What happened to Monday?

ICH BIN VIELE

6/10

 

monday© 2017 Splendid Film / Quelle: m.imdb.com

 

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN, FRANKREICH, BELGIEN 2017

REGIE: TOMMY WIRKOLA

MIT NOOMI RAPACE, WILLEM DAFOE, GLENN CLOSE U. A.

 

Bereits gegen Ende des 18ten Jahrhunderts gab der britische Ökonom Thomas Robert Malthus in seinem Essay on the principle of population zu bedenken, dass die Bevölkerung exponentiell wachsen werde, die Nahrungsmittelproduktion damit aber nicht mithalten könne. Sofern die Expansion des Homo Sapiens nicht durch niedrige Geburtenraten oder hoher Sterblichkeit gestoppt werden könne, sind Armut, Hungerkatastrophen und Kriege um Ressourcen unausweichlich, schrieb er. Geburtenraten niedrig zu halten ist wohl einfacher als die Sterblichkeitsrate zu erhöhen – was aber während der Weltkriege und den Kriegen danach zum Leidwesen von Abermillionen Menschen dennoch effektiv umgesetzt wurde. In China wird die Ein-Kind-Familie bereits seit Längerem gesetzmäßig exekutiert. Die Social-Fiction, die uns in What happened to Monday? begegnet, ist also in Teilen unserer gegenwärtigen Welt tatsächlich schon Realität. In Tommy Wirkola´s Zukunftsvision greift diese Notfallmaßnahme auf den ganzen Erdball über. Hier wird die Einzelkind-Politik noch schärfer durchgesetzt.

Hier, in dieser örtlich undefinierten Welt (aber naheliegend, dass es sich hierbei um die Vereinigten Staaten handelt), werden Geschwisterkinder eingefroren, um sie zu bevölkerungstechnisch besseren Zeiten wieder aufzutauen. Das Recht auf Leben wird somit nicht angetastet. Es wird nur aufgehoben, die Seele wird verwahrt. Platz für die im Cryo-Schlaf befindlichen Kinder gibt es jede Menge. Einer verblüffenden Gleichung zufolge hätte bis vor Kurzem die Weltbevölkerung von 7 Milliarden Menschen einzig und allein auf der indonesischen Insel Bali Platz, sofern jede Person nur einen Quadratmeter für sich beanspruchen würde. Eine Insel als Sardinenbüchse für die Späterlebenden ist also bestimmt leicht zu finden. Mit dieser Gleichung aber rückt die Tatsache ins Auge. dass das Damoklesschwert einer globalen Überbevölkerung im Grunde eine Lüge ist. Der Österreichische Filmemacher Werner Boote ist bereits 2013 in seiner Doku Population Boom der Frage nachgegangen, was denn dran sei an diesem Schreckgespenst. Die Wahrheit offenbart sich in einer großteils entvölkerten Erde, die regional überbevölkert ist. Urbane Ballungszentren erwecken natürlich den Anschein, dass der Mensch schleunigst den Warp-Antrieb entdecken und alternative Erden besiedeln muss. Jenseits dieser Megacities gilt Entwarnung, auch wenn unendlich scheinende Ökosysteme die Sesshaftigkeit des Menschen erschweren.

Doch gesetzten Falles, die Menschheit hat sich auf der Erde tatsächlich bis weit über ihre Kapazitäten hinaus breitgemacht, ist die Ein-Kind-Politik immer noch eine Option – und wird auch in naher Zukunft umgesetzt. Leittragend sind Mehrlinge, deren Geburt aufgrund gentechnisch veränderter Lebensmittel gang und gäbe geworden sind. Doch welchem Kind den Vorzug geben? Wen friert man ein, und wen schickt man zur Schule? Großvater Willem Dafoe hat mit seinen sieben Enkelinnen ganz andere Pläne. Er lässt sie ein und dieselbe Person sein. Und jeweils ein Kind immer zum gleichen Wochentag dessen Leben leben. Um hier keine Verwirrung zu stiften, trägt von Montag bis Sonntag jede einen Wochentagsnamen. Rund 30 Jahre geht das gut. Und dann verschwindet Montag. Manch arbeitender 9to5-Normalverbraucher könnte damit sicher gut leben. Nicht aber die sieben Schwestern, die nun Gefahr laufen, ihre Existenz zu verlieren. Als Dienstag mit Nachforschungen über den Verbleib von Montag beginnt, eskaliert die Lage – und What happened to Monday? wird zum effektvollen Thriller um Ressourcen, Identität und Verrat.

