The Square

SOS MITMENSCH

6/10

 

square© 2017 Alamodefilm

 

LAND: SCHWEDEN, DEUTSCHLAND, FRANKREICH, DÄNEMARK 2017

REGIE: RUBEN ÖSTLUND

CAST: CLAES BANG, ELISABETH MOSS, DOMINIC WEST, TERRY NOTARY U. A.

 

Vor einigen Jahren schuf der schwedische Filmkünstler Ruben Östlund mit dem satirischen Drama Höhere Gewalt eine messerscharfe Analyse menschlichen Verhaltens: Während eines Familienurlaubs in den französischen Alpen entgehen Mutter und Kinder nur knapp einem Lawinenabgang, während Papa in kopfloser Panik das Weite sucht und seine Liebsten im Stich lässt. Niemand kommt zu Schaden, aber dennoch: was sich danach abspielt, ist wert, zu beobachten. Vier Jahre später schreibt Östlund sein nächstes Werk – ein nicht weniger analytischer, in menschliche Verhaltensbiotope vordringender Zerrspiegel, der dem Homo sapiens auf eine Weise vorgehalten wird, die seltsam unwohl macht, manchmal lächerlich wirkt, und zeitweise verstört. The Square, mit der Goldenen Palme prämiert und für den Auslands-Oscar nominiert, ist ein Film, der mir ganz und gar nicht gefällt. Hinter dem aber ein Konzept steckt, das wiederum brillant ist.

Um nichts anders geht es hier, augenscheinlich betrachtet, als um einen Museumskurator, dem Smartphone und Geldbörse gestohlen wird. Der geht daraufhin zwecks Wiederbeschaffung seines getrackten Elektroteils in die Breitband-Offensive, die aber ungeahnte Wellen schlägt und den egozentrischen Schnösel und Vater zweier Kinder mit den Prinzipien seiner eigenen Lebensart konfrontiert. Umrahmt wird das Geschehen von einer Ausstellung, die den Altruismus zum Thema hat – und in scheinbaren Episoden, die ineinandergreifen, über das Kunstprojekt hinaus den normalen Bildungsbürger an sich zur Installation des Geplanten macht. Das ist sehr viel, was Östlund will, und sehr viel, was ihm anscheinend durch den Kopf geht. Und es spannt einen ziemlich deutlichen Bogen zu eingangs genanntem Werk, das sich im Grunde mit genau demselben Thema beschäftigt: Was ist nötig, um seine eigene Komfortzone zu verlassen und Zivilcourage zu zeigen? Wo liegt die Grenze, um uns selbstlos agieren zu lassen? The Square, also ein Geviert von 4×4 Metern, wird zu Beginn des Filmes unter den Klängen von Johan Sebastian Bach´s Ave Maria vor dem Museum für zeitgenössische Kunst ins Kopfsteinpflaster gesetzt. Ein Zufluchtsort soll es sein, für Respekt, Nächstenliebe und dem Anspruch, dass alle, die die neonbeleuchteten Grenzen der Installation überwinden, mit gleichen Rechten und Pflichten ausgestattet sind. Wie seltsam, dass es dafür eine Zone braucht. Wäre das nicht selbstverständlich, für den anderen da zu sein? Macht das nicht das Menschsein aus, Hilfe zu leisten, wenn Hilfe vonnöten ist? Natürlich, was für eine Frage. Doch sind wir wirklich bereit dazu? Begeben wir uns nicht selber in Not, wenn wir helfen würden?

