Collide

FÜR HERZ UND NIERE

6/10

 

TT_Autobahn_SD32_42319.CR2© 2016 Universum Film

 

LAND: USA 2016

REGIE: ERAN CREEVY

CAST: NICHOLAS HOULT, FELICITY JONES, ANTHONY HOPKINS, BEN KINGSLEY, JOACHIM KROL U. A. 

 

Sieh mal einer an, wer tummelt sich denn da? Erstmal der großartige Anthony Hopkins, gefolgt vom legendären Ben Kingsley (der sich aber mittlerweile des Öfteren in unsäglichem Trash verirrt, und sei es auch nur für einen fünfminütigen Auftritt, um einen Billigfilm zu pushen). Des weiteren X-Men-Beast Nicholas Hoult und niemand Geringerer als Rogue-One-Star Felicity Jones, die für Die Entdeckung der Unendlichkeit mit einer Oscar-Nominierung geadelt wurde. Und wer ganz genau hinsieht, kann sich an Nebenrollen-Quereinsteiger Joachim Król erfreuen. Er darf sogar die Wumme auf „Hannibal Lecter“ richten, was will man als deutscher Filmroutinier im Rahmen einer internationalen Produktion denn mehr? Stellt sich die Frage: Was machen all diese Stars denn hier? Nun, ihr gemeinsamer Nenner ist, sagen wir´s mal so, ein relativ simpler Actionfilm. Nun, simpel heißt jetzt nicht zwingend misslungen. Simpel kann auch erstaunlich sehenswert sein. Collide von Eran Creevy ist irgendwo in der Mitte. Jetzt nicht ganz so erstaunlich sehenswert, aber auch längst nicht misslungen. Das liegt vor allem daran, wie die Rollen eben besetzt sind.

Ganz im Vordergrund steht Nicholas Hoult. Einer, der wahnsinnig gut Auto fährt und Boliden aus Fremdeigentum auch gerne kurzschließt. Zumindest hat er das mal gemacht. Die kriminelle Laufbahn will der us-amerikanische Endzwanziger zugunsten seiner großen Liebe Felicity Jones natürlich an den Nagel hängen – hätte das ganze nicht einen unübersehbaren Haken: die große Liebe erkrankt – und braucht dringend eine neue Niere. So Spenderorgane sind nicht billig, und das nötige Kleingeld hat man auch nicht in der Portokassa. Also noch mal einen Coup landen, im Auftrag von Drogenboss Geran – gespielt von Ben Kingsley –, um dem zwielichtigen Geschäftsmann Hagen Kahl – diesmal Hopkins – eins auszuwischen. Es heißt ja meist: wenn sich zwei streiten, freut sich der Dritte. In Collide hat der Dritte allerdings wenig zu lachen, und ist wenig später andauernd auf der Flucht.

Collide ist sauber inszeniertes Handwerk ohne viele Schnörkel. Ein Actionfilm unter vielen? Nicht ganz, obwohl in seinen Ansprüchen genügsam, und die beiden Grand Seigneurs – vor allem Kingsley – überzeichnen sich bis zur Selbstparodie. Der Gummi, der glüht. Und zwar nicht nur auf der Autostrada, da wird auch Filmkulisse Köln zum heißen Pflaster. Die Action kann sich sehen lassen, die können getrost mit dem Karosserie-Geplänkel aus anderen Filmen mithalten. Und umso weniger zu verstehen bleibt da die Tatsache, dass Collide hierzulande nicht mal im Kino lief. Gut, es werden Unmengen an durchschnittlicher Actionware produziert, mit durchwegs ansehnlichem Cast – die alle ins Kino zu bringen geht natürlich nicht. Vieles ist auch wirklich zu banal. Doch Collide hat was. Da ist womöglich mehr dran als an Filmen wie Anna, Luc Bessons was weiß ich wievielter Interpretation einer Femme fatale. Collide ist augenzwinkernd genug, um zwischen verschwörerischer Lovestory und Seitenstechen fördernder Action in leicht wegzusteckender Schwebe zu bleiben, der Film hat ordentlich Drive und mit Felicity Jones ein Mädel, um welches sich nachvollziehbar bangen lässt. Durch den Druck, der hinter der Action steht, bleibt der Film auf Zug und Nicholas Hoult wünscht man dabei gutes Gelingen.

