Hamnet (2025)

DER TOD EINES PRINZEN

9/10


© 2025 Universal Pictures International Austria


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE: CHLOÉ ZHAO

DREHBUCH: CHLOÉ ZHAO, MAGGIE O’FARRELL

KAMERA: ŁUKASZ ŻAL

CAST: JESSIE BUCKLEY, PAUL MESCAL, JOE ALWYN, EMILY WATSON, JACOBI JUPE, OLIVIA LYNES, BODHI RAE BREATHNACH, JUSTINE MITCHELL, NOAH JUPE, SAM WOOLF, FREYA HANNAN-MILLS, JAMES SKINNER, ELLIOT BAXTER U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN



Es passiert äußerst selten, dass ich mich von Filmen so dermaßen emotionalisieren lasse, dass ich mir über Augentrockenheit keine Sorgen machen muss. Nicht weil ich ein Herz aus Stein habe, sondern stets eine gewisse Distanz wahre zu den Charakteren, die auf der Leinwand oder am Bildschirm durch das Tal der Tränen müssen. Ich kann mich noch gut an Nanni Morettis Drama Das Zimmer meines Sohnes erinnern. Rotz und Wasser waren währenddessen behelfsmäßige Platzhalter für eine Achterbahn der Verlustempfindungen. Schließlich handelte der Film, ähnlich wie Hamnet, vom Ableben eines geliebten Kindes, eines Sohnes. Als hätte ich schon damals erahnt, dass ich irgendwann später selbst Vater eines solchen werde, hat mich diese absolut kitschfrei dargebrachte Chronik eines Schicksalsschlages tief berührt, einschließlich Kloß im Hals, Druck auf der Brust, etc.

Von der Manipulation von Gefühlen

Ich hüte mich aber tunlichst davor, Filme wie jenen von Nanni Moretti und auch Chloé Zhaos Verfilmung des Romans von Maggie O‘Farrell, der sich Judith & Hamnet nennt, mit berechnenden Tränendrüsendrückern gleichzusetzen. Der Unterschied liegt dabei in ihrer Wahrhaftigkeit. Im Kino gibt es gewisse Parameter, die im Publikum die gewollte Wirkung erzielen – am Ende gerne mit Griff zum Taschentuch. Wie Hits aus der Schlagerbranche können diese Gefühlswelten manipulieren, wohlwissend, dass zwar jeder Mensch als Individuum auf unterschiedlichste Weise gemütsmäßig abgeholt werden kann, es aber einen basalen gemeinsamen Nenner gibt. Hamnet aber lässt dabei jeglichen Herzschmerz, so wie wir ihn kennen, außen vor. Den Film als Herzschmerz zu bezeichnen, als Tränendrüsendrücker, ist, als würde man Äpfel mit Birnen gleichsetzen, als würde man vieles über einen Kamm scheren. Hamnet stößt dabei Türen auf, die ins Innenleben seiner Zuseher führen, die sowieso schon wissen, auf welches Thema sie sich eingelassen haben. Zhao tut dies fast gänzlich ohne Kalkulation, sondern rein mit der schauspielerischen Kraft ihres Ensembles.

Wir gehören zur Familie

Im Fokus agiert dabei Jessie Buckley – sie trägt den Film durchgehend zwei Stunden lang, ohne Atempause, ohne nachzulassen. Und mit einer Intensität, die zugleich unangenehm schmerzhaft, aufsässig und betörend wirkt, die kein Mitleid lukriert, andererseits aber nichts anderes zulässt, als auf eine Weise mitzufühlen, die fast schon vermuten lässt, dass diese Familie im Film, in dieser Welt des 16. Jahrhunderts, fast schon zur eigenen, intimen wird. Als hätte man ein Leben lang schon mit diesen Menschen zu tun gehabt, als würde man Jessie Buckleys Figur der Agnes schon lange kennen. Als wäre sie einem vertraut. Chloé Zhao weiß, wie sie Charaktere näherbringt, sie bettet ihre Agnes zwischen Moos und Wurzeln, als wäre sie mehr mystisches Metawesen als einfach nur ein Mensch. Stets trägt sie Rot, dieses Rot ist isolierter Fremdkörper und Teil des Ganzen zugleich. Meistens aus der Distanz beobachtet Zhao das Leiden einer Unangepassten, die eigentlich nur rein zufällig zur großen Liebe eines zeitlosen Poeten wird: William Shakespeare.