Anderen Filmemachern möge die Gewichtigkeit solcher sozialphilosophischen Fragen in all ihrer Euphorie zu Kopf steigen und ihr Werk überfrachten. Östlund passiert das nicht. Seine Szenen sind scheinbar beiläufig, unexaltiert und fast schon so voyeuristisch wie eine Dokusoup. Ein Aufriss bei einem Clubbing, ein Interview über Kunst, Sex mit einer flüchtigen Bekannten – und ein Hilferuf auf offener Straße. Dieser Ruf nach Beistand, der zieht sich durch den ganzen zweieinhalbstündigen Film. Ebenso wie all die Obdachlosen am Straßenrand, in der Einkaufspassage. Oder im Geviert, das Schutz verspricht. Wo ein blondes, verwahrlostes Kleinkind auf Schutz und Hilfe hofft – und von unsichtbarer Hand in die Luft gesprengt wird. Das ist heftiger Tobak, ist aber ein Promotionfilm, der auf die kommende Ausstellung der Künstlerin Kalle Boman, die tatsächlich existiert und tatsächlich dieses Quadrat in der schwedischen Stadt Värnamo installiert hat, aufmerksam machen soll. Das erinnert natürlich an die Geschmacklosigkeiten, die seinerzeit Benetton an die Plakatwand gepappt hat. Das ist eine plumpe, aber effektive Methode der Werbung, die habe ich während meiner Ausbildung zum Grafiker selbst erprobt. Nichts erreicht mehr Response als die schlechte Nachricht, der Skandal, das Unethische. Das ist aber nur eine der narrativen Spitzen von The Square, und dabei will der Film eigentlich überhaupt nicht die moderne Kunst bloßstellen oder als heiße Luft demaskieren. Ganz im Gegenteil. Was hinter dem Konzept Boman´s steckt, ist durchdacht, klug und bewegt den Besucher zur Interaktion. Kunst, die muss längst nicht mehr handwerklich erstaunen. Kunst, die ist viel mehr nur noch eine abstrakte Idee oder ein Gedanke, der sich durch den Kontext alltäglicher Materialien manifestiert. Das hat schon der Franzose Marcel Duchamp gewusst, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Sanitärkeramiken zum Kunstwerk erhob. Der Dadaismus ist entstanden, die Idee, Kunst an sich zu hinterfragen. Nicht unbedingt gefällig und schön anzusehen, aber vom Konzept her fast schon genial.

Mit The Square verhält es sich genauso. Östlund´s dunkel-humorige Reise hinter die  verqueren Demarkationslinien menschlichen Handelns ist unbequeme Provokation. Wenn die Grenzen zwischen Tier und Mensch verschwimmen und ein Aktionskünstler in äffischem Verhalten die instinktiven Scheuklappen einer noblen Gesellschaft aktiviert, um die Grenze der Zivilcourage erst knapp vor einer gespielten Vergewaltigung auszuloten, ist eine der verstörendsten Szenen seit langem und erinnert an die Radikalität der Theaterstücke eines Elias Canetti oder Peter Turrini. Wie weit muss man gehen, um zur Intervention zu bewegen? Auch hier ruft die an den Haaren gezogene Dame um Hilfe, und alsbald auch das Gespenst des schlechten Gewissens bei Kurator Claes Beng, der seine eigene Feigheit mit dem Umgang anderer erkennt. Östlund ist ein Filmstratege, ein scharfer Analytiker, der die soziale Verkümmerung des gebildeten Establishments auf nachhaltig irritierende Weise verurteilt. Seine bizarren Szenen über den Verlust von Vertrauen und Respekt wagen soziale Umkehrungen, stellen experimentelle Aufgaben. Angenehm ist das Ganze nicht, Spaß macht es eigentlich auch keinen, und es fordert, auch wenn man gelegentlich lachen muss – doch warum eigentlich? Wie sehr bin ich bei Betrachten dieses Filmes selbst Teil dieser Ausstellung, dieses beklemmenden Manifests? Bin ich noch Affe, oder schon Mensch? Der Affe in uns, der hat auch hier seine metaphorische Rolle.

Selten gibt es Filme, die so eine psychosoziale Ohrfeige verpassen. Das tut weh, und es gefällt mir nicht, und dann frage ich mich: brauche ich das denn? Allerdings: muss The Square überhaupt gefallen? Sollte der Film nicht eher aufwühlen? Letzteres tut er, und das mit System. Und wir stellen fest: The Square kann überall sein. Egal, wo wir sind. Am liebsten jenseits unserer Komfortzone. Dort, wo wir uns genauso wenig wohlfühlen wie in diesem Film.

The Square

Alpha

ES WAR EINMAL… DER HUND

6/10

 

alpha© 2018 Sony Pictures Entertainment

 

LAND: USA 2018

REGIE: ALBERT HUGHES

CAST: KODI SMIT-MCPHEE, LÉONOR VARELA, NATASSIA MALTHE U. A.