Die kontrovers sein wollende Dystopie, die politische Totalität und den Verlust von Menschenrechten nur ansatzweise kritisiert, erinnert an Richard Fleischer´s Soylent Green. Auch das mit Charlton Heston besetzte Horrorszenario hat Nahrungsknappheit und Überbevölkerung zum Thema. Und beide Genrebeiträge sind mehr plakatives Spannungskino als bereichernde Auseinandersetzung mit dem Worst Case-Szenario einer Massenreduktion. Der inhaltliche Ansatz von What happened to Monday? ist lobenswert und clever. Der Plot Grund genug, dafür ins Kino zu gehen. Die Action rund um die siebenfache Noomi Rapace rasant und fetzig, aber vom Finnen Tommy Wirkola (Dead Snow, Hänsel & Gretel) dramaturgisch etwas hingeschludert. Von inszenatorischer Raffinesse kaum eine Spur, stattdessen liegt der Fokus des Finnen zurecht oder zum Glück auf seiner Hauptdarstellerin. Rapace macht ihren Job grandios. Sie schafft es, ihre sieben Rollen charakterlich differenziert anzulegen und betört mit gehörig Sex-Appeal. Auf ihre Rolle als multiple Karen Settman darf Noomi Rapace genauso stolz sein wie auf ihre ikonische Darbietung als Lisbeth Salander, auch wenn Quantität nicht immer Qualität sein muss.

What happened to Monday?

The Circle

PAPARAZZI-WELT

6/10

 

cricle

LAND: ARAB. EMIRATE, USA 2017
REGIE: JAMES PONSOLDT
MIT EMMA WATSON, TOM HANKS, JOHN BOYEGA, BILL PAXTON

 

Geheimnisse sind Lügen. Jeder Mensch hat das Recht, auch all das zu erleben, was der andere erlebt. Und wenn es nur Bilder sind. Oder verwackelte Videos. Und jeder hat das Recht, die ganze Welt zu sehen. Nicht mit dem Auto und nicht mit dem Flugzeug, sondern mit der Kamera. Die ist ungefähr so groß wie ein Augapfel und kann – kabellos und perfekt getarnt – überall platziert werden. Big Brother wäre blass vor Neid. Jeder will diese Kamera. Und alle machen mit. Wieder einmal hat das gigantomanische, selbstverliebte Online- und Social Media-Unternehmen The Circle mit den Plattformen TruYou und SeeChange den Vogel abgeschossen. Immer größer wird dieser Konzern, immer mehr Datenspeicher müssen her. Und immer mehr Menschen fallen der Droge des transparenten Lebens zum Opfer. Ungeachtet jeden Shitstorms. Denn im Circle gibt es nur Gutmenschen. Der größte Gutmensch ist ein gewisser Mr. Bailey, angenehm schmierig und selbstbeweihräuchernd dargestellt von Tom Hanks, der bereits schon in der Dave Eggers-Verfilmung Ein Hologramm für den König gefühlte Ewigkeiten lang auf den Scheich hat warten müssen. Dave Eggers ist es auch, der die literarische Vorlage zu The Circle geliefert hat. Eine im Grunde spannende, durchaus beklemmende und sehr zukunftsnahe Version eines Überwachungskonzepts, dass mit den Verlockungen der Bequemlichkeit das erlebnisorientierte Volk in eine von wenigen Reichen dominierten, abhängigen Dekadenz verfallen lässt. Diese Abhängigkeit macht den Circle zu einer Art Sekte, die auf Freiwilligkeit beruht. Entzieht man sich der sogenannten Gemeinschaft, folgt die Ächtung auf dem Fuß. Und wer will das schon – nicht mehr geliebt werden?