Die Mehrdeutung eines Zitats

Der geht mit dem irreversiblen Schicksalsschlag ganz anders um. In einer Szene steht der vom Schmerz der Trauer und des Selbstvorwurfes gebeutelte Dichter an der Themse eines historischen, völlig unverkitscht dargestellten London (von welchem man durchwegs den Eindruck erhält, man sähe dokumentarisches Archivmaterial, was natürlich schier unmöglich ist) um, vom Mond beschienen und in der Düsternis verharrend, die markanten Textzeilen von sich zu geben, als hätte er sie eben gerade erst ersonnen, weil er nicht glauben kann, dass Hamnet, sein Junge, einfach nicht nicht mehr da sein kann: Es entstehen die Worte, die wir alle kennen: Sein oder nicht sein. Das ist hier die Frage.

Spätestens jetzt weiß man längst, man hat es mit einem Meisterwerk zu tun, mit einem immersiven Brocken an Filmkunst, die sich selbst nicht wichtig nimmt, und gerade durch diese puristische Bescheidenheit nicht nur in der Darstellung des Damals so direkt ins eigene Spektrum der Wahrnehmung vordringt. Fallenlassen so wie in Mascha Schilinskis In die Sonne schauen, das Erlebte ,ohne viel nachzudenken, wahrnehmen und einfach nur zu spüren: Mitunter lässt sich die Intensität kaum ertragen, und dann aber wechselt Zhao den Fokus. Sie spart aus, was der eigene Geist ergänzt. Sie zitiert dort, wo die Essenz einer Tragödie anderes verlangt, und wählt die so ängstlichen wie verzweifelten Äußerungen von Schwester Judith, die nicht glauben kann, dass der Leichnam der eigene Bruder ist.

Die Bühne als Bewältigung

Judith und Hamnet sind neben der fiktiven Biografie von Agnes der zweite Schauplatz von Hingabe und Definition der eigenen Existenz – die Romanvorlage trägt beide Namen sogar im Titel. Auch hier ist diese Szene der Wendepunkt, unterfüttert von einem vagen Mystizismus, der so unprätentiös in diesen knallharten Lebens-und Überlebenskampf verwoben wird wie die Darbietung eines der berühmtesten Stücke der Welt. Wenn sich Agnes dann unters Volk mischt und erfährt, wie der Vater und Dichter Shakespeare seinen eigenen Zugang zur Bewältigung darstellt, kehrt die Kamera immer wieder zu Jessie Buckley zurück – ihre Mimik gleicht einem Gebirgsbach: Mal ist es ein Wollen, dann ein Nicht-können, dann ein Wagen und Einlassen auf diese geschaffene Möglichkeit des Abschieds. Noah Jupe gibt dabei den Hamlet, während sein Bruder den von der Pest dahingerafften Hamnet gibt. Man spürt diese hintergründige Verbindung. Und nicht nur die.

Der steinige Weg ist der spürbare

Hamnet mag keine leichte Kost sein, doch ganz ehrlich: Von leichter Kost lässt sich selten etwas mitnehmen, auch nicht von kolportierten Emotionen aus schwülstigen Dramen. In keiner einzigen Sekunde läuft Zhaos großer Wurf Gefahr, melodramatische Simplizität für sich zu nutzen, ganz im Gegenteil. Hamnet macht es sich bewusst selbst schwer, wählt den steinigen Weg, doch dieses direkte Daraufzugehen dorthin, wo es wirklich wehtut, macht sich bezahlt.

