Synchronic

VOLLE DRÖHNUNG ZEITREISE

7/10


synchronic© 2021 XYZ Films


LAND / JAHR: USA 2020

BUCH / REGIE: JUSTIN BENSON, AARON MOORHEAD

CAST: ANTHONY MACKIE, JAMIE DORNAN, KATIE ASELTON, ALLY IOANNIDES, RAMIZ MONSEF U. A. 

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Diese beiden Filmemacher, die werde ich mir von nun an merken: Justin Benson und Aaron Moorhead. US-amerikanische Independentfilmer mit einer Vorliebe für das Entrückte, Unerklärliche, ohne dabei in panische Angst zu geraten. Und ohne die Ambition, diese panische Angst in jahrmarktkonformer Plakativität auf sein Publikum übertragen zu müssen. Im speziellen Monsterdrama After Midnight, vom Duo produziert, war deren stilistischer Einfluss bereits unübersehbar. Synchronic funktioniert hier ähnlich. Und entschleunigt dabei so ziemlich im Alleingang einen recht durchgekauten Filmtyp. Fast schon schulterklopfend besänftigt der Streifen eine diesem Genre zugrundeliegende Aufgeregtheit, um auf die kleinen Dinge und Details hinzuweisen, die sich in menschliche Dramen stehlen, welche an sich nicht mal das geringste mit dem Paranormalen zu tun haben wollen. Die aber in den sauren Apfel beißen müssen, um die Ordnung im Diesseits wieder herzustellen.

Anthony Mackie ist hier mit einem fürchterlich ausdruckslosen Jamie Dornan (u. a. Fifty Shades of Grey) unterwegs, die als Sanitäter des öfteren zu äußerst obskuren Notfällen eilen. Erklären lassen sich diese vielleicht durch eine Droge namens Synchronic. Die Frage, was es damit wohl auf sich hat, wird lange Zeit vernachlässigt. Ist halt so – Drogenkonsum führt meist zu fatalen Endsituationen. Bis aber die Tochter seines Buddys verschwindet. Natürlich hat auch sie eine dieser Designerpillen geschluckt und sitzt vermutlich irgendwo in der Vergangenheit fest. Anthony Mackie wassert nach, probiert die Dinger selber aus und filmt sich dabei – als wohl faszinierendstes Kernstück des Films. So hat man das Austricksen der Timelines noch nicht gesehen.

Synchronic ist also ein Zeitreisefilm. Nicht schon wieder, könnten sich manche denken. Aber ehrlich gesagt: von Zeitreisefilmen kann ich zum Beispiel nicht genug bekommen. Vor allem dann nicht, wenn manch ein filmender Philosoph auf ganz andere Ideen kommt als bisher. Die Zeitreise in Form von Pillen zu verabreichen – das ist neu. Und entsprechend innovativ ist Synchronic auch geworden. Nichts mit De Loreans oder energetischen Lichtkugeln. Keine Portale oder sonst was. Um den linearen temporären Flow zu verlassen braucht’s nur einen Schluck Wasser nach – und schon geht der Trip in die Vollen. Benson und Moorhead haben sich da nette Kurzausflüge überlegt – jedoch keine Reise durch die Zeit, ohne Gefahr zu laufen, auf unkonventionelle Weise abzukratzen. Kein vergnügliches Chuck-Berry-Geschrumme in den 50ern wie Marty McFly uns das vorgemacht hat? Nein, natürlich nicht. Das zu kommunizieren war den Filmemachern wichtig. Das sagt auch Anthony Mackie in einer speziellen Szene, und nicht zufällig hört sein Hund auf den Namen eines großen Physikers, wie seinerzeit Einstein der Köter von Doc Brown hieß.

Trotz seiner düsteren Stimmung und seinem bedrohlichen, unruhestiftenden Score ist Synchronic kein pessimistischer Low-Budget-Abgesang auf menschliche Werte. Eigentlich, und das lässt sich erst am Ende so richtig spüren, genau das Gegenteil. Synchronic ist nachdenklich und unaufgeregt, manchmal hängt der rote Faden ein bisschen zu locker durch, und manchmal sind die expliziten Betrachtungen offener Wunden nicht wirklich nötig. Doch am Ende spannt der in der physikalischen Kustorkammer herumkramende Film einen geflissentlichen Bogen über das ganze leise Phänomen, lässt Mackie zum Time Bandit werden, nur ohne Gottes Karte. Die Zeit heilt alle Wunden? Vielleicht. Mit ziemlicher Sicherheit schafft sie allerdings auch neue.

Synchronic

A Private War

DEN BLICK DORTHIN, WO´S WEHTUT

6/10

 

privatewar© 2018 Ascot Elite

 

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: MATTHEW HEINEMAN

CAST: ROSAMUNDE PIKE, JAMIE DORNAN, STANLEY TUCCI, TOM HOLLANDER, GREG WISE U. A.

