Prophecy of the Devil (2025)

DER TEUFEL HAT JA SONST KEINE FREUNDE

4,5/10


Der verzweifelte Nicolas Cage als Josef im Film The Carpenter's Son
© 2025 Magnolia Pictures


ORIGINALTITEL: THE CARPENTER’S SON

LAND / JAHR: USA, FRANKREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: LOTFY NATHAN

KAMERA: SIMON BEAUFILS

CAST: NICOLAS CAGE, NOAH JUPE, FKA TWIGS, ISLA JOHNSTON, FISAYO AKINADE, SOUHEILA YACOUB U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN



Das schätze ich am guten alten Nicolas Cage. Für nichts ist sich der Mann zu schade. Wenn ihm was gefällt, macht er es. Wenn er eine Figur noch nicht gespielt hat, wie zum Beispiel den biblischen Josef, dann wagt er es.

Zimmermann vor der Kamera

Warum auch nicht. Schauspiel ist für diesen Mann ein Handwerk, keine wasweißich wie geartete verkrampfte Kunst, in die man sich, wie es manche tun, wochenlang vergraben muss, um vielleicht dann auch in dieser Rolle zu bleiben, die ganze Zeit, auch abseits vom Set. Ein bisschen wirr, oder? Das kann Nicolas Cage auch so: nämlich wirr genug sein. Und laut. Was schreit er nicht herum, wenn der kleine Jesus von Nazareth wieder mal nicht das macht, was man ihm aufträgt.

Blättern in den Apokryphen

Über die Kindheit des christlichen Heilbringers steht in den offiziellen Schriften der Bibel so gut wie gar nichts. Allgemeingebildete wissen: Ganz so ist es nicht, schließlich gibt es da noch die Anti-Bibel, die sogenannten Apokryphen, die verbotenen und unveröffentlichten Evangelien, weil sie einfach nicht jenem christlich-humanitären Bild entsprechen, welches das Neue Testament vermitteln will.

Das am meisten verbreitet Schriftstück ist dabei das Evangelium nach Thomas, ein rund zwei Jahrhunderte nach Christus verfasstes, teils gnostisches Werk und mit hoher Wahrscheinlichkeit kaum eine Mitschrift von Jesu juveniler Jahrzehnte. In denen hatte er es nämlich, laut Thomas, faustdick hinter den Ohren.

Ein Mädchen, das nicht so ist wie es scheint

Was er damals schon beherrscht hat als Dreikäsehoch, das waren Wunderheilungen. Mit anderen Worten: reinste Magie. Als besten Freund für allerlei Schabernack an seiner Seite: Der Teufel. Nie und nimmer wird er auch später dabei innehalten, den heiligen Mann in Versuchung zu führen. Die vierzig Tage in der Wüste sind noch lange hin. Um hier schon mal Vorarbeit zu leisten und den Messias in spe auf die Probe zu stellen, gibt sich der Leibhaftige als junges Mädchen aus. Und zeigt dem jungen Jesus, wie schlecht und unwürdig die Menschheit doch ist, um sie letzten Endes, einige Jahrzehnte später ans Kreuz genagelt, retten zu wollen.

Jesus, Maria und Josef!

Die heilige Jungfrau Maria, gespielt von Musikerin FTA Twigs, ist längst in diversen Sphären abgeglitten, wie eben jemand, der jungfräulich empfangen hat und noch dazu vom Nachwuchs weiß, dass dieser mal in die Weltgeschichte eingehen wird.

Josef hat jedoch nichts davon: ein verzweifelter und zweifelnder Griesgram, der, gerade erst aus dem ägyptischen Exil zurückgekehrt, immer noch bangen muss, von den Römern erwischt zu werden. In diesem dunklen, schattenfleckigen Setting eines levantinischen Olivenhains braut sich also was zusammen. Was genau, wird jedoch selten klar, denn so richtig stringent entwickelt sich Prophecy of the Devil (Im Original The Carpenter’s Son) nicht gerade. Als junger Jesus darf Noah Jupe, zuletzt gesehen in The Death of Robin Hood, den Erwartungen überraschend bibelkonform entsprechen – so, als hätte Autorenfilmer Lotfy Nathan dringlich versucht, das ausgesonderte Evangelium zu rehabilitieren.

Die missglückte Emanzipation des Josef

Und dennoch bleibt er mit seiner metaphysischen Momentaufnahme unentschlossen zwischen diversen Charakteristika, die diese Bibelinterpretation festigen sollen, hängen. Soll das ganze Horror sein? Das Coming-of-Age von Jesus, der selbstredend nur Bahnhof versteht im Bezug dessen, was ihm das Göttliche zuflüstern will? Oder ist Jesus nur Sparringpartner für einen Josef, dem nichts erspart bleibt und dessen Verschwinden aus den Evangelien nach Jesu Geburt erklärt haben will?

Diesmal dreht Nicolas Cage seine Figur deutlich zu laut auf, gebremst hat ihn Lotfy Nathan dabei nicht – und ihn mehr oder weniger zu einer belächelnden Frustrationsfigur verwandelt, die die Autorität der Josef-Figur dann noch mehr untergräbt als ohnehin schon.

Der Teufel hat es in sich

Beachtenswertes Kernstück dieses dunklen, zerfahrenen Versuchs einer Exegese ist die beeindruckende Schauspielerin Isla Johnston (Das Damengambit). Ihre einschüchternde und unberechenbare Interpretation des Teufels hat einen besseren Film verdient. Zumindest einen, der noch mehr in existenzielle Fragen abtaucht und Jesu Selbstbewusstsein herausfordert. So richtig in medias res ist dabei noch kein Film gegangen.

Prophecy of the Devil hätte genau darin sein Potenzial entfalten können, wenn Josefs Gezeter nicht andauernd dazwischenfunken würde.

Prophecy of the Devil (2025)

The Death of Robin Hood (2026)

ACH, WÄR ICH DOCH MEIN MYTHOS

7/10


Hugh Jackman als Robin Hood in The death of Robin Hood von Michael Sarnoski© Panda Lichtspiele Filmverleih 


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE / DREHBUCH: MICHAEL SARNOSKI

KAMERA: PAT SCOLA

CAST: HUGH JACKMAN, JODIE COMER, BILL SKARSGÅRD, MURRAY BARTLETT, NOAH JUPE, FAITH DELANEY, JADE CROOT, TABITHA SMYTH, CLIVE RUSSELL, BEAU THOMPSON U. A.