Collide

Beale Street

AMERIKAS VERKAPPTE APARTHEID

6/10

 

IBSCT_13452_R© 2018 Annapurna Pictures

 

ORIGINALTITEL: IF BEALE STREET COULD TALK

LAND: USA 2018

REGIE: BARRY JENKINS

CAST: STEPHEN JAMES, KIKI LAYNE, REGINA KING, COLMAN DOMINGO, BRIAN TYREE HENRY, DIEGO LUNA, PEDRO PASCAL U. A.

 

„Jeder in Amerika geborene Schwarze ist in der Beale Street geboren. Die Beale Street ist unser Erbe. Dieser Roman handelt von der Unmöglichkeit und von der Möglichkeit, von der absoluten Notwendigkeit, diesem Erbe Ausdruck zu geben. Die Beale Street ist eine laute Straße. Es bleibt dem Leser überlassen, aus dem Schlagen der Trommeln den Sinn herauszuhören.“ Mit diesen Textzeilen beginnt Barry Jenkins neuer Film nach dem Roman des 1987 verstorbenen Romanciers James Baldwin. Und erklärt auch, warum Beale Street, obwohl es die Straße in New Orleans tatsächlich gibt und als Wiege des Jazz gilt, weniger ein tatsächlicher, zu besuchender Ort ist als viel mehr ein Synonym für einen allumfassenden gemeinsamen Nenner, der die schwarze Bevölkerung Nordamerikas vereint. Wenn die Beale Street also reden könnte, so wie der Filmtitel im Original konjunktiviert, so könnte sie einiges erzählen. Über Verschleppung, Sklaverei, Menschenrechtsverletzungen, Diskriminierung, Rassismus. Und über die Ohnmacht gegenüber der Machtwillkür einer Justiz, die eine eigene Form Apartheid schafft, nämlich die der gesetzlichen Versklavung fahrlässig Verurteilter.

Zwischen die Mahlsteine einer solchen Justiz gerät das Liebespaar Tish und Fonny. Der Holzkünstler Fonny nämlich, der wird beschuldigt, eine Puerto-Ricanerin vergewaltigt zu haben. Das Opfer scheint ihn identifiziert zu haben, doch klare Indizien sprechen dagegen. Die will aber keiner hören, und auch das mittlerweile in die Heimat verschwundene Opfer lässt nicht mit sich reden. Es sieht nicht gut aus für die beiden. Zum Glück hat die schwangere Tish einen Engel von Mutter, die alles daransetzt, ihren Schwiegersohn in spe freizubekommen. Diese stolze Matriarchin verkörpert Regina King, die auch prompt für Ihren Auftritt sowohl den Golden Globe als auch den Oscar abstauben konnte. Nun, ich muss sagen: Das sehr wohl zurecht. King stattet ihren Charakter der Sharon Rivers mit jeder Menge kämpferischem Gerechtigkeitssinn aus, wobei sie natürlich immer mal wieder an ihre Grenzen stößt, und so ihre Figur glaubhaft zweifeln, resignieren und erneut an die Sache glauben lässt. Das macht sie mit leisen Tönen, mit der zehrenden Liebe einer Mutter. KiKi Layne und Stephen James sind schauspielerisch aber auch nicht zu verachten, wobei KiKi Layne in erster Linie für die bezauberndsten, schönsten und malerischsten Takes verantwortlich ist, die Beale Street teilweise wie eine akkurat kolorierte Graphic Novel erscheinen lassen. Laynes Blicke sind tief, erzählen von Sehnsucht, innerer Kraft und Ohnmacht gleichermaßen. Ein Gesicht, dass die unruhigen Züge einer (un)beugsamen Gesellschaft trägt. Barry Jenkins, dessen oszillierendes, brillantes Meisterwerk Moonlight den Oscar als besten Film 2017 gewonnen hat, gibt sich auch diesmal wieder einer narrativen Melancholie hin, die wie ein wohlformulierter Roman in erlesenen Bildern zu erfassen ist. Das ist durchwegs wirklich schön anzusehen, mitsamt all der Ausstattung und der vorwiegend in Grüntönen gehaltenen, geschmackvollen Mode der konservativen 70er.