Chloé Zhao dosiert ihre Bildwelten, die Länge ihrer Szenen, den emotionalen Grenzgang in Form eines Ausbruchs in so punktgenauer Komposition, die nur gelingt, weil sie wieder der Erwartungshaltung den Schnitt setzt. Und dort länger draufhält, wo man selbigen erwartet. Dieser Bruch erzeugt eine ganz eigene Melodie. Genau dann entfaltet sich diese ganz eigene Melodie in diesem ganz eigenen Rhythmus, dessen Echo lange nachklingt. Der Rest, so heisst es am Ende von Hamlet, ist Schweigen. Tatsächlich fehlen einem nach diesem Erlebnis die Worte.

Hamnet (2025)

Song Sung Blue (2025)

NOT ONLY A DIAMOND IS FOREVER

7/10


© 2025 Universal Pictures Austria


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: CRAIG BREWER

DREHBUCH: CRAIG BREWER, NACH DER DOKUMENTATION VON GREG KOHS

KAMERA: AMY VINCENT

CAST: HUGH JACKMAN, KATE HUDSON, ELLA ANDERSON, KING PRINCESS, JIM BELUSHI, FISHER STEVENS, HUDSON HILBERT HENSLEY, MICHAEL IMPERIOLI, MUSTAFA SHAKIR U. A.

LÄNGE: 2 STD 12 MIN



Es gibt da diese Aha-Erlebnisse, die ich mit Neil Diamond assoziiere. Zum einen jenen, der sich in Frank Oz‘ herrlicher Komödie Was ist mit Bob? versteckt. Neurotiker Bill Murray erklärt dabei den Grund, warum seine Ehe in die Brüche ging: „Es gibt zwei Arten von Menschen auf der Welt: Die, die Neil Diamond mögen, und die, die ihn nicht mögen. Meine Ex-Frau liebt ihn.“ Zum anderen die dritte Episode der siebten Staffel von The Big Bang Theory, in welcher Simon Helberg und Mayim Bialik, die in ihren Filmfiguren nichts miteinander gemeinsam haben, ihre Liebe zu besagtem Sänger entdecken, indem sie, fahrend im Auto, im Duett Sweet Caroline schmettern. Jedes Mal, wenn ich diesen Klassiker höre, habe ich diese Szene vor Augen. Und, im Gegensatz zu Bill Murray, habe ich Neil Diamond insofern schätzen gelernt, da seine Lieder das Zeug haben, als Ohrwürmer tagelang hängenzubleiben. So passiert mit Song Sung Blue. Da reicht es, im Kinoprogramm Craig Brewers Film zu erspähen, und schon summt das Hirn die Melodie. Immer und immer wieder.

Wie man Ohrwürmer wieder los wird

Die beste Methode, diese Dauerschleife zu durchbrechen, ist, das Lied tatsächlich ans Ohr zu lassen. Zum Beispiel aus der Kehle von Hugh Jackman, der auf gewohnt sympathische Weise den Sänger Mike Sardina verkörpert. Noch nie von ihm gehört? Das ist nicht so verwunderlich, wenn man kein eingefleischter Neil Diamond-Fan ist. Um Personen wie diese aus dem Showbusiness ins Licht des Allgemeinwissens zu rücken, braucht es Filme wie diesen. Und schon weiß man und vergisst auch nicht so schnell: Jackman im Langhaar-Look und blauem Glitzersakko, das ist Lightning – jener Mann, der gemeinsam mit Ehefrau Claire die Neil Diamond Tribute-Band Lightning & Thunder gegründet hatte, die in den Achtzigern jenen, die sich keine Neil Diamond-Konzertkarten leisten konnten und dennoch die Experience eines authentischen Konzerts genießen wollten, so richtig einheizten. Wie es dazu kam und was aus diesen beiden wurde, die zusammen eine Patchwork-Familie bildeten, weil beide Kinder aus ersten Beziehungen hatten – nicht nur das erzählt Brewer, basierend auf einer Dokumentation von Greg Kohs aus dem Jahr 2008. Er erzählt auch von Menschen und ihren Träumen, und wie sie jäh daran gehindert werden, diese auszuleben, weil das Dasein an sich niemals damit zögert, das Lebensglück zu brechen.