LÄNGE: 2 STD 2 MIN



Wie wir alle wissen, gibt es im Genre des Westerns sämtliche Unterkategorien, von denen manche – auch ich – noch nie etwas gehört haben. Zum Beispiel der Begriff Acid-Western. War euch der geläufig? Viel eher lässt sich mit der Bezeichnung Spätwestern etwas anfangen – was sich aber, fälschlicherweise, nicht auf die zeitliche Ebene bezieht, in der ein solcher Western spielen soll. Sondern auf die Melancholie und die Schwere später Einsicht, die Akzeptanz eines Endes, auf den Abgesang.

Raus aus den Strumpfhosen!

Auch im Historienfilm, oder eben im Genre des Mittelalterfilms, gibt es ihn: Den Spät-Mittelalterfilm. Und gab es ihn vorher nicht, hat ihn Michael Sarnoski jetzt, mit seinem Death of Robin Hood, endlich etabliert. Natürlich lässt sich Robin und Marian von Richard Lester auch als Spät-Mittelalterfilm bezeichnen.

Auch dort ist der Vagabund des Sherwood Forest eine alternde, desillusionierte Persönlichkeit, die das Abenteuer bereits weit hinter sich gelassen hat. Sarnoskis Mythos des Helden in Strumpfhosen, mit Feder in der Kappe und Sinn für Gerechtigkeit – den gibt es nicht. Oder eben nur in Geschichten. Und selbst diese Geschichten sind nur Ausreden dafür, dass einer wie Robin Hood eben plündern, morden und brandschatzen kann, was geht – trifft es doch laut eigener Meinung sowieso immer nur die „Bösen“.

Vom Monster, das keines mehr sein will

Mit so einem Robin lebt man eher mit Arm ab als dass man arm dran dahinvegetiert in einer Welt, die so unwirtlich, undankbar und gewalttätig ist, dass selbst einer wie Robert Eggers seinen Northman als braven Buben präsentieren kann, der auch nur einfordert, was ihm zusteht, während dieser Robin Hood hier sein Lebtag lang nur genommen hat, was nicht sein eigen ist.

Und jetzt – Jahrzehnte später, der Mann ist alt, mit verfilztem grauem Haar wie ein erschreckend auf Entzug gesetzter Geralt von Riva aus dem Witcher-Kosmos – denkt der große Bogenschütze über sein Leben nach. Und er ist müde, womöglich krank, jedenfalls einfach durch und durch desillusioniert, weil auf der Habenseite dieses Lebens nichts mehr existiert außer die Freiheit. Manche würden sagen: das ist ja nicht nichts. Aber Geborgenheit, Ruhe, ein Platz zum Verweilen – wäre angesichts des Lebensabends durchaus wünschenswert. Und auch die Tatsache, dass das, worauf einer wie Robin Hood zurückblicken kann, irgendwie nichts wert ist.

Morden ist wie Blumenschneiden

An Disneys kecken Fuchs ist dabei nicht zu denken. An Kevin Costners edler Gesinnung, unterlegt von Bryan Adams schmachtender Stimmlage, auch längst nicht mehr. Michael Sarnoski (Pig, A Quiet Place: Tag eins) liefert uns unwirtliche, sturmumtoste Hochebenen und einen beissenden Schneesturm. Hier ist es endlich kalt, abkühlen lässt es sich alleine durch diesen Anblick einer zumindest was die Witterung angeht lebensfeindlichen Welt, in der ein in Lumpen gehüllter Waldschrat gerne diesen Mythos gelebt hätte, in dem er steckt, der sich selbst verleugnet und für den das Töten immer noch so ist wie Blumenschneiden.

Ist Robin Hood nur eine Variable?

Was hat dieser Mann – überzeugend dargeboten von Hugh Jackman, der hinter seinen Zotteln kaum wiederzuerkennen ist – denn eigentlich noch mit Robin Hood gemein? Das könnte doch genauso gut irgendein anderer Kerl sein, ein anderer Verbrecher. Wie entstand also dieser Mythos?

Nur vage traut sich Sarnoski an die Beantwortung dieser Frage. Er behält sich auch vor, abzubilden, wie es zu diesem Sinneswandel bei Robin Hood überhaupt kommen konnte. Jedenfalls gesellt sich schon zu Beginn der gute alte Little John zu seinem Spezi, der ihn bittet, sein ebenfalls unrechtmäßig erworbenes Hab und Gut einschließlich Ehefrau und Kind zurückzuholen, das ihm von der Familie des von ihm getöteten Ex-Ehemannes entwendet wurde.

Vom Blutrausch zur Besinnung

Die anfänglichen zwanzig bis dreißig Minuten dieses Films sind dann auch eine bis zum Exzess getriebene, archaische Blut- und Gewaltorgie, währenddessen Robin und Little John versuchen, ihr unrechtmäßiges Recht einzufordern. Sarnoski findet Bilder von urtümlicher Kraft, monströse Schattenrisse vor brennenden Höfen, pelzummantelte Hünen, Blut, Beuschel und Gebrülle. Menschen werden zu Tiere, das Mittelalter war furchtbar, richtig furchtbar.

Und dann der Twist – auch der stilistische Twist, die Kamera wird ruhiger, alles wird heller, Jodie Comer kommt ins Spiel als Priorin eines Klosters am anderen Ende des Königreichs. Der halbtote Robin Hood setzt zur Genesung und zur Besinnung an, entdeckt sowas wie Reue und die Möglichkeit, Konflikte auch anders klären zu können als nur mit roher Gewalt.

Die Legende hat keinen wahren Kern

Doch der Mythos wird immer noch nicht zu Robin Hood selbst, er ist das große Versäumnis eines Lebens, eine idealisierte Alternative, die einer wie er hätte leben können. Nun wird’s philosophisch, still, kontemplativ, aber immer noch von einer gewissen animistischen Magie durchdrungen, die gar nicht so sehr Christentum sein will.

The Death of Robin Hood wird zum Abgesang bar excellence, mehr absingen geht nicht. Das letzte bisschen Würde, wenn es denn überhaupt eine gab, lässt Sarnoski seiner Figur nun angedeihen. Diese Ruhe, diese Entwicklung alleine im Gespräch, in den Blicken und im Bauen von Bögen mag die Erwartungshaltung so mancher für diesen Film, die mit den ersten zwanzig Minuten gut konnten, völlig zuwiderlaufen und auch enttäuschen.

Am Ende siegt die Selbstgerechtigkeit

Doch man tröste sich, die Enttäuschung teilt man sich mit Robin Hood, den die Selbstgerechtigkeit dann doch noch holt. Lieber gleich wissen, was gut und richtig ist, denkt sich der auf ein sinnloses Leben zurückblickende, als sich nach Lust und Laune durch ein solches treiben zu lassen, dessen Weg unzählige Leichen pflastern.

