Gavagai (2025)

DEM DISKRIMINIERTEN ZUR HAND GEHEN

6/10


Maren Eggert und Jean-Christophe Folly im Film Gavagai
© 2025 Port au Prince Pictures


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, FRANKREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: ULRICH KÖHLER

KAMERA: PATRICK ORTH

CAST: JEAN-CHRISTOPHE FOLLY, MAREN EGGERT, NATHALIE RICHARD, ANNA DIAKHERE THIANDOUM, STACY THUNES U. A.

LÄNGE: 1 STD 31 MIN


Hurra, wir drehen einen Film! Und zwar die wasweißichwievielte Neuinterpretation eines klassischen, antiken Stoffes: Medea. Die Dame war ja nicht gerade zimperlich, was ihren Willen zur Durchsetzung eines Racheplans anging, der den Tod ihrer eigenen Nachkommen zur Folge hatte. Sie selbst, ihrer Heimat den Rücken kehrend, fand sich dann auch im Hofstaat von Jason (ja, der mit dem goldenen Vlies und seinen Argonauten) wieder, allerdings wenig akzeptiert und letztlich verraten von ihm und seiner ganzen angeheirateten Sippschaft.

Der verkehrte Medea-Mythos

Einer Autorenfilmerin, die dem Zeitgeist nicht abgeneigt ist, bleibt fast auch nicht mehr anderes übrig, als diesen Stoff in ein aktuelles, gesellschaftspolitisches Korsett zu stopfen. In diesem Fall wäre es die Verlegung des Schauplatzes in den Senegal. Jason und seine Familie, die zweite Heimat Korinth, alles afrikanisch. Medea selbst: Eine Europäerin.

Also wenn da nicht die Wogen hochgehen! Das Thema der Migration einfach umdrehen. Europa zum Flüchtling werden lassen, Afrika zum Neuanfang. Und dann doch dieser Verrat! Auch der lässt sich ändern. Niemand muss sich an Vorlagen halten, Filmkunst ist frei, wir wissen das spätestens seit Tarantinos Verfälschung der NS-Geschichte. Je freier also die Filmkunst fabulieren kann, umso mächtiger erscheint sie sich selbst.

Die Französin Nathalie Richard verkörpert dabei Filmemacherin Caroline Lescot, die voller Ehrgeiz und Inbrunst einen exotischen Monumentalfilm auf die Beine stellen will, im Geiste eines Federico Fellini – anachronistisch, surreal, aus jeglicher Zeit gefallen und einzig und allein die Umkehr der Rollenbilder auswertend, die so viel über Ressentiments, Xenophobie und vielleicht auch Remigration aussagen können.

Der ganz normale Culture-Clash

Im Schauspielensemble findet sich die in sich ruhende Maren Eggert (Der Spatz im Kamin, Ich bin dein Mensch) als Schauspielerin Maja wieder, die ihrem senegalesischen Schauspielkollegen Nourou (Jean-Christophe Folly) näher kommt. Regisseur Ulrich Köhler (u. a. Schlafkrankheit) umrahmt dabei diese zarte, tropische Romanze mit urbanem Lokalkolorit aus Dakar und Stimmungsbildern hektischer Improvisation, wenn jede Szene unter Dach und Fach gebracht werden soll. Es scheint, als wären die Unterschiede zwischen erster und dritter Welt so aufgehoben wie nur möglich, Unterschiede gibt es immer, Verständigungsprobleme auch, doch das ist ein normaler Sachverhalt, der niemanden diskriminiert.

Von Dakar nach Berlin

Im zweiten Kapitel von Köhlers Arbeit wechselt der fernwehmütige Süden einem betonkalten Berlin – unmöglich, dass man freiwillig in diese Stadt immigrieren will, die so generisch wirkt wie selten in einem Film. Maja und Nourou bereiten sich diesmal für ein fiktives Filmfestival vor, um ihr fertiges Werk zu präsentieren. Nun kommt es, dass Nourou auf Vorurteile und Diskriminierung stößt, die im rechtsdralligen Europa gang und gäbe scheint, insbesondere in Deutschland. Heisst das also, Afrika ist im Umgang mit Fremden deutlich weiter? Will sich Europa wirklich diesen Vorwurf gefallen lassen?

Die Diskriminierung beim Binden einer Fliege

Köhler skizziert hier nur vage Problemsituationen, die sich vorrangig um einen Einzelfall drehen, der nicht die Wucht und das Zeug hat, breit gefächerte gesellschaftliche Defizite aufzuzeigen. Folglich handelt Gavagai – ein Begriff, der die Unzulänglichkeit bei der sprachlichen Übersetzung eines Ausdrucks beschreibt – um wenig, streift maximal das eine oder andere Fremdenklischee, und bringt letztendlich eine Person wie Senegalese Nourou an den Rand seines Selbstwerts, an eine Form von geduldeter Diskriminierung, die er als farbige Person gedrängt wird, zuzulassen.

Lieber den Film im Film als den Film

Dieser Erkenntnisgewinn schafft nur über mehrere Ecken eine Verbindung zu Medeas filmischer Neuinterpretation, die, je mehr Szenen man von diesem Film im Film auch sieht, plötzlich deutlich interessanter, emotionaler und faszinierender erscheint als die eigentliche „reale“ Geschichte. Köhlers Meldungen zum Thema Fremdbestimmung von Ausländern sind zwar da, bleiben aber flüchtig und verlieren sich in einem scheinbar intuitiven Drehbuch, das seine Topics nicht zu Ende gedacht hat und dort den Schlusspunkt setzt, wo er sich halbwegs brauchbar anfühlt.

