Der Astronaut – Project Hail Mary (2026)

LICHTJAHRE EINER FREUNDSCHAFT

7,5/10


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LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: PHIL LORD, CHRIS MILLER

DREHBUCH: DREW GODDARD, NACH DEM ROMAN VON ANDY WEIR

KAMERA: GREIG FRASER

CAST: RYAN GOSLING, SANDRA HÜLLER, JAMES ORTIZ (STIMME), MILANA VAYNTRUB, LIZ KINGSMAN, ORION LEE, LIONEL BOYCE, KEN LEUNG, PRIYA KANSARA (STIMME) U. A. 

LÄNGE: 2 STD 37 MIN



Anscheinend gibt es nicht nur die universelle Sprache der Mathematik, die universellen Grundgesetze der Physik und all die Elemente, die wir im Periodensystem vereint haben, die überall, egal an welchem Ort in dieser Unendlichkeit des Universums ihre Gültigkeit haben. Es gilt auch die Sprache der Freundschaft, des Miteinanders und des Respekts unter all jenen, die Mathematik auch verstehen und die Grundgesetze der Physik anwenden können. Intelligentes Leben nennt man das, weit über die Kriegstreiberei hinaus, die gerade auf unserem Planeten herrscht, als hätte sich die Menschheit seit Kain und Abel sowieso nicht weiterentwickelt sondern alles lediglich neu gewandet. Fortschritt ist dabei nur die Hülle – was darin liegt, hält sich wacker an Macht und Gier.

Dieser verfluchte Hunger nach Licht

Gibt es allerdings eine gemeinsame Bedrohung, so meint Autor Andy Weir, könnten da doch interstellare Synergien entstehen. In diesem Fall ist das Problem die Sonne, die langsam an Kraft verliert. In drei Jahrzehnten könnte die Erde zum Schneeball werden, wenn nichts dagegen unternommen wird. Und im Grunde weiß man ja auch, was dahintersteckt: Es sind kleine, lichthungrige Lebensformen, genannt Astrophagen (Sternfresser), die an der Sonne nagen. Nicht nur unserem Stern geht es so – überall in der Galaxie geht den Sternen die Puste aus – bis auf einen. Warum das so ist, muss schleunigst erforscht werden, und letztlich findet sich der Molekularbiologe Grace in einem Raumschiff wieder, das niemals mehr vorhaben wird, zurück zur Erde zu gelangen. Die Entfernung von mehr als elf Lichtjahren ist Argument genug. Ganz allein muss er sich das Hirn zermartern, was die Astrophagen hier anders machen als daheim – denkt er jedenfalls. Schließlich ist da noch ein anderer Himmelskörper artifizieller Natur, ein seltsam fremdartiges Objekt, das aussieht, als hätte jemand Karamellfäden geometrisch angeordnet. In diesem ganz anderen Raumschiff sitzt Rocky – ein Alien. Doch keines von der bösartigen Sorte. Auch dieses Wesen ist allein, und aus dem selben Grund hier wie Grace: Es gilt herauszufinden, wie man die eigene Heimat retten kann. Warum also nicht gemeinsam die Köpfe (oder das, was man dafür hält) zusammenstecken und dabei jegliche Vorbehalte über Bord werfen, die man hat, wenn das Gegenüber andersartiger nicht sein kann.

Das universelle Miteinander

Andy Weirs Bücher bestechen einerseits durch zu Ende durchdachte, physikalisch akkurate  Problemstellungen, und andererseits durch einen versöhnlichen Willen zur Vernunft. Der Astronaut – Project Hail Mary ist da bislang seine stärkste Arbeit, weil es gar nicht vorrangig um die Rettung ganzer Planeten geht (das schon auch!), sondern um die Naturgesetze der Freundschaft. Mir fällt dabei ein völlig unterschätzter Film von Wolfgang Petersen aus den Achtziger Jahren ein: Enemy Mine – Geliebter Feind. Hintergrund dabei ist ein Krieg zwischen Menschen und Dracs, einer humanoiden Spezies. Jeweils einer stürzt während des Gefechts auf demselben fremden Planeten ab – und beide müssen genauso wie Grace und Rocky alles über Bord werfen, was sie entfremden könnte, angefangen vor der Furcht vor dem jeweils anderen. Um dann herauszufinden: Intelligenz hat einen gemeinsamen Nenner, der aus vielen Faktoren besteht. Damit kann man arbeiten, um zueinanderzufinden, und um zu einer Erkenntnis zu gelangen, niemals ohneeinander sein zu wollen.

