Victorian Psycho (2026)

DIE VERNÜNFTIGSTE PERSON ÜBERHAUPT

7/10


Maika Monroe als Winifred Notty in Victorian Psycho
© 2026 Bleecker Street


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE: ZACHARY WIGON

DREHBUCH: VIRGINIA FEITO, NACH IHREM ROMAN

KAMERA: NICO AGUILAR

CAST: MAIKA MONROE, JASON ISAACS, RUTH GORDON, THOMASIN MCKENZIE, JACOBI JUPE, AMY DE BHRÚN, PAUL REID U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN



Als Abschlussfilm des großartigen Slash Festivals hat sich Markus Keuschnigg einen besonderen Leckerbissen aufgehoben – einen dieses Jahr in Cannes für den Un Certain Regard nominierten Killerfilm, der selbstredend nicht so banal daherkommt wie vielleicht vermutet, sonst würde man ihm auch nicht „den anderen Blick“ attestieren.

Kein Slasher und kein Metzelfilm, keine Home Invasion oder die Origin-Story gepflegter Bösartigkeit ist das, was andere vielleicht hier erwarten. Zachary Wigon (u. a. Sanctuary mit Margaret Qualley) nimmt sich des Romans der Schriftstellerin Virginia Feito an, die für diesen Film gleich auch das Drehbuch schrieb, kennt sie ihre Figuren doch wohl am besten. Und die sind alles andere als schwarzweiß gezeichnet, hart kontrastiert oder bequem in eine Schublade zu quetschen.

Unwesen im Anwesen

Die Familie in diesem Anwesen mag zwar gesellschaftlichen Normen folgen und nach außen hin alles erfüllen, was es damals zu erfüllen galt, im Inneren aber kocht so manches kurz vor der Oberfläche vor sich hin. Ruth Wilson als auf ihren Nachwuchs fixierte Gattin von Jason Isaacs, der bemüht aufgeräumt und höflich wirkt. Dann sind da noch zwei Kinder, die bereits in viel zu jungen Jahren ihre rebellische Ader entdecken – und Haushälterin Thomasin McKenzie, etwas simpel im Gemüt, gutherzig und mit dem Herzen auf der Zunge, was angesichts einer Person wie Winifred Notty entweder die ideale Methode ist, um ihr näherzukommen – oder das Gegenteil bewirkt. Denn Notty klingt wie Naughty.

Alles nur eine Frage der Sichtweise

Denn Winifred Notty ist Maika Monroe. Und Maika Monroe ist Winifred Notty – eine schräge Persönlichkeit mit dem Zeug zur popkulturellen Ikone. Scheinbar besitzt sie genug Prinzipien, um der fehlenden Kinderstube ausreichend Struktur zu geben. Die Eltern sind anfangs begeistert, und natürlich ahnt niemand etwas von Nottys blutiger Vorgeschichte. Denn die Dame ist eine Psychopathin, seelisch zerrüttet, krank im Gemüt und mordend aus einer Notwendigkeit heraus.

Sie selbst bezeichnet sich als die vernünftigste Person überhaupt. Eine krude Annahme, die ihre Rechtfertigung aus einem ganz bestimmten Blickwinkel bezieht. Die Welt lässt sich schließlich auch mit anderen Augen sehen, mit denen einer im Geiste Verwirrten, die nichts anderes will als die Gunst, die ihr zusteht. Das fordert Opfer, wenngleich nicht unentwegt. Notty will den Worst Case einer Bluttat immer wieder hinauszögern. Das macht sie menschlich, das weckt Sympathien. Sympathien für eine Mörderin?

Sympathy for the Devil

Wie war das noch gleich mit Grenouille aus dem Roman Das Parfum von Patrick Süskind? Ein Werk aus der Sicht eines Menschen, der die Welt und den Wert von Leben anders sieht. Oder was ist mit Bret Easton Ellis‘ elegantem Freizeitmörder Patrick Bateman? Ein Mann, der nichts fühlt, nichts empfindet, das Produkt seiner Welt ist? Auch hat das Kino- und Fernsehpublikum seit jeher Verständnis für die Moral der Selbstjustiz, wenn es denn die „Bösen“ trifft. Ach, wäre die Welt doch so einfach. In Victorian Psycho ist sie es nicht.

Diese Antithese zu Mary Poppins hat dennoch das Herz irgendwie am rechten Fleck, und diese Sympathie für die Dunkelheit irritiert. Vielleicht mag Maika Monroe ihrer Figur als Schutz vor einer gewissen Ächtung das Verhalten eines komödiantischen Charakters angedichtet haben. Ihre praktizierte Etikette, ihre offensichtliche Anständigkeit mögen zu dick aufgetragen sein, um Züge ihres wahren Wesens nicht zu erkennen. Und dennoch tut es niemand. Das manövriert Victorian Psycho mehr ins Eck einer Groteske und nimmt dem zugrunde liegenden Charakterdrama jene Ernsthaftigkeit, die es wohl eher verdient hätte.

Ordentlich abgeliefert

Dennoch ist Monroes Spiel eine Glanzleistung – kennt man sie bereits in anderen Rollen, ist diese hier so erfrischend anders, dass sie damit ihre Bandbreite an schauspielerischen Möglichkeiten zu ihren Gunsten neu absteckt. Victorian Psycho wird dadurch zum letzten Kapitel einer bedauernswerten Lebensgeschichte, die die eigene verquere Wahrheit einfach nicht abschütteln kann.

Victorian Psycho (2026)

Hen (2025)

DAS EINSAMSTE KIND DER WELT

4/10


Dawian van der Westhuizen als Lukas im Film Hen
© 2026 Slash Filmfestival


LAND / JAHR: SÜDAFRIKA 2025

REGIE / DREHBUCH: NICO SCHEEPERS

KAMERA: CHRIS LOTZ

CAST: DAWIAN VAN DER WESTHUIZEN, AMALIA UYS, STIAN BAM U. A.

LÄNGE: 1 STD 48 MIN



Warum der bärige Jägersmann zu Beginn des Films kein einziges Wort zu diesem verstörten Jungen spricht, um ihn zu beruhigen, bleibt wie so manches ein ungelöstes Mysterium. Ist Hen vielleicht einer jener Filme, die auf Sprache gänzlich verzichten?

Wie wär’s mit Urlaub in Südafrika?

Das würde das Ganze nicht unbedingt erleichtern. Wer sich schon einmal gedacht hat, man könnte eine Reise nach Südafrika unternehmen, denn dort gibt es jede Menge Folklore, wilde Tiere und bedeutungsvolle Geschichte, der kann in Hen keinerlei Fremdenverkehrswert entdecken, kein verlockendes touristisches Extra und bis auf einen geschossenen Bock auch keine stattliche Fauna. Südafrika ist groß, und womöglich gibt es Landstriche, die so einsam, verlassen, karg und öde sind wie in einer postapokalyptischen Welt fernab jeglicher Nationalparks, Reservate oder Siedlungen.