 

Besucht man in Wien das Naturhistorische Museum am Maria Theresien-Platz, empfiehlt es sich, die erste Etage hochzugehen und die Besichtigung der prähistorischen Abteilung mal von links zu beginnen. Kurz vor dem Eingang in den Saal mit den Dinosaurier-Skeletten und dem beweglichem Allosaurus gibt es links in einem Seitengang das Modell einer steinzeitlichen Behausung im Originalformat. Blickt man dort hinein, so sieht man einen Screen, auf dem ein Nonstop-Filmchen über die Kreaturen des Pleistozäns im Endlos-Loop zu sehen ist. Genauso gut könnte dort der Abenteuerfilm Alpha laufen, nur wäre der Bildschirm im muffigen Inneren des mit Fellen und Schädelknochen ausgebauten Unterschlupfs für all die Bildgewalt, die Alpha bietet, entschieden zu klein. Da hätte ich lieber einen eigenen Kinosaal innerhalb des klassizistischen Gebäudes, für genau solche Filme, wie Albert Hughes jugendkonforme Antwort auf The Revenant einer ist.

Ein ähnlich intensives Erlebnis wie Jean Jacques Annaud´s Am Anfang war das Feuer zu erwarten, würde mit einer gewissen Enttäuschung einhergehen. Ebenso würde ich ohne Zweifel den österreichischen Ötzi-Thriller Der Mann aus dem Eis als um Mammutlängen authentischer einstufen, da dieser sogar versucht hat, den ohnehin wortkargen Film in einer möglichen Ur-Sprache erklingen zu lassen. Ohne Untertitel wohlgemerkt, um noch das letzte bisschen Bequemlichkeit zu nehmen, und außerdem erschließt sich die übersichtliche Handlung alleine schon durch das Agieren der archaisch bekleideten Opfer und Täter irgendwo in Südtirol ohnehin. Alpha hat weder Annaud´s erdig-urtümliche Atmosphäre, noch den Anspruch auf Authentizität wie Felix Randau´s unwirtliche Zeitreise. Aber: Alpha besticht durch landschaftliche Tableaus im Morgen- und Abendlicht, nach dem Regen und vor dem Sturm. Das Licht legt sich wie flüssiges Gold über das Grasland, rotviolettes Zwielicht taucht die Szenerie in ein mitunter leicht kitschiges, aber sattes und opulentes Damals eines Europas vor rund 20.000 Jahren, das sich geografisch nicht so genau festlegen will und daher alle möglichen Ökosysteme des alten Kontinents miteinander vereint – von scharfkantigen Schluchten bis hin zu ausladenden Gletschern und schroffen Gebirgen. Alpha ist wie ein Diorama, und auch solche Arrangements finden sich in den Naturkundemuseen dieser Welt. Es ist, als steige man in Albert Hughe´s Steinzeitabenteuer direkt in ein interaktives Museum. All das, was sich in den Sammlungen zur Frühgeschichte des Menschen so finden mag, haben wir hier fein säuberlich vereint. Die Sippschaften von damals sind adrett gekleidet, mit Knochen-, Federn- und sonstigem Behang. Minuten später ziehen Mammutherden im Abendlicht übers Feld. Prähistorische Schweine dürfen ebenfalls gejagt werden wie Herden des Ur-Rinds – hier wieder werden Erinnerungen an die Büffel-Szene von Der mit dem Wolf tanzt wach, in Alpha ist die Konfrontation der Speerjäger mit der ungebändigten Naturgewalt auf vier Hufen ein bereits schon sehr früh verbrauchtes Highlight. Aber das macht nichts, irgendwann kommt der Häuptlingssohn namens Keda auf den Hund. Um genauer zu sein kann von Hund Anfangs keine Rede sein. Womit er sich anlegt, das sind ein Rudel Wölfe, und das, nachdem der schlaksige Frischling vom eigenen Papa für tot erklärt wird. Wider Erwarten – also zumindest für den nichtsahnenden Papa – rafft sich Keda auf und macht sich auf den Heimweg, der sich natürlich endlos in die Länge zieht, da der Junge weder einen Plan noch sonst irgendwelche ausgereiften Kenntnisse besitzt, mit denen sich gezielt orientieren lässt. Soviel zu The Revenant, und ja, manchmal leidet, ächzt und stöhnt der australische Schauspieler Kodi Smit-McPhee genauso intensiv vor sich hin wie Leonardo DiCaprio. Nur Leo hatte sich keinen Wolf erjammert – Smit-McPhee schon. Und als beide dann irgendwo im Nirgendwo in einer Höhle kauern, der Mensch das verletzte Tier verarztend und gleichzeitig unterwerfend, sehen wir alle die Genesis des besten Freundes des Menschen aus einem vorsintflutlichen Licht, wie es um die Stunde Null für den Hund wohl gewesen sein mag, wie durch Zufall das Tier an seinem Herren den Eigennutzen erkennt und umgekehrt. Eine artenübergreifende Symbiose ist das, eine Kosten/Nutzenrechnung, die aufgeht – und eine bis heute andauernde Geschichte der unterschiedlichsten Rassen nach sich gezogen hat, vom Rehrattler bis zur Deutschen Dogge. Über so viel Science-Fiction würde die Wölfin Alpha nur ein ungläubig bellendes Lachen von sich geben.

