Rose (2026)

VON DEN ANFÄNGEN INDIVIDUELLER FREIHEIT
7,5/10


Sandra Hüller im Film Rose von Markus Schleinzer
© 2026 Schubert, ROW Pictures, Walker+Worm Film, Gerald Kerkletz


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND 2026

REGIE: MARKUS SCHLEINZER

DREHBUCH: MARKUS SCHLEINZER, ALEXANDER BROM

KAMERA: GERALD KERKLETZ

CAST: SANDRA HÜLLER, CARO BRAUN, MARISA GROWALDT (ERZÄHLERIN), GODEHARD GIESE, ROBERT GWISDEK, MARIA DRAGUS, SVEN-ERIC BECHTOLF, RAINER EGGER, AUGUSTINO RENKEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 33 MIN



Danke, Toni Erdmann. Seit damals ist die mittlerweile weltbekannte Sandra Hüller trotz ihres damit einhergehenden fulminanten Erfolges und der Möglichkeit, an der Seite von Ryan Gosling bei einem US-Blockbuster (Der Astronaut – Project Hail Mary) mitzumischen, nach wie vor an Bodenständigkeit kaum zu überbieten. Hüller macht nach wie vor das, was sie interessiert, und biedert sich niemandem an.

Sie sieht auch, so kommt mir vor, den „Walk of Fame“ längst nicht als einzig erstrebenswerte Form von Ruhm an. Sie ist Handwerkerin und Virtuosin durch und durch, und dabei lässt sie sich auch gern mal das Gesicht entstellen, so wie jetzt, im bei der Berlinale 2026 reüssierten Historiendrama Rose, inszeniert von Markus Schleinzer, vormals Castingdirektor bei gefühlt allen nennenswerten österreichischen Filmproduktionen, angefangen von Haneke über Seidl bis Ruzowitzky, nun aber konzentrierter Selbermacher mit nur nach wenigen Arbeiten herauskristallisiertem eigenen Stil, der konzentriert, geordnet und dennoch lebendig wirkt.

Die Vorteile des Patriarchats

Hüller durfte heuer für ihre Leistung den silbernen Bären entgegennehmen. Keine Frage, diese Auszeichnung wäre für keine andere Rolle so wohlverdient. Als Rose setzt sie ihre eigene Latte noch etwas höher, und womöglich war ihr die Darstellung einer Frau als Mann gar nicht mal so viel Arbeit, gibt die Figur doch jede Menge an Substanz her, um damit einen Charakter lebendig werden zu lassen, der seiner Zeit weit voraus war, indem er weder eine Agenda verfolgt noch ihm der höhere Sinn für eine gesellschaftspolitische Aufgabe nahegelegen wäre. Das Vergehen dieser Rose, die als vermeintlicher Erbe eines Guts als Herr und Kriegsheld auftaucht, besteht wohl im Gerichtsfall eines Betrugs und der Dreistigkeit, die Rolle eines Mannes einzunehmen, um im Leben weitermachen zu können.

Eine Zeit lang hält der Schein, doch irgendwann braucht es nur eine Kleinigkeit, wie die Erzählerin dieser Geschichte festhält, um die Dinge neu zu ordnen. Und das Schicksal seiner Zeit und seiner Normen zu unterwerfen.

Historische Akkuratesse

Wie ein Film von Andrej Tarkovskij beginnt Schleinzers zarte Erzählung: rauchende Schlachtfelder, düstere Witterung über einem nach dreißig Jahren Krieg ausgezehrten Land – ganz so, wie Daniel Kehlmann die Welt in seinem bewundernswerten Roman Tyll umschreibt. Schleinzer verstärkt diese Stimmung allein dadurch, ihm jede Farbe zu nehmen – als gäbe es Fotos von damals, die diese weit mehr als 300 Jahre zurückliegenden Existenzen eingefangen haben.