Was aus Beale Street aber letztendlich geworden ist, lässt sich als Lovestory in Rückblenden bezeichnen. Wie James Baldwin seinen Roman angelegt hat, kann ich mangels Lektüre leider nicht beurteilen, allerdings scheint es mir, dass der Justizskandal rund um Fonny dort wohl eher im Vordergrund steht als die Geschichte einer bedingungslosen Beziehung. Im Film ist es genau umgekehrt. Da ist die Liebe alles, sie wird auch des Öfteren bekundet, und zwar so richtig im sentimentalen Weichzeichner-Stil. Da entgleitet Barry Jenkins sein Film ab und an ins Schwülstige, ins schön anzusehende Schwülstige, und vom Justizdrama selbst bleiben die peripheren Bemühungen von Übermama Regina King. Das Thema „Grundlos hinter Gittern“ lässt sich aber auch mit viel mehr Schmerz, mit viel mehr Klage hinausschreien, wie 1994 in Jim Sheridans IRA-Drama Im Namen des Vaters. In Beale Street, der längst nicht so energisch menschliche Grundrechte verfechtet, weicht die Verzweiflung sehr schnell einer hingenommenen Ohnmacht, einer resignierenden Kleinheit, die aber vielleicht deswegen diese Ungerechtigkeit so aushalten kann, weil die Liebe so ungefähr über allem steht. Und auch all die Jahrzehnte hinter Gitter anscheinend aussitzen kann.

Beale Street

Mary Shelley

STAND BY YOUR MONSTER

5/10

 

maryshelley© 2018 Prokino Filmverleih

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, IRLAND, LUXEMBURG 2018

REGIE: HAIFAA AL MANSOUR

CAST: ELLE FANNING, DOUGLAS BOOTH, TOM STURRIDGE, MAISIE WILLIAMS, STEPHEN DILLANE U. A.

 

Was für eine denkwürdige Zusammenkunft am Genfer See. Die Geburtsstunde des Gothic-Grusels. Der Monster, Mythen und Blutsauger. Ken Russel hat diese Nacht schon in seinem Schauerdrama Gothic verewigt, nun findet sich Mary Shelley gemeinsam mit ihrem Gatten Percy und des Arztes Dr. Polidori in den verschwenderischen Gemächern des romantischen Dichters Lord Byron ein – um ein Spiel zu spielen: Jeder von ihnen muss Geschichten erfinden, Schauergeschichten um Untote, Geister und über sonstige Reiche zwischen Leben und Tod. Einiges ist da entstanden, unter anderem der erste Vampirroman noch vor Bram Stoker – und auch die Idee für einen zeitlosen Klassiker, nämlich den über einen Wissenschaftler namens Frankenstein, auch genannt der moderne Prometheus. Und laut vorliegendem Film hat Lord Byron die Idee des Vampyr von Polidori geklaut, andere Stimmen sagen das Gegenteil. Genaues weiß man vermutlich nicht. Aber ich komme vom Thema ab. Eigentlich, und obwohl das andere, nämlich das Drama rund um Byron und Polidori viel interessanter gewesen wäre, geht es um die junge Mary Shelley, vormals Godwin.

