Colossal

MONSTERMÄSSIG DANEBEN BENOMMEN

7/10

 

colossal© 2017 Universum Film

 

LAND: SPANIEN, KANADA, USA, SÜDKOREA 2017

REGIE: NACHO VIGALONDO

MIT ANNE HATHAWAY, JASON SUDEIKIS, DAN STEVENS, TIM BLAKE NELSON U. A.

 

Wirklich mal so richtig die Sau rauslassen. Sich einfach gehen lassen. Wer würde das nicht gern? Vor allem dann, wenn vieles einfach nur stinkt. Und sich das Leben gerade von seiner abstoßendsten Seite zeigt. Da würde man gerne mal so wie Michael Douglas als D-Fens in Falling Down den Alltag einer Großstadt unsicher machen. Aber bei den meisten von uns sind das lediglich zollfreie Gedanken, die sich davor hüten, Wirklichkeit zu werden. Ausnahmen gibt es leider. Amok an Schulen, Amok auf Brücken, Weihnachtsmärkten, bevorzugt zu touristischen Stoßzeiten. Diese Individuen, sie kotzen sich aus, auf Kosten der anderen. In vollem irrationalen Bewusstsein entfesseln sie ein Monster, das alles zerstört, was ihm in den Weg kommt. Wie ein Golem, ein Frankenstein, der ausbricht und eine Spur der Verwüstung durch die urbane Landschaft zieht. Und dann gibt es aber Leute, deren Leben sich zwar auch auf Talfahrt befindet, die aber nicht merken, dass ihr entfesseltes Monster nicht weniger gebärdungsfreudig durch die Straßen strolcht und das Leben anderer beeinflusst. Man kann sich also nicht so einfach gehen lassen. Nicht, wenn es die Freiheit des anderen einschränkt. Und genau das wäre meine Prämisse für eines der kuriosesten Filmerlebnisse der letzten Zeit.

Der spanische Regisseur Nacho Vigalondo muss womöglich Erfahrungen mit Menschen gemacht haben, die in ihrer egomanischen Ignoranz nicht nur sich selbst, sondern auch andere ruiniert haben. Die in ihrem andauernden Kreisen um ihre eigene Person vergessen, dass das Menschsein vor allem eines ist – Leben in der Gemeinschaft. Das beginnt bei der Partnerschaft und reicht bis zum Miteinander aus Sicht der Weltbevölkerung. Es wäre wirklich wünschenswert, die Selbstreflexion bei all diesen Mitmenschen, die uns umgeben, als selbstverständlich zu erachten. Doch was nicht ist, wird zumindest nicht in absehbarer Zeit besser. Besser wird’s auch nicht im Leben von Anne Hathaway, die sich als arbeitslose Mittdreißigerin so ziemlich hängen und das Chaos walten lässt. Geregeltes Leben – Können vor Lachen. Und weil sie die Geduld ihres Lebenspartners über die Maßen strapaziert, fliegt sie auch in hohem Bogen aus der Wohnung – und kehrt ins verlassene Familienheim ihrer Kindheit zurück. Der Rezession nicht genug, trifft sie auch noch ihren alten Schulfreund, mit dem sie fortan abhängt und maximal als Teilzeitkraft in dessen Bar zu kellnern beginnt. Von da an wird’s skurril. Und es wäre zu vermuten, Drehbuch-Extremist Charlie Kaufman hätte wiedermal ordentlich in die Tastatur gehauen. Denn ein gigantisches Monster, ein Kaiju quasi, erscheint wie aus dem Nichts in der südkoreanischen Stadt Seoul. Das Phänomen ist weltweites Tagesthema Nr. 1 und dominiert die Schlagzeilen rauf und runter. Unglaublich, das sowas passiert, denkt sich Hathaway. Denken sich alle. Bis die verantwortungslose Dame erkennt, dass zwischen ihr und dem gigantischen Wesen eine Verbindung besteht.

Das klingt schrecklich bizarr, fast so abstrus wie Being John Malkovich. Jedenfalls gelingt es diesem Werk, zwei Filmgattungen zu kombinieren, die im Grunde überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Ein gewagter Mix, muss man schon sagen. Als würde die Monsterschau Pacific Rim die Verträglichkeitsprüfung für ein Young Adult-Psychodrama bestehen. Zugegeben, Action-Nerds werden sich ziemlich wundern – und enttäuscht von dannen ziehen. Der Pacific-Rim-Part hat schon seine Wucht, dient aber nur dazu, die Irrationalität menschlichen Verhaltens und der Bezwingung kenternder Lebensumstände Gestalt zu verleihen. Jason Sudeikis als unberechenbarer Sonderling fernab jeglichen Brachialhumors bietet einer entzückend konfusen Hathaway ordentlich Paroli – und auf welchem Wege und wie unerwartet sich die Sache weiterspinnt, ist faszinierend, wenn auch teilweise genauso konfus wie die Welt der beiden Freunde aus Kindertagen.

