Mein Name ist Somebody

FÄUSTE, DIE INS LEERE TREFFEN

2/10

 

somebody© 2018 KSM

 

ORIGINAL: MY NAME IS THOMAS

LAND: ITALIEN 2018

REGIE: TERENCE HILL

CAST: TERENCE HILL, VERONICA BITTO, FRANCESCA BEGGIO, GUIA JELO U. A.

 

War er nun die linke oder die rechte Hand des Teufels? Wie auch immer, jedenfalls weiß ich: er war der müde Joe, das Krokodil und einer der Himmelshunde auf dem Weg zur Hölle. Terence Hill, unter bürgerlichem Namen Mario Girotti, hat uns gemeinsam mit Busenfreund Bud Spencer jede Menge humorvolle Stunden beschert. Ohrfeigen und Faustwatschen soweit das blaue Auge reicht, durchchoreografiert und stets mit einem markigen Spruch auf den Lippen. Sprüche wie „Wenn du mich nochmal dutzt, hau ich dir ne Delle in die Gewürzgurke!“ sind Meisterwerke der deutschen Synchronisation, ohne die Terence Hill nicht Terence Hill wäre. Und natürlich all die Bohnen, die da, müde vom langen Ritt, mit leidenschaftlichem Kohldampf einverleibt werden. Im Duo waren die beiden Rabauken mit dem Herzen am rechten Fleck unschlagbar – im Alleingang hatte Bud wohl die besseren Karten, obwohl der Supercop durchaus Mehrsichtungen vertragen hat. An seinen Italowestern My Name is Nobody von Tonino Valerii mit niemand Geringerem als Henry Fonda in der Nebenrolle reicht aber keiner von Hill´s Filmen heran. Und den aufgewärmten Don Camillo möge man gerne wieder vergessen. Dass Nobody sein künstlerisch hochwertigster Film war, das weiß Hill auch selber. Nicht umsonst nennt er für das deutschprachige Publikum sein eben erst auf DVD erschienenes Alterswerk Mein Name ist Somebody. Weil er ja immer noch jemand ist, und nicht niemand mehr. Dass mit Bud Spencer nicht auch noch die anderen zwei Fäuste von uns gegangen sind. Dass der blauäugige, schlaksige Windhund immer noch ins Gaspedal treten kann. Dieses Lebenszeichen wäre nicht notwendig gewesen, den Platz am Kultpodest hat er sowieso. Aber gut, ein letzter Film, ein letzter Blick in die Runde. Als die europäische Version eines Robert Redford vom Scheitel bis zur Sohle, scheinbar kaum gealtert, aber doch irgendwie geriatrisch. Wenn schon, dann führt auch bei mir eigentlich kein Weg daran vorbei, schon allein, weil der leidenschaftliche Fanfilm Sie nannten ihn Spencer so unglaublich berührend war – und ich in Jugendjahren die schrägen Kloppereien zwischen Wildwest und Rio alle sehr genossen habe.

Es ist nicht das erste Mal, dass der mittlerweile auch schon auf die 80 zugehende Terence Hill auf dem Regiestuhl Platz nimmt. Das Handling hinter der Kamera, so könnte man meinen, mag erprobt sein. Selbst der letzte Auftritt von Spencer und Hill gemeinsam – Die Troublemaker – gingen auf die Kappe des Krokodils. Wenn wir aber schon eingangs von der linken und der rechten Hand gesprochen haben, so ist die Regie für Terence Hill etwas, wofür er zwei linke zu haben scheint. Mein Name ist Somebody ist ein Film, der Kopfschütteln und ratloses Bedauern verursacht. Schon klar, wenn Das Beste zum Schluss kommen soll, lassen sich keine halben Sachen machen. Terence Hill will sowohl seinem Freund und Partner Bud Spencer Tribut zollen, aber auch der aus der Mode gekommenen Prügelfilme gedenken und überhaupt über das große Ganze nachdenken, angefangen vom Leben bis zum Tod und überhaupt. Inklusive einer sich selbst auf den Leib geschriebenen Hauptrolle ist Terence Hill mit diesen Ansprüchen heillos überfordert. Mein Name ist Somebody ist leider ziemlich misslungen, egal aus welchem Blickwinkel der Film zu betrachten ist. So gut wie alles in einen knapp zweistündigen Film hineinpacken zu wollen kann nicht gut gehen. Die Fäuste, die da zurückkehren, treffen ins Leere. Eben, weil ihnen der Schwung fehlt, und die Zielstrebigkeit für eine Richtung.