Es ist ein ganz klassisches, historisches Melodram, in welchem Elle Fanning den unkonventionellen Freigeist gibt. Adrette Kostüme, authentisches Straßenleben, dunkle Dachkammern, in die sich das relativ mittellose Paar – Mary geht die Beziehung mit dem ebenfalls als Freigeist bekannten Dichter Percy Shelley ein – dann zurückziehen muss. Unterstützung von Seiten der Familie gibt es keine. Papa Godwin missbilligt diese Liaison, die Stiefmutter ist sowieso dem Klischee entsprechend böse. Was hat man dann als junger Mensch sonst noch zu verlieren außer nichts? Eben! Also wird gemacht, was nicht der Norm entspricht. Ohne Einverständnis von irgendwoher geheiratet, sich an den wurmstichigen Tisch gesetzt und geschrieben. Haifaa Al Mansour (u. a. Das Mädchen Wajda), Regisseurin saudi-arabischer Herkunft, widmet ihr Biopic einer werdenden Künstlerin und ihrer Liebschaft. Das ist romantisch und schön bebildert, und Elle Fanning legt sich auch für Ihre Interpretation der Mary Shelley ziemlich ins Zeug. Was aber fehlt, ist der einzigartige Grund dafür, einen Film über Mary Shelley zu drehen. Verbotene Liebe, Flucht in die Armut, das Einschwören auf den eigenen Willen und täglich wiederholte Hymnen über die eigenen Ideale? Was Shelley womöglich erlebt hat, bis zu diesem einschneidenden Abend 1816 am Genfer See, ist womöglich etwas, dass nicht wenige Frauen dieses Alters und zu dieser Zeit erlebt haben. Nur von Mary Shelley weiß man es, sie ist mit Frankenstein berühmt geworden, nicht aber so wie Colette mit ihrer Emanzipation, und das ist etwas, das diesen Film bis zur eingangs erwähnten Inspiration zur Idee für Frankenstein zu einer oberflächlichen Historienschablone macht, die wenig Innovation zeigt, währenddessen man nur darauf wartet, dass endlich die Gedanken zu ihrem großen Roman Gestalt annehmen. Das passiert relativ spät, und verbleibt in diesem Film wie eine in den Plot gedrängte Fußnote, schon allein, weil sich die Begeisterung für ein solches Thema wie Meister über Leben und Tod zu sein sicherlich nicht alleine aus einem Besuch bei einem Mysterientheater so gewaltig Bahn brechen kann.

Vielleicht, ja vielleicht hat sich Mary Shelley immer mal wieder Gedanken darüber gemacht, aber es scheint, als wäre Al Mansour die literaturgeschichtliche Komponente gar nicht wrklich wichtig, als müsste sie es erwähnen, obwohl sie es gar nicht will. Der Film soll von einer Frau erzählen, und nicht von einer Künstlerin. So kommt es, dass sich in Mary Shelley die Werdung zur Autorin des neben Bram Stokers Dracula wohl berühmtesten Schauerroman nur vage erschließt. Der Input ist plötzlich da, also hätte  Shelley auch irgendetwas anderes schreiben können, auch über Napoleon zum Beispiel oder den Krieg oder über die Rolle der Frau in der Gesellschaft. So ist Frankenstein eine austauschbare Nummer, die auch nicht aus den Idealvorstellungen, den Lebenswandel und der Philosophie dieser Frau abzuleiten wäre. Frankenstein selbst scheint nichts mit der Biografie dieser Person zu tun zu haben, eher die unerwartete Prämisse eines ganz anderen Dranges zu sein, so vermittelt es mir zumindest dieser Film. Und das ist dann doch etwas schal. Der Konflikt Polidori und Byron wäre, und ich erwähne es nochmal, die spannendere Geschichte gewesen.

Mary Shelley

Den Sternen so nah

RETTET GARDNER ELLIOTT!

7/10

 

THE SPACE BETWEEN US© 2017 Tobis Film GmbH

 

ORIGINAL: THE SPACE BETWEEN US

LAND: USA 2017

REGIE: PETER CHELSOM

CAST: ASA BUTTERFIED, BRITT ROBERTSON, GARY OLDMAN, CARLA GUGINO U. A.

 

