The Kindness of Strangers

VERLOREN UND WIEDERGEFUNDEN

7,5/10

 

kindnessofstrangers© 2019 Alamode Film

 

LAND: USA, DÄNEMARK 2018

REGIE: LONE SCHERFIG

CAST: ZOE KAZAN, ANDREA RISEBOROUGH, TAHAR RAHIM, BILL NIGHY, JAY BARUCHEL, CALEB LANDRY JONES U. A.

 

An alle, denen soziale Nähe nicht nur in Corona-Zeiten suspekt vorkommt und die mit Free-Hugs-Aktivisten nicht viel anfangen können: in Lone Scherfigs feinfühligem Sozialdrama menschelt es gewaltig. Aber es menschelt auf eine gute Art, um nicht zu sagen: auf enorm gute Art. Das ist Nähe, die man zulassen kann. Nächstenliebe würden manche dazu sagen, Altruismus die Studierten. Vorweihnachtliche Umsicht diejenigen, die, von wärmenden Geschichten wie die von Charles Dickens inspiriert, gerne alle Menschen in Geborgenheit wissen wollen. Natürlich, niemanden soll es schlecht ergehen. Der sichere Hafen eines guten Zuhauses ist allerdings subjektiv. Für Machtmenschen wie den Ehemann von Clara (berührend unbeholfen: Zoe Kazan) gilt die harte Hand als Maß aller guten Dinge. Für den Rest der Familie nicht. Also flieht dieser Rest in einer Nacht- und Nebelaktion vor der Aggression des Vaters ins winterliche New York – mit nichts außer einem Auto als Heimstätte, und ihrer Liebe zueinander. Dabei kann Clara durchaus ahnen, dass es nicht nur ihr so geht. Ein anderer junger Mann wiederum scheint zu keiner Arbeit fähig zu sein, weil das Pech ihn verfolgt. Wieder einer findet durch Glück Arbeit in einem russischen Restaurant – sonst aber plagt ihn die Einsamkeit. Und wieder eine arbeitet sich als Krankenpflegerin und Leiterin einer Selbsthilfegruppe zum buckligen Igor für andere.

Von den Unsichtbaren inmitten von Vielen erzählt dieser Film. Was anfangs scheint, als wären in The Kindness of Strangers thematisch verwandte Episoden der gemeinsame Nenner, verwebt sich zusehends und in keiner Weise verzettelnd zu einem großen, erkenntnisreichen Ganzen. Die Dänin Lone Scherfig (u. a. An Education) zeigt hier ganz viel Gespür für ihre strauchelnden Seelen, die niemals auch nur ansatzweise dem Sozialvoyeurismus die Hand aufhalten. Es sind die Zutaten für eine Art des Ensemblefilms, die scheinbar nur Script-Genie Richard Curtis so fein verweben kann. Sein Drehbuch zu Vier Hochzeiten und ein Todesfall ist längst Kult, Tatsächlich Liebe… und Alles eine Frage der Zeit, beides unter seiner Regie, sind bemerkenswert ausformulierte Filme zu leicht verbraucht wirkenden Themen wie Beziehung, Intimität und Herz. Vor allem letzterer ist pure Inspiration. Scherfig kann das genauso gut. The Kindness of Strangers schlägt aber deutlich düsterere Töne an, der soziale Abstieg der Familie rund um Clara lässt andere womöglich verzweifeln. Der von überall verbannte Taugenichts Jeff erweckt nur Mitleid. Und Krankenschwester Alice will man am liebsten gestern unter die Arme greifen. Andrea Riseborough sticht hier hervor wie eine wärmende Lichtgestalt an trüben Tagen. So selbstlose Menschen sind erstaunlich. Aber auch der Mut der anderen und der Trost von Fremden ist nichts, was alltäglich ist, aber durchaus sein könnte. Diese Erkenntnis ist letzten Endes unglaublich positiv und weckt Zuversicht in einem Zeitalter des Eigennutzes, in welchem viele sich selbst inszenieren und kaum mehr etwas geben, ohne zu nehmen. Interessanterweise erwarten all die Figuren in diesem Film für ihre Nächstenliebe gar nichts und erhalten viel mehr als jemals gedacht. Ein schönes, überlegtes und liebevoll inszeniertes Werk, indem die Gutmenschen jene sind, die sich niemals selbst dafür halten würden.

The Kindness of Strangers

A Rainy Day in New York

BIG APPLE PASSIERT EINFACH

7,5/10

 

rainydaynewyork© 2018 Polyfilm Verleih

 

LAND: USA 2018

REGIE: WOODY ALLEN

CAST: THIMOTÉE CHALAMET, ELLE FANNING, LIEV SCHREIBER, SELENA GOMEZ, JUDE LAW, KELLY ROHRBACH, REBECCA HALL, DIEGO LUNA U. A.

 