Gavagai (2025)

Die progressiven Nostalgiker (2025)

LIEBLING, WIE SPÄT IST ES?

7/10


© 2025 Filmladen Filmverleih


ORIGINALTITEL: C’ÉTAIT MIEUX DEMAIN

LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2025

REGIE: VINCIANE MILLEREAU

DREHBUCH: JULIEN LAMBROSCHINI, VINCIANE MILLEREAU

KAMERA: PHILIPPE GUILBERT

CAST: ELSA ZYLBERSTEIN, DIDIER BOURDON, MATHILDE LE BORGNE, AURORE CLÉMENT, DIDIER FLAMAND, MAXIM FOSTER, ROMAIN COTTARD, BARBARA CHANUT U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN



Dieser Film ist ein Albtraum für alle, die in den Traditionen eine gewisse Notwendigkeit sehen, und in dieser Notwendigkeit beständige Werte, die man nicht überdenken darf. Die progressiven Nostalgiker von Vinciane Millereau (im französischen Original heisst es übersetzt: Morgen war es besser) zeigt eine werbewirksame, urban-europäische Welt aus den Fünfzigern mit Normen, die rechtskonservative Denker gerne zurückhaben wollen. Was das beinhaltet? Weniger Rechte für Frauen, vielleicht auch gar kein Wahlrecht, wer weiß? Selbige hinter dem Herd, während der Mann das Geld beschafft, arbeiten geht, fesch verschnürt mit Anzug und Krawatte. Daheim macht das Heimchen alles, was im Haushalt eben zu tun ist. Von Wäschewaschen über Putzen bis hin zu Kochen, und wenn der Göttergatte dann nachhause kommt, müde von der Büroarbeit, dann stehen die Pantoffel parat, das Essen auf dem Tisch, und bedient wird der Mann dann obendrein. So eine Familie sind die Dupuis, und Ehefrau Hélène fügt sich, weil sie auch nichts anderes kennt. Es fügt sich auch Ehemann Michel, doch worüber sollte er sich schon beschweren?

Waschmaschine statt DeLorean

Plötzlich ist Töchterchen Jeanne schwanger, ohne geheiratet zu haben. Dazu noch vom Nachbarsjungen! Was tun in so einer regressiven, verknöcherten Welt, die uneheliche Kinder nicht duldet? Natürlich, Zwangsheirat! Doch bevor es so weit kommt, spielen eine gewisse gewonnene Waschmaschine und der Stromkreis tragende Rollen. Mit dem nötigen Quäntchen Energie werden Hélène und Michel in eine andere Zeit katapultiert, und zwar mehr als sechzig Jahre in die Zukunft. Und alles ist dort anders. Wie verträgt sich so ein obsoletes Mindset mit den liberalen Errungenschaften einer Menschheit, die sich trotz aller Widerstände weiterentwickelt hat und die individuelle Freiheit feiert? Am meisten leidet Patriarch Michel, während er einen Weg bestreitet, der irgendwann die Nostalgie aus seinem kleinkartierten Weltbild vertreiben soll.

Den Männern bleibt aber auch gar nichts mehr

Als eine Art possierliches Zurück in die Zukunft könnte man diese clevere Boulevardkomödie bezeichnen, nur ohne eines abenteuerlichen Plots, der die eigene Existenz, in diesem Fall jene von Michael J. Fox, gefährdet hätte. In Robert Zemeckis‘ Komödie sind die Rollenbilder von damals weniger Thema, vielleicht auch, weil die Achtziger auch noch nicht reif dafür waren, um den Status Quo zu überdenken. Im Jahre 2025 sieht die Sache schon ganz anders aus, da fährt die Ungleichheit zwischen Mann und Frau wie ein Stellwagen ins Gesicht des Betrachters. Wenn Michel, knautschig-desperat dargeboten von Didier Bourdon, seine unverdienten Privilegien verliert, kann man fast schon Mitleid haben.

Am charmantesten ist die Komödie, wenn das Fünfzigerjahre-Ehepaar mit der neuen Welt konfrontiert wird; wenn sie beide ein Codewort zurechtlegen müssen, das „Wie spät ist es“ lautet, und jedes Mal gesagt wird, wenn beide das Wunder des wandelbaren Fortschritts nicht mehr einfach so hinnehmen können. Vinciane Millereau, die auch am Drehbuch mitschrieb, konzentriert sich bei ihrer Arbeit auf allerlei Details, die zur Sprache gebracht werden müssen. Es sind weniger die technologischen Errungenschaften wie elektrische Zahnbürsten, Eiswürfelautomaten oder Computer, auf die es hier ankommt. Seine aufgelegte Situationskomik verlässt der Film dann, wenn es um den Feminismus geht – um gleichgeschlechtliche Liebe, um Karriere, um den Wechsel vom Bürohengst zum Hausmann. In Die progressiven Nostalgiker scheint es, als wäre man am Zenit, was die Gleichberechtigung betrifft, doch in Wahrheit sind da immer noch Meilen voraus.

Ohne das Dazwischen

Verzweifeln, so meint die Komödie, darf man dabei nicht, wenn man sieht, was da noch vor einem liegt. Denn setzt man das Damals und das Heute ohne das Dazwischen nebeneinander, wie der Film es tut, wird deutlich, welch weite Strecken die Gesellschaft seit damals schon zurückgelegt hat. Das zu erkennen macht Freude. Zu sehen, wie die Selbstverständlichkeit des Patriarchats zerbröselt, weil Perspektiven verändert werden müssen, ist wahrlich progressiv. Die Nostalgie hat dabei nichts mehr zu melden. Es sei denn, man bringt das Heute ins Damals.

Die progressiven Nostalgiker (2025)