Der Junge, der den Wind einfing

MACGYVER IM MAISFELD

7/10

 

The Boy Who Harnessed the Wind© 2019 Netflix

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: CHIWETEL EJIOFOR

CAST: MAXWELL SIMBA, CHIWETEL EJIOFOR, AÏSSA MAÏGA, JOSEPH MARCELL U. A.

 

„Gegessen wird, was auf den Tisch kommt!“ Und wen das nicht als Kind zum restlosen Vertilgen unliebsamer Speisen bewogen hat, musste mit dem Apell ans eigene Gewissen klarkommen: „Denk doch an die Kinder in Afrika“. Abgesehen davon, dass der Nachwuchs dort nichts davon gehabt hätte, hätten wir unser Essen wirklich aufgegessen (was das eine oder andere Mal sicher passiert ist), sensibilisiert die Relation zum eigenen Wohlstand erst dann, wenn die Konfrontation mit der Armut aus erster Hand passiert. Meist ist das weit weg von daheim. Während eines Individualurlaubs in Dritte-Welt-Länder, wenn der eigene Horizont erweitert werden will, wenn sich das Leben der anderen zur exotischen Erlebniswelt entfaltet. Wie verkennend, denn so erlebenswert ist sie nicht. Vielmehr ein Grenzgang, dessen skandalöser Umstand es ist, ihm überhaupt begegnen zu müssen. Die Welt ist, wie einem dann klar wird, eine ungerechte, in der Ressourcen ungleich verteilt worden sind. Plötzlich wird die Sicht auf das eigene kleine Leben zumindest für kurze Zeit nachhaltig globaler, Zusammenhänge verständlicher, der Unmut gegen das Establishment größer. Denen, die am Ende unserer Reisen zurückbleiben, könnte mit dieser Erkenntnis ja zumindest aus einem gewissenhaften Good Will heraus geholfen werden. Allen anderen müssen, so wie es aussieht, selber klarkommen. Und improvisieren. Oder mal anfangen, die Welt, in der sie leben, besser zu verstehen. Um sie besser zu nutzen. Ganz so wie seit Anbeginn der Menschheit.

Malawi, 2001: Der 13jährige William hat genau das vor. Denn das Wetter, das ist den Bewohnern des kleinen Dorfes Masitala und Umgebung nicht wirklich gewogen. Langanhaltender Regen überschwemmt das Land, und in der Trockenzeit wird wieder kaum ein Tropfen Feuchtigkeit für die Maisfelder verfügbar sein, die aber bares Geld wert sind. Und wer Geld hat, kann sich Essen kaufen und den Sohnemann in die Schule schicken, wissbegierig genug ist er ja. Und zum Glück für alle an der Nahrungsknappheit mitleidenden ist William jemand, der Zusammenhänge versteht, der sich inspirieren lässt und seines und das Schicksal der anderen selbst in die Hand nehmen wird. Anfänglich noch zum Missfallen des Vaters, welcher denkt, das Wunder einer guten Ernte noch mit Muskelarbeit herbeizuschwitzen. William gehört da schon einer anderen Generation an. Und ein schlaues Ingenieursköpfchen wie das eines MacGyver, das gibt es längst nicht nur im Fernsehen. Auf diese Ressourcen könnte ein jeder zurückgreifen, zumindest jeder, der eine gewisse Neugier besitzt und den Glauben, dass eigentlich alles möglich sein kann, dass der erste Schritt zu einem besseren Leben überall sein kann, auch unter der Erde. Das klingt jetzt makaber, stimmt allerdings. Denn William baut eine Pumpe für den Brunnen, angetrieben vom Wind, der unablässig weht, hier in den weiten Ebenen Südostafrikas.

Der Junge, der den Wind einfing ist die erste Regiearbeit des oscarnominierten Schauspielers Chwijetel Eijofor (12 Years a Slave) und gleichzeitig einer der geradlinigsten und erhellendsten Antworten auf die Frage, wie der Hunger in die Welt kommt – und wie man ihn schmälern kann. Nach dem Buch des echten William Kumbawake ist ein Film gelungen, der von Anfang an die Mechanismen und Umstände, die Hunger und Armut nach sich ziehen, konzentriert beobachtet, ohne aber in reißerische Betroffenheitsromantik abzugleiten. Ejofors Film ist sowohl emotional als auch nüchtern, edukativ, aber niemals belehrend. Firlefanz in Sachen Regie gibt es keinen, die Innovation steckt in der Geschichte. Der Regisseur hat hier kein statussymbolisches Ego-Werk gewollt, sondern ein herausposaunendes Anliegen verwirklicht, dass in seiner dramaturgischen Klarheit wirklich wert ist, gesehen zu werden. Vor allem auch, weil es letzten Endes keine Bad News sind, die uns erreichen, sondern Zuversicht, die ohnehin selten ins Kino findet. Vieles, was verfilmt wird, äußert seine Kritik an aktuellen Umständen mit der Vision eines Worst Case. Manifestiert sich das Gute aber als Tatsache, als die gute Nachricht, als einen Triumph menschlicher Anpassung, Improvisation und nachhaltiger Energie, erreicht es beim Publikum deutlich mehr und sollte nicht verschwiegen werden. Noch dazu könnte Der Junge, der den Wind einfing eine gewisse Begeisterung für Physik im Alltag wecken – wie seinerzeit MacGyver, allerdings mit dem bisschen mehr an globaler Relevanz.

Der Junge, der den Wind einfing

What happened to Monday?

ICH BIN VIELE

6/10

 

monday© 2017 Splendid Film / Quelle: m.imdb.com

 

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN, FRANKREICH, BELGIEN 2017

REGIE: TOMMY WIRKOLA

MIT NOOMI RAPACE, WILLEM DAFOE, GLENN CLOSE U. A.