Niemals wieder wird Robin Hood so sehr entzaubert werden können wie hier. Beschützer der Witwen und Waisen? Zumindest am Ende noch. Doch selbst da beugt er sich keinem Willen.

The Death of Robin Hood (2026)

Hamnet (2025)

DER TOD EINES PRINZEN

9/10


© 2025 Universal Pictures International Austria


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE: CHLOÉ ZHAO

DREHBUCH: CHLOÉ ZHAO, MAGGIE O’FARRELL

KAMERA: ŁUKASZ ŻAL

CAST: JESSIE BUCKLEY, PAUL MESCAL, JOE ALWYN, EMILY WATSON, JACOBI JUPE, OLIVIA LYNES, BODHI RAE BREATHNACH, JUSTINE MITCHELL, NOAH JUPE, SAM WOOLF, FREYA HANNAN-MILLS, JAMES SKINNER, ELLIOT BAXTER U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN



Es passiert äußerst selten, dass ich mich von Filmen so dermaßen emotionalisieren lasse, dass ich mir über Augentrockenheit keine Sorgen machen muss. Nicht weil ich ein Herz aus Stein habe, sondern stets eine gewisse Distanz wahre zu den Charakteren, die auf der Leinwand oder am Bildschirm durch das Tal der Tränen müssen. Ich kann mich noch gut an Nanni Morettis Drama Das Zimmer meines Sohnes erinnern. Rotz und Wasser waren währenddessen behelfsmäßige Platzhalter für eine Achterbahn der Verlustempfindungen. Schließlich handelte der Film, ähnlich wie Hamnet, vom Ableben eines geliebten Kindes, eines Sohnes. Als hätte ich schon damals erahnt, dass ich irgendwann später selbst Vater eines solchen werde, hat mich diese absolut kitschfrei dargebrachte Chronik eines Schicksalsschlages tief berührt, einschließlich Kloß im Hals, Druck auf der Brust, etc.

Von der Manipulation von Gefühlen

Ich hüte mich aber tunlichst davor, Filme wie jenen von Nanni Moretti und auch Chloé Zhaos Verfilmung des Romans von Maggie O‘Farrell, der sich Judith & Hamnet nennt, mit berechnenden Tränendrüsendrückern gleichzusetzen. Der Unterschied liegt dabei in ihrer Wahrhaftigkeit. Im Kino gibt es gewisse Parameter, die im Publikum die gewollte Wirkung erzielen – am Ende gerne mit Griff zum Taschentuch. Wie Hits aus der Schlagerbranche können diese Gefühlswelten manipulieren, wohlwissend, dass zwar jeder Mensch als Individuum auf unterschiedlichste Weise gemütsmäßig abgeholt werden kann, es aber einen basalen gemeinsamen Nenner gibt. Hamnet aber lässt dabei jeglichen Herzschmerz, so wie wir ihn kennen, außen vor. Den Film als Herzschmerz zu bezeichnen, als Tränendrüsendrücker, ist, als würde man Äpfel mit Birnen gleichsetzen, als würde man vieles über einen Kamm scheren. Hamnet stößt dabei Türen auf, die ins Innenleben seiner Zuseher führen, die sowieso schon wissen, auf welches Thema sie sich eingelassen haben. Zhao tut dies fast gänzlich ohne Kalkulation, sondern rein mit der schauspielerischen Kraft ihres Ensembles.

Wir gehören zur Familie

Im Fokus agiert dabei Jessie Buckley – sie trägt den Film durchgehend zwei Stunden lang, ohne Atempause, ohne nachzulassen. Und mit einer Intensität, die zugleich unangenehm schmerzhaft, aufsässig und betörend wirkt, die kein Mitleid lukriert, andererseits aber nichts anderes zulässt, als auf eine Weise mitzufühlen, die fast schon vermuten lässt, dass diese Familie im Film, in dieser Welt des 16. Jahrhunderts, fast schon zur eigenen, intimen wird. Als hätte man ein Leben lang schon mit diesen Menschen zu tun gehabt, als würde man Jessie Buckleys Figur der Agnes schon lange kennen. Als wäre sie einem vertraut. Chloé Zhao weiß, wie sie Charaktere näherbringt, sie bettet ihre Agnes zwischen Moos und Wurzeln, als wäre sie mehr mystisches Metawesen als einfach nur ein Mensch. Stets trägt sie Rot, dieses Rot ist isolierter Fremdkörper und Teil des Ganzen zugleich. Meistens aus der Distanz beobachtet Zhao das Leiden einer Unangepassten, die eigentlich nur rein zufällig zur großen Liebe eines zeitlosen Poeten wird: William Shakespeare.

Die Mehrdeutung eines Zitats

Der geht mit dem irreversiblen Schicksalsschlag ganz anders um. In einer Szene steht der vom Schmerz der Trauer und des Selbstvorwurfes gebeutelte Dichter an der Themse eines historischen, völlig unverkitscht dargestellten London (von welchem man durchwegs den Eindruck erhält, man sähe dokumentarisches Archivmaterial, was natürlich schier unmöglich ist) um, vom Mond beschienen und in der Düsternis verharrend, die markanten Textzeilen von sich zu geben, als hätte er sie eben gerade erst ersonnen, weil er nicht glauben kann, dass Hamnet, sein Junge, einfach nicht nicht mehr da sein kann: Es entstehen die Worte, die wir alle kennen: Sein oder nicht sein. Das ist hier die Frage.

Spätestens jetzt weiß man längst, man hat es mit einem Meisterwerk zu tun, mit einem immersiven Brocken an Filmkunst, die sich selbst nicht wichtig nimmt, und gerade durch diese puristische Bescheidenheit nicht nur in der Darstellung des Damals so direkt ins eigene Spektrum der Wahrnehmung vordringt. Fallenlassen so wie in Mascha Schilinskis In die Sonne schauen, das Erlebte ,ohne viel nachzudenken, wahrnehmen und einfach nur zu spüren: Mitunter lässt sich die Intensität kaum ertragen, und dann aber wechselt Zhao den Fokus. Sie spart aus, was der eigene Geist ergänzt. Sie zitiert dort, wo die Essenz einer Tragödie anderes verlangt, und wählt die so ängstlichen wie verzweifelten Äußerungen von Schwester Judith, die nicht glauben kann, dass der Leichnam der eigene Bruder ist.