Colossal ist dennoch so versponnen wie erlebenswert. Nichts, was man schon gesehen hat. So einzigartig wie die Filme von Spike Jonze und so irritierend wie ein lebhafter Traum, dessen Stimmung man in den nächsten Tag mit hineinnimmt. Mag sein, dass meine Prämisse gar nicht das ist, was Vilagondo bezwecken wollte. Doch wie bei surrealen Gemälden oder dem Kino von David Lynch und ähnlich gelagerten Konsorten kann keine Interpretation wirklich falsch sein, vorausgesetzt man findet eine.

Colossal

The Circle

PAPARAZZI-WELT

6/10

 

cricle

LAND: ARAB. EMIRATE, USA 2017
REGIE: JAMES PONSOLDT
MIT EMMA WATSON, TOM HANKS, JOHN BOYEGA, BILL PAXTON

 

Geheimnisse sind Lügen. Jeder Mensch hat das Recht, auch all das zu erleben, was der andere erlebt. Und wenn es nur Bilder sind. Oder verwackelte Videos. Und jeder hat das Recht, die ganze Welt zu sehen. Nicht mit dem Auto und nicht mit dem Flugzeug, sondern mit der Kamera. Die ist ungefähr so groß wie ein Augapfel und kann – kabellos und perfekt getarnt – überall platziert werden. Big Brother wäre blass vor Neid. Jeder will diese Kamera. Und alle machen mit. Wieder einmal hat das gigantomanische, selbstverliebte Online- und Social Media-Unternehmen The Circle mit den Plattformen TruYou und SeeChange den Vogel abgeschossen. Immer größer wird dieser Konzern, immer mehr Datenspeicher müssen her. Und immer mehr Menschen fallen der Droge des transparenten Lebens zum Opfer. Ungeachtet jeden Shitstorms. Denn im Circle gibt es nur Gutmenschen. Der größte Gutmensch ist ein gewisser Mr. Bailey, angenehm schmierig und selbstbeweihräuchernd dargestellt von Tom Hanks, der bereits schon in der Dave Eggers-Verfilmung Ein Hologramm für den König gefühlte Ewigkeiten lang auf den Scheich hat warten müssen. Dave Eggers ist es auch, der die literarische Vorlage zu The Circle geliefert hat. Eine im Grunde spannende, durchaus beklemmende und sehr zukunftsnahe Version eines Überwachungskonzepts, dass mit den Verlockungen der Bequemlichkeit das erlebnisorientierte Volk in eine von wenigen Reichen dominierten, abhängigen Dekadenz verfallen lässt. Diese Abhängigkeit macht den Circle zu einer Art Sekte, die auf Freiwilligkeit beruht. Entzieht man sich der sogenannten Gemeinschaft, folgt die Ächtung auf dem Fuß. Und wer will das schon – nicht mehr geliebt werden?

Dass wir Menschen nicht wirklich dafür geeignet sind, eine geschlossene Gemeinschaft zu bilden, ist kein Geheimnis. Es funktioniert ja nicht mal im Mikrokosmos einer Kommune, wo jeder jeden kennt und alle alles voneinander wissen. Dass in der heilen sozialen Welt, die wir dank der Medien den anderen aufdrängen, die dunkle Seite menschlicher Emotionen wie Egomanie, Eifersucht und Dominanzverhalten auf naive Weise ignoriert oder schöngeredet und in Form von Millionen von Kommentaren, die keiner braucht, anderen um die Ohren geworfen wird, ist nur die logische Konsequenz dieser trendigen gesellschaftlichen Form. Diese rosarote Brille trägt auch Ex-Hermine Granger Emma Watson. Anfangs himmelhochjauchzend, folgt nach einigen bizarren Vorkommnissen die blanke Erkenntnis, dass der gläserne Mensch sehr schnell in tausend Scherben zerfällt. Doch hat die engagierte Circle-Mitarbeiterin wirklich alles verstanden? Emma Watson macht den Eindruck, als würde sie nicht zur Gänze hinter die Kulissen blicken. Irgendwas stimmt hier nicht, soviel ist klar. Was genau das ist – diese Erleuchtung spiegelt sich im Gesicht von Mae Holland nicht wider. Dennoch gelingt am Ende durch einen raffinierten Kniff – der irgendwie nicht ihre Idee gewesen sein kann – das Unglaubliche.

Was The Circle alles an ausufernden Convenience-Apps und ausgeklügelten Gadgets entwickelt, ist heillos übertrieben. Allerdings auch ein bisschen beängstigend. Natürlich ist der Social-Fiction-Film eine überzeichnete Utopie, die immerhin mehr am Boden bleibt als ähnliche Filme dieser Art. Der Zuseher kann nachvollziehen, wie weit Facebook und Co gehen können. Und welchen Preis der User oder Nicht-User dafür bezahlt. Vor allem wenn der Zuseher weiß, wie Facebook und Co ohnehin schon funktionieren. Und wie unberechenbar diese Grauzone ist. Und wie gefährlich die Gier nach dem Privatleben anderer. Aus dieser Perspektive ist der Film faszinierend und lohnt sich, gesehen zu werden. Emma Watson, und auch John Boyega haben allerdings so ihre Geheimnisse. Und wir wissen ja: Geheimnisse sind Lügen.

The Circle