Die Regie selbst ist so hölzern wie vormittägliches Schulfernsehen. Diesen Stil hat unser lang aus der Übung gekommener Buddy leider ebenfalls drauf. Und so stiefelt der in Ledermontur und Holzfällerhemd kreuzsteif umherstaksende Somebody in der spanischen Wüste umher, zwischen Bohnenkonserven und windschiefen Westernkulissen. So als würde er etwas suchen, irgendwas wollen, wie der Gang zum Kühlschrank, und dann vergessen haben worum es eigentlich geht. Immer am Rockzipfel: eine mysteriöse junge Frau, die mit dem Leben hadert. Aus dem scheinbar augenzwinkernden Roadmovie-Revival wird ein völlig verkochtes Erweckungsszenario mit Marienerscheinung, Mädchenmorden und Herzinsuffizienz. Was Terence Hill in der Wüste eigentlich will, weiß sowieso keiner. Irgendein Buch über die Wüste lesen, das aber seine esoterischen Ambitionen auf den Film überträgt. Die schwülstige Tragik gibt dem ganzen zusammengeschusterten Patchwork den Rest. Hill setzt sein filmisches Vermächtnis so konsequent ungelenk in den Sand, dass ich rein aus Mitleid bis zum Ende noch dranbleibe. Das hat Terence Hill meiner Meinung nach zumindest verdient, was auch immer hier mit diesem Film passiert ist.

Mein Name ist Somebody

Homo Sapiens

WAS WIND, WASSER UND LICHT ERZÄHLEN

5/10

 

Homo Sapiens© 2016 Geyrhalter Film

 

LAND: ÖSTERREICH 2016

REGIE: NIKOLAUS GEYRHALTER

DREHBUCH: NIKOLAUS GEYRHALTER

KAMERA: NIKOLAUS GEYRHALTER

 

Im Buch Die Welt ohne uns beschreibt Autor Alan Weisman sachlich und mit sehr viel Vorstellungskraft, was wohl wäre, wenn Homo sapiens von einem Moment auf den anderen verschwinden würde. Wie lange würden die Relikte unserer Zivilisation noch sichtbar bleiben? Was wird nur sehr langsam verschwinden, was gar nicht? Diese Lektüre hat etwas Befreiendes, tröstendes, zumindest für unsere geknechtete Mutter Erde, wenn sie lesen könnte. Ist aber auch beklemmend genug, wenn es darum geht, was mit all den Atommüll-Endlagern letzten Endes passiert. Oder wer als letzter das Licht in den AKWS abschaltet. Dabei kommt die Geißel des Plastikmülls als langanhaltender Atem tatsächlich zu guter Letzt. Die Erde, die muss sich angesichts dessen beeilen, wenn sie nicht mehr an den Menschen erinnert werden will. Ob sich das noch ausgeht, bis die Sonne zum roten Riesen mutiert, bleibt dahingestellt. Der Mensch ist eben ein so nachhaltiges wie nachlässiges Wesen. Was morgen ist, kommt nach der Sintflut – oder so ähnlich.