Die Warnsignale sind nicht zu übersehen

Neben dem Schweigen des Jägers, der nicht weiß, wie man einen verstörten Jungen beruhigt, ist der Grund, warum er und seine junge Frau die absolute Einschicht suchen, so als wäre die Welt sowieso längst von allen verlassen, genauso wenig nachvollziehbar. Keiner weiß, warum jemand den Jungen überhaupt in eine Kiste gesperrt, diese verschlossen, mit Seilen umwickelt und gleich noch zur Sicherheit einige Kreuze drangemacht hat.

Wer eins und eins zusammenzählen kann, wird schon erahnen können, dass Kreuze meist dazu da sind, um Böses zu bannen. Ungeachtet dieser Warnung müssen noch fünf Leichen beerdigt werden, die sich, so sieht es aus, wohl selbst oder gegenseitig hingerichtet haben. Nein, diese Szenerie unter einem einsamen Baum inmitten des Nichts vermittelt keine guten Vibes.

Doch nächstenliebend, wie man auch in der Einschicht ist, kommt der seltsame Junge mit auf die Farm, wo er fortan leben soll. Das verschreckte Gemüt des Kleinen so weit an den Alltag zu gewöhnen – dafür braucht das Ehepaar einen langen Atem. Als alles den Anschein hat, dass der Junge die beiden als neue Eltern ansieht und sich auch in den Alltag integriert, scheint sich das Blatt zu wenden. Mit dem Ziehsohn scheint dann doch einiges nicht zu stimmen. Doch es ist nicht er, der sich verändert, sondern das Rundherum. Woran mag das liegen?

Nihilistisches Trauerspiel

An der depressiven Gesamtsituation? An der latenten Hungersnot? An der Fadesse hier draußen, wo es nicht mal einen Gaul gibt, um davonzureiten? Der ganze karge und entbehrungsreiche Realismus, der durch das Gackern der Hühner im Stall ein bisschen aufgelockert wird, wäre schon Qual genug. Nico Scheepers, dem dieser Film, wie er in seiner Videobotschaft verlauten ließ, sehr am Herzen liegt, setzt seine vom Existenzialismus geplagten Seelen in eine entvölkerte Zwischenwelt, die höchstens jene bereisen, die von schicksalhaften Legenden zu berichten wissen.

Erst spät im Film und am Ende der Geduld hat man damit ein bisschen mehr Zerstreuung, nachdem sich das Mysterium keinen Millimeter hat lüften können. Die Zerstreuung weicht jedoch dem Wahnsinn, die Welt hat mit allen hier noch ein Hühnchen zu rupfen. Der Junge tut einem leid, und man selbst ist es langsam leid, sich zermürben zu lassen für einen hoffnungslosen Fall von Feel-Bad-Movie, den nur hartgesottene Arthouse-Aficionados, die Michael Haneke vielleicht zu ihren Lieblingsregisseuren zählen, zu schätzen wissen können.

Hen (2025)

Possession (1981)

DER ABGRUND IST NUR EINE EHEKRISE WEITER

7,5/10


Isabelle Adanai verfällt in Possession dem Wahnsinn
© 1981 Marie-Laure Reyre / Marianne Productions


LAND / JAHR: FRANKREICH, DEUTSCHLAND 1981

REGIE: ANDRZEJ ŻUŁAWSKI

DREHBUCH: ANDRZEJ ŻUŁAWSKI, FREDERIC TUTEN

KAMERA: BRUNO NUYTTEN, ANDRZEJ J. JAROSZEWICZ

CAST: ISABELLE ADJANI, SAM NEILL, HEINZ BENNENT, JOHANNA HOFER, CARL DUERING, MARGIT CARSTENSEN, MICHAEL HOGBEN, LESLIE MALTON, MAXIMILIAN RÜTHLEIN, THOMAS FREY U. A.

LÄNGE: 2 STD 3 MIN



Das Ableben des neuseeländischen Schauspielers Sam Neill kam für mich völlig unerwartet. Vielleicht, weil ich den so sympathischen und integren Mann, dem ich sogar seine Geisterbahn-Gemeinheit Event Horizon verzeihen muss, hat er souverän wie immer uns allen im Kino ordentlich Angst eingejagt, im vorletzten Jurassic World von 2022 längst nicht so viele Sonnenumrundungen angerechnet hätte als er tatsächlich hinter sich gebracht hat.

Ein blutjunger Sam Neill

Einige Lenze früher, nämlich ganze 45 an der Zahl, stand er mit Isabelle Adjani vor der Kamera, und zwar für Andrzej Żuławskis zum Kult gewordenen Psychotrip Possession. Da war Sam Neill noch blutjung, und bereits schon damals höchst begabt darin, verstörte Gesichter zu ziehen, bevor er zwölf Jahre später in Jurassic Park aus dem Staunen nicht mehr herauskam. Neill war ein Charakterdarsteller der oberen Liga, gerne auch oft am Rande besetzt, doch immer wieder so markant, dass er sich mit Leichtigkeit in den Hauptcast schmuggelte.

Ein simples Ehedrama? Von wegen!

In Possession ist er gemeinsam mit Adjani gleich vorne mit dabei, denn beide erleben das Ende einer Ehe, die Zerrüttung einer Liebe, und die Qual des Entschlusses, ohne den anderen neu anzufangen. Klingt nach profaner Beziehungskiste, oder vielleicht nach Sorgerechtsstreit wie in Kramer gegen Kramer mit Dustin Hoffman und Meryl Streep – schließlich spielt ein Kind dabei auch noch eine Rolle.

Wer aber Żuławski kennt oder ungefähr weiß, was der Pole Zeit seines Künstlerlebens so vollbracht hat, wir zugeben müssen, es hier mit einem Visionär zu tun zu haben, der lieber sein Publikum verschreckt oder fordert, aber ganz sicher nicht auf unterhaltsame Weise einlullt.

Kaum ein Film, der diese Subversivität stärker und kontrastreicher ausspielt als Possession, wo Sam Neill den toxischen Besitzanspruch eines zurückgewiesenen und somit gekränkten Mannes zwar nicht mit einem Femizid an die Spitze treibt, aber mit einer akrobatischer Intensität aus Bedrängung und Flehen, enervierendem Lamento und kindlicher Wut.

Neill konnte gar nicht anders als so aufzudrehen, denn auf der anderen Seite haben wir Isabelle Adjani, die Żuławski in Werner Herzogs Neuinterpretation des Nosferatu-Stoffes gesehen haben muss, um zu wissen, dass mit ihr der verlangte Wahnsinn neue Methoden finden wird, um sich zu entfalten.

Des Wahnsinns knusprige Beute

Es ist schlicht und ergreifend unmöglich, dass sich der Abgrund einer Psychose exzessiver darstellen lässt als Adjani das getan hat. Betrachtet man im Vergleich dazu Lynne Ramsays ähnlich gelagertes Psychodrama Die My Love, erscheint Jennifer Lawrence auf allen Vieren als müder Nachhall.