Situationskomik mit den Science Busters

Chris Miller und Phil Lord, die Macher hinter den Lego Movies und dem animierten Spiderverse, pinseln dem Genre des Weltraumfilms nach zaghaften Lebenszeichen seit Gravity wieder ordentlich Farbe ins blasse Antlitz. Die kommt zwar auch, aber deutlich weniger von den zweifelsohne atemberaubenden Bildern fremder Planeten, extraterrestrischer Vehikel oder schwerelos dahingleitenden Weltraumspaziergängen. Vorrangig ist es Ryan Gosling, der dem blitzgescheiten und selbstironischen, aber völlig vor den Kopf gestoßenen Space-Pionier so viel Sympathie angedeihen lässt, dass man unweigerlich an ihm dranbleiben will, weil er so geerdet, so nachvollziehbar, so normal menschlich ist – ohne verkopfte Ideale, irgendeinem Fanatismus oder verschrobener Sheldon Cooper-Geisteshaltung. Goslings Amateur-Raumfahrer ist wie wir – greifbar, knetbar, sowohl im Hier und Jetzt als auch im Dort und Irgendwann in der Zukunft. Und das ist aber noch nicht alles. Als One-Man-Show würde es funktionieren – als Doppelconference noch besser! Denn auf der anderen Seite krabbelt die fremdartige, handwerklich talentierte Steinspinne in ihrer eigenen Atmosphäre durch die Privatsphäre dieses völlig verblüfften Menschen Gosling – und beide finden, wie schon seinerzeit Dennis Quaid und Lous Gossett Jr., die Vervollständigung des Selbst im jeweils anderen. War Enemy Mine noch ernstes Abenteuer, ist Der Astronaut – Project Hail Mary vor allem auch Situationskomödie, die gekonnt die Stolpersteine der Kommunikation und der Verständigung respektvoll belächelt – ohne sie jemals zu parodieren. Weder wird auf Kosten des Aliens noch des Menschen gelacht, doch stets um ihrer selbst willen gebangt. Lord und Miller gelingt das launige Kunststück einer so simplen wie effizienten Bromance im Nirgendwo, sie feiern den Austausch des Verstandes und die Kunst der gemeinsamen Idee. Dafür braucht man Geduld, der Film ist lang, manchmal erschöpfend. Einzig die Art und Weise, wie beide ein gemeinsames Vokabular finden, lässt sich manchmal nicht ganz nachvollziehen, kann es doch nicht sein, dass es für Begriffe, die unseren Alltag betreffen, stets ein Pendant bei Rocky gibt.

So viel Hoffnung

The Astronaut – Hail Mary ist, jenseits all der Invasions- und Alien-Thematik, die den Untergang der Erde und des menschlichen Organismus anstrebt, ein weltenbejahender Hoffnungsschimmer von Film, ein Feel-Good-Movie aus Solidarität, Selbstlosigkeit und dem Willen für das Gute. Werte, die derzeit von unserer Welt tatsächlich mehr als elf Lichtjahre entfernt scheinen.

Der Astronaut – Project Hail Mary (2026)

Smallfoot

ZEIGT HER EURE FÜSSE

7/10

 

smallfoot© 2000-2018 Warner Bros.

 

LAND: USA 2018

REGIE: KAREY KIRKPATRICK, JASON REISIG

MIT DEN STIMMEN VON: CHANNING TATUM (KOSTJA ULLMANN), GINA RODRIGUEZ, ZENDAYA, JAMES CORDEN U. A.

