Hedda (2025)

IT’S MY PARTY AND I CRY IF I WANT TO

7,5/10


© 2025 Amazon


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: NIA DACOSTA

DREHBUCH: NIA DACOSTA, NACH DEM BÜHNENSTÜCK VON HENRIK IBSEN

KAMERA: SEAN BOBBITT

CAST: TESSA THOMPSON, NINA HOSS, IMOGEN POOTS, TOM BATEMAN, MIRREN MACK, NICHOLAS PINNOCK, SAFFRON HOCKING, MARK OOSTERVEEN, FINBAR LYNCH, KATHRYN HUNTER U. A.

LÄNGE: 1 STD 7 MIN



Ich beginne meine Reviews des Öfteren spontan und assoziativ. Bei Hedda fiel mir natürlich als erstes jener angestaubte Stammtischwitz ein, den schon die Spitzbuben zum Besten gegeben hatten. „Kennen Sie Ibsen?“ – „Leider nein. Ich kenn nur Schnapsen“

Den großen skandinavischen Dichter mit einem weiteren eher möglichen, aber unbekannten Tischkartenspiel zu verwechseln, mag letztlich ein Armutszeugnis sein, was das Allgemeinwissen betrifft, kommt doch die Literatur einfach nicht ohne diesen Herren aus, der das nordische Drama so wie August Strindberg wie kaum ein anderer geprägt hat. Einige seiner Stücke tragen recht sperrige Namen, zum Beispiel John Gabriel Borkman. Wie angenehm unwerblich – so ein Name holt niemanden vom Sofa oder lockt die Massen an. Gut so. Kunst muss nicht gefallen und sich schon gar nicht den Marketingtrends unterwerfen. Ein weiteres Stück Ibsens nennt sich Nora oder ein Puppenheim: Feminismus, Selbstwert, Kritik an der Ehe und dem Patriarchat – Ibsens wohl bekanntestes Werk. Und dann noch Hedda Gabler. Hedda ist da zugegeben schon schmissiger, und dennoch ist es wieder der Name einer völlig Unbekannten, die man aber, wenn man Ibsen und vielleicht schon Nora kennt, gerne kennenlernen würde, verbirgt sich doch dahinter meist ein Schicksal, das weite Kreise in der Gesellschaft zieht. Mit dieser hatte Ibsen stets ein Hühnchen zu rupfen. Mit dieser und den Erwartungen, den Normen und Regeln, die genau vorgaben, wer wann wo und wie jene Bedeutung erlangt, die von den anderen akzeptiert wird.

Ringen um Reputation

Frauen sind zu diesem  Zeitpunkt – wir schreiben das ausgehende Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts – zumeist hinter dem aristokratischen Göttergatten positioniert, deren Strahlkraft davon abhängt, welche Reputation er genießt. Hat man als Frau so einen Mann geheiratet, ist Selbstverwirklichung zwar kein Thema mehr, die freie Hand zum Lenken so mancher Geschicke aber bleibt – damit der Gatte sein Ansehen noch verbessern, damit er höher steigen kann, und damit auch die Frau dahinter. Klar kommt da Langeweile auf, und was tut man, wenn einem der Müßiggang in schönen Kleidern zusetzt? Man feiert Partys. Eine solche kommt gerade recht, als Heddas Ehemann George Tesman (Tom Bateman) die Chance erhält, eine löblich bezahlte Professur zu ergattern, die beiden das schmucke Eigenheim bezahlen könnte, für das sie sich verschuldet haben. Schließlich ist das etwas, wovon keiner wissen darf, denn nach außen hin hält die Fassade des Reichtums und des Einflusses, obwohl von beidem gar nichts mehr da zu sein scheint.

Wie es das Schicksal aber will, ist George nicht der einzige, der diesen Posten in Aussicht hat. Es bewirbt sich auch noch die resolute und selbstbewusste, weitaus intelligentere und scharfsinnige Eileen um diese Stelle. Was Hedda dazu veranlasst, ihr Spinnennetz an Lügen und Manipulation so sehr zu verdichten, dass keiner mehr hindurchkommt. Was folgt, ist ein Abend der geschickten, scharfen Zungen, die Leidenschaft, Wahrheit und Emotionen zur falschen Zeit am falschen Ort auf die Probe stellen.