In der Szene, in der Isabelle Adjani in einer Unterführung exzessiv brüllend in Blut und Milch badet und scheinbar völlig den Verstand verliert, bekommt der darstellerische Umstand eines emotionalen Ausbruchs eine neue Hochwassermarke. Was die damals 26jährige Schauspielerin als emotionalen Subtext dafür verwendet hat, um dermaßen über die Grenzen gewohnter Intensitäten hinauszuschießen, mag ein Geheimnis bleiben.

Es wird immer monströser

Mit diesem Mysterium der selbstvergessenen und wirklich furchteinflößenden Ekstase passt Adjani perfekt in einen psychologisch herausfordernden Thriller, der in der stilistischen Interpretationswelt des Surrealen genauso beheimatet ist wie auf der bizarren Spielwiese eines Roman Polanski, wofür sich als Querverweise ganz gut dessen Werke Wenn Katelbach kommt oder Ekel eignen. Nur: Żuławski taucht bisweilen noch tiefer in die Absurdität ab, in dem er auch die Komponente eines Creature Features anfügt – was überhaupt nicht zur Tonalität des Filmes passt.

Doch ähnlich wie in David Lynchs Eraserhead schafft er damit eine Metaebene des Symbolismus, und Adjanis nach außen gekehrter psychischer Zustand manifestiert sich als groteske Monstrosität. Das Spiel mit den Identitäten und Doppelrollen, die ein gewiefter Psychothriller oft mitbringen will, verschränkt das längst um die eigene Identität gekommene Horrordrama so sehr mit sich selbst, dass jedwede Interpretation, die sich herauslesen lässt, immer nur viel zu trivial anfühlt.

Filme muss man ausleben

Was die Frage aufwirft: Wohin will Possession eigentlich wirklich? Ist das ganze nur eine filmgewordenen Narrenfreiheit, ein Ausleben wilder künstlerischer Energien, oder gezielte Provokation, die allein schon durch den wüsten Genremix, der aber reizvoll ineinanderpasst, nur auffallen will?

Dafür hat Żuławskis Film deutlich zu viel Ehrgeiz, zu viel Vision. Als Avantgarde ist Possession bis heute ein vorzügliches Beispiel für regelbrechendes Kunst- und Faszinationskino, so befremdlich wie irrwitzig – und mit dem wohl entfesseltsten Schreikrampf der Filmgeschichte.

Possession (1981)

Never Let Go (2024)

WENN ALLE STRICKE REISSEN

7/10


NEVER LET GO - LASS NIEMALS LOS / Ab 26. September 2024© 2024 Lionsgate


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: ALEXANDRE AJA

DREHBUCH: KC COUGHLIN, RYAN GRASSBY

CAST: HALLE BERRY, PERCY DAGGS IV, ANTHONY B. JENKINS, WILL CATLETT, MATTHEW KEVIN ANDERSON, STEPHANIE LAVIGNE U. A.

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Hütten und Häuser im Wald gibt es viele. Dort auszuharren bedeutet oft nichts Gutes. Entweder ist die Welt bereits den Bach runter, die Menschheit ausgelöscht oder ein Fluch hindert die darin Lebenden, ihre Existenzblase zu verlassen. Ob Evil Dead, The Cabin in the Woods oder Knock at the Cabin – irgendwo ist dabei immer das Böse einen Steinwurf entfernt und nur das bedächtige Verhalten einer Handvoll Überlebender entscheidet über Leben und Tod. Horror-Spezialist Alexandre Aja (u. a. Crawl, Oxygen) will Raimi oder Shyamalan weder kopieren noch parodieren noch sich gar vor ihnen verbeugen. Er schafft es, dank einer literarischen Vorlage, die den bekannten Versatzstücken entgeht, eine völlig anders geartete Variation des Haunted Cabin-Genres vorzulegen. Wir befinden uns dabei inmitten eines Waldes irgendwo in den Vereinigten Staaten, dort steht eine relativ alte Immobilie, die noch den Großeltern von Halle Berry gehört hat, die in Never Let Go eine traumatisierte Mutter gibt, die nichts mehr anderes in ihrem entbehrlichen Überleben antreibt als auf ihre beiden Söhne aufzupassen. Denn eines weiß sie: Eine niederträchtige Entität lauert jenseits des Grundstücks. Sie kann jedwede Gestalt annehmen und ihre Opfer zum Wahnsinn treiben, sobald diese berührt werden. Allerdings gibt es da eine Methode, um der Belagerung zu entgehen: Alle drei, Mutter und Söhne, müssen mit einem Strick stets mit dem Haus verbunden bleiben. Solange keine Abnabelung stattfindet, kann das Böse den Überlebenden nichts anhaben. Die Kinder zeigen sich, je älter sie werden, zunehmend skeptisch: Wie kann es sein, dass nur Mama das Böse sieht? Warum wir nicht? Und was, wenn alles gar nicht wahr ist und Mama längst in die Geschlossene gehört, weil sie was auch immer aus ihrer Vergangenheit nicht verarbeiten kann? Ist das Ende der Welt wirklich passiert oder liegt eine gänzlich andere Wahrheit irgendwo da draußen?

Wenn sich der Nachwuchs aus der elterlichen Fürsorge entwindet, um auf eigene Faust die Welt, in der er lebt, zu erforschen, mag das sehr viel mit Trial und Error zu tun haben, aber auch mit dem Erlernen notwendiger Selbstständigkeit. Es gibt Mütter und Väter, die das nur schwer zulassen können. Die sich viel zu sehr mit ihren Kindern identifizieren, ohne diese als autarke Persönlichkeiten zu betrachten. Wie monströs können Eltern werden, wie fanatisch, wenn juveniles Reifen nichts ist, was sich entwickeln darf. So sitzt Halle Berrys Figur wie eine Glucke auf den Brüdern Nolan und Samuel, lehrt sie, ihr Zuhause zu lieben und lehrt sie, niemals loszulassen. Der Titel ist dabei maßgeblich Programm. Und sagt vielleicht schon viel zu viel darüber aus, ob der Schutz vor der Außenwelt wirklich berechtigt ist oder nicht.

Dennoch belässt Aja die meiste Zeit des Films sein Publikum im Dunkeln, um nicht zu sagen: Fast die gesamte Laufzeit. Dieses Spiel mit Vertrauen, Misstrauen, Glaube und Aberglaube gerät zum dichten Reigen eines familiären Albtraums zwischen Einbildung, Angst und der klaren Sicht auf die Dinge, wie sie vermutlich sind. Never Let Go entwickelt dort noch Suspense, wo andere Filme längst aufgegeben haben und zur Tagesordnung eines Showdowns übergegangen sind. Mit The Village gelang Shyamalan – um einen Vergleich mit dem Regiekollegen dennoch zu bemühen – ähnliches. Dort konzentrierte sich dieser auf das fatale Dilemma rund um Verschwörung und Aberglaube, womit der Film mit Never Let Go einiges gemeinsam hat. Letzterer nimmt sich aber auch noch der Problematik elterlicher Erziehung an. Mag sein, dass Never Let Go letzten Endes zu viel will. Und ja, Aja stopft hier einiges in seine hundert Minuten, vor allem allerlei Symbolträchtiges und Allegorisches und verliert dabei vollends eine gewisse inhärente Logik aus den Augen, die den Nebel aus Halluzinationen, Tatsachen und Phantastischem teilen könnte.

