The Shape of Water

FISCH VERLIEBT

8/10

 

shapeofwater© 2018 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA, KANADA 2018

REGIE: GUILLERMO DEL TORO

MIT SALLY HAWKINS, DOUG JONES, MICHAEL SHANNON, RICHARD JENKINS, OCTAVIA SPENCER U. A.

 

Wohl eine der künstlerisch wertvollsten Comicverfilmungen, die jemals das Licht der Kinoleinwand erblickt haben, ist Hellboy von Guillermo del Toro. Beide Episoden sprühen vor Einfallsreichtum und zeigen, mit welcher Stilsicherheit der Mexikaner seine Visionen, Bilder und Kreaturen in bewegtes Drama umsetzen kann. In Hellboy gibt es einen Fischmenschen namens Abe Sapien, der seine Glupschaugen stets mit Fliegerbrille feucht hält und genauso immer mal wieder baden geht wie sein entfernter Verwandter aus dem für 13 Oscars nominierten Academy-Favoriten The Shape of Water. Dass beide Kreaturen einen gemeinsamen Ursprung haben, ist offensichtlich. Sie stammen beide aus del Toro´s unverwechselbarem Universum. Niemand kann dessen Handschrift mit dem Oeuvre anderer Filmemacher verwechseln. Das war bei Pans Labyrinth so, das war bei Crimson Peak so, und das wiederholt sich auf wunderbar variierte Art auch hier, in dieser ungewöhnlichen Liebesgeschichte zwischen poetischer Fantasy und einem Abenteuer aus dem Kalten Krieg, in dem die Kleinen ganz groß und die Mächtigen verzweifelt um Anstand bemüht sind.

The Shape of Water – fälschlicherweise übersetzt mit Das Flüstern des Wassers, richtigerweise müsste es aber Die Form des Wassers heißen – ist neben all der romantischen Momente und den Anleihen aus dem Spionagethriller-Genre eine leidenschaftliche Hommage an das Monsterhorror-Genre der 50er-Jahre. Anzunehmen, dass del Toro diese Filme womöglich alle in seinen DVD-Regalen hortet, und Jack Arnolds Phantastereien wie Der Schrecken vom Amazonas den Visionär für seine Arbeiten angeregt haben. Sucht man nach Bildern von Arnolds Wasserwesen, lässt sich der Dschungel Südamerikas als gemeinsame Herkunft nur bestätigen. Del Toro weiß gekonnt, seine Assoziationsquelle liebevoll zu zitieren. Hätte del Toro aber seine Wasseroper in Schwarzweiß gedreht, wie er ursprünglich sogar überlegt hat, hätte mir seine sonst so opulente Farbgebung, die seine Bilder so sehr auszeichnen, ziemlich gefehlt. Das Grün, Petrol und Rot, dieses satte Setting mit all diesen kolorierten Details – von der flirrenden Biolumineszenz des Fischmenschen bis zu den roten Leuchtdioden an den Überwachungskameras der Forschungsstation – setzen dem schwelgerischen Film nämlich gezielt gesetzte Akzente.