Dass wir Menschen nicht wirklich dafür geeignet sind, eine geschlossene Gemeinschaft zu bilden, ist kein Geheimnis. Es funktioniert ja nicht mal im Mikrokosmos einer Kommune, wo jeder jeden kennt und alle alles voneinander wissen. Dass in der heilen sozialen Welt, die wir dank der Medien den anderen aufdrängen, die dunkle Seite menschlicher Emotionen wie Egomanie, Eifersucht und Dominanzverhalten auf naive Weise ignoriert oder schöngeredet und in Form von Millionen von Kommentaren, die keiner braucht, anderen um die Ohren geworfen wird, ist nur die logische Konsequenz dieser trendigen gesellschaftlichen Form. Diese rosarote Brille trägt auch Ex-Hermine Granger Emma Watson. Anfangs himmelhochjauchzend, folgt nach einigen bizarren Vorkommnissen die blanke Erkenntnis, dass der gläserne Mensch sehr schnell in tausend Scherben zerfällt. Doch hat die engagierte Circle-Mitarbeiterin wirklich alles verstanden? Emma Watson macht den Eindruck, als würde sie nicht zur Gänze hinter die Kulissen blicken. Irgendwas stimmt hier nicht, soviel ist klar. Was genau das ist – diese Erleuchtung spiegelt sich im Gesicht von Mae Holland nicht wider. Dennoch gelingt am Ende durch einen raffinierten Kniff – der irgendwie nicht ihre Idee gewesen sein kann – das Unglaubliche.

Was The Circle alles an ausufernden Convenience-Apps und ausgeklügelten Gadgets entwickelt, ist heillos übertrieben. Allerdings auch ein bisschen beängstigend. Natürlich ist der Social-Fiction-Film eine überzeichnete Utopie, die immerhin mehr am Boden bleibt als ähnliche Filme dieser Art. Der Zuseher kann nachvollziehen, wie weit Facebook und Co gehen können. Und welchen Preis der User oder Nicht-User dafür bezahlt. Vor allem wenn der Zuseher weiß, wie Facebook und Co ohnehin schon funktionieren. Und wie unberechenbar diese Grauzone ist. Und wie gefährlich die Gier nach dem Privatleben anderer. Aus dieser Perspektive ist der Film faszinierend und lohnt sich, gesehen zu werden. Emma Watson, und auch John Boyega haben allerdings so ihre Geheimnisse. Und wir wissen ja: Geheimnisse sind Lügen.

The Circle

Alles unter Kontrolle

WERNER IN THE MIDDLE

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AllesunterKontrolle

Ihr werdet lachen, oder vielleicht gar mit den Augen rollen, aber tatsächlich habe ich Werner Boothe vor einiger Zeit beobachten können – ohne dass er irgendetwas davon wahrgenommen hätte. Es war im dritten Wiener Gemeindebezirk, Ecke Ungargasse, Neulinggasse. Wahrscheinlich war er gerade aus nahegelegenem BILLA gekommen, oder einfach nur unterwegs gewesen zu einem Termin. Aber da hört mein Wissen auch schon wieder auf. Mit den Überwachungsapparaten der Supermächte kann ich leider gar nicht mithalten. Vielmehr bin auch ich Opfer davon – wie und in welchem Ausmaß, kann ich nicht sagen. Doch solange ich es nicht weiß, macht es mich ehrlich gesagt nicht heiß – denn ändern kann ich daran sowieso nichts. Und die Zeit, die ich dafür aufwenden müsste, um unentdeckt zu bleiben, habe ich beim besten Willen nicht.