Festhalten kann sich das Publikum nirgendwo. Was Never Let Go dann auch so beklemmend macht. Wenn es keine Wahrheit mehr gibt, schwindet der Boden unter den Füßen. Immer wilder wird der Ritt, wer hätte gedacht, dass Berry und zwei Jungdarsteller so ein Inferno entfesseln? Den rettenden Strohhalm gewährt Aja dann doch, aber erst dann, wenn jedwede Zuversicht schon aufgegeben scheint.

Never Let Go (2024)

Suitable Flesh (2024)

BODYSWITCH IM CTHULHUVERSE

7/10


SuitableFlesh© 2023 Shudder


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: JOE LYNCH

DREHBUCH: DENNIS PAOLI, NACH DER KURZGESCHICHTE VON H. P. LOVECRAFT

CAST: HEATHER GRAHAM, JUDAH LEWIS, BRUCE DAVISON, JOHNATHON SCHAECH, BARBARA CRAMPTON, CHRIS MCKENNA, J. D. EVERMORE, ANN MAHONEY U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Obwohl der Begriff im Film nicht namentlich erwähnt wird, muss man dennoch die Frage stellen: Wer oder was ist Cthulhu? Kenner des Gesamtwerks von H. P. Lovecraft wissen: dieser Mann hat einen Mythos herbeifantasiert, welcher sich durch viele, um nicht zu sagen fast alle seine Werke zieht. Dieses uralte Geheimnis birgt die Tatsache, dass dieser unserer Planet Äonen noch vor dem Auftauchen des Menschen durch die sogenannten großen Alten besiedelt wurde. Diese haben sich dann mehr oder weniger von der Bildfläche verabschiedet, manche davon haben sich in die Tiefe der Meere zurückgezogen, manche tarnen sich und leben unter uns, was gerne zu paranoiden Visionen führen kann. Seit den Bergen des Wahnsinns hat sich Cthulhu und alles, was dazugehört, zu einem Verschwörungsmythos hochstilisiert, der das Genre des Kosmischen Horrors durchdringt und unter anderem auch in der Kurzgeschichte Das Ding an der Schwelle zu finden ist. Dass sich Lovecraft durchaus verfilmen lässt, hat zuletzt eine der Episoden aus Guillermo del Toros Cabinet of Curiosities bewiesen: Pickman’s Model mit Ben Barnes. Horror wie ein Schlag in die Magengrube. Keine Erlösung, stattdessen nur der Wahnsinn.

Die Farbe aus dem All ist auch so ein Lovecraft-Vehikel. Nicolas Cage verfällt da samt Familie einem violetten Leuchten – Dinge, Körper und ganze Landschaften verändern sich. Kann man ansehen, wenn man auf Body Horror-Rambazamba steht. Das Ding an der Schwelle hat sich Joe Lynch zu Herzen genommen und daraus den mit Heather Graham prominent besetzten Suitable Flesh inszeniert: einem Bodyswitch-Schocker, der es faustdick hinter den Ohren hat. Der sich anfangs jedoch so anfühlt, als hätten wir es hier mit Dutzendware aus der Mindfuck-Billigschiene zu tun, für welchen Heather Graham vielleicht angesichts mangelnder Angebote dann doch eingewilligt hat, nur, um wieder mal vor der Kamera zu stehen. Allerdings ist es nicht so, als ob Graham hier nur ihre Zeit absitzt und brav die Regieanweisungen Lynchs befolgt. Es scheint etwas an dem Film zu sein, wofür die mit Paul Thomas Andersons Boogie Nights bekannt gewordene Schauspielerin so etwas wie Herzblut investiert. Sie gibt die Psychiaterin Elizabeth Derby, Expertin auf dem Gebiet außerkörperlicher Erfahrungen, die eines Tages mit einem Fall konfrontiert wird, der sie an ihre Grenzen bringt. Ein junger Mann taucht auf und behauptet, von einem Bewusstsein temporär gesteuert zu werden. So wie es aussieht, könnte der eigene Vater dahinterstecken. Derby geht der Sache nach, stößt auf das schmucke Anwesen von Vater und Sohn, allerdings auch auf mittelalterliche Schwarten, in denen der Cthulhu-Mythos schlummert. Dumm nur, dass zu ebendieser Stunde ihr Patient gar nicht mehr Herr seiner Sinne ist, als er aufschlägt und seine Psychologin zu einem sexuellen Ex temporae verführt. Mit nachhaltigen Folgen.

Natürlich klingt Suitable Flesh nach ordentlichem B-Movie. Nach Sex und Ekel, Bodyhorror, Körpertausch und nackten Brüsten. Nach Monsterkino und Kellerhorror. In Joe Lynchs aufgekratzter, allerdings auch düsterer Horrorkomödie hält sich permanent eine undurchdringliche, kryptische Metaebene, die ganz dem verqueren Gedankengut von Lovecraft entspricht. Das Wie und Weshalb wird ohnehin niemals erklärt, manche Szenen enthalten Andeutungen für Insider. Details, die seltsam anmuten, die näher erforscht werden wollen, verschwinden auf Nebenspuren der Handlung, bis sie nicht mehr zu erkennen sind. In lustvoller Gier nach Blut und multiplen Identitäten schraubt sich der hyperaktive Streifen in lächerlich absurde Höhen, die so lächerlich nicht sind, weil sie in Lovecraft’scher Konsequenz den maximalen Fall zelebrieren. Immer noch haben wir das billige B-Movie als Fassade, dahinter ein Freaky Friday mit alten Mächten, deren wahre Gestalt ein Geheimnis bleibt. Den rotierenden, sich selbst einholenden Wahnsinn verewigt Lynch formschön mit trudelnder Kamera, die keinen Halt mehr findet.