Ridley Scotts großangekündigter Marsbesuch ist auch schon wieder eine Weile her. Vier Jahre sind schon ins Land gezogen, da wäre ein bemanntes Raumschiff nach unserem Stand der Technik auch schon einmal hin und retour geflogen. Mark Watney haben wir also schon gerettet, der ist wieder sicher auf Erden gelandet, nachdem man ihn eigentlich mehr oder weniger nach guter alter Kevin-Manier allein zuhause gelassen hat, auf einem Planeten ohne atembarem Luftgemisch und auf dem es saukalt ist. Schön anzusehen ist er ja, der Mars. Und eine Kolonie dort mit Sicherheit zumindest die erste Zeit abenteuerlich genug, um es dort auszuhalten. Natürlich ist das nichts für Kinder. Oder doch? Das Tempelhüpfen würde etwas epischer ausfallen, ungefähr Marke Stabhochsprung, nur ohne Stab. Fußbälle würden weiter gekickt werden als sonst wo und die Sandkiste wäre so groß so weit das Auge in dieser rötlichbraunen Welt reicht. Allerdings – die Zahl an Spielgefährten wäre endenwollend. Das ist ernüchternder als die ewige Warterei unseres Astronauten-Kevin Mark Watney. Doch so ist es mit Gardner Elliott passiert. Der Junge: ein blinder Passagier, heimlich ausgetragen von einer Astronautin, die um alles in der Welt am roten Planeten Pionierarbeit leisten wollte. Schwanger ins Weltall geht natürlich gar nicht, bei all diesen riskanten Variablen, aber irgendwie hat es doch funktioniert. Und jetzt retten wir nicht mehr Mark Watney, sondern Gardner Elliott, der aber Probleme hat, auf der Erde im wahrsten Sinne des Wortes Fuß zu fassen, ist doch seine Physiognomie eher auf die Schwerkraft des Mars ausgerichtet als auf die des blauen Planeten. Was das für physische Komplikationen nach sich ziehen kann, und wie sehr ein Teenager unbedingt altersadäquates soziales Umfeld braucht, davon erzählt Peter Chelsoms leichtfüßiges Abenteuer rund um ein Planetenhopping im Solsystem und um die erste Liebe.

Liebe gab es bei Ridley Scotts astrotechnischem Thriller keine, aber Peter Chelsom ist immer schon ein Romantiker gewesen, Gefühle haben da auch jenseits des terrestrischen Orbits ihren Platz. Also verliebt sich Gardner Elliott erstmal in seine Chat-Freundin, der er natürlich verheimlicht hat, dass er nicht gleich um die Ecke wohnt. Das Science-Fiction-Abenteuer für die jüngere Generation, im Original viel trefflicher mit The Space between us tituliert, zeigt auf sympathisch formulierte Art, wie der erste extraterrestrische Erdling gleichzeitig zum ersten Homo marsianus wird. Darwin würde sich im Rahmen seiner Idee zur adaptiven Radiaton mehr als bestätigt fühlen, es würde ihm gefallen zu sehen, wie schnell Anpassungen an extrem unterschiedliche Lebensräume vonstatten gehen können. Doch Daheim ist Daheim, und der Mars trotz aller lebensfeindlichen Abzüge die Heimat von Asa Butterfield, der schon in Enders Game der Auserwählte war – und hier jetzt nochmals. An seiner Seite aber statt Harrison Ford Oscar-Preisträger Gary Oldman als vergrämter Wissenschafter mit langer Mähne. Gut gespielt, aber routiniert. Brit Roberston (u. a. A World Beyond) hingegen als Gardner Elliotts Schwarm weiß da schon etwas mehr die Sehnsucht eines einsamen Teenies zu vermitteln, und die Chemie zwischen den Jungdarstellern stimmt. Das hat schon weitaus mehr greifbare Romantik als all diese Twilight-Originale und -Ableger, weil hier angenehmerweise keine Antagonisten den Frieden stören, sondern nur  der Brückenschlag zwischen zwei Welten zur unüberwindbaren Challenge wird. Es ist, als träfen die Geschichten eines John Green auf den bereits schon zitierten Marsianer – Den Sternen so nah erzählt von Einzelgängern und der Einsamkeit von Pionieren, von junger Liebe und einer Zukunft, in der Mann und Frau sich irgendwann nicht nur entscheiden müssen, welchen Nachnamen sie tragen, sondern auch, zu welchem Planeten sie gehören wollen.

Den Sternen so nah

Die Frau, die vorausgeht

MALEN FÜR DAS VÖLKERRECHT

5/10

 

WWA_D05_00474.ARW© 2017 Tobis Film

 

ORIGINAL: WOMAN WALKS AHEAD

LAND: USA 2017

REGIE: SUSANNA WHITE

MIT JESSICA CHASTAIN, MICHAEL GREYEYES, SAM ROCKWELL, CIARÁN HINDS, MICHAEL NOURI U. A.