 

Einem Schulkollegen aus der gymnasialen Unterstufe bin ich vor Jahren zufällig mal auf Facebook begegnet. Beeindruckt hat mich, was aus ihm geworden ist – nämlich Journalist. Das wäre auch für mich eine Alternative gewesen, und zumindest als Blogger kann ich gegenwärtig der Freude am Schreiben ein bisschen nachgehen. Was aber besagter Kollege aus seiner Profession letzten Endes gemacht hat, das würde ich nie tun, schon allein aus einer gewissen Grundverantwortung heraus: mich beruflich in Gefahr begeben. Den Schreibtisch hat der Ex-Kollege schon mal gegen Schussweste und Helm getauscht, zum Beispiel auf seinen Recherchen nach Afghanistan. Sichere Wege sind das keine mehr, aber den Blick dorthin zu richten, wo es weh tut, das machen nur wenige. Wie sonst könnte man erfahren, was in Regionen wie diesen alles abgeht. Unerfreuliches, Bitteres, humanitär höchst Bedenkliches. Das wird, da man nur einer oder eine von wenigen ist, zu einer Berufung, zu einer ganz anderen Verantwortung, der man sich schwer entziehen kann, die sich schon fast damit vergleichen lässt, auserwählt zu sein. Mit so einem Umstand musste zum Beispiel die amerikanische Journalistin Marie Colvin klarkommen. Und die hat, was Krieg und Krisen betrifft, wirklich keine halben Sachen gemacht. Hat dabei sogar ein Auge verloren. Und ist auch sonst wie dem Tode entkommen, bist dieser dann doch zugeschlagen hat, im syrischen Homs, so geschehen im Februar des Jahres 2012.

Für die Lebens- und Leidensgeschichte dieser Reporterin ohne Grenzen hat sich Rosamunde Pike verpflichten lassen. Und sie entfesselt diesen diffizilen Charakter mit einer grimmigen Hartnäckigkeit, die preisverdächtig erscheint. Pike war schon immer für alle Rollen zu haben, doch meist waren es solche, die sich nicht so einfach auf einen Nenner bringen lassen, die gerne eine dunkelgraue Seite haben, die anecken und provozieren. Provokant ist ihre Marie Colvin in jedem Fall, denn das Bild, dass sie zeichnet, ist weder das einer furchtlosen Heldin, die den Adrenalinkick zum Eigennutz braucht, noch das einer schillernden Ikone des Kriegsjournalismus. Es ist die Studie einer Psyche mit massiver posttraumatischer Belastungsstörung, und viel weniger die Sucht nach dem Kick, den manchen Kriegsreportern nachgesagt wird. Regisseur Matthew Heineman differenziert die Stereotype einer manisch-selbstlosen Reporterin, die vielleicht nur auf den ersten Blick so wirkt, als wäre sie eine todesverachtende, fast schon mythologische Heldin, die in den Tartaros menschengemachter Zwistigkeiten eindringt. Auf den zweiten Blick ist Colvin eine ruinierte Seele, die ohne den Level der Anspannung in sich zusammensackt, die ein normales Leben nie wieder führen kann, die sich mit Haut und Haaren einer Wahrheitsfindung geopfert hat, die wir in den täglichen News konsumieren, nichts oder nur peripher ahnend, was dahintersteckt. In A Private War, wie der Titel schon sagt, blicken wir hinter und unter die Trümmer nicht nur ganzer Minderheiten, sondern auch eines Individuums, das seinen ganz privaten, inneren Krieg führt. Das ist etwas, was dem Film gelingt, wenngleich er aufgrund seines Fokus auf Rosamunde Pike das dramaturgische Grundgerüst etwas vernachlässigt. Was heissen soll, dass Marie Colvins letzte Lebensjahre wie von ihr besuchte Niemandsländer aneinandergereiht sind. Diese fragmentarische Erzählweise kann man machen, wenn man es kann. Heineman verlässt sich zu sehr auf seine Hauptdarstellerin, worauf man sich prinzipiell auch problemlos verlassen könnte. Nur ist der Unterbau unterkühltes Sückwerk ohne Raffinesse. Die Bilder aber, die sprechen für sich, und es ist ein besonderer Kniff dabei, A Private War mit demselben Bild beginnen und enden zu lassen: Mit dem Blick dorthin, wo nichts mehr wehtut, weil alles vernichtet ist.

A Private War

Robin Hood (2019)

LANGFINGER AM LAUFSTEG

5/10

 

ROBIN HOOD© 2018 Studiocanal

 

LAND: USA 2018

REGIE: OTTO BATHURST

CAST: TARON EGERTON, JAMIE FOXX, BEN MENDELSOHN, EVE HEWSON, JAMIE DORNAN U. A.