Die Bühne als Bewältigung

Judith und Hamnet sind neben der fiktiven Biografie von Agnes der zweite Schauplatz von Hingabe und Definition der eigenen Existenz – die Romanvorlage trägt beide Namen sogar im Titel. Auch hier ist diese Szene der Wendepunkt, unterfüttert von einem vagen Mystizismus, der so unprätentiös in diesen knallharten Lebens-und Überlebenskampf verwoben wird wie die Darbietung eines der berühmtesten Stücke der Welt. Wenn sich Agnes dann unters Volk mischt und erfährt, wie der Vater und Dichter Shakespeare seinen eigenen Zugang zur Bewältigung darstellt, kehrt die Kamera immer wieder zu Jessie Buckley zurück – ihre Mimik gleicht einem Gebirgsbach: Mal ist es ein Wollen, dann ein Nicht-können, dann ein Wagen und Einlassen auf diese geschaffene Möglichkeit des Abschieds. Noah Jupe gibt dabei den Hamlet, während sein Bruder den von der Pest dahingerafften Hamnet gibt. Man spürt diese hintergründige Verbindung. Und nicht nur die.

Der steinige Weg ist der spürbare

Hamnet mag keine leichte Kost sein, doch ganz ehrlich: Von leichter Kost lässt sich selten etwas mitnehmen, auch nicht von kolportierten Emotionen aus schwülstigen Dramen. In keiner einzigen Sekunde läuft Zhaos großer Wurf Gefahr, melodramatische Simplizität für sich zu nutzen, ganz im Gegenteil. Hamnet macht es sich bewusst selbst schwer, wählt den steinigen Weg, doch dieses direkte Daraufzugehen dorthin, wo es wirklich wehtut, macht sich bezahlt.

Chloé Zhao dosiert ihre Bildwelten, die Länge ihrer Szenen, den emotionalen Grenzgang in Form eines Ausbruchs in so punktgenauer Komposition, die nur gelingt, weil sie wieder der Erwartungshaltung den Schnitt setzt. Und dort länger draufhält, wo man selbigen erwartet. Dieser Bruch erzeugt eine ganz eigene Melodie. Genau dann entfaltet sich diese ganz eigene Melodie in diesem ganz eigenen Rhythmus, dessen Echo lange nachklingt. Der Rest, so heisst es am Ende von Hamlet, ist Schweigen. Tatsächlich fehlen einem nach diesem Erlebnis die Worte.

Hamnet (2025)

No Sudden Move

DIE PAPIERE, BITTE!

6/10


no-sudden-move© 2021 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved. / Claudette Barius

LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: STEVEN SODERBERGH

CAST: DON CHEADLE, BENICIO DEL TORO, KIERAN CULKIN, DAVID HARBOUR, AMY SEIMETZ, BRENDAN FRASER, RAY LIOTTA, JON HAMM, NOAH JUPE, BILL DUKE, MATT DAMON

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


Wenn Steven Soderbergh wieder mal eine völlig anders geartete Idee als bisher im Kopf hat und dafür einen Cast zusammenstellen will, dann stehen sie allesamt Schlange. Das ist fast schon so wie bei Wes Anderson mit seinen penibel arrangierten Tableaus – die Liste der Stars findet erst spät sein Ende. In No Sudden Move ist allein das Who is Who schon sehenswert. Und man entdeckt Schauspieler wieder, die schon länger von der Bildfläche verschwunden waren und noch nicht von einem wie Tarantino wieder aus der Versenkung geholt wurden. Wie zum Beispiel Brendan Fraser. Der hat zumindest wieder ein Engagement in der Superheldenserie Doom Patrol, allerdings erkennt ihn da keiner. Oder Steingesicht Ray Liotta, der abseits von Scorsese wohl auch eher selten zu sehen ist. Dabei haben beide durchaus so einiges am Kasten, ganz so wie die übrigen Namen auf der Besetzungsliste. Darunter „War Machine“ Don Cheadle oder Benicio del Toro.

Die beiden sind das eigentliche Gespann des gefühlt waschechten Film Noir ohne Femme Fatale. Beide sind Kriminelle, die gut und gerne für die unterschiedlichsten Parteien des organisierten Verbrechens arbeiten, außer zurzeit für Frank. Nur nicht für Frank. Einer ihrer Aufträge klingt gar nicht mal so schwierig: sie müssen den Buchhalter von General Motors dazu bringen, Unterlagen aus dem Tresor seines Chefs zu entwenden, die heiß begehrten Inhalts sind. Cheadle und Del Toro nehmen derweil die Familie des Genötigten als Geisel, während ein Dritter mit ihm ins Büro fährt. Während des Coups stellt sich heraus, dass viel mehr Parteien an diesen Papieren interessiert sind als nur der eine Auftraggeber. Natürlich ist Frank mit im Spiel, aber auch die Gegenseite unter der Führung des schwarzen Unterweltlers Watkins. Bei so viel Nachfrage und so wenig Angebot heißt es nun, eigenmächtig den Preis zu erhöhen – und alle gegeneinander auszuspielen.

Wir wissen, dass Soderbergh es gerne vertrackt mag. Mit vielen weitergesponnenen, parallel laufenden Fäden, die jeweils zu einem Dutzend anderer Namen gehören, denen aber eine gemeinsame Basis zugrunde liegt, die irgendwann nur noch fahle Erinnerung bleibt. Bei No Sudden Move (Drehbuch: Ed Solomon, verantwortlich für Die Unfassbaren) arbeitet sich die Geschichte vor wie ein Sprung im Glas, der sich weiter verzweigt. Vom Tage übermüdet sollte man nicht sein, ein erfrischtes Hirn und ein ausgeprägtes Namensgedächtnis wären ratsam, denn sonst könnte es ab der Hälfte des Films ein bisschen konfus werden. Cheadle und del Toro bleiben aber stets auf der Spur, telefonieren oder kauern sinnierend irgendwo herum, um ihre Gier für den ganz großen Deal so gut es geht ohne Verluste mit Machbarem zu kompensieren. So viele Gegner versprechen allerdings auch sehr viele Zufälligkeiten, die als Variable durch den Krimiplot geistern.

No Sudden Move ist eine verkopfte Fast-Gaunerkomödie ohne viel Schwermut. Was Soderbergh dabei so eigen ist, und er damit zumindest emotional das Publikum kaum abholt, ist die fehlende Charakterentwicklung seiner Figuren, die wie festgelegte Online-Rollenbilder ein eloquentes Drehbuch tragen. Gut, das nimmt einen zwar nicht mit, ist aber auch kein großer Fehler, denn was sich immerhin weiterentwickelt, ist die Anzahl der Beteiligten, die, wie schon in Logan Lucky, für zwei süffisante Krimistunden sorgen. Sofern man den Überblick behält.