Als Landschafts- und Naturfilm gewährt Alpha einen so tröstenden wie idealisierten Blick auf eine Erde, auf welcher der Mensch noch Teil der Nahrungskette war. Insofern verspricht Alpha Schauwerte im anspruchsvollen Kalenderstil aus dem Museumsshop, darüber eine recht berechenbare, simple Geschichte, die es allerdings gut meint und auch versucht, den Wolf so wenig zu animieren wie möglich, wobei ich mir hier manchmal nicht ganz sicher bin, wann Meister Isegrim aus Nullen und Einsen besteht und wann nicht. Alpha ist schönes Volkskino aus und über die Urzeit, so schön wie eine wohlgefällige Terra Mater-Doku und entsprechend überschaubar packend.

Alpha

Homo Sapiens

WAS WIND, WASSER UND LICHT ERZÄHLEN

5/10

 

Homo Sapiens© 2016 Geyrhalter Film

 

LAND: ÖSTERREICH 2016

REGIE: NIKOLAUS GEYRHALTER

DREHBUCH: NIKOLAUS GEYRHALTER

KAMERA: NIKOLAUS GEYRHALTER

 

Im Buch Die Welt ohne uns beschreibt Autor Alan Weisman sachlich und mit sehr viel Vorstellungskraft, was wohl wäre, wenn Homo sapiens von einem Moment auf den anderen verschwinden würde. Wie lange würden die Relikte unserer Zivilisation noch sichtbar bleiben? Was wird nur sehr langsam verschwinden, was gar nicht? Diese Lektüre hat etwas Befreiendes, tröstendes, zumindest für unsere geknechtete Mutter Erde, wenn sie lesen könnte. Ist aber auch beklemmend genug, wenn es darum geht, was mit all den Atommüll-Endlagern letzten Endes passiert. Oder wer als letzter das Licht in den AKWS abschaltet. Dabei kommt die Geißel des Plastikmülls als langanhaltender Atem tatsächlich zu guter Letzt. Die Erde, die muss sich angesichts dessen beeilen, wenn sie nicht mehr an den Menschen erinnert werden will. Ob sich das noch ausgeht, bis die Sonne zum roten Riesen mutiert, bleibt dahingestellt. Der Mensch ist eben ein so nachhaltiges wie nachlässiges Wesen. Was morgen ist, kommt nach der Sintflut – oder so ähnlich.

Dieses Morgen hat sich Dokumentarfilmer Nikolaus Geyrhalter mal so richtig zur Brust genommen – und Orte aufgesucht, die der Mensch bereits hinter sich gelassen hat. Die Welt ohne uns nach Alan Weisman existiert in entropischen Enklaven bereits jetzt schon. Das themenverwandte Werk Homo sapiens ist darüber hinaus ein Film, der die Grenzen des gewählten Mediums auslotet – und dennoch ein Film bleiben muss. Geyrhalter´s Meditation auf den Verfall ist wohl einer von ganz wenigen Werken, die gänzlich ohne Sprache auskommen. Filme ohne Menschen, das ist keine Seltenheit. Ohne Verbalisieren irgendeines Zustandes oder eines Bedürfnisses – das ist schon gewagt, von einem fehlenden Score mal ganz zu schweigen. Das würde ja schließlich den Menschen wieder ins Spiel bringen. Und um den Menschen einmal ganz wegzudenken, braucht es  – gar nichts. Nur einen einzigen Blick auf das Ganze, auf den Untergang, auf die Rückeroberung der Elemente. Was zu hören ist, und zwar in fabelhaftem Sound, ist der Wind und das Wasser, die mit Staubpartikel reflektierendem Licht Fragmente des Erfassten bewegen, stören, sukzessive verändern. So radikal wie Homo sapiens ist selten ein Film, das ist eine Konsequenz, die Vergleiche nicht zu scheuen braucht. Das ist eine Ablehnung des Fortschritts in seiner Reinkultur. Das Ende ist hier wie ein neuer Anfang, eine neue Ordnung der Natur, der Welt und seinen Gesetzen, die es auch ohne den Menschen geben muss. Geyrhalter´s Film klammert den egozentrischen Zweibeiner aber nicht ganz aus – er bleibt Betrachter. Denn ohne Betrachtung existiert nicht mal dieser Film – oder doch?