Schleinzer hat von allen gelernt, vorrangig von Haneke und auch von Seidls strenger Tableauhaftigkeit. Formal ist Rose ein Meisterstück in Akkuratesse und Authentizität, was sich vor allem auch in der einfachen, lakonischen Sprachfärbung widerspiegelt. Genau so, denkt man sich, haben Menschen damals gesprochen. Der Plural in der Anrede gibt den Ausschlag. Hohe Hüte, wattierte Gambesons, Rüschenkrägen und Leinenhauben. Es ist schwer, sich sattzusehen in diesem erlesenen Bilderbuch, das aber nicht nur abbilden, sondern auch einiges ansprechen möchte, was das damalige Welt- und Rollenbild betrifft, um damit einen Bogen zu spannen in ein Jetzt, Hier und Heute, das mancherorts auf diesem Planeten nach wie vor die selbe Ordnung pflegt.

Feminismus ohne Revolte

Einen Diskurs spart Rose aber aus. Diesen Bogen spannt der Film auch nicht bewusst. Das Denken darüber mag dem Publikum obliegen. Ob es nun Analogien zum Heute zieht oder froh ist, dass diese Zeit vorbei ist: Ambitionen in diese Richtung hat Schleinzer nicht. Und er gönnt seiner selbstbewussten Heldin der individuellen Freiheit auch mit dem Medium Film keinerlei phantastisch anmutenden Lösungsweg. Rose ist nicht so wie The Bride! – Es lebe die BrautThe Housemaid – Wenn sie wüsste oder andere feministische Filme, die am Ende eine Frau setzen wollen, die sich gegen das Patriarchat durchsetzt. So viel Kinorealismus der österreichischen Schule hat Schleinzer intus, um nicht seine eigene, ernüchternde und historisch gefärbte Philosophie zu verraten.

Respekt und Zärtlichkeit statt visuelle Härte

Was er noch intus hat, ist die Kunst des Indirekten, des nur in den Worten oder in den Geräuschen bestehende Grauen. Eine Herangehensweise, die Ruzowitzky mit seinem Oscar-Film Die Fälscher schon gewählt hat. Rose hat vieles an Gewalt, Schmerz und Ungerechtigkeit zu bieten, dass es einen erschüttern kann. Doch Schleinzer schlachtet diese Umstände nicht aus, indem er sich an die Darstellung selbiger aufgeilt. Er macht daraus auch kein sensationslüsternes Betroffenheitskino, keinen Skandalfilm.

Die Wucht der Umschreibung, dass die Männer wieder mal gezeigt haben, „wer hier der Herr ist“, ist in seiner Nüchternheit scharfkantig genug. Die Gewalt an der Frau wird zum erschreckend gleichmütigen Alltag, das Blut und der Tod, nur Vorahnung und Erinnerung. Gerade deshalb lenkt nichts von Hüllers Darstellung der Rose, lenkt nichts von dieser kargen Opulenz eines Realismus ab, der melodischer und empfundener kaum sein kann.

Rose (2026)

Die progressiven Nostalgiker (2025)

LIEBLING, WIE SPÄT IST ES?

7/10


© 2025 Filmladen Filmverleih


ORIGINALTITEL: C’ÉTAIT MIEUX DEMAIN

LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2025

REGIE: VINCIANE MILLEREAU

DREHBUCH: JULIEN LAMBROSCHINI, VINCIANE MILLEREAU

KAMERA: PHILIPPE GUILBERT

CAST: ELSA ZYLBERSTEIN, DIDIER BOURDON, MATHILDE LE BORGNE, AURORE CLÉMENT, DIDIER FLAMAND, MAXIM FOSTER, ROMAIN COTTARD, BARBARA CHANUT U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN



Dieser Film ist ein Albtraum für alle, die in den Traditionen eine gewisse Notwendigkeit sehen, und in dieser Notwendigkeit beständige Werte, die man nicht überdenken darf. Die progressiven Nostalgiker von Vinciane Millereau (im französischen Original heisst es übersetzt: Morgen war es besser) zeigt eine werbewirksame, urban-europäische Welt aus den Fünfzigern mit Normen, die rechtskonservative Denker gerne zurückhaben wollen. Was das beinhaltet? Weniger Rechte für Frauen, vielleicht auch gar kein Wahlrecht, wer weiß? Selbige hinter dem Herd, während der Mann das Geld beschafft, arbeiten geht, fesch verschnürt mit Anzug und Krawatte. Daheim macht das Heimchen alles, was im Haushalt eben zu tun ist. Von Wäschewaschen über Putzen bis hin zu Kochen, und wenn der Göttergatte dann nachhause kommt, müde von der Büroarbeit, dann stehen die Pantoffel parat, das Essen auf dem Tisch, und bedient wird der Mann dann obendrein. So eine Familie sind die Dupuis, und Ehefrau Hélène fügt sich, weil sie auch nichts anderes kennt. Es fügt sich auch Ehemann Michel, doch worüber sollte er sich schon beschweren?

Waschmaschine statt DeLorean

Plötzlich ist Töchterchen Jeanne schwanger, ohne geheiratet zu haben. Dazu noch vom Nachbarsjungen! Was tun in so einer regressiven, verknöcherten Welt, die uneheliche Kinder nicht duldet? Natürlich, Zwangsheirat! Doch bevor es so weit kommt, spielen eine gewisse gewonnene Waschmaschine und der Stromkreis tragende Rollen. Mit dem nötigen Quäntchen Energie werden Hélène und Michel in eine andere Zeit katapultiert, und zwar mehr als sechzig Jahre in die Zukunft. Und alles ist dort anders. Wie verträgt sich so ein obsoletes Mindset mit den liberalen Errungenschaften einer Menschheit, die sich trotz aller Widerstände weiterentwickelt hat und die individuelle Freiheit feiert? Am meisten leidet Patriarch Michel, während er einen Weg bestreitet, der irgendwann die Nostalgie aus seinem kleinkartierten Weltbild vertreiben soll.

Den Männern bleibt aber auch gar nichts mehr

Als eine Art possierliches Zurück in die Zukunft könnte man diese clevere Boulevardkomödie bezeichnen, nur ohne eines abenteuerlichen Plots, der die eigene Existenz, in diesem Fall jene von Michael J. Fox, gefährdet hätte. In Robert Zemeckis‘ Komödie sind die Rollenbilder von damals weniger Thema, vielleicht auch, weil die Achtziger auch noch nicht reif dafür waren, um den Status Quo zu überdenken. Im Jahre 2025 sieht die Sache schon ganz anders aus, da fährt die Ungleichheit zwischen Mann und Frau wie ein Stellwagen ins Gesicht des Betrachters. Wenn Michel, knautschig-desperat dargeboten von Didier Bourdon, seine unverdienten Privilegien verliert, kann man fast schon Mitleid haben.

Am charmantesten ist die Komödie, wenn das Fünfzigerjahre-Ehepaar mit der neuen Welt konfrontiert wird; wenn sie beide ein Codewort zurechtlegen müssen, das „Wie spät ist es“ lautet, und jedes Mal gesagt wird, wenn beide das Wunder des wandelbaren Fortschritts nicht mehr einfach so hinnehmen können. Vinciane Millereau, die auch am Drehbuch mitschrieb, konzentriert sich bei ihrer Arbeit auf allerlei Details, die zur Sprache gebracht werden müssen. Es sind weniger die technologischen Errungenschaften wie elektrische Zahnbürsten, Eiswürfelautomaten oder Computer, auf die es hier ankommt. Seine aufgelegte Situationskomik verlässt der Film dann, wenn es um den Feminismus geht – um gleichgeschlechtliche Liebe, um Karriere, um den Wechsel vom Bürohengst zum Hausmann. In Die progressiven Nostalgiker scheint es, als wäre man am Zenit, was die Gleichberechtigung betrifft, doch in Wahrheit sind da immer noch Meilen voraus.