Auch ein Mann der Öffentlichkeit wie Werner Boote wird daran nichts ändern – nur die Dinge hinterfragen und den Spuren nachgehen, die zu Big Brother führen. Das ist sehr informativ, neigt aber auch zur abendfüllenden Selbstdarstellung. Ähnlich wie Michael Moore oder Hanno Settele im Österreichischen Rundfunk ist sein erklärendes und interviewendes Konterfei omnipräsent. Im Gegensatz zu Dokumentarfilmern, die alles andere, nur nicht sich selbst, in den Mittelpunkt stellen. Da wäre Nikolaus Geyrhalter, der Spezialist für No Comment-Collagen. Aber auch der leider erst kürzlich verstorbene Michael Glawogger oder Darwins Nightmare-Macher Hubert Sauper. Alle drei sind und waren Aufklärer der Vernunft und des guten Gewissens. Stille Beobachter, Bilderpoeten und unbequeme Erforscher. Was aber nicht heißen soll, das Dokumentarfilmer wie Werner Boote nicht auch zu den wissensdurstigen Aufklärern gehören – nur ihre Art, Fragen beantwortet haben zu wollen, ist weitaus publikumsnäher und gefälliger. Auch eine Methode, keine Frage. Und sogar eine gern gesehene. Werner Boote ist einfach sympathisch, ein Entertainer und Vortragender. Einer, den man ohne Weiteres wochenlang an ausverkauften Abenden im Audimax antrifft. Das würden Sauper, Geyrhalter und Co eigentlich nie tun. Maximal eine Podiumsdiskussion nach der Premiere, denn nicht jeder ist zur Rampensau geeignet. Boote hingegen schon. Und er hat Charme, den er einzusetzen weiß, im Gegensatz zu Michael Moore, der meist mit der Tür ins Haus fällt und erfolgreich so tut, als würde er anderen zuhören. Das ist die Gefahr beim Doku-Entertainment – dass es letzten Endes um den Dokumentierenden geht, mit all seinen Ansichten. Und weniger um die Sache selbst.

Klar, auch Filmjournalisten sollen eine Meinung haben, und diese auch vertreten. Aber die Kunst des sachlichen Filmes liegt darin, das Ergebnis nicht vorzufertigen, sondern für den interessierten Zuseher unbewertet zu lassen. Offen, interpretier- und auswertbar. Gerade das macht Dokus spannend. Und ja, das gelingt auch Alles unter Kontrolle, Bootes dritter filmischer Expedition in den menschlichen Kosmos. Mit Spaß an investigativem Nachwassern und verfolgt von der eigenen Kamera trifft der graumelierte Intellektuelle auf Personen unterschiedlichster Art, spricht mit Opfern und versuchsweise mit „Tätern“. Mit IT-Experten und dem Wachpersonal vor der NSA-Zentrale. Zwischendurch setzt der Film auf augenzwinkernde Showelemente und einem Siri-ähnlichen Dialogpartner aus dem Off. Alles zusammen entschärft die Klaustrophobie des Themas und malt zum Glück den Teufel nicht an die Wand, sondern gefällt mit populärwissenschaftlichem Aufklärungsjournalismus, der den Horizont erweitert und Aufschluss gibt, ohne anstrengen zu müssen. Boote ist der ideale Dokufilmer, der das Zeug dazu hat, den Mainstream dazu animieren, ins Kino zu gehen – auch wenn daheim dok.1 oder Universum läuft.

Alles unter Kontrolle ist wiedermal ein Film, der zeigt, dass das Genre der bewegten Sachkunde längst nicht trocken sein muss, um die Zustände auf unserem Planeten besser zu veranschaulichen. Zwar nicht künstlerisch hochwertig und was weiß ich wie innovativ, aber mindestens so unterhaltsam wie ein ausverkaufter kabarettistischer Vortrag an der Uni, allerdings mit fachlichen Untertönen.

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Alles unter Kontrolle