von der Groeben sprühen keine Funken, Florian Lukas als dessen Vater? Wohl kaum.

Gelungen ist Rothemunds Film in jenen Szenen, in denen das beeinträchtigte Ensemble zur Norm wird und die „Normalen“ um Inklusion buhlen. Wenn sich der Spieß also umdreht, wenn sich die „Behinderten“ ihrer eigenen Behinderung so bewusst werden wie nie zuvor und mit diesem gewissen Etwas auch umgehen, als wäre es ein Skill, den alle anderen bedauerlicherweise nicht haben.

Dieses Rollenspiel hat Witz und Charme – schade nur, dass sich Rothemund vom französischen Original nicht abheben und etwas Eigenes schaffen wollte, mit einer vielleicht weniger unterfordernden Rahmenhandlung.

Das gewisse Etwas (2026)

American Sweatshop (2025)

DEM PERVERSEN AUF DEN FERSEN

5/10

 

Lili Reinhart als Content-Moderatorin in American Sweatshop
© 2026 Plaion Pictures / Constantin

 

LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, BELGIEN, USA 2025

REGIE: UTA BRIESEWITZ

DREHBUCH: MATTHEW NEMETH

KAMERA: JÖRG WIDMER

CAST: LILI REINHART, DANIELA MELCHIOR, JOEL FRY, CHRISTIANE PAUL, EREMY ANG JONES U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN



Die Menschheit, so scheint es, ist nur noch krank. Den Glauben an selbige verliert man schnell, wenn man sich ein bisschen länger im Internet herumtreibt. Da fährt man munter in die Kreise der Hölle hinein, so ungehemmt könnte sie nicht mal Hieronymus Bosch malen, denn alles, was sich ausdenken lässt, ist in der Realität einfach nur noch schlimmer.

Wer sich so etwas ansehen will, um die Allgemeinheit davor zu schützen, der kann als Content-Moderatorin oder Moderator arbeiten. Den ganzen Tag Videos gucken und dabei Geld verdienen? Klingt einfach – ist es aber nicht. Vorallem nicht für die Psyche. Denn dieses Zeug weht geradewegs von der Müllkippe der Zivilisation auf den Bildschirm. Hass, Gewalt, Perversion und alle erdenklichen Gräuel sind es für viel zu viele Menschen auf diesem Planeten wert, veröffentlicht zu werden. Die Menschheit, um es nochmal zu betonen, ist nur noch krank.

Der härteste Schreibtischjob der Welt?

Um so einen Job länger als ein paar Wochen zu halten – dafür braucht es die richtige Herangehensweise, das richtige Gemüt, eine aufgeräumte Seele, um Gottes Willen keine labile Psyche! Lili Reinhart als Daisy Moriarty zum Beispiel, die sich für abgebrüht genug hält, hat sich einen solchen Job geangelt, bis sich etwas Besseres ergibt – und löscht oder genehmigt dabei den ganzen Tag lang verstörendsten Content. Um sie herum bricht der Reihe nach so manche Kollegin, so mancher Kollege weg. Andere wiederum kanalisieren das Grauen auf eine Weise, indem sie einen Wettstreit draus machen – wer länger durchhält.

Doch irgendwann hat auch Daisy genug – spätestens bei einem Video, das einen brutalen Femizid zeigt – und nicht danach aussieht, als wäre er gestellt. Zu sehen ist dabei auch der potenzielle Mörder. Mehr braucht Daisy nicht, um der Sache nachzugehen und den Verantwortlichen für dieses Verbrechen ausfindig zu machen und zur Rechenschaft zu ziehen.

Nur Content löschen ist zu wenig

American Sweatshop – ein Synonym oder ein Begriff für Jobs, die mit physischer und psychischer Ausbeutung zu tun haben – weidet sich zum Glück nicht in grausamen Darstellungen und expliziten Schockmomenten. Da hätte man sonst selbst sehr schnell die Nase voll, schließlich liegt es in der Natur der eigenen angestrebten Psychohygiene, Content dieser Art tunlichst aus dem Weg zu gehen. Interessant wird es dann, wenn man diese Perversionen einfach nicht mehr auf sich beruhen lässt und nicht nur einfach den Delete-Knopf drückt. Interessant wird es, wenn andere beginnen, sich selbst in der Verantwortung zu sehen und proaktiv etwas dagegen unternehmen.

Zögerliche Initiativen

Lili Reinhart tut das auch, gegen die Regeln der Agentur, aber im Sinne der Rechtschaffenheit und der Moral. Wie sehr also auch die Grundidee und die Ausgangssituation von American Sweatshop reizt, so wenig kann Ute Briesewitz im Laufe des Geschehens das Thema aufwühlen – obwohl es danach schreit, aufgewühlt zu werden.

In bescheidenen Schritten bewegt sich der Slow Burner vorwärts, bis zum Ende bleibt der Film eigentlich am Anfang hängen, beobachtet viel, sondiert, schätzt ab – kommt aber nie wirklich in die Gänge. Eine ähnliche Trägheit in der Initiative lässt sich im Film The Assistant von Kitty Green mit Julia Garner in der Hauptrolle entdecken. Auch hier ein Büro- oder Firmensetting, auch hier trägt die Bestandsaufnahme eines prekären Umstandes den ganzen Film und konzentriert sich, noch mehr als in American Sweatshop, lediglich auf die Veränderungen im Mindset der Protagonistin, bevor irgendetwas geschieht. Das hat natürlich Stimmung und Atmosphäre, doch das Thema verlangt mehr.

Auch hier, wenn es um Hassverbrechen und Social Media-Perversionen geht, ist das Problem viel tiefschürfender, komplexer und lauter, um es als kleines Arthousedrama mit Thriller-Elementen zu exportieren. Das Ende ist dann sozusagen der Anfang von etwas, das wir, womöglich um trivialer Genugtuung zu entgehen, niemals erleben werden. Der Griff an die Wurzel des Übels alleine mag Briesewitz genug gewesen sein, für mich fehlt da die entscheidende Konsequenz.

American Sweatshop (2025)