No Sudden Move

A Quiet Place 2

ALLE MAL HERHÖREN!

7,5/10


aquietplace2© 2020 Paramount


LAND / JAHR: USA 2020

BUCH / REGIE: JOHN KRASINSKI

CAST: EMILY BLUNT, MILLICENT SIMMONDS, NOAH JUPE, CILIAN MURPHY, DJIMON HOUNSOU U. A.

LÄNGE: 1 STD 37 MIN


Selten haben wir Menschen so sehr etwas nicht im Griff gehabt. Und damit meine ich nicht unser Virendilemma in der für uns allen synchronisierten Wirklichkeit. Da scheint es zumindest in einigen Teilen der Welt langsam bergauf zu gehen. So wirklich am Allerwertesten ist Homo Sapiens diesmal nicht wegen mikroskopisch kleiner Lebewesen, sondern aufgrund raumfüllender, bissfreudiger und höchst gelenkiger Akrobaten. Raubtiere from Outer Space, soviel wird zu Beginn des Sequels zu A Quiet Place sofort klar. Diese Dinger landen überall auf der Welt. Doch wie konnte das nur passieren, dass wir diesen animalische Riesen, die weder über irgendeine Art Technologie verfügen noch in ihrem Instinktverhalten schwer zu durchschauen sind, einen ganzen Planeten überlassen? Angesichts hoch aufgerüsteter Staaten, forschenden Koryphäen und einem gesunden Menschenverstand wären die blinden Wüteriche, die sicherlich irgendwie mit Venom verwandt sein müssen, als Plage sehr schnell vom Angesicht dieser Erde getilgt. Die Welt, so scheint es, dürfte aber so einiges verschlafen haben, vielleicht waren auch zu viele Lobbies darin involviert, zu viele Begehrlichkeiten, die alle Seiten in der Umsetzung ihrer Strategien gehemmt haben.

Hätte die Menschheit nur halb so viel Vernichtungsfreude an den Tag gelegt wie bei einigen unserer ausgerotteten und unwiederbringlichen Tierarten, gäbe es kein Quiet Place. Wenn überhaupt, dann nur einen Sommer lang. Auf dieser hinterfragungswürdigen Basis errichtet Joseph Krasinski voller Elan das Da Capo zu einem sehr erfolgreichen Kinokassenschlager. Die bewährten Zutaten sind abermals ein kleiner, überschaubarer Plot und ein spezieller Kniff: Die Aliens können nicht sehen, aber verdammt gut hören. Wie Hunde eben. Nach dem Prolog macht der Film genau da weiter, wo das Original zuletzt geendet hat. Mutter Emily Blunt streift mit ihren drei Kindern barfuß durchs Land (Wie wär’s mit Sneakers?). Wohin, ist nicht klar. Kurze Zeit später entdecken sie einen alten Bekannten wieder. Der hat sich aber stark verändert, nicht nur optisch. Auch sein Charakter gleicht dem eines einsamen Mad Max, der sich in einer alten Fabrik verschanzt hat. Hilfe ist von ihm erstmals keine zu erwarten. Angesichts dieser Umstände muss Töchterchen Regan (tough: Millicent Simmonds) die Sache allein in die Hand nehmen, hat sie doch die Position des einzigen noch aktiven Radiosenders lokalisiert, der sichere Zuflucht verheißen könnte – und gar nicht mal so weit weg liegt.

Obwohl ich den ratlosen Protagonisten in A Quiet Place 2 händeringend das Offensichtliche begreifbar machen möchte, ist es letzten Endes ein jauchzendes Vergnügen, wenn endlich der Groschen fällt. Bis es so weit kommt, macht John Krasinski auch schon im Vorfeld vieles richtig. Und vielleicht gelingt ihm dabei sogar mehr als bei seinem Erstling. Das Spiel mit der Stille, kombiniert mit den knackenden Geräuschen der Aliens, bietet Breitseiten für kreatives Austoben. Der Suspense mag vorhersehbar sein, die Intermezzi und die listigen Duelle mit den Kreaturen erinnern frappant an die schönsten Begegnungen mit Ridley Scotts Xenomorph. Krasinskis staksende Wesen punkten nebst ihrer schaurigen Wertigkeit als absolute Hingucker mit  durchdachtem Creature-Design und kommen diesmal auch mehr zur Geltung. Dabei sind sie wie in Alien immer Teil ihrer Umwelt, verschmelzen mit Maschinen, werfen expressionistische Schatten. Klassisches Monsterkino.

Auch wenn Emily Blunt und Co und überhaupt die ganze Menschheit hier lange nicht eins und eins zusammenzählen können – versöhnlich stimmt, dass Krasinski leeren dramaturgischen Floskeln aus dem Weg geht. Sein Finale ist überdies grandios gelungen. Dicht, flott geschnitten und mit stimmigem Score hinterlegt. Das knappe und gleichermaßen sehr elegante Ende macht manch Fragwürdiges wieder gut, ist knackig und hat Understatement. Meines Erachtens nach wäre die Geschichte rund um eine Bioinvasion wie diese somit punktgenau auserzählt. Ein weiterer Teil könnte den Eindruck erwecken, lediglich die Kuh – oder das Monster – melken zu wollen. Das könnte zur Folge haben, dass keiner mehr hinhören will.

A Quiet Place 2

Honey Boy

OH MEIN PAPA…

6,5/10


honeyboy© 2020 Amazon Studios

LAND: USA 2020

REGIE: ALMA HA’REL

DREHBUCH: SHIA LABEOUF

CAST: SHIA LABEOUF, NOAH JUPE, LUCAS HEDGES, CLIFTON COLLINS JR., FKA TWIGS U. A. 