Suitable Flesh (2024)

Die Farbe aus dem All (2019)

ALLES SO SCHÖN BUNT HIER

7/10


diefarbeausdemall© 2019 Plaion Pictures


ORIGINAL: COLOR OUT OF SPACE

LAND / JAHR: USA 2019

REGIE: RICHARD STANLEY

DREHBUCH: SCARLETT AMARIS, RICHARD STANLEY, NACH DER KURZGESCHICHTE VON H. P. LOVECRAFT

CAST: NICOLAS CAGE, JOELY RICHARDSON, TOMMY CHONG, MADELEINE ARTHUR, BRENDAN MEYER, JULIAN HILLIARD, ELLIOT KNIGHT, Q’ORIANKA KILCHER U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN


In Wahrheit ist die Welt unbunt. Das merkt man vor allem nachts, wenn das, was wir gerade noch wahrnehmen können, in diffusem Grau versinkt. Das Licht gibt den Dingen dann ihre farbige Besonderheit, je nachdem, wie dieses von der Materie reflektiert wird. Doch selbst dann ist es längt nicht selbstverständlich, das satte Spektrum von Grün und Rot und Blau auch wahrzunehmen. Schließlich gibt es auch Farben, die wir gar nicht sehen können, andere Lebewesen aber schon. Und dann gibt es Farben, zumindest in der Literatur und in den Köpfen dem Phantastischen zugeneigter Kunstschaffender, die, wie der Tscheche Leo Perutz, im Krimi Der Meister des jüngsten Tages exzentrisches Coleur wie das sogenannte Drometenrot erschaffen, das alle in den Wahnsinn treibt, sobald man es erblickt. Der Schriftsteller H. P. Lovecraft gibt sich in seiner Kurzgeschichte Die Farbe aus dem All ebenfalls einem Farbenrausch hin, der weitaus mehr bewirkt, als nur Menschen um den Verstand zu bringen. Näher benannt wird dieses rosarote Leuchten nicht, dafür fehlt den Betroffenen schier die Zeit und die Lust, angesichts des eskalierenden Dilemmas auch noch das Kind des Grauens beim Namen zu nennen.

Lovecraft ist längst Kult, und nicht weniger als Edgar Allan Poe. Der gerade mal 47 Jahre alt gewordene Amerikaner – es starb an Krebs – gilt als der Begründer des Kosmischen oder gar Lovecraft’schen Horrors, dessen Bedrohung sich aus höheren, unerklärlichen und unergründbaren Mächten speist. Der Cthulhu-Mythos, einhergehend mit dem fiktiven Buch namens Necronomicon, wird zum Beispiel eines frühen Franchise, zum erschaffenen Themen-Universum, dem sich zahlreiche Werke unterordnen. Und wenn einem der Name des Buches bekannt vorkommt: Jawohl, dee Schmöker aus Tanz der Teufel heisst ganz genauso – und zweckentfremdet wurde dieser ja auch nicht ganz, denn was das Buch entfesselt, wissen wir.

In Die Farbe aus dem All gibt es kein Buch und kein näher bestimmtes Artefakt. Doch es gibt einen Meteoriten, der mit Karacho in den Garten der fernab urbanen Trubels lebenden Familie Gardner kracht und dabei einen kaum übersehbaren Krater hinterlässt, dem diese eigentümliche, geschmackvolle, rosarote bis lila Farbe entströmt, die alles durchdringt, bedeckt und zu höherem und andersgeartetem Wachstum antreibt. Es mutiert die Botanik, es mutieren die Alpakas in der Scheune. Man darf erwarten, dass das seltsam strahlende Licht so einiges im Bauplan mehrzelligen Lebens durcheinanderbringt. Wie das geht, ist nicht von Belang. Die Frage nach dem Wie und Warum stellt sich nicht. Stattdessen ist Schadenbegrenzung die oberste Agenda von Nicolas Cage, der zusehen muss, wie seine Liebsten bizarren Metamorphosen unterworfen werden – nicht nur physisch, sondern auch psychisch. Klar ist Papa nicht immun gegen diesen ganzen Zauber. Das Overacting greift um sich, der vielbeschäftigte Neffe Francis Ford Coppolas darf seine Figur endlich einmal ohne Scham überzeichnen, was zwischendurch aber leider ins Lachhafte kippt. Abgesehen davon, dass Cage locker als Schuspielprofi durchgeht, sofern er entsprechend gefordert wird: zu seinen Nieten zählt ein Auftritt wie dieser hier – was der unheilvollen und bizarren Wirkung der wüsten Science-Fiction aber keinen Abbruch tut.

Die Farbe aus dem All wäre das Ergebnis, wenn man John Carpenters The Thing mit Jeff VanderMeers Annihilation (kongenial verfilmt von Alex Garland) kreuzt. Fans von beidem kämen auf ihre Rechnung, der Bodyhorror trägt dabei pink, der Verstand nichts zur Lösung eines verheerenden Problems bei, welches eine Familie in den Abgrund stürzt und wir dabei zusehen sollen. Lovecraft ist schließlich nie einer, der will, dass das mystische wie mythische Verderben dank der Praktizierung menschlicher Werte gebannt wird. Der Mensch bleibt das Opfer und völlig machtlos. Und reicht nicht die Resignation, regiert der Wahnsinn. Der einzige Zustand, um sich mit dem Unerklärlichen zu arrangieren.

So gesehen ist Die Farbe aus dem All von Richard Stanley geradezu erquickend, ich will nicht sagen erfrischend, aber in seiner ausufernden psychedelischen und metaphysischen Bildgewalt ein launiger Horror mit staunenswerten Seltsamkeiten, stets immer nahe zur Groteske, die den Schrecken fast schon verballhornt – wäre da nicht der Erzähler aus dem Off, der wiederum an Poe erinnert und wie ein Gruselgeschichtenerzähler am Lagerfeuer dann doch noch die richtige Stimmung macht.

Die Farbe aus dem All (2019)

Bird Box: Barcelona (2023)

DEN BLICK RISKIEREN

6,5/10


birdboxbarcelona© 2023 Netflix Inc.


LAND / JAHR: SPANIEN 2023

REGIE / DREHBUCH: ÁLEX & DAVID PASTOR

CAST: MARIO CASAS, GEORGINA CAMPBELL, ALEJANDRA HOWARD, NAILA SCHUBERTH, LEONARDO SBARAGLIA, LOLA DUEÑAS, DIEGO CALVA, GONZALO DE CASTRO, MICHELLE JENNER U. A.

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


Da brauchen wir nicht lange überlegen: Gegner, die man nicht ansehen kann, haben zumindest mal die Pole Position. Solche Kreaturen gibt es seit der Antike, nehmen wir doch nur mal die Medusa. In den Altwiener Sagen trieb der potthässliche Basilisk in den Gewölben unter der Stadt sein Unwesen – der direkte Blick auf diese obskure Mischung aus Reptil und Gockelhahn ließ so manchen Möchtegernhelden zu Stein erstarren, es sei denn, die ganz cleveren unter den Mutigen hatten einen Spiegel dabei. In Nikolai Gogols Wij-Alptraum gibt es ein Monster mit todbringenden Augen, auch das von Plinius dem älteren erstmals erwähnte Wesen namens der Katoblepas hatte diesen in die Knie zwingenden Blick. Die Conclusio lautet: Ansehen ja, vorausgesetzt, es merkt sonst keiner.