Frischzellenkur für einen Klassiker

Ibsens Stücke sind eine Herausforderung, weil es darin selten um große klare Umwälzungen geht, sondern das Drama unscheinbare Fallhöhen schafft, die man erst nur am Ende als solche erkennt. Plakative Wendungen gibt es keine, sondern nur welche zwischen den Zeilen, die da gesprochen und von Nia DaCosta, die eben erst im Kino mit ihrem Zombie-Sequel 28 Years Later: The Bone Temple die Verantwortung von Danny Boyle für ein wirkungsvolles Franchise übertragen bekam, so punktgenau entrümpelt und in Form gebracht werden.

Was die neue Hedda von Henrik Ibsens Original unterscheidet, sind die Rollen, sind die verbogenen Beziehungen und gesellschaftlichen Problemzonen, die sich in den gegenwärtigen Zeitgeist integrieren. Homosexualität, Rassismus, Feminismus – obwohl letzteres von Ibsen schon vorweggenommen, hat DaCosta ihre Stück-Adaption dermaßen aufgefrischt, dass zwar immer noch Ibsens tragischer, dunkler Stil erhalten bleibt, sich das Setting aber fast schon in einer zeitlosen, chronologisch schwer deutbaren und sprachlich äußerst eloquenten Modernisierung verorten lässt. So sollte, so muss Theater für die Leinwand adaptiert werden, vor allem klassische Dramen wie dieses. Gelungen ist dabei auch die Besetzung von Tessa Thompson in einer äußerst schwierigen Rolle, die sich, wie viele Rollen in Ibsens Stücken, nicht gerade trivialen Gefühlszuständen hingibt. Was also bleibt hinter der Fassade der Reichen und Schönen verborgen, was darf ausbrechen und vor allem wann?

Alles dreht sich schwindelerregend um die zurecht für diese Rolle Golden-Globe-nominierte Hauptdarstellerin, die dieser undurchschaubaren Charakterstudie atemberaubendes Charisma verleiht und in Nina Hoss einem Konterpart begegnet, der zwischen brüchiger und intakter Fassade gefahrvoll switcht. Hedda entwickelt sich als edel gefilmtes, üppiges Psychospiel und schenkt ihrer Kämpferin deutlich mehr Chancen als Ibsen ihr jemals zugestanden hätte.

Hedda (2025)

Happyend (2024)

NUR ZU EURER SICHERHEIT

5/10


Happyend© 2024 Viennale


LAND / JAHR: JAPAN, USA 2024

REGIE / DREHBUCH: NEO SORA

CAST: YUKITO HIDAKA, HAYATO KURIHARA, YUTA HAYASHI, SHINA PENG, ARAZI, KILALA INORI, PUSHIM, AYUMU NAKAJIMA, MAKIKO WATANABE, SHIRŌ SANO, MASARU YAHAGI U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN


Die nahe Zukunft lässt sich in Japan kaum von der Gegenwart unterscheiden. Es sind nur einige technische Gimmicks, die anders sind. Die Politik der Minderheiten scheint rigoroser und intoleranter, die Überwachung deutlich stärker. Doch was weiß ich denn so genau über Japan. Ich war noch nie dort, und müsste daher im Bekanntenkreis recherchieren, wie sehr der Inselstaat in seiner eigenen Zukunft bereits angekommen ist oder diese gar überholt hat. Die Mentalität Japans lässt sich des öfteren anhand strenger gesellschaftlicher Konzepte betrachten, in diesem Fall am Konzept der Schule und des Schulwesens. Doch anders als im Film Monster von Hirokazu Koreeda, der letztes Jahr auf der Viennale lief, handelt Happyend von Newcomer Neo Sora nicht von Schuld, Wiedergutmachung und Reputation, sondern schwimmt, diffus im Hintergrund, im Themenpool einer Sicherheitspolitik, die völlig berechtigt und aus panischer Angst vor den Kräften der Natur die Erdbebenprävention auf die Spitze getrieben hat. Doch nicht nur höhere Mächte geben den politischen Mächten die Legitimation, mit den Bürgern so umzuspringen, wie sie es gerne hätten, indem sie diese in ein Regelkorsett stecken, das keinerlei verhaltenstechnische Freiheiten mehr erlaubt. Ordnung ist im Japan der nahen Zukunft das halbe Leben, und so wird der schulische Schabernack einer fünfköpfigen Clique, die, kurz vor ihrer Volljährigkeit und dem Start ins autonome Leben, dazu verwendet, ein Überwachungssystem zu installieren, das an Big Brother erinnert und die Individuen dauerscannt, um sie bei welchem kleinen Vergehen auch immer einem Punktesystem zu unterwerfen. Ab zehn Schlechtpunkten werden die Eltern einbestellt. Man kann sich vorstellen, was passiert, wenn sich der Wert verdoppelt. Dieses Werten erinnert mich an das Ordnungssystem in Hogwarts aus Rowlings Harry Potter-Romanen. Allerdings konnte man dort zumindest Pluspunkte sammeln, während im futuristischen Japan nur der Ungehorsam beachtet wird. Diesem System will sich die Gruppe aber nicht aussetzen, doch dagegen etwas zu unternehmen, würde nur gelingen, wenn alle an einem Strang ziehen. Was sie nicht tun. Schließlich hat jeder und jede der fünf andere Prioritäten, die es zu verfolgen gilt. Und andere Ziele für die Zeit nach dem Abschluss.

Neo Sora macht aus seiner angekündigten Social-Fiction-Dramödie ein gemächliches Coming Of Age-Drama im Highschool-Milieu, die Freundschaft von Kou, Yuta, Ata-chan, Ming und Tomu stehen im Mittelpunkt. Alle fünf sind grundverschieden, und dennoch stets gemeinsam unterwegs. Da im grunde nur Kou das Ideal einer gesellschaftlichen Revolution verfolgt, und Ata-chan nur allerhand Schabernack im Sinn hat, wie zum Beispiel die Nobelkarosse des Schuldirektors hochkant aufs Heck zu stellen (wie er das gemacht hat, wird nie erklärt), hat Happyend niemals die Priorität, das Problem der totalen Kontrolle mit expliziter Strenge anzupacken. Was hätte man aus dieser Vision nicht alles machen können, wie radikal hätten andere Filmemacher hier wohl gefuhrwerkt – andererseits: dass selbst Happyend in einigen Kreisen Japans laut Sora auf Empörung stieß, sagt vieles darüber aus, wie weit man in diesem Land gehen kann, um Missstände aufzuzeigen oder drohendes Unheil wie den Teufel an die Wand zu malen, ohne die Subvention zu verlieren. Ryusuke Hamaguchi versteckt seine Gesellschaftskritik lieber in Metaphern, Neo Sora versteckt sie hinter der dahinplätschernden Komödie über junge Menschen, die ihre Gemeinschaft auf dem Spiel stehen sehen. Die totalitäre Kontrolle mag da ein unangenehmer Faktor im Hintergrund sein, doch die Auseinandersetzung damit bleibt zu halbherzig und versöhnlich, um mit diesem Film wirklich etwas bewegen zu können.

Happyend (2024)

Wir könnten genauso gut tot sein (2022)

DAS SYSTEM HAT PANIK

4/10


wirkoenntengenausoguttotsein© 2022 eksystent filmverleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, RUMÄNIEN 2022

REGIE: NATALIA SINELNIKOVA

DREHBUCH: NATALIA SINELNIKOVA, VIKTOR GALLANDI

CAST: IOANA IACOB, POLA GEIGER, SIIR ELOGLU, JÖRG SCHÜTTAUF, MINA SAGDIÇ, JASMIN KRAZE, MORITZ JAHN, SUSANNE WUEST, KNUT BERGER, FELIX JORDAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