Genug des Philosophierens, das übernimmt Homo sapiens ohnehin und entlässt seinen Betrachter in sachte Bewegtbilder des Vergänglichen. Irgendwo hüpft eine Kröte durchs Bild, und Tauben flattern ein und aus, zwischen all dem entsorgungsreifen Vermächtnis ohne Nutzen. Zu gerne hätte ich gewusst, wo Nikolaus Geyrhalter unterwegs war. Die einzelnen Orte sind unterteilt durch Blackouts, ohne zu verraten, wohin die nächste Reise geht. Ehrlich gestanden ist mir trotz aller Achtbarkeit für Geyrhalter´s Konzept die Enthaltung jeglicher Information zu wenig. In Michael Glawogger´s grandiosem Filmvermächtnis Untitled gibt es ähnliche Szenen, die allerdings mit Worten aus dem Off erst so richtig Sinn machen und eigene Gedanken zum Laufen bringen. Gerne hätte ich gewusst, wo die Welt ohne uns bereits existiert, wo kein Mensch mehr irgendetwas verloren zu haben scheint, wo sich das Leben neu erfinden muss. Geschichten hinter dem Ende, und wären es nur Textzeilen gewesen – schade um das sekundenlange Dunkel dazwischen.

Panorama-Tableaus aneinanderzureihen, wie Homo sapiens es macht, das langt für eine Multimedia-Installation für Kunstkammern der Moderne, dem 21er Haus oder für das Mumok in Wien. An die Wand projiziert und im Endlos-Loop. Großartig fotografiert und trotz seiner gerümpelhaften Statik unerwartet intensiv, ist das Doku-Essay fürs Kino nach meinen Begriffen viel zu enthaltsam und geizt mit Informationen, die dem interessiert selbstreflektierenden Betrachter allerdings zugestanden wären.

Homo Sapiens

Blade Runner 2049

DIE TOTALE ERINNERUNG

6/10

 

bladerunner2049© 2017 Sony Pictures / Quelle: filmstarts.de

 

LAND: USA 2017

REGIE: DENIS VILLENEUVE

MIT RYAN GOSLING, HARRISON FORD, AMY DE ARMAS, ROBIN WRIGHT U. A.

 

Nun, was haben wir denn heute Schönes geträumt? Auch wenn ich mich noch so bemühe, ich kann mich nicht erinnern. Elektrische Schafe waren es keine. Das muss etwas anderes gewesen sein. Doch was? Denken Roboter eigentlich über ihre Träume nach, die aus ihren Erinnerungen erwachsen? Erinnerungen, die als Erfahrung beständig bleiben und dem Denken und Handeln vorausgesetzt sind? Nur die Emotion hinter einer Erinnerung garantiert Wahrhaftigkeit. Eine Einsicht, die im düsteren Erdenjahr 2049 für wohlgeordnete Erkenntnisse sorgen soll. Erkenntnisse über das eigene Ich. Über die Existenz einer Seele. Und über den Wert der Persönlichkeit.

In der nebelverhangenen Finsternis von 2049 sucht ein einsamer Anti-Held, ein Blade Runner namens „K“, nach solchen Wahrheiten. Und er wird beileibe nicht alle, aber so manche Geheimnisse lüften. Vor allem mithilfe der Erinnerung. Ein Thema, welchem sich der Frankokanadier Denis Villeneuve bereits in seinem Meisterwerk Arrival angenommen hat. In diesem philosophischen und wohl einem der besten Science-Fiction Filme der letzten Jahre spielt Zeit und Erinnerung eine ganz andere Rolle. Das Gestern und Morgen ist nicht mehr linear in eine Richtung gerichtet. Und so können Erinnerungen auch jene an eine mögliche Zukunft sein. Dank der genialen Vorlage von Autor Ted Chiang war und ist Arrival eine Bereicherung im Kosmos der anspruchsvollen Filme mit Hang zum Fabulieren und des Um-die-Ecke-Denkens.