Treibt man diese Sehgewohnheiten an die Spitze, landet man eventuell bei jenem verheerenden Endzeitszenario, das aus Susanne Biers Netflix-Horror Bird Box – Schließe deine Augen bekannt ist. Lethale Entitäten haben die Erde bevölkert – erblickt man diese, will man umgehend Selbstmord begehen, am besten mit den Mitteln, die gerade zur Hand sind. Effektive Gegenmaßnahmen gibt es keine, präventiv gesehen lässt sich aber auf einige Anomalien in der Umgebung achten. Wenn sich an kaum zugigen Tagen kleine Windhosen emporzwirblen, dann kann schon um die nächste Ecke das Verderben lauern, das noch dazu mit den Stimmen der Toten redet und die Gefühle so manch panisch agierender Menschleins derart manipuliert, dass diese schließlich die Augen öffnen. Bird Box nennt sich das ganze deshalb, weil Vögel eine ganz besondere Sensibilität für Aggressoren dieser Art entwickelt haben. Sie flattern wie verrückt, wenn das Böse naht. Doch ist es das wirklich, das Böse? Jene, die sehen können, meinen: Nein.

Doch warum können sie das? Und warum beseelt sie der Drang zur Missionierung so derart stark, dass sie die letzten Überlebenden aus ihren Häusern zerren, um sie unter Anwendung von Gewalt sehen zu lassen. Allein die Vorstellung, etwas erblicken zu müssen, was ich nicht will, scheint endlos grausam. Natürlich ist das Folter.

Und so lebt die Menschheit im Blindflug vor sich hin und ist nur in den eigenen vier Wänden sicher, doch selbst dort sind blickdichte Vorhänge ein guter Rat. Vor fünf Jahren konnten Invasionsfilm-Interessierte den verzweifelten Versuchen von Sandra Bullock beiwohnen, mit ihren beiden Kindern eine als Festung aufgezogene Insel der Seligen zu erreichen, dabei bestand Bird Box zum Großteil nur aus Rückblenden und hielt überdies keinerlei Erkenntnisse parat, was diese Wesen angeht. Schadensminimierung und Survival als Film, jedoch unbefriedigend resignativ. Das sollte mit dem europäischen Spin-off Bird Box: Barcelona nun anders werden.

Zeitgleich zum Original, aber sonst mit keinem Bezug zum Schicksal Bullocks und ihrer Schützlinge, bricht auch in Spanien die Hölle los – wie überall auf der Welt. Leute killen sich, wo es nur geht. Entweder werfen sie sich vors Auto, bauen Totalschäden oder massakrieren sich, wenn das nicht schon genug war, mit den scharfkantigen Resten ihrer Fahrzeugtrümmer. Einige Zeit später – der beklemmende Zustand gehört bereits zum Alltag – streunt Sebastián (Mario Casas) gemeinsam mit seiner Tochter durchs zusammengebrochene, verwüstete Barcelona fernab jeglicher Sehenswürdigkeiten. Wie sich bald herausstellen wird, bedient sich dieser perfiden Tricks, um Mitbürger aus ihren Verschlägen zu locken, denn Sebastián ist einer, der sehen kann. Er und viele andere seiner Sorte sind als sektenhafte Prediger unterwegs, die militant ihr Ziel verfolgen. Klar ist es schwierig, einen Film wie diesen um einen Protagonisten herum zu errichten, der eigentlich auf der anderen Seite stehen sollte, doch das ist genau der Clou an der Sache, die Bird Box: Barcelona zu einem im Vergleich zum Erstling inhaltlich weitaus ergiebigeren und ambivalenteren Science-Fiction-Trip konvertiert, der so einige allseits bekannte Tropen aus dem Genre invertiert.

Die Gebrüder Álex und David Pastor, die bereits 2009 mit ihrem Pandemie-Roadmovie Carriers Erfahrungen mit dystopischen Szenarien sammeln konnten, werfen so einiges in ihren Skript-Pool, dem sie habhaft werden können. Und dass ihrer Meinung nach so manche Erwartungen des Publikums unterwandern soll. Der Schrecken ist allerdings nach wie vor nicht sichtbar – diesen Freiraum zu sichern, um die eigene Fantasie anzustrengen, mag nun ein unverrückbares Merkmal dieses Franchise sein, sollte es noch einen dritten Teil geben, der sich letztendlich damit beschäftigen wird, wie man diesen Kreaturen beikommt. Diesmal aber ist es das Sehen und Nicht-Sehen, die Läuterung eines Auserwählten, gar schlimmen Fingers, der am Ende des Tages den moralischen zu Gesicht bekommen wird. Das mag zwar auch vorhersehbar sein – und ist es auch – doch packt Bird Box: Barcelona seinen Trip in ein kompaktes Handlungsnetz, aus dem kaum etwas dramaturgisch Essenzielles durch die Maschen schlüpft.

Bird Box: Barcelona (2023)

Resurrection (2022)

MIT DEM TRAUMA SCHWANGER GEHEN

6/10


resurrection© 2022 IFC Films


LAND / JAHR: USA 2022

BUCH / REGIE: ANDREW SEMANS

CAST: REBECCA HALL, TIM ROTH, GRACE KAUFMAN, MICHAEL ESPER, ANGELA WONG CARBONE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Wer mit Filmen wie Rosemaries Baby, Ekel oder Darren Aronofskys mother! nicht viel anfangen konnte, und wem diese obskuren und völlig kranken Sinnbilder rund um Geburt, Abhängigkeit und Paranoia einfach zu viel sind, um sich nach dem Arbeitsalltag auch noch interpretieren zu müssen, dem sei von Resurrection so ziemlich abgeraten. Dabei würde man anfangs gar nicht vermuten, es mit einem Film zu tun zu haben, der mit Vernunft überhaupt nichts am Hut hat, obwohl es zuerst den Anschein hat, dass zumindest Rebecca Hall als Protagonistin Margaret mit beiden Beinen im realen Leben steht, ist sie doch Chefin eines Pharmaunternehmens mit schickem Büro in einem Glas- und Stahlgebäude und einer adrett eingerichteten Wohnung samt fast volljähriger Tochter. Es scheint alles seine Ordnung zu haben, bis eines Tages ein Mann aufkreuzt, der Margaret in Schockstarre versetzt: Dieses Individuum namens Dave, dargestellt von Tim Roth auf gewohnt phlegmatische, aber niemals zu unterschätzende Art, hat vor mehr als zwanzig Jahren Margarets Leben zur Hölle gemacht. Irgendetwas muss da gewesen sein, und es hat mit einem Jungen namens Ben zu tun, der allgegenwärtig scheint. Dieses Baby ist es auch, welches Margaret plötzlich in ihren Albträumen erscheint. Und dieser Dave ist es, der eine ganz eigenartige Wirkung auf die sonst resolute Geschäftsfrau hat, die immer mehr und mehr den Boden unter ihren Füßen und somit die Kontrolle über ihr Leben verliert. Ist es Hörigkeit, die Margaret so abhängig macht von diesem Kerl, der eigentlich gar nichts proaktiv von ihr will? Ist es neurolinguistisches Triggern? Hypnose? Welche Macht hat Dave über Margaret, dass er sie zwingt, barfuß zur Arbeit zu laufen? Zumindest scheint es so, als wäre Tochter Abby in größter Gefahr. Die allerdings kennt sich vorne und hinten nicht aus. So wie wir als herumrätselndes Publikum, dass das, was Tim Roth so von sich gibt, einfach zu absurd findet, um ihm nur eine Sekunde lang ernst nehmen zu können.