 

Habt ihr jemals etwas von Caroline Weldon gehört? Ich zumindest nicht. Die New Yorker Witwe mit Schweizer Wurzeln war Ende des neunzehnten Jahrhunderts eine einmalige Erscheinung. Eine Künstlerin, um genau zu sein eine Malerin, doch das wäre nicht das Bemerkenswerte an dieser Frau – Caroline Weldon ist in die Wildnis gezogen, weit nach Westen in die Prärie, um den legendären Sioux-Häuptling Sitting Bull zu portraitieren, oder besser gesagt das, was von ihm übrig ist. Tot ist er zu diesem Zeitpunkt noch nicht, die glorreichen Tage allerdings sind lange vorüber. Bei Sitting Bull knüpfe ich mit meiner Geschichtskenntnis wieder an. Das wissen wir – nämlicher Häuptling hatte damals gemeinsam mit Crazy Horse General Custer das Fürchten gelehrt. Die Schlacht am Little Bighorn 1876 war wohl die größte Niederlage der Weißen während der Indianerkriege. Die Folge war die Ermordung aller beteiligten Stammeshäuptlinge – bis auf Sitting Bull. Der hat seine traditionelle Tracht gegen westliche Gewänder getauscht und gräbt lieber nach Kartoffeln als nach den Wurzeln seines Stammesstolzes.

Dass gerade eine Frau hier noch das letzte bisschen Selbstachtung aus dem legendären Krieger hervorholt, ist Grund genug, darüber einen Film zu drehen. Vor allem weil mit dem Damenbesuch im Reservat der Anfang vom Ende der Sioux eingeleitet wurde. Dieses Requiem an die indigene Bevölkerung Nordamerikas, diese schmerzliche Entwurzelung – die hätte allerdings deutlich packender werden können. Regisseurin Susanna White, die schon mit dem Spionagethriller Verräter wie wir eigentlich hauptsächlich aufgrund der schalen Performance Ewan McGregor´s nicht überzeugen konnte, hat sich die toughe Jessica Chastain in die staubige Weite der Lakota-Territorien geholt. Mit ihr und Oscar-Preisträger Sam Rockwell am Start dürfte relativ wenig schiefgehen, zumindest schauspielerisch. Chastain hat allerdings leider nicht das Charisma eines so offenherzig impulsiven Gutmenschen wie Caroline Weldon einer war. Eher ist die rothaarige Intellektuelle für charakterliche Grauzonen geeignet – kühl, berechnend, stets ein As im Ärmel, tief drinnen aber ungemein verletzbar. Die Malerin aus New York gelingt ihr nur bedingt, spitzenbesetzte Kleider und eng geschnürtes Mieder will sich die Damen nach Drehschluss am Liebsten schleunigst vom Leib reissen. Ihr zur Seite die große Sioux-Legende, mit Michael Greyeyes viel zu jung besetzt. Gut. Sitting Bull wurde knapp 60 Jahre alt, dennoch strahlt dieser Häuptling hier in White´s Film wie es scheint keinerlei Erfahrung aus. Fast könnte man meinen, die Malerin und ihr Model sind gleichen Alters, was so wahrscheinlich nicht stimmt.

Da Die Frau, die vorausgeht meist Szenen präsentiert, die Chastain und Greyeyes im Dialog miteinander darstellen, fehlt dem Film vollends die Gewichtung dieser Begegnung, die Erfahrung und Entbehrung dahinter. Die Begegnungen der beiden sind so oberflächlich wildromantisch wie die idealisierten Malereien, die zu dieser Zeit entstanden sind. Sobald die Geschichtsstunde aufs politische Podest gehoben wird, überwiegen die völkerrechtswidrigen Fakten vor traditionellem Wildwest-Charme, dann folgt die Aufklärung und das garstige Bild der weißen Invasoren von damals, die das Desaster am Little Bighorn so vernichtend rächen mussten. Davon zeugt das Massaker an den Lakota-Indianern in der Ortschaft Wounded Knee 1890.