Um die Ecke denken auf Kosten der Erinnerung wollte Denis Villeneuve auch bei der heiß ersehnten und von Fans lange erwarteten Fortsetzung von Blade Runner. Einem wegweisenden, visionären Klassiker nach dem Buch von Philip K. Dick aus dem Jahr 1982, wohl Ridley Scotts anspruchsvollster Film und längst Kult. Über den Inhalt und die Bedeutung des Originals brauche ich hier nicht mehr viele Worte verlieren. In der Zukunft einer überbevölkerten Erde und expandierenden Menschheit ist die Unberechenbarkeit der Androiden Marke Nexus 6 eine Bedrohung für den Weltfrieden. Dabei ist die Unberechenbarkeit in einem Menschen biologischen Ursprungs sogar viel stärker inhärent als bei einer künstlichen Intelligenz. Und während Batty alias Rutger Hauer über das Leben philosophiert, kann Rick Deckard nur wortlos zuhören. Also wen gilt es jetzt zu jagen? Mensch oder Maschine? Gejagt werden jene mit falscher Erinnerung. Die echten, totalen Erinnerungen; Gefühle, abstraktes Denken und das Vermögen, fiktive Szenarien zu imaginieren, garantieren die Unversehrtheit. Möchte man anfangs meinen. Im schwermütigen Sequel der urbanen Science Fiction kann man aber eines Besseren belehrt werden.

Generell – die Fortsetzung eines Kultfilms ist immer eine haarige Sache. Ein künstlerisch hochwertiges Heiligtum anzurühren ist fast so, als würde man die Rückenansicht von Mona Lisa malen wollen. Oder ihr Profil. Dabei stellt sich die Frage: stimmt man in den stilistischen Kanon der Vorlage mit ein – oder löst man sich davon los? Fans will man nicht verkraulen, man will aber auch nicht kopieren und das selbe Musikstück noch einmal neu auflegen. Das Problem hatte bereits Ridley Scott bei Alien: Covenant. Und ja, auch J.J. Abrams bei Star Wars: Das Erwachen der Macht. Villeneuve, kein Anhänger von Sequels, hat versucht, die Geschichte an sich weiterzuerzählen. Und ja, auch den stilistischen wie akustischen Parametern von Blade Runner zu folgen. Also alle Fliegen mit einer Klappe. Sowas gelingt meist nur bedingt. Da muss man schon großer Fan sein, um darüber hinwegsehen zu können, dass die Anpassung an das Original einfach zu gewollt ist. Und die inhaltliche Entfernung davon ebenso. Mit nichts zufrieden zu sein ist aber auch keine Lösung. Also gestehe ich Blade Runner 2049 zu, dass die monströse Zukunftsoper zumindest, was den Plot angeht, halbwegs neue Einsichten liefert und die Geschichte rund um Mensch und Replikant bereichert. Wer aber die Neuauflage der SciFi-Serie Battlestar Galactica kennt, wird von alldem, was in Blade Runner 2049 passiert, nicht mehr überrascht sein. Die 5staffelige Serie mit Origami-Künstler Edward James Olmos in der Hauptrolle hat sich mit der Frage nach der Gleichheit von Android und Mensch bereits intensivst auseinandergesetzt und Dick´s Ideen konsequent weitergeführt. Villeneuve tut nichts anderes. Zumindest nichts Neues. Aber dennoch – Gewichtigkeit hat seine erzählerische Erkenntnissuche trotzdem.