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


…war eine wunderbare Clown“. Nicht nur Freddy Quinn, sondern auch Shia LaBeouf können davon ein Liedchen singen. Letzterer beruft sich dabei aber auf seine eigene Art von entbehrungsreicher Kindheit, aus der es sich nicht unbeschadet hervorgehen lässt, sowas bringt je nach Intensität eine posttraumatische Belastungsstörung mit sich. Erstens ist einem Kind mit gerade mal zwölf Jahren der Status eines Kinderstars auch nicht egal, und zweitens übernimmt man als Kind mit gerade mal zwölf Jahren auch nicht gerne die Verantwortung über eine Vaterfigur, die nicht von sich behaupten kann, für den eigenen Nachwuchs ein gutes Vorbild zu sein. Im Film heißt der Junge Otis, und Oh mein Papa deswegen, weil nämlicher tatsächlich mit clownesken Nummern inklusive Theaterhuhn sein Geld verdient hat. Aber wie so oft im Showbiz: die rote Nase kommt dann eher vom Hochprozentigen. Um den Altvorderen wieder auf die Spur zu holen, gibt´s einen neuen Job. Auftraggeber: der eigene Sohn, der aufgrund seines Engagements ein gutes Einkommen hat und der seinen Vater somit aus der Gosse holt. Was nicht heißt, dass Otis nicht auch noch einen väterlichen Support vom Jugendamt beigesteuert bekommt – der aber für den leiblichen Vater ein rotes Tuch zu sein scheint. Bei so einem Durcheinander erzieherischer Parameter sind Konflikte und Abstürze vorprogrammiert.

Und daher verwundert es nicht, dass Honey Boy auf zwei Zeitebenen fährt, um Symptom und Ursache gegenüberzustellen. Als erwachsener Otis (also eigentlich Shia LaBeouf) gibt Lucas Hedges den rastlosen Set-Tiger, der im 24Stunden-Takt und mit allerlei unterstützenden Drogen andauernd auf hundert Sachen fährt und mitunter auch so manchen Schaden verursacht. Was folgt, ist eine Zwangseinweisung in ein Therapiezentrum, um der Psyche Herr zu werden. Im Zuge dessen erzählt Hedges aus seiner Vergangenheit – in der wir Noah Jupe (bekannt aus Wunder oder A Quiet Place) und natürlich einem verfremdeten Shia LaBeouf begegnen, mit Halbglatze und schulterlangem Haar, was irgendwie widerlich aussieht. Ungefähr genauso gibt sich der Filmvater, zeigt sich von einer sagenhaft herablassenden Seite und meint, auf diese Weise die Abhängigkeit von seinem Sohn kompensieren zu können. Honey Boy wird zu einem familiären Krankheitsbild, zu einer kleinen, konzentrierten Studie über Abhängigkeiten und dem Hinterfragen von hierarchischer Ordnung innerhalb eines Familiensystems. Unterm Strich wird klar, dass die Hilflosigkeit der eigenen Eltern zu einer Bürde der Verantwortung für den Nachwuchs wird, der diesen Brocken einfach niemals stemmen kann – und auch niemals sollte.

Shia LaBeouf sieht man vermutlich mit anderen Augen. Und nicht nur ihn, vielleicht auch so manch eine andere exaltierte Rampensau, die womöglich niemals jemanden hatte, der in der Erziehung die so wichtigen Grenzen gezogen hat. Eine intime, persönliche Arbeit ist Honey Boy geworden – nichts fürs große Kino. Aber ganz bestimmt für den Ex-Transformers-Star – als erklärendes Statement für sein eigenes Verhalten.

Honey Boy

A Quiet Place

HAST DU TÖNE!

6,5/10

 

null© 2018 Paramount Pictures

 

LAND: USA 2018

DREHBUCH UND REGIE: JOHN KRASINSKI

CAST: EMILY BLUNT, JOHN KRASINSKI, MILLICENT SIMMONDS, NOAH JUPE U. A. 

 

Besser spät als nie: den Überraschungshit von Ehepaar Krasinski/Blunt kann ich nun endlich von meiner Watchlist streichen. Die Kritikerstimmen aus dem Off ließen sich ja damals schwer ausblenden. Von innovativ bis sauspannend war alles zu hören. Ich ging in diesen Film also nicht ohne Vorbehalt und nicht ohne einer aus medialer Beeinflussung resultierender Erwartungshaltung. A Quiet Place also. Horror vom Feinsten? Eigentlich – und zum Glück für mich – weniger.

John Krasinksis Idee ist natürlich genial. Er schafft eine alternative Realität, in der wie mit dem Finger geschnippt (ähnlich wie bei Thanos) eine wenig autochthone Spezies auftaucht, die urplötzlich am Ende der Nahrungskette steht. Ein Bio-Invasor allererster Güte, da können sich Kaninchen, Langschwanzmakaken oder all die Nachtbaumnattern auf Guam einiges abschauen. Aber nicht, dass man sich nun ein Invasionsszenario wie in Independence Day vorzustellen hat, nein. Das ist nicht das Einfallen einer intelligenten Zivilisation, ganz im Gegenteil. Diese Kreaturen sind Tiere niedrigsten Instinkts. Blinde Carnivoren, die nur eines verdammt gut können – na gut zwei Dinge – mindestens so gut hören wie eine Fledermaus und tödliche Ohrfeigen verteilen. Ich denke mal da spürt man fast nichts, denn diese artspezifische Maniküre macht jeden Widerstand zwecklos. Wenn diese Viecher also nichts hören, ist alles gut. Leise sein ist die oberste Devise. Das sind natürlich Einschränkungen, so will keiner leben. Aber es muss, anders geht’s nicht. Musik schallt nur mehr via Ohrstöpsel, und die Gebärdensprache ist das neue Englisch.

Die trauernde Familie Abbott (zu Beginn des Films gibt’s gleich den ersten Schicksalsschlag) hat es sich also fernab urbaner Gefilde recht kommod eingerichtet. Sie bewältigen den Alltag, die Kreaturen sind allgegenwärtig. Größtes Problem allerdings – und darauf hängt Krasinski seinen Spannungsbogen auf – ist die Schwangerschaft von Emily Blunt. Mehr brauche ich dazu nicht sagen: Babys schreien nun mal, wenn sie auf der Welt sind, und die Geburt selbst verläuft vermutlich auch nicht gerade im Flüsterton. Hier tut sich für mich schon das erste große Fragezeichen auf: warum nur wird Frau während dieser konstanten Katastrophe schwanger? Es ist ja nicht so, dass sie vorher schon, bevor das Fingerschnippen eingesetzt hat, schwanger wurde – nein. Sondern während bereits alles im Argen lag. Man muss mit der Krise leben, schon klar, aber ich mach´s mir nicht schwerer als es ohnehin schon ist. Was noch seltsam und gleichzeitig nicht ganz so durchdacht anmutet: der Film gewährt uns einen Einblick rund eineinhalb Jahre nach der – sagen wir mal – Invasion, und der Mensch mit seinem Stand des Wissens und der Technik hat es nicht geschafft, herauszufinden, womit man den Tieren Herr werden kann? Während der Koexistenz von Mensch und Tier haben es erstere ohnehin nicht nur einmal geschafft, ganze Spezies auszurotten. Das Halali zur Jagd überhört Homo sapiens nur ungern, Waffen sind genug gebunkert, das ganze Militär wäre endlich für etwas gut. Bio-Invasoren gehören natürlich verdrängt, um das Ökosystem wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