 

Das muss doch der neue Guy Ritchie sein, dachte ich so bei mir, als ich letzten Herbst den Trailer zu Robin Hood im Internet entdeckte. Das sieht doch aus wie King Arthur, nur die Mode ist ziemlich anders, aber sei’s drum, nicht ganz Mittelalter, aber Hauptsache fliegende Pfeile. Werde ich mir wohl ansehen. Die ersten Kritiken aus den Medien bescherten der Neuauflage allerdings keinen guten Einstand. Von bunter Zeitverschwendung bis zu grottigem Müll war alles zu lesen, einzig die Zeitschrift cinema war womöglich von dem neuen Konzept über den Helden aus dem Sherwood Forest recht angetan. Gut, da treffen Meinungen aufeinander, so soll es ja auch sein. Und das hat dann, nachdem ich kurzzeitig fast schon abgesprungen wäre, doch noch meine Neugier geweckt. Ist dieses Herumgehampel in schneller MTV-Optik wirklich so sehr zu vergessen – oder hat das Ganze nicht doch was?

Gut, eines vorweg: was der jüngste aller Robin Hood-Darsteller – sieht man mal von der animierten Kinderserie auf kika ab – da geritten hat, waren sicher keine Pferde. Obwohl sie genauso aussehen. Aber Pferde rennen niemals wie ein stoßstangenverstärkter SUV mit Vollgas durch eine geschlossene und eisenbeschlagene, zweiflügelige Pforte. Und tänzeln auch nicht auf den Dächern herum. Abbremsen und Totalverweigerung wäre angesagt, aber dann wären wir um eine fulminante Actionszene gekommen, von denen es sehr viele gibt in diesem leichtgewichtigen Parcourlauf, der vor den Mauern eines eigenwillig kreierten Nottingham von der Leine gelassen wird. Das alte England sieht ein bisschen aus wie das alte China, Balkenbauten wie aus schwarzem Kapla beherbergen ritterliches Wachpersonal in gusseisernen Eishockey-Masken, in den Bergen dahinter lodert das Grubengas in einem ascheverregneten Bergwerk, das an einen Vorort von Mordor gemahnt. Eigenwillig, ja – aber auch irgendwie durchdacht. Dazu kommt die Auswahl der Kostüme für alle möglichen Anlässe, vom gesteppten Gambeson des Robin von Locksley selbst bis zum straffen grauen Mäntelchen des Sheriffs von Nottingham – Ben Mendelsohn in einer Weiterführung seiner Figur des Orson Krennic aus Rogue One mit ganz viel schwarzer, wenn auch reißerisch aufgesetzter Vergangenheit. Mode also, so weit das gehetzte Auge reicht, als wäre Zoolander in der Zeit zurückgereist, als wäre die Triebfeder zur Heimkehr aus den Kreuzzügen die Möglichkeit, sich endlich mal fashionable zu präsentieren. Hätte das Burgtheater die berühmte Legende des Rächers der Armen auf dem Spielplan – gut möglich, dass die mittelalterliche Geschichte in einem exaltiertem Mix aus Modedesign, archaischen Elementen und moderner Umfunktion alltäglicher Utensilien genauso aussehen könnte.

Abgesehen vom Kostüm- und Requisitenmix und den postmodernen Einflüssen wie zB. einer Straßenschlacht ganz im Stile politischer Unruhen aus den letzten Jahrzehnten bleibt Robin Hood von Otto Bathurst so flüchtig wie ein schweres Element aus dem Periodensystem und so überdekoriert wie ein amerikanischer Christbaum. Dahinter: wenig Drama, wenig Gefühl, und auch kein Engagement, wenn es darum geht, dem Ball der altbekannten Geschichte einen anderen Drall zu verleihen, auch wenn zu Beginn der Erzähler aus dem off direkt prophetisch eine ganz andere Sicht der Dinge verspricht. Das stimmt schon, die Sicht der Dinge ist eine andere, moderner und zeitgeistiger. Aber die ist voller Floskeln, mangelnder Aufmerksamkeit und den Reizen billigen Vergnügens. Taron Egerton hat schon etwas Spitzbübisches an sich, wenn er so durch die Luft fliegt und den Häschern ein Schnippchen nach dem anderen schlägt. Irgendwie aber bleibt der Junge blass und tritt charakterlich auf der Stelle. Auch Mendelsohn und Jamie Foxx haben keine Zeit für all den Kram, der eine legendäre Geschichte erst mitreißend macht. Von verlorenen Söhnen bis hin zur Wiederkehr von den Toten – da ist alles so empfunden wie ein Emoticon am Ende einer Whatsapp-Nachricht. Das hat wenig Substanz, ist aber geschmeidig wie ein guter Werbespot, der ein Produkt bewirbt, das es schon lange, sehr lange auf dem Markt gibt. Und sich als Marke des grünen Outlaw eigentlich nicht neu erfinden müsste.

Grottenschlecht ist der Robin Hood für die „Was guckst du?“ -Generation trotzdem nicht. Bunte Zeitverschwendung vielleicht. Aber eine ohne Leerlauf, da permanent am Strudeln. Und so kommt es, dass der schicke Actioner wenig bleibenden Eindruck hinterlässt.

Robin Hood (2019)