Zwischen all der nostalgischen Lobeshymnen an das gute alte Kino der Träume, dass sich warnend als barocker, leerer Kinosaal präsentiert, in welchen sich das Wesen als einziger Gast hineinverirrt, ereifert sich ein famoses Ensemble in heller Spielfreude zur Rettung des Unbekannten. Wer würde in diesem Kontext nicht über seinen Schauspielerischen Schatten springen wollen? Für ein Wesen dieser Art einzustehen, das hat wohl zuletzt der kleine Elliott aus E.T. – Der Außerirdische vollbracht. Auch der pummelige Gnom aus Spielbergs Klassiker hatte so seine Fähigkeiten, und das Zeug dazu, mit der Angst vor dem Fremdartigen und Unverstandenen, die unserem menschlichen Verhalten inhärent ist, aufzuräumen. Der namenlose Amphibienmann tut dies genauso – auf seine eigene, passive, kryptische Art. Und gewinnt die Liebe und Zuneigung von Eliza, die des Nächtens im Forschungslabor sauber macht. Sally Hawkins ist eine ganz große Performance gelungen. Selbst stumm wie ein Fisch, einsam und sich nach Nähe sehnend, findet sie in dem anmutigen, faszinierenden Geschöpf mit dem Schuppen- und Flossenkleid ihren „Lebensmenschen“. Hawkins spielt genauso wie in Maudie mit jener zerbrechliche wirkenden Zurückhaltung und einer von jedermann unterschätzten Stärke, dass man einfach auf ihrer Seite sein muss. In Momenten erinnert ihre Eliza an Jean-Pierre Jeunet´s Amelie, gespielt von Audrey Tautou. Dazu trägt womöglich auch das Setting bei, dass mit jeder Menge skurrilem Interieur aufwartet und das Abgewohnte wohnenswert macht. Nicht weniger beeindruckend zeigt sich Richard Jenkins als liebenswerter Grafiker, der noch mit Pinsel und doppelter Brille malt und im Grunde die scheinbar heile 50er-Jahre-Welt des Spezialagenten Michael Shannon aufs Papier bringt. Dass diese hinter den Kulissen ziemlich krankt, wird bald klar – den bonbonlutschenden Sadisten, der unter Minderwertigkeitskomplexen leidet, seine Untergebenen belästigt und in herablassender Arroganz bibelzitierend Gott spielt, gibt Shannon mit Hingabe und hätte zumindest gleichwertig mit Jenkins für den Oscar nominiert werden sollen.

The Shape of Water ist ganz großes Kino des Fremdartigen. Ein visionäres Gleichnis von Liebe und Wasser, die sich beide, so del Toro in einem Interview – zuerst formlos und chaotisch, erst durch einen Körper, ein Gefäß, eine feste Hülle, artikulieren können. So gesehen steht das Wasser in diesem Film für das metaphysische Element der Liebe. Überall dort, wo es fließt, rinnt, verschüttet wird, übergeht – erlangt die lyrischste Kraft des Universums ihre größtmögliche Intensität oder wird im Keim erstickt. Das Element des Wassers als formbares Empfinden beginnt als alles durchdringende, amorphe Materie, um sich im Laufe des Filmes auf unterschiedlichste Art zu vermitteln, sei es im Wasserkocher, in der Badewanne oder an der Fensterscheibe. Selbst Blut fließt jede Menge, ein Quantum Ekel ist auch dabei – das mag angesichts dieses poetisch-phantastischen Kinokunststücks kontraindiziert sein, verleiht dieser eigentlich schmerzvollen Leidens- und Überlebensgeschichte aber ein zusätzlich expressives Vokabular. Und die Bezeichnung „schlimmer Finger“ bekommt auch hier eine gänzlich neue, darauf bezugnehmende Interpretation.

Aus dem Schrecken des Amazonas wird ein begnadetes Wesen, dass die Terra Incognitas dieser Welt sowie das Geheimnisvolle in sich trägt. Die Magie des Anderssein wird zum Glücksmoment für jene, die in einer hierarchisch strukturierten Machtgesellschaft nichts zu sagen haben. Für die Fische ist diese herzblutende, tropfnasse Bilderflut jedenfalls nicht. Oder zumindest nicht in seiner gewohnten Bedeutung. Sie ist ein Filmgenuss, der betört, erfrischt und auf die große Leinwand gehört – wo man ihn auch sehen sollte.

The Shape of Water

Moonwalkers

MOND-SÜCHTIG

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moonwalkers

Man stelle sich folgenden Alptraum vor: der Augenblick, in dem der erste Mensch den Boden unseres Erdtrabanten betritt, wird weltweit live auf allen Fernsehkanälen, die es in den späten Sechzigern gibt, übertragen – und keiner landet. Nicht auszudenken. Eine Blamage, vor allem für die Vereinigten Staaten. Und nicht nur das. Die Supermacht im Westen verliert auch ihr Gesicht vor der Supermacht im Osten, die immerhin schon mit Juri Gagarin den ersten Menschen überhaupt in den Weltraum geschickt hat. Was für ein Spektakel das gewesen sein muss. Und wie sehr sich die USA dabei in den Allerwertesten gebissen hat. Also muss der Mond zumindest ein amerikanischer sein. Und falls das nicht gelingt – dann trotzdem. Wen also damit am besten beauftragen als den britischen Kino-Visionär Stanley Kubrick, der doch erst kürzlich mit dem Klassiker 2001 – Odyssee im Weltraum die Illusion des Outer Space geradezu perfekt auf die Leinwand gezaubert hat.