In A Quiet Place hat die globale Bevölkerung anscheinend keinen Finger gerührt. Sei´s drum, vielleicht sollte man hier nicht allzu viel über plausible Gegebenheiten nachdenken, vielleicht ist unsere Zivilisation schon von etwas ganz anderem vernichtet worden. Einblicke und Erklärungen gibt’s in diesem Film bis auf ein paar Spickzettel im Office des Papas keine. Das ist fast zu wenig. Aber gut. Was zählt ist die Idee, und die kostet Krasinski 90 Minuten lang aus. Wichtig ist ihm hier das Element des Hörens und Gehörtwerdens. Die Toneffekte sind genial, aus der absoluten Stille heraus werden gar leise Knackgeräusche zum explosiven Kick-off aus der Resignation. Weder Blunt noch Krasinksi noch sonst wer sind die Stars des Films, sondern der Sound. Das alleine ist ein Kunststück. Es ist das Duell zwischen einer aphonen Welt und dem Weltreich des Klangs. Das birgt jede Menge faszinierende Szenen, und nicht zuletzt ist auch das Wesen selbst ein dringend zu offenbarendes Ergebnis kreativer Creature-Designer, die ein Hör-Wesen geschaffen haben, das so noch nie zu sehen war. Für mich als Monsterfan eine Augenweide, fast schon so gut wie Gigers Xenomorph. Leise durch die Gegend tapsen werde ich nach diesem Film aber trotzdem nicht. Weil Geräusche können täuschen, traue ihnen nicht 😉

A Quiet Place

Le Mans 66 – Gegen jede Chance

TREIBSTOFF IM BLUT

7,5/10

 

lemans66© 2019 Twentieth Century Fox

 

ORIGINAL: FORD VS FERRARI

LAND: USA 2019

REGIE: JAMES MANGOLD

CAST: CHRISTIAN BALE, MATT DAMON, TRACY LETTS, JON BERNTHAL, JOSH LUCAS, CAITRIONA BALFE, NOAH JUPE U. A.

 

Womöglich hätte ich mir James Mangolds Bolidenchronik ja gar nicht mal zu Gemüte geführt, hätte ich nicht einen rennwagenaffinen Neffen, der mit mir schon längere Zeit nicht im Kino war. Le Mans 66 – Gegen jede Chance hat sich für einen netten Abend zu zweit geradezu aufgedrängt, da konnte ich gar nichts machen. Mit Rennwägen der Marke Ford oder Ferrari habe ich allerdings wenig am Hut. Gut, ich durfte mal in einem knallroten Porsche halbliegend mitfahren, und ein Lamborghini mit Schweinsledersitzen war stets das Anschauungsbeispiel unseres Betriebswirtschaftslehrers an der Grafischen. Was sonst noch ins Gewicht fällt, ist die Tatsache, dass Ron Howards Formel1-Drama Rush für mich zu den wohl besten Sportfilmen überhaupt zählt. Ein Thema, so fern von dem, was mich sonst die Tage beschäftigt, und dennoch so fesselnd. In erster Linie haben das die Schauspieler verschuldet, und zweitens jene Personen, die sie darstellen, wie zum Beispiel Niki Lauda, den niemand wohl besser hätte verkörpern können als Daniel Brühl. Ein außergewöhnlicher Film, und ich habe mir sagen lassen, dass Le Mans 66, der übrigens nichts mit dem Steve McQueen-Vehikel Le Mans aus den frühen Siebzigern gemeinsam hat, genauso ein außergewöhnlicher Film sein könnte, da musste ich nur diverse Rezensionen in einschlägigen Magazinen nachlesen. Großes Kino also. Und es stimmt – Le Mans 66 ist großes Kino, ist vor allem Schauspielkino par excellence, wie man es lange nicht mehr in Ensemble-Formation auf der großen Leinwand gesehen hat. Wen wundert’s – Christian Bale wandelt wieder mal auf chamäloiden Pfaden und interpretiert seinen Ken Miles mit Manierismen, die er sich anscheinend neu erarbeitet und von keiner seiner bisherigen Rollen geliehen hat.

Dazu James Mangold, der sich als ungemein empathischer Regisseur bemerkbar macht. Sowohl die Biografien, die er inszeniert, als auch die Künstler und Künstlerinnen dahinter gewinnen ihr Publikum durch eine selten erreichte Lebensnähe, durch ein gewisses Naturell und einer narrativen Griffigkeit. Mangolds Zeitgeschichten sind längst nicht nur die Abbildung des Gewesenen, sondern sie sind auf eine rustikale, traditionelle Art enorm ausgewogene Dramen, die sich an die Erzählfertigkeit früher amerikanischer Größen orientiert, wie Tennessee Williams oder Eugene O´Neill. Hätte einer von beiden ein Sportdrama geschrieben, wäre ähnliches entstanden wie Le Mans 66. Und Mangold weiß: Mit einem nerdigen Sportfilm alleine wird er dem Imperativ eines klassischen Kinos nicht gerecht werden. Das lässt sich schwer auffüllen, nur mit dem Brummen der Motoren, explodierenden Boliden und dem glühenden Asphalt der Rennstrecke, Tachos groß im Bild und was sonst noch alles. Klar, Le Mans 66 hat das natürlich, und inszeniert es auch auf filmtechnisch erlesene Art, am liebsten aus der Sicht des linken oder rechten Kotflügels. Doch was viel wichtiger ist, und viel mehr daraus macht als ein Film über Sportwägen und ihre Leistungsfähigkeit: das ist die Harmonie oder bewusst gesetzte Disharmonie zwischen den Protagonisten, die oftmals sogar unerwartet humorvoll ausfallen. Christian Bale und Matt Damon sind ein fabelhaftes Duo, das ist reinster Genuss, sowohl ihrem jovialen Geplänkel als auch ihren brüderlichen Zugeständnissen beizuwohnen. Bale ist sowieso, wie schon eingangs erwähnt, unglaublich stark, sehr differenziert und auch wenn er den erdigen, Tacheles redenden Rennfahrer genussvoll zitiert, niemals überzeichnet. Seine Rolle ruht in einer greifbaren Plausibilitätsblase, in der sich eben auch Damon wiederfindet – und ganz besonders Tracy Letts als Henry Ford II, dem ich schon jetzt liebend gerne für den Nebenrollen-Oscar gratulieren würde. Unvergessen seine Probefahrt mit Matt Damon und der darauffolgende Aha-Moment – eine Szene, die mir jetzt schon länger in Erinnerung bleiben wird als viele andere.