Dieses Morgen hat sich Dokumentarfilmer Nikolaus Geyrhalter mal so richtig zur Brust genommen – und Orte aufgesucht, die der Mensch bereits hinter sich gelassen hat. Die Welt ohne uns nach Alan Weisman existiert in entropischen Enklaven bereits jetzt schon. Das themenverwandte Werk Homo sapiens ist darüber hinaus ein Film, der die Grenzen des gewählten Mediums auslotet – und dennoch ein Film bleiben muss. Geyrhalter´s Meditation auf den Verfall ist wohl einer von ganz wenigen Werken, die gänzlich ohne Sprache auskommen. Filme ohne Menschen, das ist keine Seltenheit. Ohne Verbalisieren irgendeines Zustandes oder eines Bedürfnisses – das ist schon gewagt, von einem fehlenden Score mal ganz zu schweigen. Das würde ja schließlich den Menschen wieder ins Spiel bringen. Und um den Menschen einmal ganz wegzudenken, braucht es  – gar nichts. Nur einen einzigen Blick auf das Ganze, auf den Untergang, auf die Rückeroberung der Elemente. Was zu hören ist, und zwar in fabelhaftem Sound, ist der Wind und das Wasser, die mit Staubpartikel reflektierendem Licht Fragmente des Erfassten bewegen, stören, sukzessive verändern. So radikal wie Homo sapiens ist selten ein Film, das ist eine Konsequenz, die Vergleiche nicht zu scheuen braucht. Das ist eine Ablehnung des Fortschritts in seiner Reinkultur. Das Ende ist hier wie ein neuer Anfang, eine neue Ordnung der Natur, der Welt und seinen Gesetzen, die es auch ohne den Menschen geben muss. Geyrhalter´s Film klammert den egozentrischen Zweibeiner aber nicht ganz aus – er bleibt Betrachter. Denn ohne Betrachtung existiert nicht mal dieser Film – oder doch?

Genug des Philosophierens, das übernimmt Homo sapiens ohnehin und entlässt seinen Betrachter in sachte Bewegtbilder des Vergänglichen. Irgendwo hüpft eine Kröte durchs Bild, und Tauben flattern ein und aus, zwischen all dem entsorgungsreifen Vermächtnis ohne Nutzen. Zu gerne hätte ich gewusst, wo Nikolaus Geyrhalter unterwegs war. Die einzelnen Orte sind unterteilt durch Blackouts, ohne zu verraten, wohin die nächste Reise geht. Ehrlich gestanden ist mir trotz aller Achtbarkeit für Geyrhalter´s Konzept die Enthaltung jeglicher Information zu wenig. In Michael Glawogger´s grandiosem Filmvermächtnis Untitled gibt es ähnliche Szenen, die allerdings mit Worten aus dem Off erst so richtig Sinn machen und eigene Gedanken zum Laufen bringen. Gerne hätte ich gewusst, wo die Welt ohne uns bereits existiert, wo kein Mensch mehr irgendetwas verloren zu haben scheint, wo sich das Leben neu erfinden muss. Geschichten hinter dem Ende, und wären es nur Textzeilen gewesen – schade um das sekundenlange Dunkel dazwischen.

Panorama-Tableaus aneinanderzureihen, wie Homo sapiens es macht, das langt für eine Multimedia-Installation für Kunstkammern der Moderne, dem 21er Haus oder für das Mumok in Wien. An die Wand projiziert und im Endlos-Loop. Großartig fotografiert und trotz seiner gerümpelhaften Statik unerwartet intensiv, ist das Doku-Essay fürs Kino nach meinen Begriffen viel zu enthaltsam und geizt mit Informationen, die dem interessiert selbstreflektierenden Betrachter allerdings zugestanden wären.

Homo Sapiens

Another Earth

BACKUP FÜRS LEBEN

7,5/10

 

anotherearth© 2011 20th Century Fox

 

LAND: USA 2011

REGIE: MIKE CAHILL

MIT BRIT MARLING, WILLIAM MAPOTHER, MATTHEW-LEE ERLBACH, MEGGAN LENNON U. A.