 

Reinhold Messner hat als Vortragender und High Society-Abenteurer wohl genug um die Ohren, um ins Kino zu gehen, aber diesen Film sollte er sich wirklich nicht entgehen lassen. Wie wir wissen, hat der Südtiroler Extrembergsteiger vor langer Zeit ja tatsächlich Stein und Bein geschworen, einem gigantischen weißen Fellknäuel, der im Volksmund Yeti genannt wird, begegnet zu sein – bis er irgendwann diese marktschreierische Lüge leider dementieren musste. Nach der Sichtung von Smallfoot könnte man ja dazu geneigt sein, Messner´s Dementi auch in einem anderen Licht zu betrachten. Und all diejenigen, die ein Faible für komödiantische Animationsfilme haben, können den vollbärtigen Brixener ruhig begleiten. Denn Smallfoot ist eine enorm liebevolle Bergtour bis jenseits der Wolken geworden. Und was Smallfoot vor allem anderen auszeichnet: die phantastische, aufwändig entworfene Schneeballschlacht von Drehbuchspezialist Karey Kirkpatrick und Jason Reisig ist zum Brüllen komisch.

Man kann den Spieß auch umdrehen und daran zweifeln, dass es den Smallfoot – in diesem Fall die Spezies Homo sapiens – in Wirklichkeit überhaupt gibt. Das lässt sich leicht machen, sofern man selbst ein Yeti ist, und als Yeti irgendwo am Berg in völliger Isolation seiner eigenen eiskalten, aber alles andere als unterkühlten Kultur frönt. Wer weiß, was Reinhold Messer alles gesehen hat – vielleicht so viel wie dieser unglückliche Bruchpilot, der vor den Toren der klirrend kalten Festung der Yetis niedergeht. Migo, der so blaulippige wie nasenlose wandelnde Bettvorleger, ist zur rechten Zeit am rechten Ort, um eines dieser mythischen Menschenwesen mit eigenen Augen zu sehen. Warum ihm danach keiner glaubt, und warum Migo verbannt wird und wieso das Oberhaupt des kleinen Reiches ein zentnerschweres Steingewand mit sich herumträgt, darüber verliere ich jetzt nicht allzu viele Worte, denn der Reiz des vorwiegend in geschmackvollen Blau-, Türkis und Lilatönen kolorierten, geistreichen Komödie liegt in den originellen inhaltlichen Details, die den Alltag der Schneemonster umreißen. Spätestens dann, wenn sich die fleischgewordenen kryptozoologischen Unikume talwärts bewegen, gibt es humoristisch gesehen kein Halten mehr.

Normalerweise sind die Drehbücher für Animationskomödien eine Aneinanderreihung schriller Slapstickszenen, die den eigentlichen Plot untergeordnet wissen. Bei Pixar ist es meist umgekehrt. Dass die Warner Animation Group Ähnliches zuwege bringen kann, erstaunt mich dann doch. Die großartigsten Momente sind nicht unbedingt die immer wiederkehrenden Gesangseinlagen, die an Frozen erinnern, die aber junges, weibliches Publikum nachhaltig an sich binden, sondern der Sichtwechsel zwischen Mensch und Yeti. Für letztere sprechen Menschen piepsendes Kauderwelsch, und für unsereins können Yetis nichts anderes als grölen und brüllen. Diese leidenschaftlich zelebrierte Differenz birgt eine Situationskomik, die ungefähr so unterhaltsam ist wie die Sicht der kalaharischen N´Xau auf die Zivilisation in Die Götter müssen verrückt sein. Das ist so charmanter wie augenzwinkernder Humor, und umrahmt sogar pädagogisch wertvolle Botschaften wie Respekt, Völkerverständigung, Toleranz und die Neugier, doch einfach mal hinter den Horizont zu blicken – wo vielleicht ein paar Antworten warten. Auf Fragen, die lange schon gestellt sind.

Ob es den Yeti gibt, ist rückblickend ganz einerlei. Es ist schon erfüllend genug, dass das augenscheinlich gutmütige Wesen in unserer Vorstellung Gestalt annimmt – und in so atemberaubend animierten Filmen wie Smallfoot seinen barfüßigen Auftritt erhält.

Smallfoot