Ohne das Dazwischen

Verzweifeln, so meint die Komödie, darf man dabei nicht, wenn man sieht, was da noch vor einem liegt. Denn setzt man das Damals und das Heute ohne das Dazwischen nebeneinander, wie der Film es tut, wird deutlich, welch weite Strecken die Gesellschaft seit damals schon zurückgelegt hat. Das zu erkennen macht Freude. Zu sehen, wie die Selbstverständlichkeit des Patriarchats zerbröselt, weil Perspektiven verändert werden müssen, ist wahrlich progressiv. Die Nostalgie hat dabei nichts mehr zu melden. Es sei denn, man bringt das Heute ins Damals.

Die progressiven Nostalgiker (2025)

Mond (2024)

AUDIENZ IM GOLDENEN KÄFIG

7,5/10


Mond© 2024 Stadtkino Filmverleih


LAND / JAHR: ÖSTERREICH 2024

REGIE / DREHBUCH: KURDWIN AYUB

CAST: FLORENTINA HOLZINGER, ANDRIA TAYEH, CELINA SARHAN, NAGHAM ABU BAKER, OMAR ALMAJALI U. A.

LÄNGE: 1 STD 32 MIN


In Kurdwin Ayubs Vorgängerfilm Sonne ging es noch darum, wie sehr es schicklich ist, als junge Muslimin auf Social Media jugendlicher Lebensfreude Ausdruck zu verleihen – ganz ohne Hijab und anderweitiger kulturell bedingter Verhüllungen. Ein leichtfüßiger, offener Versuch, auf experimentellem Wege ein Problem anzusprechen – dem es aber allerdings an Biss fehlt. Nach dem strahlenden Zentralgestirn rückt aber nun der Erdtrabant in den Vordergrund – er ist titelgebend für den Mittelteil einer geplanten Trilogie, und dieser lässt Performancekünstlerin Florentina Holzinger in ihrer ersten Filmrolle zu Luna werden, zu einer um einen zentralen Missstand kreisenden Satelliten, der sich anfangs nicht imstande sieht, das Geschehen auf diesem fremden Planeten zu beeinflussen, nicht mal, was die Gezeiten betrifft. Dieses fremde und doch so vertraute Gestirn ist ein goldener Käfig für drei weibliche Geschwister im Teenageralter, die auf Anweisen ihres größeren Bruders hin zur körperlichen Ertüchtigung angehalten werden. Holzinger gibt in Ayubs Film eine erfahrene Martial Arts-Sportlerin, deren Bestzeiten allerdings vorbei zu sein scheinen. Nach einer Niederlage im Wettkampf verdingt sie sich als Trainerin, bis sie die Anfrage eines steinreichen Jordaniers erhält, der Protagonistin Sarah gerne für einen Monat nach Amman einlädt, um seinen Schwestern beizubringen, wie man kämpft, in Form bleibt und vor allem eins: Disziplin erlernt.

Es mag der Luxus und der Prunk noch so sehr schillern – Holzingers Charakter Sarah ist nicht jemand, der sich davon blenden lässt. Ihr geerdetes Welt- und Werteempfinden kollidiert schon bald mit dem obskuren Regelwerk eines elitären, patriarchalen Haushalts, in welchem die jungen Frauen nichts zu sagen haben. Ihre von den Männern verordnete Gefangenschaft lässt sich zwar aushalten, doch Freiheiten gibt es kaum welche – wenn, dann nur Langeweile und übersättigter Luxus in kalten Räumen. Sarah wird zur Beobachterin eines dysfunktionalen Familienlebens, das nur so tut, als wäre es liberal genug, um westliche Besucher nicht vor den Kopf zu stoßen. Eine der Mädchen zieht die selbstbewusste Trainerin ins Vertrauen – in der Hoffnung, dass diese etwas ändern könnte an einem Status Quo, der so scheint, als könnte niemand ihn ändern.