Der Wucht dieses Genozids weiß Susanna White´s Film nichts entgegenzusetzen, weder einzufangen noch zu ertragen. Dagegen wirkt die gut betuchte Volksaktivistin Weldon trotz all ihres Engagements ziemlich neben den Ereignissen stehend, so wie unterm Strich der ganze Film, der lieber in nostalgischer Wehmut schwelgt. Was vielleicht prinzipiell gar kein Fehler ist, in diesem feministischen Polit-Western aber extrem hausbacken daherkommt.

Die Frau, die vorausgeht

Die fast perfekte Welt der Pauline

WÄHREND DU SCHLIEFST

6/10

 

pauline© 2015 Neue Visionen Filmverleih

 

LAND: FRANKREICH 2015

REGIE: MARIE BELHOMME

MIT ISABELLE CARRÈ, CARMEN MAURA, PHILIPPE REBBOT U. A.

 

Das Leben könnte bei Weitem schlechter sein. Aber auch um einiges besser. Die schusselige Musikerin Pauline organisiert Kindergeburtstage und tritt als wandelndes Obst als Showeinlage in Seniorenrunden auf. Der Applaus ist enden wollend. Pauline macht sich immer mal wieder zum Deppen. Und muss für manchen durchwachsenen Auftritt kreuz und quer durchs Land fahren. Bei einem dieser zeitknappen Kundenbesuche passiert auf dem Weg zu einem Termin ein Missgeschick – das Ergebnis grobmotorischer Hektik, unabsichtlich natürlich. Da fragt frau nach dem Weg, und schon landet ein Wildfremder in der Baugrube. Kein guter Tag, und auch die folgenden Tage sind entbehrlich – das schlechte Gewissen nistet sich bei Pauline ein. Es führt kein Weg daran vorbei, für Klarheit über das Schicksal dieses wildfremden Mannes zu sorgen und die Schuld des Unglücks zu tilgen.

Die Ausgangssituation kommt mir bekannt vor. Sehr bekannt. Da gab es doch mal einen ähnlichen Film mit Sandra Bullock und Bill Pullman. Nur hat Sandra Bullock ihren Schwarm nicht auf die Gleise gestoßen. Der bildhübsche Businessman bricht am Bahnsteig ganz von alleine zusammen. Und liegt fortan im Koma. Genauso wie Paulines Pechvogel. Der schläft vor sich hin, und während er schläft, übernimmt die unsichere Lebenskünstlerin die Agenden des Unbekannten – bis hin zur Betreuung seines Sohnes. Und bis zum erlogenen Outing als falsche Freundin. Ja, das war bei Während du schliefst von Jon Turteltaub wiederum ziemlich ähnlich. Dennoch ist Die fast perfekte Welt der Pauline wiedermal eine romantische Komödie mit dem typisch selbstironischen, verspielten französischen Kolorit, das französische Komödien so unverwechselbar macht. 

Allerdings geht Der perfekten Welt der Pauline immer mal wieder die Puste aus. Ja natürlich, Regisseurin Marie Belhomme hat den Film mit frühlingshafter Leichtigkeit inszeniert. Doch manchmal zu leicht, zu verträumt – da lässt sich die primäre Ursache dafür zweifelsohne bei Hauptdarstellerin Isabelle Carré entdecken. Ihre Pauline scheint auf Wolken zu tanzen – nie ganz bei der Sache, immer gutgläubig, schwer naiv und mit zielsicherem Fokus auf Fettnäpfchen. Das Leben im Griff hat die blonde Einzelgängerin wohl wirklich nicht. Muss sie aber auch nicht. Sonderlinge haben was Sympathisches, geradezu Tröstendes. Gut, zu sehen, das anderen nicht auch immer alles gelingt. Und gut zu sehen, dass andere durch ihre verquere Art zu leben manche Details wahrnehmen, die der gesellschaftlichen Norm verborgen bleiben. Doch so tief will Die fast perfekte Welt der Pauline gar nicht gehen. Belhomme will leise unterhalten – so plätschert ihr Film unaufgeregt und eher zaghaft wie Pauline selbst vor sich hin, wie eine sanfte Streicheleinheit, die plötzlich vorbei ist und man merkt es gar nicht. Weil das Einkuscheln auf der Couch oder im Kinosaal aufgrund der gefälligen Stimmung alleine schon reicht.