Das Mehr an Schicksalsschlägen

Neben den altbekannten Ohrwürmern Neil Diamonds bekommt eine viel weniger bekannte Nummer ihre würdige Interpretation: Soolaimon – wohl das Lieblingslied des zu früh verstorbenen Mike Sardina. Hugh Jackman und Kate Hudson sind stimmlich und auch in Sachen Performance absolut in der Lage, diesen und andere Songs zu meistern, somit vergeht der Film zwar nicht wie im Fluge, unterbricht aber immer wieder die relativ konstante, erzählerisch nicht ganz so geschickt strukturierte True Story, die sich aber ziemlich genau so zugetragen hat – manches will man ja gar nicht glauben und würde es, wäre es fiktiv, gar als etwas dick aufgetragen empfinden. Doch Schicksalsschläge sind des öfteren ungerecht verteilt, und manche bekommen mehr davon ab als andere. Die, die mehr abbekommen, sind Lightning & Thunder. Das geht ans Herz, wenn Lightning ohne Thunder nicht mehr Musik machen kann, weil es alleine einfach nicht mehr dasselbe ist. Liebe steht in Song Sung Blue großgeschrieben, doch nicht auf die schwülstige Weise, sondern verwoben in ein tragikomisches Auf und Ab mit manchmal mehr Tragik als erwartet, vor allem in der zweiten Hälfte, in welcher der Film seine Tonalität mutig verändert.

Jackman und Hudson sind beide gut in Form, an die Frisur Jackmans kann man sich gewöhnen, muss man aber nicht – diese ist wohl den Fakten geschuldet und auch einem Neil Diamond der Siebziger. Alles in allem beschert dieses in gewohnt amerikanischem und gleichsam bewährtem Erzählstil gehaltene Melodram Kinostunden, die man gerne investiert, weil mit Musik meistens alles besser geht und auch Filme ihren ganz besonderen Kick bekommen. So auch dieser.

Song Sung Blue (2025)

Das Blau des Kaftans (2022)

DREI SIND KEINER ZUVIEL

9,5/10


dasblaudeskaftans© 2023 Panda Lichtspiele


LAND / JAHR: FRANKREICH, MAROKKO, BELGIEN, DÄNEMARK 2022

REGIE: MARYAM TOUZANI

BUCH: MARYAM TOUZANI, NABIL AYOUCH

CAST: LUBNA AZABAL, SALEH BAKRI, AYOUB MISSIOUI, ZAKARIA ATIFI U. A.

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


Je mehr Filme ich zu Gesicht bekomme, die letztes Jahr in Cannes ihre Premieren feierten und vielleicht auch den einen oder anderen Preis mit nachhause nehmen konnten; je mehr Filme ich davon sehe, umso mehr wundert mich die letztendliche Entscheidung der großen Oscar-Academy vor allem in der Auswahl der Nominierten für den besten ausländischen Film. Das Blau des Kaftans beweist wieder einmal mehr, wie sehr dieses Medium subjektiver Wahrnehmung unterliegt und wie sehr der Zeit und der Ort für die Sichtung eines Filmes sowie die Verfassung des Betrachters ausschlaggebend dafür sind, wie ein Film funktionieren kann. Auch wenn sich Das Blau des Kaftans auf der Shortlist für den Auslandsoscar befand: Zumindest nominieren hätte man ihn sollen, lässt sich doch aus meiner Sicht vermuten, dass dieser der beste Film des Jahres bleiben könnte, wenn schon nicht der beste innerhalb einer noch längeren Zeitspanne. Mit Maryam Touzanis berauschender Dreiecksgeschichte erlebt das Kino ein formvollendetes Wunder, wie man es zuletzt – und das ist schon länger her – mit Wong Kar-Wais In the Mood for Love erlebt hat. Man kann Filme nach gängigen Mustern erzählen, man kann auf Atmosphäre setzen und sonst nicht viel berichten. Man kann sich komplett aufs Schauspiel konzentrieren und alle anderen Aspekte außer Acht lassen, also einem gewissen Purismus frönen. Man kann aber auch alles miteinander vereinen und sich intuitiv von seinen Gefühlen leiten lassen – und sehen, was passiert. So sehr Das Blau des Kaftans auch wirkt, als wäre jede Szene wohl überlegt, so sehr hat es auch den Anschein, dass Touzani nichts ferner liegt, als ihr Ensemble zur Eile zu drängen. Die Szenen passen sich dem Empfinden der Schauspieler an, und nicht umgekehrt. Dadurch erreicht der Film eine im jeden Take spürbare Wahrhaftigkeit. Und so lässt sich jede Minute intensiv erleben und am Ende jenes Herzklopfen verspüren, dass man hat, wenn ein Film genau das macht, wovon man hofft, dass er es tut.