Kurdwin Ayub beherrscht ihr Handwerk so souverän, als wäre sie schon lange Zeit im Filmbiz unterwegs, dabei ist Mond erst ihr zweiter Langfilm. Ein Naturtalent, könnte man meinen, vor allem auch deshalb, weil Ayub ein komplexes Thema verfolgt, das mit nur einem Film längst nicht auserzählt ist, wofür es zahlreiche Blickwinkel braucht, die zur Sprache gebracht und in Bilder gepackt werden müssen. Sowohl Konzept als auch das Skript und die Regie sind von ihr, gefördert und auf positive Weise beeinflusst durch alte Hasen auf ihrem Gebiet wie zum Beispiel Ulrich Seidl. Das Schöne daran: Ayub kopiert den Lehrmeister nicht, sondern macht ihr eigenes Ding. Sie kopiert auch nicht Regiekollegin Veronika Franz, die bei ihren Filmen ausführende Funktionen übernimmt. Ayub ist eine Quer- und Alleindenkerin, eine originäre Künstlerin, die in Mond, noch viel mehr als in Sonne, ihren eigenen Rhythmus gefunden hat. Und der ist streng, straff und dicht. Obwohl Mond per se kein Thriller ist, fühlt er sich an wie einer. Das liegt an den effizient verfassten Passagen des Drehbuchs, und an der Fähigkeit, Wesentliches vom Überflüssigen zu unterscheiden. Was bleibt, ist in Mond das Wesentliche. Ayubs Szenen erlauben viel Beobachtung und ruhende Momente, in denen Konflikte wachsen, die sich allesamt relevant anfühlen. Nichts ist nur so daherinszeniert, dahergesagt oder lediglich ausprobiert. Das authentische, ungekünstelte Spiel Holzingers unterstreicht diese Direktheit, dieses Hindurchgreifen zwischen die Gitterstäbe eines goldenen Käfigs. Dahinter die unterdrückte Weiblichkeit durch eine längst obsolete, fatale Männerkultur. Zivilcourage wird dabei nicht zum plakativen Heldenmut, sondern zur ambivalenten Notwendigkeit, zum Pflichtgefühl aufgrund zu verteidigender Werte.

Mond ist ein hochspannendes, faszinierendes Stück Konfliktkino, trotz oder gerade wegen seiner passiv-aggressiven Zurückhaltung. Raum für Persönliches und Raum für dezenten Suspense formulieren diesen Film zu einem prägnanten, klaren Statement. Und das nur mit wenigen, aber präzise gesetzten Kniffen.

Mond (2024)

Mary Shelley

STAND BY YOUR MONSTER

5/10

 

maryshelley© 2018 Prokino Filmverleih

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, IRLAND, LUXEMBURG 2018

REGIE: HAIFAA AL MANSOUR

CAST: ELLE FANNING, DOUGLAS BOOTH, TOM STURRIDGE, MAISIE WILLIAMS, STEPHEN DILLANE U. A.

 

Was für eine denkwürdige Zusammenkunft am Genfer See. Die Geburtsstunde des Gothic-Grusels. Der Monster, Mythen und Blutsauger. Ken Russel hat diese Nacht schon in seinem Schauerdrama Gothic verewigt, nun findet sich Mary Shelley gemeinsam mit ihrem Gatten Percy und des Arztes Dr. Polidori in den verschwenderischen Gemächern des romantischen Dichters Lord Byron ein – um ein Spiel zu spielen: Jeder von ihnen muss Geschichten erfinden, Schauergeschichten um Untote, Geister und über sonstige Reiche zwischen Leben und Tod. Einiges ist da entstanden, unter anderem der erste Vampirroman noch vor Bram Stoker – und auch die Idee für einen zeitlosen Klassiker, nämlich den über einen Wissenschaftler namens Frankenstein, auch genannt der moderne Prometheus. Und laut vorliegendem Film hat Lord Byron die Idee des Vampyr von Polidori geklaut, andere Stimmen sagen das Gegenteil. Genaues weiß man vermutlich nicht. Aber ich komme vom Thema ab. Eigentlich, und obwohl das andere, nämlich das Drama rund um Byron und Polidori viel interessanter gewesen wäre, geht es um die junge Mary Shelley, vormals Godwin.

