If Anything Happens I Love You

MUT ZUR ERINNERUNG

7/10


ifanythinghappensIloveyou© 2020 Netflix


LAND / JAHR: USA 2020

BUCH / REGIE: MICHAEL GOVIER, WILL MCCORMACK

LÄNGE: 12 MIN


Wohl einer der tränenreichsten Filme, die ich jemals gesehen habe, ist Nanni Morettis Trauerdrama Das Zimmer meines Sohnes. Und dabei war ich damals, als der Film im Kino lief, noch nicht mal selbst Papa und kannte also all diese Emotionen nicht, derer man sich bereichert sieht, wenn man den eigenen Nachwuchs plötzlich in den Armen hält. Wie niederschmetternd wäre der Film wohl jetzt für mich, würde ich ihn heute zum ersten Mal sehen? Darüber nachzudenken, ob und wenn ja, wie man wohl mit dem Verlust eines Kindes umgehen würde, lässt einen gleichzeitig über das Unmögliche nachdenken. Ein Prozess, bei dem man sehr schnell an seine emotionalen Grenzen stößt.

Im Trickfilm If Anything Happens I Love You, der eben erst den Oscar für den besten animierten Kurzfilm entgegennehmen durfte, sind die Emotionen bei den am Boden zerstörten und mittlerweile resignierenden Eltern bereits erkaltet. Ihre gemeinsame Tochter wurde Opfer eines nicht näher definierten Amoklaufs an der Schule, das scheint schon einige Zeit zurückzuliegen. Natürlich ist nichts mehr wie vorher, und die gähnende Leere, die der Verlust verursacht hat, unüberbrückbar. Bis eines Tages, beim Wäschewaschen, ein T-Shirt der Tochter in Mamas Hände fällt. Dieses weckt lange nicht zugelassene Erinnerungen, und auch der Fußball, der plötzlich durch die Gegend rollt oder der abgebröckelte und blau überpinselte Verputz an der Hausmauer fordert die Eltern geradezu auf, ihre Tochter, auch wenn sie unwiederbringlich fort ist, nicht aus ihren Gedanken fernzuhalten.

Bei Kurzfilmen ist es meist recht schwierig, eine runde Geschichte zu erzählen und zumindest im dargestellten Prozess einen vorläufigen Schlusspunkt zu finden, weil der zeitliche Spielraum klarerweise enorm begrenzt ist. Noch schwieriger scheint es, sich einem Thema zu widmen, für das es eigentlich keine Worte gibt. Und das sonst normalerweise überlange Spielfilme füllt. Da Verlust, Trauer und deren Bewältigung enorm schwere Brocken sind, verzichten Michael Govier und WillMcCormick (Die Sopranos, Couchgeflüster) auch auf jeglichen verbalen Einsatz. Die einzige Zeile, die auf dem Display eines Mobiltelefons erscheint, ist jene des Filmtitels – sie bringt das Drama auf den Punkt und schnürt dabei die Kehle zu.

Sehr viel Weißraum, skizzenhafte Zeichnung, eine Animation so flüssig wie ein Daumenkino – diese optische Reduktion lässt Raum für dieses kleine Bilderbuch einer Suche nach dem Mut, schmerzliche Erinnerungen in einen erträglichen Zustand zu wandeln. Das ist mitfühlender, wenn auch zaghafter Optimismus, so trostspendend wie das handgeschriebene Beileidschreiben eines guten Freundes.

If Anything Happens I Love You

What did Jack do?

COFFEE-BREAK MIT EINEM AFFEN

7/10


whatdidjackdo© 2020 Netflix


LAND: USA 2017

BUCH UND REGIE: DAVID LYNCH

CAST: DAVID LYNCH, EMILY STOFLE, EIN AFFE, EIN HUHN

LÄNGE: 17 MIN

 


Letztes Jahr lief in der Budapester Kunsthalle eine Ausstellung mit Werken von David Lynch. Ich hatte das Glück, zufällig dort zu sein. Betreten konnte man diesen Ort des Geschehens und Sehens durch das uns allen bekannte Traumportal aus Twin Peaks – schwarzweißer Zickzackboden, rote Vorhänge. Dahinter: allerlei Irritierendes. Fernab seines filmischen Schaffens und andererseits auch wieder eng verbunden waren dort photographische Collagen und andere künstlerische Objekte zu sehen. Wenn man Lynchs frühen Filme, insbesondere Eraserhead, bereits erlebt hat, lässt sich ungefähr vorstellen, was diese Werkschau, die meines Erachtens leider viel zu bescheiden war, beinhaltet hat. Das Resümee: Lynch ist ein Meister der Modulation, der seine Versatzstücke stets neu arrangiert, sich eines klar definierten Vokabulars merkwürdiger Objekte und Zustände bedient, die immer wiederkehren, so wie die Dunkelheit, der Kaffee, das unscharfe Etwas, süßlicher Gesang und das beklemmende Draußen, das man eigentlich gar nicht betreten will, aber man muss eben durch, wie durch das finstere Zimmer in einem Traum. Eraserhead ist auch der Film, der David Lynch am schönsten charakterisiert. Oder aber auch seine erst kürzlich auf Netflix veröffentlichte Fingerübung What did Jack do?, die sich bestens dafür geeignet hätte, diese Galerie des Absurden zu ergänzen.

Gerade mal 17 Minuten dauert David Lynchs Werk, streng gehalten in waberndem Schwarzweiß. Wir sehen eine Kammer mit Fenster, dahinter den kalten Stahl eines Bahnsteigs. Ein Tisch, zwei Stühle, links sitzt ein Kapuzineraffe, von rechts schiebt sich ein übergroßer David Lynch ins Bild. Der Affe ist zum Verhör geladen, denn er wird des Mordes verdächtigt. Lynch beginnt zu fragen, der Affe stellt Gegenfragen. Namen ohne Bezug poppen auf, irgendwann wird klar, dass Jack – also der Affe – eine Liaison mit einem Huhn eingegangen war. Die Dialoge sind absurd, so absurd wie der Titel seines Filmstudios – Absurda. What did Jack do? ist eine Wachtraumepisode im Halbschlaf, zwischen kafkaesker Primatisierung menschlicher Zurechnungsfähigkeit und den grotesken Fabelpossen eines manchmal auch recht subversiven Kinderbuchzeichners namens Janosch. Gespenstisch dabei die nicht sofort ersichtliche Verzerrung des äffischen Antlitzes, der statt eines Mauls einen menschlichen Mund besitzt. Das ist bewusst grob montiert, wie David Lynchs Fotografien, dabei besitzt sein Film im Gegenzug zu seinen Albtraumwelten sogar etwas wie den zynischen Humor aus dem Genre eines Film Noir.

David Lynch ist eine eigene Erfahrung. Weder Horror noch Krimi noch sonst was. Lynch lässt sich nirgends einordnen, schafft geradezu ein eigenes Genre. Mit diesem Werk anlässlich seines Geburtstages zeigt seine bizzare Conference wieder ganz genau, was alles hinter dem Sichtbaren steckt. Da ist etwas, das ist nicht zu fassen und zu erklären. Fühlt sich unbehaglich an und gleichzeitig wie eine kryptische Botschaft, die sich mitteilen will. Eine Märchenwelt des Unbehagens, eine Halbfabel im Industrial Design. Diese 17 Minuten, die sollte man erübrigen, um einer Anderswelt zu begegnen, die zwar keinen Sinn ergibt, der aber eine ganz eigene schräge Grammatik innewohnt.

What did Jack do?