Zu lachen gibt’s trotz der völlig bizarren Umstände allerdings nichts. Je mehr Worte man über dieses ungesunde Wechselwirken aus Diktat und Hörigkeit verliert, umso bedauernswerter wäre das. Auf Resurrection sollte man sich einlassen – und eine Prämisse hinnehmen wollen, die gänzlich aus Symbolismen besteht. Je länger der Film dauert, umso weniger hat das Ganze mit der Realität zu tun, doch nicht bildlich. Wieder fällt mir Roman Polanskis Ekel ein. Wahn wird zur Wirklichkeit, doch wovon nährt sich dieser? Von unbewältigten Traumata, von Schuldgefühlen und vom tiefsitzenden Schmerz einer Mutterfigur. Hinzu kommt die Angst, dass sich das ganze Unglück wiederholt. Autorenfilmer Andrew Semans bezieht in seinem subtilen Horror niemals wirklich Stellung. Er schafft auch keine Klarheiten oder enthüllt seine Metaphern, die sich dann zu einer Metaebene bekennen würden, die vielleicht für das Trauma eines plötzlichen Kindstodes oder gar einer Fehlgeburt stünden. Semans lässt alles offen und lädt ein zur Spekulation. Er erklärt nichts, sondern deutet nur an. Resurrection ist die Chronik einer ins Chaos mündenden, seelischen Belastung und spielt mit Themen, die sich mitunter sogar in Edward Albees Wer hat Angst vor Virginia Woolf zutage treten und so sensibel sind, dass sie in ihrem seltsam-phantastischen Kontext auf fahrlässige Art verstörend wirken könnten. Allerdings braucht man, um dieses Interpretationsvakuum zu schaffen, ganz schön viel Mut. Eine Eigenschaft, die sich nur das Independentkino leisten kann, ohne Rücksicht auf Verluste.

Resurrection (2022)

The Batman

DER VIGILANT HAT NOCH ´NE FRAGE

7/10


thebatman© 2021 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2022

BUCH / REGIE: MATT REEVES

CAST: ROBERT PATTINSON, ZOË KRAVITZ, JEFFREY WRIGHT, PAUL DANO, COLIN FARRELL, JON TURTURRO, ANDY SERKIS, PETER SARSGAARD, PETER MCDONALD U. A.

LÄNGE: 2 STD 57 MIN


Die von Bob Kane und Bill Finger ins Leben gerufene Rächer-Figur im schwarzen Cape ist wohl DER wandelfähigste Charakter im ganzen Comic-Universum. Will man in diesen Kosmos quereinsteigen, ist man als uneingeweihter Panels-Leser erstmals rettungslos aufgeschmissen. Da gibt es Storylines noch und nöcher, Batman als üppiger Actionheld mit Muckis wie Arnie, dann wieder als einer, der unter dem Titel Der Batman, der lacht selbst den Verstand verliert. Dann gibt es jene Anthologie-Ausgaben, die den Spieß umdrehen und Joker als den Guten darstellen, während Batman im Grunde ein übler Bursche ist. Und dann gibt es natürlich die Film-Noir-Versionen, die Thriller-Comics des nachaktiven Investigators, der mit Comissioner Gordon gemeinsame Sache macht, um Komplotte aufzudecken. Batman ist ein Fass ohne Boden, unterschiedlich interpretierbar und auf keinen Stil endgültig festgelegt. Diese wunderbare Wandelbarkeit hat auch das Kino längst erkannt – angefangen mit Tim Burton und seinem Neo Gothic-Look aus den späten Achtzigern über die knallbunten und leider sehr trashigen Karnevalsnummern eines Joel Schumacher bis zum erwachsen gewordenen Actiondrama mit Nolans übertriebener Auslegung von Bruce Waynes Selbstmitleid. An dieser Stelle sei angemerkt, dass, würde ich die unterm Strich am häufigsten in den Comics ausgelegte Batman-Charaktertendenz mit einer Filmversion vergleichen, ich wohl Ben Affleck Rückendeckung geben muss: Seine Figur (für viele nicht tragbar, ich weiß) gibt den späteren, bereits etablierten Batman die nötige leicht arrogante Millionärsschwere mit Technik-Affinität. Sieht man sich die ersten Jahre von Batmans Schaffen an, lässt sich ganz plötzlich ein Mittdreißiger wie Robert Pattinson entdecken, der seine Twilight-Erinnerungen spätestens seit Dave Eggers Der Leuchtturm komplett abgelegt hat und in einer introvertierten Version aus The Crow und Kurt Cobain zwar mit seinem Schicksal hadert, dabei aber gar nicht mal so schmachtend wehklagt wie vielleicht befürchtet. Dieser Batman hat seine wirklich harten Jahre, in denen es ums Eingemachte geht, noch vor sich. Bis es so weit kommt, versinkt Gotham City unter geschmackvollen Variationen von Nirvana und Franz Schubert im Sumpf des organisierten Verbrechens.

Mit dem Mord an Bürgermeister Mitchell fällt somit der erste Dominostein für ein Tabula Rasa in der regennassen Finsternis einer kaputten Stadt, die keine Werte mehr kennt und als Sodom oder Gomorrha bald von höheren Mächten heimgesucht werden muss. Eine schwelende Prä-Apokalypse liegt in der Luft, und die gedeckte Stimme Batmans aus dem Off beschreibt tagebuchartig den Status Quo. Und dann das: ein olivgrün maskierter Wahnsinniger killt den Top-Politiker Gothams und hinterlässt Rätsel. Wer kann denn das sein? Jedenfalls nicht Jim Carrey im Fragezeichen-Stretch. Dieser hier ist ein weniger bühnentauglicher Psychopath, der gerne mit Joaquin Phoenix auf einen Kaffee gehen würde. Doch leider sind dessen Liebesbriefe an Batman gerichtet – und so geht dieser zum Leidwesen der übrigen Polizeibelegschaft mit dem durch Jeffrey Wright fabelhaft besetzten und moralisch sehr aufgeräumten Jim Gordon (besser noch als Gary Oldman!) den kryptischen Hinweisen nach. Bald quert auch eine gewisse Selina Kyle den Weg unserer Fledermaus, und Oswald Cobblepot als der Pinguin will wieder mal von nichts etwas wissen.