Auf Basis dieser angeblich tatsächlichen Ereignisse begibt sich die psychedelische Thrillerkomödie Moonwalkers auf satirisches Terrain. Niemand geringerer als Hellboy Ron Perlman schlüpft in die fiktive Rolle eines vom Vietnamkrieg traumatisierten Spezialagenten, der den Deal mit Kubrick an Land ziehen soll. Nur, da gibt es noch die Idee eines von „Ron Weasley“ Rupert Grint dargestellten Taugenichts und Möchtegern-Bandmanager, die millionschwere Chance eines gefakten Mondabenteuers für sich selbst zu nutzen. Zugegeben, die turbulente Groteske hinter der ohnehin skurrilen Episode aus der Geheimdienst- und Mediengeschichte ist fürwahr ein origineller Spaß, der über weite Strecken unterhält. Die 60er genau wie die 70er Jahre kann man designtechnisch bis zum Abwinken ausschlachten – alleine die Mode der Flower-Power-Ära sorgt schon für Belustigung. Wie sehr muss dann auch noch das drogengeschwängerte Lebensgefühl der Children of Revolution auf die Gegenwart befremdlich wirken?

Moonwalkers ist ein bizarrer Mix aus dem Musical Hair, Gilliam´s Fear & Loathing in Las Vegas und – man möchte es kaum glauben – den österreichischen Drogenkomödien von Michael Glawogger und mit Michael Ostrowski, allen voran Contact High oder Hotel Rock ‚N‘ Roll. Auch in diesen beiden Filmen spielt die Handlung eine untergeordnete Rolle. Viel mehr ist die verharmlosende plakative Illustration einer aufgrund von LSD beeinträchtigter Wahrnehmung auf die Welt wohl die eigentliche lustgewinnende Ambition des Regisseurs. Diese farbenfrohe Grottenbahnfahrt ist natürlich gespickt mit allerhand absurden Einfällen, lässt den Film aber relativ rasch stagnieren. Ein zugedröhnter Ron Perlman ist in der ersten Szene vielleicht wirklich erlebenswert, in jeder weiteren allerdings nur noch repetitiv. Doch mit der ausufernden Eskalation der verabreichten chemischen Wirkstoffe ist es in Moonwalkers damit aber noch nicht getan. Gegen Ende kippt das schrullige, Kunst und Künstler parodistisch beäugende Szenario in einen blutigen Shootout, der an Kingsman oder Kick Ass erinnert. Das passt in seiner comichaft überzeichneten Extreme zwar einerseits dazu, wirkt aber auch so orientierungslos wie aufgesetzt. Abgeschossene Köpfe und gurgelndes Kunstblut hätten in keinster Weise sein müssen – dem Direct-to-DVD-Konsumentenkreis dürfte es gemäß dem trendigen Publikumsmotto „Blood sells“ aber gefallen.

Anders als im Home Cinema ist Moonwalkers zumindest hierzulande gar nicht anzusehen – eine vorgefertigte Zielgruppe fürs Kino hätte er vor allem bei Fans der Sex & Drugs & Rock ‚N‘ Roll-Trilogie in österreichischen Landen allerdings schon verbuchen dürfen.