Es ist ein ganz klassisches, historisches Melodram, in welchem Elle Fanning den unkonventionellen Freigeist gibt. Adrette Kostüme, authentisches Straßenleben, dunkle Dachkammern, in die sich das relativ mittellose Paar – Mary geht die Beziehung mit dem ebenfalls als Freigeist bekannten Dichter Percy Shelley ein – dann zurückziehen muss. Unterstützung von Seiten der Familie gibt es keine. Papa Godwin missbilligt diese Liaison, die Stiefmutter ist sowieso dem Klischee entsprechend böse. Was hat man dann als junger Mensch sonst noch zu verlieren außer nichts? Eben! Also wird gemacht, was nicht der Norm entspricht. Ohne Einverständnis von irgendwoher geheiratet, sich an den wurmstichigen Tisch gesetzt und geschrieben. Haifaa Al Mansour (u. a. Das Mädchen Wajda), Regisseurin saudi-arabischer Herkunft, widmet ihr Biopic einer werdenden Künstlerin und ihrer Liebschaft. Das ist romantisch und schön bebildert, und Elle Fanning legt sich auch für Ihre Interpretation der Mary Shelley ziemlich ins Zeug. Was aber fehlt, ist der einzigartige Grund dafür, einen Film über Mary Shelley zu drehen. Verbotene Liebe, Flucht in die Armut, das Einschwören auf den eigenen Willen und täglich wiederholte Hymnen über die eigenen Ideale? Was Shelley womöglich erlebt hat, bis zu diesem einschneidenden Abend 1816 am Genfer See, ist womöglich etwas, dass nicht wenige Frauen dieses Alters und zu dieser Zeit erlebt haben. Nur von Mary Shelley weiß man es, sie ist mit Frankenstein berühmt geworden, nicht aber so wie Colette mit ihrer Emanzipation, und das ist etwas, das diesen Film bis zur eingangs erwähnten Inspiration zur Idee für Frankenstein zu einer oberflächlichen Historienschablone macht, die wenig Innovation zeigt, währenddessen man nur darauf wartet, dass endlich die Gedanken zu ihrem großen Roman Gestalt annehmen. Das passiert relativ spät, und verbleibt in diesem Film wie eine in den Plot gedrängte Fußnote, schon allein, weil sich die Begeisterung für ein solches Thema wie Meister über Leben und Tod zu sein sicherlich nicht alleine aus einem Besuch bei einem Mysterientheater so gewaltig Bahn brechen kann.

Vielleicht, ja vielleicht hat sich Mary Shelley immer mal wieder Gedanken darüber gemacht, aber es scheint, als wäre Al Mansour die literaturgeschichtliche Komponente gar nicht wrklich wichtig, als müsste sie es erwähnen, obwohl sie es gar nicht will. Der Film soll von einer Frau erzählen, und nicht von einer Künstlerin. So kommt es, dass sich in Mary Shelley die Werdung zur Autorin des neben Bram Stokers Dracula wohl berühmtesten Schauerroman nur vage erschließt. Der Input ist plötzlich da, also hätte  Shelley auch irgendetwas anderes schreiben können, auch über Napoleon zum Beispiel oder den Krieg oder über die Rolle der Frau in der Gesellschaft. So ist Frankenstein eine austauschbare Nummer, die auch nicht aus den Idealvorstellungen, den Lebenswandel und der Philosophie dieser Frau abzuleiten wäre. Frankenstein selbst scheint nichts mit der Biografie dieser Person zu tun zu haben, eher die unerwartete Prämisse eines ganz anderen Dranges zu sein, so vermittelt es mir zumindest dieser Film. Und das ist dann doch etwas schal. Der Konflikt Polidori und Byron wäre, und ich erwähne es nochmal, die spannendere Geschichte gewesen.

Mary Shelley