Die ölverschmierte Leidenschaft für fahrbare Untersätze, vor allem fahrbare Untersätze aus vergangenen Jahrzehnten, die ist in Le Mans 66 so richtig daheim. Und auch wenn die Leidenschaft des Publikums dafür nicht so groß ist, wie zum Beispiel bei mir: Wer Rush mochte, wem es um den menschlichen Faktor dahinter geht, wer mit Fast & Furios zwar nichts anfangen kann, dafür aber mit Fast & Serious, der sollte Le Mans 66 genießen können, ohne gleich 24 Stunden dem Röhren sämtlicher Getriebe zuhören zu müssen. Die aber zumindest zweieinhalb Stunden lang erquickend brummeln.

Le Mans 66 – Gegen jede Chance

Suburbicon

SICH´S RICHTEN ODER GERICHTET WERDEN

6/10

 

suburbicon© 2017 Constantin Film

 

LAND: USA 2017

REGIE: GEORGE CLOONEY

DREHBUCH: JOEL & ETHAN COEN

MIT MATT DAMON, JULIANNE MOORE, NOAH JUPE, OSCAR ISAAC U. A.

 

Der Papa wird’s schon richten – so haben es zumindest mal Bronner und Qualtinger gesungen. Ob der Papa es hier in Suburbicon richten wird, da hat der kleine Nicky so seine Zweifel. Und das völlig zurecht. Der Junge lebt gemeinsam mit seinen Eltern in einer ziemlich langweiligen Einfamilien-Haussiedlung, für welche die Desperate Housewives wohl schwach werden, alle anderen aber großräumig ausweichen würden. Es strotzt hier nur so vor Spießigkeit, ein jeder biedert den anderen an und zumindest die Damen tauschen im züchtig beschürzten Faltenrock Kuchenrezepte aus. Die Männer gehen ordentlich arbeiten, das Heimchen hinter dem Herd wissend. Die 50er Jahre, da hatte alles noch seine Ordnung, denkt der kleinkarierte Chauvinist. In diesem Dunstkreis spielen sich alsbald Dinge ab, die fürchterlich eskalieren. Dabei will doch jeder nur seine Ruhe, und die Frömmsten in Frieden leben. Wobei – fromm ist hier niemand. Diesen Frieden ersehnen auch die Niederträchtigsten. Womit hätten sie das nur verdient? Zuerst alles Geld in den Sand setzen und dann der Mafia die Kohle schuldig bleiben. Geht gar nicht. Also muss der Biedermann Matt Damon mit altväterischer Krankenkassabrille und täuschend rechtschaffener Mimik die Dinge übers Knie brechen. Die Versicherung zum Narren halten. Und nicht nur die – auch den eigenen Sohn. Welcher aber nicht so naiv zu sein scheint wie sein gieriger Vater, der sich gesundgestoßen glaubt, nachdem die Ehefrau bei einem häuslichen Überfall das Zeitliche segnet.

Ganz schön bizarre Verhältnisse, dabei habe ich noch nicht mal die afroamerikanische Familie erzählt, die sich – warum auch immer – an diesem unsäglichen Ort niederlassen hat müssen. In den 50ern war der Rassenhass womöglich noch en vogue, worauf das fortschrittliche Amerika wahnsinnig stolz sein kann. Da gehört es zumindest in Clooneys schwarzer Groteske zum guten Ton, auf die Straße zu gehen und mit dem Kochlöffel auf Pfannen zu klopfen, um böse Geister zu vertreiben. Doch dieser rote Faden gesellt sich nur nebenbei zum eigentlichen Geschehen, damit deutlich bleibt, in welchem gesellschaftlichen Fegefeuer wir uns befinden. Außerdem sind die bigotten Fünfziger eine Zeit, in welcher Joel und Ethan Coen in genüsslicher Verschwendungssucht die Abgründe kleinkarierter Vorteilssucht wie nirgendwo sonst so deutlich karikieren können. Aus ihrer Feder stammt auch, wie kann es anders sein, die Vorlage zu Suburbicon. Und wenn wir nun ehrlich sind – die Wahl des Regisseurs war hier womöglich keine Qual der selbigen, sondern ein sozialergonomischer Freundschaftsdienst, den die beiden Schreiberlinge dem Schönling mit dem Haus am Comer See angedeihen haben lassen. Genauso gut hätte Regisseur XY den Film inszenieren können. Die Handschrift eines George Clooney trägt der Film beim besten Willen nicht. Matt Damon und Julianne Moore muss man auch längst nicht mehr sagen, wie man zu arbeiten hat. Also könnte der Adressat Clooney tatsächlich nur ein netter Promotiongag gewesen sein.

Und doch – das Kaffeekapsel-Testimonial hat solide Arbeit geleistet. Die konsequent augenzwinkernde Vernichtung des Kleinbürgertums mit allerlei Mord- und Totschlag spitzt sich in frappanter Kurzweil einer kleinen Apokalypse entgegen – ohne aber sehr zu überraschen. Denn den Drang, alles haben und Mitwisser dabei aus dem Weg räumen zu wollen, die Sehnsucht nach dem Paradies des Nichtstuns und des Schlendrians – all das hat schon der Gesundheit etlicher Figuren aus dem Coen-Universum geschadet. Die Gier nach Kapitalglück ist ein Hund, auch und gerade erst in Suburbicon. Das Drehbuch variiert gängige Figuren, die aber allesamt kalt lassen, bedient sich aus der eigenen Mottenkiste und schafft mal hier und mal da ganz gewiefte Konstellationen. Sonst aber macht der Film deutlich, dass auch die Kreativität der ganz Kreativen seine Grenzen hat. Das konnte ich erstmals bei Hail, Caesar! erkennen, einem der schwächsten Werke der beiden Brüder. Viel Lärm um nichts, dafür schön ausgestattet. Da wirkt Suburbicon im Vergleich dazu schon straffer, wenn auch einfallsloser. Und die Moral von dieser G´schicht:  Diesmal wird selbst aus dem horrenden Schaden keiner klug. Oder doch? Womöglich der kleine Nicky. Aber der ist dann schon ein Kind der 60er. Des Jahrzehnts des Umbruchs, der da kommen wird.

Suburbicon