 

Schade, dass Mike Cahill seit 2014 keinen Film mehr gemacht hat. Dabei zählt der Bilderstürmer für mich seit I Origins – Im Auge des Ursprungs zu den führenden Philosophen des Kinos, visionär im Denken und mutig in der Ausführung ersonnener Gedankenspiele, die an die durchdachten Ideen eines Jaco van Dormael erinnern. Was war I Origins nicht für ein inspirierendes Erlebnis. Die ungestüme Schicksalssymphonie Another Earth war drei Jahre zuvor Cahill´s erster Langspielfilm, realisiert für wohlfeile 200 000 Dollar, und gemeinsam mit Lebensgefährtin Brit Marling, die sich in diesem anmutigen bizarren Hirngespinst einfügt wie Klimt´s Adele in die Ornamentik ihres Schöpfers.

Marling ist’s, die die junge Studentin Rhoda spielt, die einen Verkehrsunfall verursacht – weil am Himmel eine zweite Erde sichtbar ist. Mit Kontinenten und Meeren, das kann man vom Boden aus mit freiem Auge gut erkennen, vor allem nachts. Dass nicht nur Smartphones im Straßenverkehr meist schreckliche Konsequenzen nach sich ziehen – das erfährt die traumverlorene Blonde aus erster Hand. Frau und Kind des gerammten Fahrzeugs sind tot, der Vater überlebt. Weder Sie noch der trauernde Witwer bekommen ihr Leben von nun an wieder in den Griff. Niemandem würde es anders ergehen. Wenn das Schicksal mit eherner Faust zuschlägt, wünscht man sich, die Zeit zurückdrehen zu können. In Ermangelung dessen hilft nur noch Absolution. Rhoda macht den Witwer ausfindig, tarnt sich als Putzfrau und fängt an, ins Leben und in die Wohnung des völlig verwahrlosten Musikers wieder Ordnung reinzubringen. Die zweite Erde, die rückt derweil immer näher. Wenig später der erste Kontakt – und die Gewissheit, dass der Planet eine Spiegelung der eigentlichen Erde ist. Oder die eigentliche Erde eine Spiegelung des mobilen Trabanten. Eine Tatsache, die plötzlich möglich macht, was bislang unvorstellbar war.

Mike Cahill´s Vision von einer zweiten Chance, die sich allen physikalischen Gesetzen zum Trotz am Himmel manifestiert, ist ein assoziativ skizziertes Philosophikum, grobkörnig schraffiert, in einigen Momenten haarfein detailliert, dann wieder wie ein Found Footage-Video. Impulsiv gefilmt, aus dem Bauch heraus und spröde, nah an den Personen. Dann aus der Distanz und manchmal sogar in ikonografischer Apotheose. Ein Preludium für gequälte Seelen, die plötzlich auf das Backup ihres Lebens zurückgreifen können, gemäß der Hypothese paralleler Welten, die im Grunde genau so sind wie die unsere, die sich aber stetig und bis in die unendlichste Variation hin anders entwickeln als jene Realität, der wir inhärent sind. Was aber, wenn eines dieser Universen mit dem unsrigen überlappt? Was wäre dort anders als hier? Was besser? Und würden die Toten dort noch leben?

Another Earth ist wie ein abgehobener Traum, und vielleicht hat Mike Cahill tatsächlich einen solchen geträumt. Belegende Bilder dafür hat er zumindest geschaffen, und seine Überlegung führt zu einem Ende, das den Betrachter weiterdenken lässt als der Film andauert. Mit kreativen Leerräumen, um Unausgesprochenes für uns selbst zu artikulieren. Another Earth funktioniert nicht allein, dafür braucht es die Welt im Kopf seines Publikums. Solche Filme sind viel zu selten, um sie zu ignorieren. Das ist Kino, das weiterwill und nicht aufhören wird, Fragen zu stellen und neue aufzuwerfen.

Another Earth