Hen (2025)

DAS EINSAMSTE KIND DER WELT

4/10


Dawian van der Westhuizen als Lukas im Film Hen
© 2026 Slash Filmfestival


LAND / JAHR: SÜDAFRIKA 2025

REGIE / DREHBUCH: NICO SCHEEPERS

KAMERA: CHRIS LOTZ

CAST: DAWIAN VAN DER WESTHUIZEN, AMALIA UYS, STIAN BAM U. A.

LÄNGE: 1 STD 48 MIN



Warum der bärige Jägersmann zu Beginn des Films kein einziges Wort zu diesem verstörten Jungen spricht, um ihn zu beruhigen, bleibt wie so manches ein ungelöstes Mysterium. Ist Hen vielleicht einer jener Filme, die auf Sprache gänzlich verzichten?

Wie wär’s mit Urlaub in Südafrika?

Das würde das Ganze nicht unbedingt erleichtern. Wer sich schon einmal gedacht hat, man könnte eine Reise nach Südafrika unternehmen, denn dort gibt es jede Menge Folklore, wilde Tiere und bedeutungsvolle Geschichte, der kann in Hen keinerlei Fremdenverkehrswert entdecken, kein verlockendes touristisches Extra und bis auf einen geschossenen Bock auch keine stattliche Fauna. Südafrika ist groß, und womöglich gibt es Landstriche, die so einsam, verlassen, karg und öde sind wie in einer postapokalyptischen Welt fernab jeglicher Nationalparks, Reservate oder Siedlungen.

Die Warnsignale sind nicht zu übersehen

Neben dem Schweigen des Jägers, der nicht weiß, wie man einen verstörten Jungen beruhigt, ist der Grund, warum er und seine junge Frau die absolute Einschicht suchen, so als wäre die Welt sowieso längst von allen verlassen, genauso wenig nachvollziehbar. Keiner weiß, warum jemand den Jungen überhaupt in eine Kiste gesperrt, diese verschlossen, mit Seilen umwickelt und gleich noch zur Sicherheit einige Kreuze drangemacht hat.

Wer eins und eins zusammenzählen kann, wird schon erahnen können, dass Kreuze meist dazu da sind, um Böses zu bannen. Ungeachtet dieser Warnung müssen noch fünf Leichen beerdigt werden, die sich, so sieht es aus, wohl selbst oder gegenseitig hingerichtet haben. Nein, diese Szenerie unter einem einsamen Baum inmitten des Nichts vermittelt keine guten Vibes.

Doch nächstenliebend, wie man auch in der Einschicht ist, kommt der seltsame Junge mit auf die Farm, wo er fortan leben soll. Das verschreckte Gemüt des Kleinen so weit an den Alltag zu gewöhnen – dafür braucht das Ehepaar einen langen Atem. Als alles den Anschein hat, dass der Junge die beiden als neue Eltern ansieht und sich auch in den Alltag integriert, scheint sich das Blatt zu wenden. Mit dem Ziehsohn scheint dann doch einiges nicht zu stimmen. Doch es ist nicht er, der sich verändert, sondern das Rundherum. Woran mag das liegen?

Nihilistisches Trauerspiel

An der depressiven Gesamtsituation? An der latenten Hungersnot? An der Fadesse hier draußen, wo es nicht mal einen Gaul gibt, um davonzureiten? Der ganze karge und entbehrungsreiche Realismus, der durch das Gackern der Hühner im Stall ein bisschen aufgelockert wird, wäre schon Qual genug. Nico Scheepers, dem dieser Film, wie er in seiner Videobotschaft verlauten ließ, sehr am Herzen liegt, setzt seine vom Existenzialismus geplagten Seelen in eine entvölkerte Zwischenwelt, die höchstens jene bereisen, die von schicksalhaften Legenden zu berichten wissen.

Erst spät im Film und am Ende der Geduld hat man damit ein bisschen mehr Zerstreuung, nachdem sich das Mysterium keinen Millimeter hat lüften können. Die Zerstreuung weicht jedoch dem Wahnsinn, die Welt hat mit allen hier noch ein Hühnchen zu rupfen. Der Junge tut einem leid, und man selbst ist es langsam leid, sich zermürben zu lassen für einen hoffnungslosen Fall von Feel-Bad-Movie, den nur hartgesottene Arthouse-Aficionados, die Michael Haneke vielleicht zu ihren Lieblingsregisseuren zählen, zu schätzen wissen können.

Hen (2025)

No Rest for the Wicked (2026)

WIR ALLE SIND INSELN

7,5/10


Pilou Asbæk und Egor Venned in der Literaturverfilmung No Rest for the Wicked
© 2026 Polyfilm / Slash Filmfestival


LAND / JAHR: DÄNEMARK, ISLAND, FÄRÖER 2026

REGIE: KASPER KALLE

DREHBUCH: RASMUS BIRCH, NACH EINER KURZGESCHICHTE VON KARL HEINRICH ULRICHS

KAMERA: JACOB MØLLER

CAST: PILOU ASBÆK, EGOR VENNED, SOFIA NOLSØE, JÓHANNES HAUKUR JÓHANNESSON, KJARTAN HANSEN, BÚI DAM, NICOLAJ FALCK U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN



Wer glaubt, dass der Färöer-Archipel zu Island gehört, irrt genauso wie jene, die glauben, er gehöre zu Schottland oder Norwegen. Nichts da, diese Inselwelt, die aussieht, als wäre sie eine der nordischen Welten, die man erreichen kann, wenn man durch Portale schreitet, die nur gottähnlichen Metawesen zugänglich sind, gehört zu Dänemark, also zumindest zur Krone, verwaltet sich aber, wie Grönland, stets autonom. Anders wäre diese Abgelegenheit gar nicht machbar.