Zu erkennen ist in der düsteren, vergifteten Atmosphäre einer zerrütteten Welt aber nur wenig. Dieses diffuse, flächendeckend bebaute und beackerte, technologisierte Nordamerika dominiert über ausgewalzte zweieinhalb Stunden lang in teils atemberaubenden, gigantomanischen Kulissen, Bauwerken und Bildern das kunstbeflissene Machwerk. Kameramann Roger Deakins leistet Meisterliches. Wenn man so will, kann man den Bilderstürmer, der auch für Filme wie Skyfall, Prisoners und Sicario verantwortlich zeichnet, mit Villeneuve als Regisseur auf eine Stufe setzen. Was Blade Runner anno 82 schon visuell fabelhaft gemeistert hat, wird aber in 2049 über die Maße aufgeblasen. Da reicht es nicht, mit beeindruckenden Kamerafahrten durch düstere Häuserschluchten zu gleiten und damit Akzente zu setzen. Die Akzente werden zum Grundtonus und ziehen sich nicht ganz mühelos durch den Film. Langsam, schleppend, wie eine getragene Wagner-Oper. Riesige Statuen, Schiffswracks und immobile Bauwerke ragen aus dem staubbeladenen Dunst. Die Welt, eine Reise in die Tiefsee, als wäre man weit unter dem Meer. Damals hat Vangelis dazu einen akzentuierten Soundtrack geliefert. Hans Zimmer hat den Stil nun beibehalten, überlagert den Film aber zu oft mit sphärischen Klängen und Donnerschlägen aus dem Synthesizer, welche die unheilvolle, getragene Szenerie fast schon prätentiös wirken lassen. Prätentiös ist auch Jared Leto als Leander Wallace. Seine Szenen im fahlen Licht im Inneren der ehemaligen Tyrell-Pyramide tragen den Charakter einer Burgtheater-Inszenierung. Mit einer Brise unfreiwilliger Komik, die er sich mit Harrison Ford teilt. Der alternde Star findet sich in dem Film zwar irgendwie zurecht, wirkt aber etwas bemüht.

War es ein Fehler, vorher nochmal das Original zu genießen? Oder hätte ich das vermeiden sollen? Hätte mir Blade Runner 2049 dann besser gefallen? Ich hätte zwar vielleicht nicht alle Details verstanden, aber vielleicht wäre mir die ambitionierte Nachahmung all der Qualitäten von Blade Runner nicht so sehr aufgefallen. Villeneuve, der von sich sagt, er versuche sein Ego außen vor zu lassen, begibt sich erst recht auf einen Egotrip, der sich, je weiter der Film voranschreitet, immer mehr verlangsamt. Schleppend und träge zieht sich die Handlung dahin, durchsetzt mit Bedeutungsschwere, die plakativ bleibt und die ansonsten fein nuancierte Geschichte selten unterstützt. Und nach der sitzfleischfordernden Zeit im Dunklen festigt sich die Erkenntnis, dass Kultfilme selten gelungen fortgesetzt werden können. Wenn, dann unmittelbar danach. Aber nicht 30 Jahre später. Notwendig wäre das stilistisch perfekte Blade Runner 2049 nicht gewesen, aber welche Fortsetzung ist das wirklich? Bleibt zu hoffen, dass von Blade Runner 2079 die Finger gelassen werden. Sonst haben wir womöglich ein neues Matrix Revolutions.

Blade Runner 2049

Ghost in the Shell

MEHR ALS DIE SUMME IHRER TEILE

* * * * * * * * * *

ghostshell

Bevor Unkenrufe aus der Leserschaft ertönen, eine Entschuldigung gleich vorweg: Nein, ich kenne nicht das ursprüngliche Manga von Masamune Shirow aus dem Jahre 1989, auch nicht dessen Fortsetzungen und schon gar nicht die Anime Fernseh- und Kinofilme. Sagen wir so: ich bin, was Manga betrifft, ziemlich grün hinter den Ohren. Daher kann ich Rupert Sander´s Verfilmung des Science Fiction-Klassikers als eigenständiges Werk so ziemlich unbeeinflusst beurteilen. Der Game of Thrones-Effekt (Buch versus filmische Vorlage und folglich die temporäre Verweigerung der letzteren), wie ich sagen würde, ist also nicht eingetreten. Stattdessen aber ein erfüllendes Gefühl der Zufriedenheit – Ghost in the Shell ist ein abenteuerlicher, bildgewaltiger Cyborg-Thriller geworden, der zielsicher in die Fußstapfen von Philip K. Dicks Werken Total Recall, Minority Report oder gar Blade Runner tritt, und damit meine ich in erster Linie die literarischen Vorlagen der gleichnamigen Filme.