Die Begeisterung kann ich nicht teilen. Denn jener Film, der sich darum bemüht, die Eigendynamik gesellschaftlicher, isolierter Biotope zu sezieren, bewegt sich insofern deutlich von der Materie weg, da er sein Ensemble auf bühnenhafte Weise, und so, als wäre das alles eine zeitgenössische Theateraufführung voller abstrahierter Menschenformen, darzustellen gedenkt. Wir könnten genauso gut tot sein von Natalia Silnenikowa hat allerlei Ambitionen und will erkennen, wie leicht sich etablierte Ordnungen verzerren lassen, wenn nur kleinste Details aus der konformen Zone tanzen. Am Ende führt die Studie menschlichen Verhaltens sehr wohl zu einer Conclusio, die aber wenige Erkenntnisse bringt – vor allem nicht solche, die die Wahrnehmung der Gesellschaft im Rahmen der Covid-Pandemie ohnehin schon definiert hat. Als Pandemie-Film lässt sich Wir könnten genauso gut tot sein dann tatsächlich auch betrachten, sogar der Titel passt perfekt zu den Überlegungen, die wir alle hatten, als wir hinter Schloss und Riegel verbringen mussten, um nicht uns selbst oder andere zu gefährden. Diese eigentümliche Welt, die Silnenikowa da errichtet, ist wie die letzte Bastion des harmonischen Friedens inmitten eines womöglich völlig aus den Fugen geratenen urbanen Systems. Aus einer vielleicht postapokalyptischen Landschaft ragt der Wohnturm einer obskuren Anlage, in welcher Hausparteien in völliger Isolation ihrem Tagesgeschäft nachgehen, ohne auch nur irgendwie ihre Brötchen zu verdienen.

Eine Bewohnerin tut sich dabei deutlich hervor. Es ist die Rumänin Anna, die mit ihrer Tochter bereits sechs Jahre lang das Privileg genießt, Teil dieser seltsamen Gemeinschaft zu sein, in der Achtsamkeit, Nachhaltigkeit und gepflegte soziale Harmonie die Dogmen sind, nach denen gelebt werden soll. Als Sicherheitsbeauftragte hat sie alle Hände voll zu tun und wird erst so richtig in ihrer Mission gefordert, nachdem der Hund des Hausmeisters verschwindet. Töchterchen Iris nimmt diesen Vorfall auf sich, sie meint, den bösen Blick zu haben, und das in Erfüllung geht, was sie anderen wünscht. Aus diesem Grund, und um keine Gefahr für andere zu sein, sperrt sie sich ins Badezimmer. Mit diesem Pensum an Aberglauben und einer Verwechslung, die ungeahnte Konsequenzen nach sich zieht, gerät die Community ins Wanken, die Ordnung bröckelt, schnell werden manche zur Persona non grata. Und der Hund ist immer noch weg.

Von Anfang an lässt einen das Gefühl ohnehin nicht los, dass hier manches faul ist. Und dass eine Welt wie diese, die auf begrenztem Raum das Ideal des Kommunismus praktiziert, einfach und auf längere Sicht nicht funktionieren kann. Denn Kommunismus birgt horrende Intoleranz, Fehltritte werden drakonisch bestraft, und mögen sie auch noch so klein sein. Dass ein Leben unter diesen Umständen so heiß begehrt ist, mag eine nicht ganz nachvollziehbare Prämisse sein. Aufbauend auf diesem Unbehagen entwickelt das teils unübersichtliche, flüchtig skizzierte Figurenensemble weltfremdes formelhaftes Verhalten, mit Vernunft lässt sich diesen Leuten nicht mehr begegnen und am meisten provoziert der engstirnige Teenager Iris (Pola Geiger), der sich in verbohrter Sturheit seinem magischen Denken hingibt. Provokation wäre ja für einen Film nun mal kein schlechte Eigenschaft, doch vielleicht eignet sich das Attribut der Entnervtheit doch viel besser. Auch wenn Ioana Iacob als Alltagsheldin Anna um ihre mühsam errungene Existenz kämpfen muss und dabei auch Opfer bringt – ihre reflektierte Sicht auf die Dinge lässt sich mit der Sehnsucht nach einem Alltag wie diesen schwer vereinbaren. Auch ist die offensichtliche Selbsterniedrigung mancher Figuren in Anbetracht eines angeblichen sozialen Mehrwerts, der anfangs schon keiner ist, einfach nur unnötig und irgendwie dumm.

Wir könnten genauso gut tot sein (2022)