Dabei beginnt Das Blau des Kaftans wie eine detailverliebte Alltagsminiatur aus der Medina einer nordafrikanischen Stadt. Wir befinden uns in Salé an der marokkanischen Atlantikküste. Mina und Halim betreiben eine Kaftan-Schneiderei, Halim ist Maleem, ein Meister im Besticken feinster Stoffe. Die Kunden wissen, wo sie die beste Ware bekommen. Und so ein Kaftan braucht Zeit, bis er fertig ist. Das Teil ist mehr als ein Kleidungsstück – es ist ein Kunstwerk, das über Generationen weitergegeben wird. Zu Beginn des Films sieht man, wie die Hände des Meisters über blauen Satinstoff streifen, wie dieses Material Falten wirft im fahlen Licht des Ladens. Dieses Blau wird zum roten Faden einer Geschichte, die langsam, aber doch, immer mehr Geheimnisse preisgibt. Zum Beispiel jenes, dass Halim eigentlich homosexuell ist, und Mina mit einer Krankheit kämpfen muss, die sie in absehbarer Zeit dahinraffen wird. Allerdings weiß sie vom Geheimnis ihres Mannes. Und sie duldet es. Um den Laden zu schmeißen, fängt der attraktive Youssef bei Halim eine Lehre an. Anfangs ist diese Dreierkonstellation ein Umstand, den Mina nicht ertragen kann, sieht sie doch, wie beide aneinander interessiert sind. Doch im Leben kommt vieles anders, als man denkt, und Minas langer Abschied vom Leben wird zur Probe für einen Neuanfang.

Wie Maryam Touzani das Ende einer Zweisamkeit zelebriert und gleichermaßen den Beginn einer ganz anderen ankündigt, ist beeindruckend selbstsicher inszeniert und so voller Achtsamkeit, Liebe und Zuneigung, dass es einem die Sprache verschlägt. Wenn schon Michael Hanekes Liebe das sogenannte fünfte Element so sehr aus seinen beiden Protagonisten herausgearbeitet hat, so steht Touzani ihm um nichts nach. Im Gegenteil: wo Haneke nüchtern bleibt, hebt Touzani die Distanz zu ihren Figuren auf und lässt eine würdevolle Intimität zu. Lubna Azabal, die bereits unter der Regie Denis Villeneuves in Incendies – Die Frau, die singt brilliert hat, setzt mit ihrer kraftvollen und nuancierten Performance in der Schauspielkunst neue Maßstäbe. Sie nimmt den Zuseher mit auf einen so wunderschönen wie entbehrungsreichen Pfad durch eine unebene emotionale Landschaft aus Höhen und Tiefen, aus mobilisierten letzten Energien und der Suche nach Geborgenheit. Das Blau des Kaftans erzählt von Freiheiten und Leben lassen, von Akzeptanz und tiefem Respekt. Der Film vermeidet Worte dort, wo Bilder und Gesichter alles sagen. Lässt Musik ertönen, wo sonst nichts die Freude am gegenwärtigen Moment besser unterstreichen könnte. Das Werk ist weder nur Sittenbild noch nur Liebesfilm noch nur Sterbedrama. Es ist alles gleichermaßen, entfacht Synergien und bedingt einander. Wie Mina, Halim und Youssef, die letztendlich eine vollkommene Einheit bilden. Dieses Filmwunder aus Marokko, das weder zu viel noch zu wenig sagt, dass die goldene Mitte trifft und zutiefst berührt, muss man gesehen haben.

Das Blau des Kaftans (2022)