Moonwalkers

Bauernopfer

SCHACHBRETT VORM KOPF

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bauernopfer

Dass die meisten Menschen nur zehn Prozent ihres Gehirns nutzen, ist ein alberner Mythos. Zwangsläufig müssen wir als denkende Spezies sehr wohl mehr als diesen Anteil nutzen, sonst würden Teile unseres Denkapparates unweigerlich degenerieren. Dennoch gibt es Menschen, die tatsächlich ihre Hirnkapazitäten intensiver nutzen der Großteil der Menschheit. Es mag ja eine Art Geschenk sein, tiefer in die Komplexität des Lebens und die Mathematik der Natur vorzudringen. Allerdings geht dieses Geschenk Hand in Hand mit einem Fluch, der die zwischenmenschliche Komponente oder überhaupt die Komponente der Wahrnehmung heimsucht. Hochintelligente Menschen wie der Amerikaner Bobby Fischer zum Beispiel, der in den 70er Jahren den Schach-Code geknackt zu haben schien, war so ein Gesegneter. Aber auch ein von paranoiden Wahnvorstellungen, übertriebener Eitelkeit und hypersensibler Wahrnehmung geprägter Geist. Ein bemitleidenswertes Häufchen Mensch. Allerdings eines, dass wie kein zweiter die Prinzipien mathematischer Wahrscheinlichkeit und die Mechanismen des Königsspiels Schach absorbiert hat. Unter diesen Voraussetzungen wurde Bobby Fischer zu einer Galionsfigur der Vereinigten Staaten und deren neue Hoffnung, sich gegen das kommunistische Monstrum namens Mütterchen Russland zu behaupten. Dem Feind im Osten kam diese Offensive gelegen. Die Großmacht war bereit dem genialen, aber unausstehlichen Amerikaner Fischer mit dem hauseigenen Schachweltmeister Boris Spasski die Stirn zu bieten. Letzten Endes barg ihre Konfrontation 1972 im isländischen Reykjavik wohl eines oder überhaupt das unglaublichste Schachspiel seit Menschengedenken. Weil Bobby Fischer Strategien ins Feld führte, die völlig neu waren.

Bis es überhaupt so weit kommen konnte, mussten noch allerhand Allüren, unangekündigte Abwesenheiten, Spielausfälle und jede Mange großspuriges Gehabe von Fischers idealistischen Begleitern und Betreuern ausgeglichen werden. Regisseur Edward Zwick, Liebhaber historischer Stoffe und betulicher, sorgfältiger Erzähler sperriger Stoffe, hat den kalten Krieg auf 8×8 Feldern ausgetragen. Und nicht nur das – Bauernopfer (im Original Pawn Sacrifice) ist vor allem in erster Linie eine lupenreine Biografie und das Psychogramm eines Mannes, der von der Welt mehr verstand als ihm lieb war. Dass die meisten folglich daran scheitern, ist eine logische Konsequenz. Dieses Schicksal durfte Bobby Fischer mit Denkern wie dem Mathematiker John Forbes Nash teilen, der in Ron Howards grandioser Biografie A Beautiful Mind bereits verewigt wurde. So könnte das Bauernopfer auch Fischer selbst gewesen sein. Seine außergewöhnliche Begabung ist eine Medaille mit zwei Seiten, der Fluch ist inbegriffen. So schreitet die Realitätsentfremdung voran, die Welt wird zum Schachbrett, und jedermann führt etwas im Schilde. Was A Beautiful Mind und Bauernopfer gemeinsam haben, ist nicht nur die Psychostudie eines Superhirns. Auch beide Darsteller leisten Großartiges. Russel Crowe´s Performance ist hinlänglich bekannt. Ex-Spiderman Tobey Maguire steht ihm um nichts nach. Sein Spiel ist durchdacht, akribisch und leidenschaftlich. Genau so könnte der echte Bobby Fischer gewesen sein. Der irre, abwesende Blick, dann wieder das selbstverliebte Grinsen. Und dann die totale Konzentration. Eine oscarwürdige Leistung in jedem Fall. Ebenso Liev Schreiber skizziert seinen scheinbar stoischen Russen sehr realitätsnah. Zurückgezogen, arrogant, aber zeitweise genauso verwirrt und überempfindlich wie sein amerikanischer Gegenspieler aus Chicago.

Diese Nähe an der Dokumentation macht aus dem nüchternen, im Grunde schwierig umzusetzenden Thema ein faszinierendes Tatsachendrama mit ergänzender Allgemeinbildung zur Geschichte des Denksports. Psychologisch, aufschlussreich und bizarr. Und es erinnert daran, wieder mal das vertaubte Schachbrett aus dem Keller zu holen… oder wo immer ihr es verstaut habt.

Bauernopfer