Die fast perfekte Welt der Pauline

Das kalte Herz

MÄRCHENCHARME VON GESTERN

6,5/10

 

kalteherz

Regie: Johannes Naber
Mit: Frederik Lau, Moritz Bleibtreu, Milan Peschel

 

Was haben wir uns jedes Jahr auf die Weihnachtszeit gefreut, und insbesondere auf Heiligabend. Da gab es damals im Fernsehen den ganzen Vormittag und frühen Nachmittag hindurch Märchenfilme aus Tschechien oder Deutschland – Drei Haselnüsse für Aschenbrödel, König Drosselbart oder Das kalte Herz. Verstaubte, aber zutiefst charmante Literaturverfilmungen nach den Gebrüdern Grimm oder Wilhelm Hauff. Meist von blasser Farbe, schneeverweht und grobkörnig. Wenn schon Effekte, dann in nostalgischer Stop Motion oder liebenswert offensichtlicher Bildcollage. Und manchmal auch fernab jeglichen Outdoordrehs vor Kulissen an Erinnerung praterlicher Grottenbahnfahrten. Doch wie und warum diese alten Filme von handkolorierter Postkartenromantik eine solche Stimmung erzeugen konnten, mag geheimnisumwittert bleiben. Vielleicht sind es die Augen unserer Kindheit? Das Hinzudichten eines naiven, phantantischen Realismus? Magisches Denken?

Jedenfalls bin ich mit diesen Erinnerungen nicht allein. Da hat es noch jemand anderen erwischt. Nämlich den deutschen Regisseur Johannes Naber. Mit der Neuverfilmung von Wilhelm Hauffs moralischem Märchen rund um den Köhler Peter Munk und dem sagenumwobenen Holländer-Michel schwelgt Naber in vorgestriger DEFA-Optik – und schafft es dennoch, durch seine Rückbesinnung auf eine Jahrzehnte zurückliegende Bildsprache neue, ganz eigenwillige Impulse zu setzen. Das neue kalte Herz wirkt wie eine filmische Restauration. Wie ein abgenutztes Möbelstück aus der Jahrhundertwende , welches akribisch renoviert werden muss. Hier abschleifen, dort hobeln, woanders wieder einölen und neu streichen. Wenn gewünscht, sogar ein bisschen Blattgold an den Kanten. Und die Werkstatt ist voll von Späne, Goldstaub und sonstigen Partikeln, die auch im Film durch die Gegend schwirren, vorallem im Licht der tief stehenden Sonne eines glühenden Sommernachmittags. Das kalte Herz ignoriert auf selbstbewusste Weise fast vollständig das geradezu vollkommen scheinende Zeitalter täuschend echter CGI. Hauffs moralisches Biedermeiergleichnis macht auf opulentes Bauerntheater für die großbürgerliche Großbühne, mit opernhaft geschminkten Zauberwesen und einem fellbekleideten Moritz Bleibtreu als teuflischer Archivar der Herzen. Wer jemals schon Inszenierungen von Ferdinand Raimunds phantastischen Dramen beiwohnen durfte, kann so ungefähr einschätzen, wie sich die deutsche Parabel über Gier, Macht und Reichtum gewandet.

Frederik Lau, einer der vielversprechendsten Shootingstars Deutschlands, hat eine Vorliebe für expressive Rollen, die sich im Laufe der Handlung einem Wandel unterziehen. Als scheiternder Kleinkrimineller in Victoria ist mir der junge Vollblutschauspieler bis heute in Erinnerung geblieben. Als Peter Munk mit rußverschmiertem Gesicht und gleichzeitig als geschniegelt kaltherziger Fabrikant beherrscht er die Szene und lässt so manche Kollegin blass aussehen. Nabers eigenwilliger Provinzzauber ist weder zeitgeistige Fantasy noch eine klassische Hauff-Verfilmung. Das kalte Herz ist ein Versuch der Andersartigkeit, ein Außenseiter unter den Märchenfilmen, der aus der Zeit fällt und sich für manche vielleicht aufgrund seines Manierismus zu gewollt als etwas Besonderes aufplustert.

 

 

Das kalte Herz