The Batman birgt ein klassisches, wenig überraschendes und fast schon routiniertes Szenario. Matt Reeves wagt sich im Storytelling nicht über den Tellerrand hinaus, er bleibt dem Einzelgänger treuer als so manch anderer, ja sogar Tim Burton, und verbeugt sich respektvoll vor Print-Klassikern wie Das erste Jahr, Kaputte Stadt oder Das lange Halloween – Comics, die man gelesen haben sollte. In dieser akkurat abgesteckten Spielwiese ist bei Reeves vieles möglich, aber eben nichts, was dem Kult fremd wäre. Das psychopathische Spiel des Riddlers ist zwar nobel exaltiert und hysterisch, doch erwartbar. Paul Dano gibt jedoch sein Bestes und ist so ideal besetzt wie Jon Turturro als Carmine Falcone oder Andy Serkis als Butler Alfred: Figuren, die in ihrer Manier vertraut bleiben. Am besten allerdings bekommt Zoë Kravitz als Katzenfrau die krallige Kurve: sie schafft es, Michelle Pfeiffer vom Thron zu stürzen. Ihr Spiel ist natürlich und lasziv, dabei lässig und gleichsam emotional. Spielerisch findet sie den Mittelweg und tänzelt diesen entlang in erstaunlicher Sicherheit, als wäre sie niemals eine andere gewesen. Das passt zu Pattinsons Batman-Version, die sich in angenehmer Zurückhaltung das Detektivische einverleibt und den Mut hat, zu straucheln oder Fehler zu machen. Er muss noch üben, dieser Batman – und diese Luft nach oben steht ihm gut.

Alles in allem ist Matt Reeves‘ Anthologie das runde, schöne Filetstück einer gar nicht übernatürlichen Superhelden-Ballade geworden, die als melancholischer Psychothriller die latente Terrorangst einer Stadt mit Wut und Selbstreflexion bekämpft, dabei manchmal zu viel redet und seine Stärke in einer penibel arrangierten, urbanen Grunge-Hölle findet, die so einige ikonische Batman-Stills Joker-Karten gleich ins Spiel wirft.

The Batman

Macbeth (2021)

DIE PARANOIA EINES THRONRÄUBERS

7/10


macbeth© 2021 Apple+ 


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: JOEL COEN

CAST: DENZEL WASHINGTON, FRANCES MCDORMAND, BRENDAN GLEESON, HARRY MELLING, COREY HAWKINS, RALPH INESON, KATHRYN HUNTER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


Sind die Werke von William Shakespeare tatsächlich immer noch zeitlos? Oder hat die Bühnensprache aus dem frühen 17. Jahrhundert nicht auch irgendwann ein Ablaufdatum? Wie ist es wohl passiert, dass Shakespeare als das Non plus Ultra rezitierter Textgröße einem witterungsbeständigen Monument gleich allen Jahrhunderten trotzt und ein jeder, der auch nur irgendwas mit Schauspiel oder Theater zu tun hat, sich zumindest einmal an dem Engländer mit der Halskrause ausprobieren will? Jetzt gehört auch noch Joel Coen (und zwar ohne Bruder Ethan) zu denen, die vor den sperrigen Königsdramen einen Hofknicks machen. Und dreimal darf geraten werden, welches Drama wohl zum Zug kommt. Ganz klar, Macbeth – der schottische Königsmörder und der Wahnsinn. Wenn man den mal ordentlich adaptiert, kann man so gut wie alles inszenieren. Sogar Theater.

Dabei ist Macbeth irgendein schottischer König aus dem ganz finsteren 11. Jahrhundert, einer, der sich, angestachelt von seiner Gattin – der berühmt berüchtigten Lady Macbeth – hochgemordet und das Land aber für einige Zeit zumindest gar nicht mal so Caligula-like regiert hat. Es herrschte Frieden und Wohlstand – wer hätte das gedacht? Der Thronerbe des verblichenen Königs Duncan hat da aber außerhalb der Regimentsgrenzen bereits die Messer gewetzt, um sich seinen Anspruch zurückzuholen, war dieser doch wohlweislich vor den Häschern Macbeth’s geflohen. Er wird heimkehren, es wird Krieg gegeben haben – Macbeth wird bald Gespenster gesehen und sich in einen paranoiden Wahn hineingesteigert haben – während getötet wurde, wer ihn auch nur schief angesehen hat.

Es ist klar, wie es ausgehen wird, nicht umsonst ist das Stück eine Tragödie. Die Macbeths werden am Ende ihrer blutigen Karriere wohl nicht mehr atmen. Dabei lässt sich die Handlung ja, wenn man sich genug konzentriert, aus den hochgestochen arrangierten Textbrocken, die so schönmalerisch und in bildhafter Umschreibung Gemütszustände mit allem möglichen vergleichen, dann doch extrahieren. Das bedarf aber – bei Shakespeare eben einmal mehr, einmal weniger – ganz schön viel Aufmerksamkeit, was letzten Endes weniger Genuss als Erarbeitung darstellt. Dem lässt sich allerdings aus dem Weg gehen. Vor allem dann, wenn Macbeth schon aus Theater und Kino zur Genüge bekannt ist. Viel anders als in den letzten 400 Jahren wird’s nicht mehr. Die Verpackung drumherum allerdings schon. Coens Film ist einer, der schließlich visuell funktioniert – der altbekannte Klassiker ist dabei nur der librettoartige Unterbau, um sich an den darstellenden Künsten zu probieren. 

Und so hat Joel Coen das ganze geblümt-schwere Szenario als expressionistisches Schattentheater auf eine grenzenlos scheinende, gleichermaßen aber hermetisch abgeriegelte Bühne gesetzt. Noch mehr von der Realität entfremdet wird das Ganze durch manchmal kontrastreiches, manchmal weichgezeichnetes Schwarzweiß. Nichts, gar nichts dringt von außen, von einer pandemiegequälten Jetztzeit, in die archaische Psychopolitik eines schottischen Wüterichs, der in einer nebelverhangenen Traumwelt sein Schicksal sucht. Wenn die drei Schicksalskrähen auf dem Schlachtfeld erscheinen, erinnert dies frappant an die Werke Ingmar Bergmans (u. a. Das siebente Siegel). Hätte dieser Shakespeare inszeniert, wäre sein Film Coens Interpretation vermutlich recht ähnlich.

Dass hier Reminiszenzen zu finden sind, liegt somit auf der Hand: Die Liebe zum alten, klassischen Studiofilm lässt geometrische Kulissen, wie wir sie aus den Theatern dieser Welt kennen, Licht durch finstere Torbögen gleißen, manches erscheint wie mit Tinte gezeichnet, manches ist selbstbewusstes Retrokino aus der Hochzeit skandinavisch-deutscher Schauer- und Stummfilmdramen, die auch Dave Eggers in Der Leuchtturm freudvoll angehimmelt hat. Auf ähnliche Weise bringt die lettische Mystery November das Metaphysische in eine von Mythen überforderte Welt. Damals allerdings hätte es unter Bergmans Regie wohl kaum einen schwarzen Macbeth gegeben.

Mit dieser Art und Weise des Inszenierens flackert die Erinnerung daran, dass es sowas wie eine Filmhistorie gibt, auch wieder auf. Das symbolistische Bedeutungskino, von der Bühne auf den Screen und wieder zurück, strengt zwar mitunter an, trifft aber mit seinen akkuraten, expressionistischen Bildarrangements durchaus den Schöngeist. 

Macbeth (2021)