Ziemlich offensichtlich, dass Masamune Shirow ein Kenner des 1982 verstorbenen Kultautors gewesen sein muss. Seine phantastisch-kritischen Philosophien rund um Erinnerung, Identität und Technologie, die vorwiegend in den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrtausends entstanden sind, liefern nach wie vor jede Menge Stoff für spannende Neuinterpretationen im Genre des futuristischen Films. Vom Manga-Comic Ghost in the Shell aber wiederum ließen sich sogar spätere Blockbuster wie Matrix inspirieren. Nichts ist also wirklich neu, nur anders aufbereitet. Manchmal mehr, manchmal weniger bemüht. Dieser dystopische, urbane Krimi allerdings weiß, wo seine Stärken liegen – und spielt sie aus. Wenn im von sphärisch-futuristischen Klängen unterlegten Intro ein synthetischer Körper aus der Taufe gehoben wird, kann man sich schon mal wohlwollend zurücklehnen. Die Bildsprache des Filmes orientiert sich stark an diverse andere Manga-Verfilmungen aus dem ostasiatischen Raum. Das wirre, aber beeindruckende Epos Casshern kommt mir da in den Sinn – ein Geheimtipp für Liebhaber ungewöhnlicher cineastischer Sichtweisen, aber auch für jene mit ausreichend Sitzfleisch und Spaß an zugedröhnten Phantastereien. Sanders weiß also, wie er Fans der Vorlage mitnehmen kann. Soweit bekannt, dürften selbst einige Stills und Settings den Panels aus dem Manga ziemlich genau nachempfunden sein. Die Illustration ist also geglückt – der multikulturelle Moloch einer düsteren Millionenstadt; der Expressionismus in Licht und Schatten, die Virtuosität der Kamera. Langweilig wird einem beim Zusehen mit Sicherheit nicht.

Die toughe Scarlett Johansson mit dunklem Kurzhaarschnitt legt ihre unter Erwartungsdruck leidende Rolle ganz anders an als ihre Black Widow aus den Marvel-Filmen. Ihre Motoko Kusanagi, auch genannt Major, ist eine ruhelose Zweiflerin ohne rechte Vergangenheit. Eine verwirrte, manipulierte Kämpferin von ungelenker Natur, weder tot noch richtig lebendig, rundum künstlich erschaffen, mit isolierter Seele und verschüttetem Ich – Essenzen, die das Menschsein erst ausmachen. Und um dieses Menschsein, um das Mehr als die Summe seiner Teile, um den göttlichen Funken und um den Wert von Erinnerungen – davon handelt Saunders hochtechnologisches Schreckgespenst, verfolgt von der Geissel einer totaler Vernetzung und der Sucht nach physischer Perfektion. Das alles tischt Ghost in the Shell zwar nur in Ansätzen auf, diese sind aber vielversprechend und auf einen Nenner gebracht. Johansson´s Zitat aus dem Off am Ende des Filmes vertritt klar eine philosophische Ansicht: dass das richtige Handeln die Vergangenheit entbehrlich macht, sei diese nun erfunden oder wahrhaftig. In diesem Punkt widerspricht sich der filmische Diskurs, oder, besser gesagt, belehrt sich sogar eines Besseren. Denn erst das Bewusstsein, wie, wo und wer man bislang gewesen ist, schafft die Basis, um überhaupt autark zu handeln. Ohne Erfahrung aus dem Vergangenen bleibt das Nichts. Eine leere Hülle, ein Mensch ohne Eigenschaften, auf jede Weise benutzbar. Diese Erkenntnis lernt Motoko zu verstehen, sonst wäre die Suche nach ihrem Woher nicht von Bedeutung. Oder sollte man besser fragen: Was war zuerst da? Die Gegenwart oder die Vergangenheit? Aus dieser Sicht würde Motokos Aussage wieder nachvollziehbar werden.

Ghost in the Shell hat jede Menge interessante Themen zu bieten, eingebettet in furiose Shootouts. Kultstar Takeshi Kitano als Boss der Spezialeinheit, welcher Motoko untersteht, darf mit exzentrischer Frisur, Originalsprache und cooler Killerattitüde wieder an seine ultrabrutalen Reißer aus den 90ern erinnern. Und Juliette Binoche verleiht dem Ensemble auch schauspielerisch eine zusätzliche europäische Note. Ghost in the Shell ist ein spannendes Suchspiel nach Identität, Moral und echtem Leben. Ein geschickt konstruierter Thriller, heruntergebrochen auf eine ausgewogene, kreative Mischung düsterer Gedanken an die Zukunft und stylisher Cyber-Stunts. Erwachsene Science- und Social Fiction mit Liebe zum Detail, bizarrer Figuren und enorm eleganter Optik – nah am Manga, und doch ganz anders. Fürs Kino eben.

Save

Ghost in the Shell