 

Bereits gegen Ende des 18ten Jahrhunderts gab der britische Ökonom Thomas Robert Malthus in seinem Essay on the principle of population zu bedenken, dass die Bevölkerung exponentiell wachsen werde, die Nahrungsmittelproduktion damit aber nicht mithalten könne. Sofern die Expansion des Homo Sapiens nicht durch niedrige Geburtenraten oder hoher Sterblichkeit gestoppt werden könne, sind Armut, Hungerkatastrophen und Kriege um Ressourcen unausweichlich, schrieb er. Geburtenraten niedrig zu halten ist wohl einfacher als die Sterblichkeitsrate zu erhöhen – was aber während der Weltkriege und den Kriegen danach zum Leidwesen von Abermillionen Menschen dennoch effektiv umgesetzt wurde. In China wird die Ein-Kind-Familie bereits seit Längerem gesetzmäßig exekutiert. Die Social-Fiction, die uns in What happened to Monday? begegnet, ist also in Teilen unserer gegenwärtigen Welt tatsächlich schon Realität. In Tommy Wirkola´s Zukunftsvision greift diese Notfallmaßnahme auf den ganzen Erdball über. Hier wird die Einzelkind-Politik noch schärfer durchgesetzt.

Hier, in dieser örtlich undefinierten Welt (aber naheliegend, dass es sich hierbei um die Vereinigten Staaten handelt), werden Geschwisterkinder eingefroren, um sie zu bevölkerungstechnisch besseren Zeiten wieder aufzutauen. Das Recht auf Leben wird somit nicht angetastet. Es wird nur aufgehoben, die Seele wird verwahrt. Platz für die im Cryo-Schlaf befindlichen Kinder gibt es jede Menge. Einer verblüffenden Gleichung zufolge hätte bis vor Kurzem die Weltbevölkerung von 7 Milliarden Menschen einzig und allein auf der indonesischen Insel Bali Platz, sofern jede Person nur einen Quadratmeter für sich beanspruchen würde. Eine Insel als Sardinenbüchse für die Späterlebenden ist also bestimmt leicht zu finden. Mit dieser Gleichung aber rückt die Tatsache ins Auge. dass das Damoklesschwert einer globalen Überbevölkerung im Grunde eine Lüge ist. Der Österreichische Filmemacher Werner Boote ist bereits 2013 in seiner Doku Population Boom der Frage nachgegangen, was denn dran sei an diesem Schreckgespenst. Die Wahrheit offenbart sich in einer großteils entvölkerten Erde, die regional überbevölkert ist. Urbane Ballungszentren erwecken natürlich den Anschein, dass der Mensch schleunigst den Warp-Antrieb entdecken und alternative Erden besiedeln muss. Jenseits dieser Megacities gilt Entwarnung, auch wenn unendlich scheinende Ökosysteme die Sesshaftigkeit des Menschen erschweren.

Doch gesetzten Falles, die Menschheit hat sich auf der Erde tatsächlich bis weit über ihre Kapazitäten hinaus breitgemacht, ist die Ein-Kind-Politik immer noch eine Option – und wird auch in naher Zukunft umgesetzt. Leittragend sind Mehrlinge, deren Geburt aufgrund gentechnisch veränderter Lebensmittel gang und gäbe geworden sind. Doch welchem Kind den Vorzug geben? Wen friert man ein, und wen schickt man zur Schule? Großvater Willem Dafoe hat mit seinen sieben Enkelinnen ganz andere Pläne. Er lässt sie ein und dieselbe Person sein. Und jeweils ein Kind immer zum gleichen Wochentag dessen Leben leben. Um hier keine Verwirrung zu stiften, trägt von Montag bis Sonntag jede einen Wochentagsnamen. Rund 30 Jahre geht das gut. Und dann verschwindet Montag. Manch arbeitender 9to5-Normalverbraucher könnte damit sicher gut leben. Nicht aber die sieben Schwestern, die nun Gefahr laufen, ihre Existenz zu verlieren. Als Dienstag mit Nachforschungen über den Verbleib von Montag beginnt, eskaliert die Lage – und What happened to Monday? wird zum effektvollen Thriller um Ressourcen, Identität und Verrat.

Die kontrovers sein wollende Dystopie, die politische Totalität und den Verlust von Menschenrechten nur ansatzweise kritisiert, erinnert an Richard Fleischer´s Soylent Green. Auch das mit Charlton Heston besetzte Horrorszenario hat Nahrungsknappheit und Überbevölkerung zum Thema. Und beide Genrebeiträge sind mehr plakatives Spannungskino als bereichernde Auseinandersetzung mit dem Worst Case-Szenario einer Massenreduktion. Der inhaltliche Ansatz von What happened to Monday? ist lobenswert und clever. Der Plot Grund genug, dafür ins Kino zu gehen. Die Action rund um die siebenfache Noomi Rapace rasant und fetzig, aber vom Finnen Tommy Wirkola (Dead Snow, Hänsel & Gretel) dramaturgisch etwas hingeschludert. Von inszenatorischer Raffinesse kaum eine Spur, stattdessen liegt der Fokus des Finnen zurecht oder zum Glück auf seiner Hauptdarstellerin. Rapace macht ihren Job grandios. Sie schafft es, ihre sieben Rollen charakterlich differenziert anzulegen und betört mit gehörig Sex-Appeal. Auf ihre Rolle als multiple Karen Settman darf Noomi Rapace genauso stolz sein wie auf ihre ikonische Darbietung als Lisbeth Salander, auch wenn Quantität nicht immer Qualität sein muss.

What happened to Monday?