Ein Baum, was ist das?

Wasserfälle und an den dunklen Felswänden entlang mäandernde Rinnsale wirken fast organisch. Tief ins Innere führen kleine, stille Fjorde, außen tobt der Nordatlantik und hat so manchen Kahn schon auf Grund gesetzt. Wie isoliert muss diese Welt erscheinen, wenn man die Zeit zurückdreht, sagen wir ins 19. Jahrhundert, in die Zeit der Romantik und der Schauergeschichten zwischen Mary Shelley, Lord Byron und Bram Stoker. Es ist die Zeit der melancholischen Landschaftsmaler und der Sehnsucht nach einem Leben nach dem Tod. Und eine Zeit, in der niemand die Spielarten von Liebe und Zuneigung überhaupt hinterfragt. Schließlich geht es nur ums Überleben in dieser kalten, baumlosen und vom Wetter dominierten Unwirtlichkeit.

Wir retten uns gegenseitig

In so einer Welt muss der junge Erwachsene Baldur seinen Vater ersetzen und bei Muttern leben, die ein frommes, karges Leben führt und nicht unwesentlich starken Druck auf ihren Sohn ausübt, damit der nicht auf die Idee kommt, sein eigenes Leben zu leben.

Bis er beim Rudern zwischen den Klippen und Felsen auf den Schiffbrüchigen Helge stößt. Der eine rettet den anderen und umgekehrt, und schon sitzt der Däne Pilou Asbæk, den wir alle aus der Kultserie Game of Thrones kennen, in welcher er den garstigen Onkel Euron Greyjoy gegeben hat, am Tisch zwischen Baldur und seiner Mutter, die schon gleich ein Auge auf ihn wirft, nichts ahnend, dass sich Helge dem gleichen Geschlecht zugehörig fühlt. Eine Romanze bahnt sich an, bei welcher von vornherein klar ist, dass die Gesetze der Färöer-Inseln nicht für Liebende gemacht sind.

Dem Zeitgeist verbunden und dennoch vordenken

Diese Wildromantik, die Kasper Kalle hier in seinem zweiten Langfilm das Geschehen dominieren lässt, dient dazu, eine 1884 verfasste Kurzgeschichte des deutschen Schriftstellers Karl Heinrich Ulrichs zu illustrieren, eines Mannes, der als Vorreiter in den Belangen homosexueller Menschen gilt. Klarerweise ist seine melodramatische, düstere Liebesgeschichte von all diesen avantgardistischen Gedanken geprägt – und er verknüpft sie mit vertrauten Tropen aus dem Schauergenre rund um Wiedergänger und Vampire, die damals wohl noch ein und dasselbe waren. Bram Stoker wird seinen berühmten Roman noch schreiben, Mary Shelleys Klassiker liegt schon Jahrzehnte zurück.

Sehnsucht, Bestimmung und Pflicht

Bereits früh im Film ist klar: Zwischen Pilou Asbæks Figur und des vom Färöer Schauspieldebütanten Egor Venned dargestellten Baldur gibt es eine Verbindung, die weit über den Tod und das tragische Schicksal hinausgeht. Ob nun Kasper Kalle dem morbiden Sehnsuchtsgenre Neues abverlangen kann?

Es gelingt insofern, als sich Kalle voll und ganz auf jene Stimmung verlässt, die ihm die Färöer Landschaft vermittelt. Viel tun dafür muss er nicht. Regen, Nebel und dergleichen kommen wie das Amen im Gebet. Das ist klassisch, das ist gut so, um all das, was an Paranormalem passiert, etwas anders zu erzählen.

Das, was vom Mythos erzählt, fällt nicht ganz so klassisch aus. Vielmehr geht es um das Rollenspiel unter den dreien, oder ich will fast sagen vieren, denn der absente, tote Vater, dessen Lücke niemand füllen will, drängt danach, ersetzt zu werden. Es ist ein Reigen der Bestimmungen: Die Mutter sieht Helge als Mann, Helge sieht dieses Heim als Zuflucht, Baldur Helge als seinen Schlüssel zur Freiheit.

Der letzte Wille stirbt nie

Wenn dann der Tod zum Thema wird, weicht die rationale Physik okkulten Gesetzen, die tief in die historische Angst vor Wiedergängern eintaucht und die Ursache des Untoten-Daseins fast schon absichtlich missverstehen, damit Kalle sie entsprechend interpretieren kann. Das geht mit viel Dunkelheit, wenigen Worten, wenig, aber doch mit Blut und gänzlich ohne Maskerade.

Mag sein, dass für die Intensität dieser Liebe zu wenig Platz bleibt. Das, was später folgt, mag sich gar nicht mal auf diese innige Zugehörigkeit rückbesinnen können, da sie fast ausschließlich durch Körperlichkeiten dargestellt wurde, nicht aber durch geistige, charakterliche Verschmelzung.

Woher dann diese Sehnsucht? Weil alle in dieser Welt irgendwo dazugehören wollen, zu jemand anderem, zu einer anderen Welt vielleicht außerhalb dieses eigenen Archipels? Die queere Liebe ist da nur eine Variation einer ganz anderen Selbstbestimmung, die mit postmortalem Recht und Gehörtwerden zu tun hat.

No Rest for the Wicked (2026)