Woody Allens neuester Film hätte schon längst in die Kino kommen sollen. Keine Ahnung was den Starttermin verzögert hat – womöglich der schon seit Langem geäußerte Verdacht des sexuellen Missbrauchs, welchem sich der Regisseur seit der Verehelichung mit seiner Adoptivtochter niemals so richtig erwehren hat können. Was natürlich die in vielen journalistischen Medien und auf Social Media aktuell geführte Entscheidungsfrage ebenfalls aufgreift, ob man das Werk eines Künstlers von seiner Biografie trennen kann oder nicht. Caravaggio wird da als Extrembeispiel oftmals ins Feld geführt – der war ein Mörder, und dennoch bewundern viele, wenn nicht alle seine Bilder. Zu den Filmemachern non grata zählen natürlich auch Roman Polanski, dessen Filme ich aber sehr schätze. So wie Allens Filme. Seltsam, diese Ambivalenz. Was soll man tun? Nun, ich bin erstmal ins Kino gegangen und habe mir A Rainy Day in New York angesehen. Weil ich mich, müsste ich eine Entscheidung treffen, nur nach den Medien richten kann. Und wir wissen, wie Medien funktionieren. Den Mensch Woody Allen kenne ich jedenfalls nicht, aber was ich kenne, ist das, was er von sich erzählen möchte, und das steckt in seinen Werken. Was darin ebenfalls stets konsistent bleibt, das sind die selbstreflektierenden Alter Egos, die Moderatoren seiner Geschichten. Und manchmal ist es sogar nicht mal nur einer, der so agiert, denkt und spricht wie Woody Allen. Manchmal sind es gar mehrere. So wie in diesem Film hier. Hier steht der gerade sehr angesagte Schauspieler Thimotée Chalamet im Regen und lässt sich durch ein New York scheinbar vergangener Tage treiben. Aber nicht nur Chalamet ist Woody Allen, auch der völlig konsternierte Jude Law als unruhiger Drehbuchautor macht einen auf Allen, und dann gibt es noch einen anderen, auch einen Regisseur, der einen Studentenfilm dreht mit Null Budget, der trägt Brille und Haar wie der Meister selbst. Ein Vexierspiel ist sein neuester Film geworden, eine Suche nach Easter Eggs quer durch ein Manhattan, in dem man die resolute Diane Keaton vermuten würde, in Glockenhosen und mit Stirnfransen.

Stattdessen gerät Jung-Journalistin Elle Fanning in den Schluckauf-Modus, nachdem ihre Odyssee durch den künstlerischen Jahrmarkt der Eitelkeiten beim selbstzweifelnden Filmemacher Liev Schreiber ihren Anfang – und daraufhin scheinbar kein Ende nimmt. Woody Allen macht es richtig, er sondiert die aktuellen Casting-Trends und holt sich die angesagtesten Schauspieler an sein Set. Die lassen sich nicht zweimal bitten, denn mit und für Allen zu drehen ist mittlerweile ein Statussymbol, ein Privileg, das machen diese Künstler alle sehr gern. Wichtig sind Allen auch seine jungen Damen, die er inszeniert. Neben Elle Fanning ist es die zumindest wirklich blutjung aussehende Selena Gomez, die Thimothée Chalamet den Kopf verdrehen darf. In einem New York, das sich durch die ungestüme Liebeserklärung Woody Allens für seine Heimatstadt gar nicht wirklich bedrängt fühlt, nein, sondern dieses Heranwerfen des Anekdotenklopfers mit verklärenden Stimmungen pariert, wie beispielsweise romantischem Regen, rustikalen Gassen, feudalen Hotels und sinnend geklimperter Barmusik. Da kommen natürlich sämtliche Versatzstücke aus Allens Schaffen zusammen, und vor allem in den Szenen konfuser Beziehungs-Stati leben die Bonmots aus Zeiten des Stadtneurotikers wieder auf. Sicher, A Rainy Day in New York ist kein auf Zug inszeniertes Drama mit Knalleffekt – Filme wie Match Point lassen sich schwer wiederholen.

A Rainy Day in New York mäandert durch die geliebte Stadt mit einer gewissen Ziellosigkeit und Sinn für Plaudereien, allerdings aber mit der Bereitschaft, die Gelegenheit, die dieses urbane Paradies bietet, beim Schopf zu packen. Das unterhält prächtig, und jeder des Ensembles findet zielsicher in seine Rolle, mag sie auch noch so klein sein. Den schrägen Vogel schießt aber mit Abstand Elle Fanning ab – als so quirlige wie begeisterungsfähige und von anderen manipulierbare Studentin, die Alkohol sehr schlecht verträgt, hat sie die meisten Lacher, wenn nicht alle, mit Leichtigkeit auf ihrer Seite. Und es tut gut, den Tag in New York zu verbringen, dessen Charme sich erstaunlich greifbar auch auf Nicht-Kenner der Metropole überträgt. So, als wäre man wirklich für einen Augenblick dort gewesen, im „Paris“ der neuen Welt.

A Rainy Day in New York

Oh Boy

MEIN LEBEN IST MEIN KAFFEE

7/10

 

ohboy© 2012 Filmladen

 

LAND: DEUTSCHLAND 2012

REGIE: JAN-OLE GERSTER

CAST: TOM SCHILLING, MARC HOSEMANN, FRIEDERIKE KEMPTER, JUSTUS VON DOHNÁNY, MICHAEL GWISDEK, ULRICH NOETHEN, FREDERICK LAU U. A.

 

Ich bin süchtig. Und zwar nach Kaffee. Das gebe ich offen und ehrlich zu, und wenn ich frühmorgens keinen Kaffee bekomme, kann ich mich gleich wieder niederlegen. Das ist eine Gesetzmäßigkeit, der ich wohl  jeden Tag für den Rest meines Lebens folgen werde. Dass Leute morgens lieber Tee statt Kaffee trinken, das kann ich nicht verstehen. Muss ich auch nicht. Jeder hat so sein Ding, und auch der Endzwanziger Niko, mit dem wir in Jan-Ole Gersters Stimmungsfilm viel zu spät aus den Federn kommen. Da bleibt nicht mal mehr Zeit für die Freundin, die daneben im Bett liegt. Und Kaffee geht sich auch keiner mehr aus. Was für ein ungnädiger Anfang eines Tages, der noch allerhand Seltsamkeiten mit sich bringt. In einzelnen Episoden, die untereinander eigentlich nichts miteinander zu tun haben, und nur Taugenichts Tom Schilling gemächlich wirbelnden Strömungen  gleich als roten Faden dahintreiben lassen. Beginnend mit einem Termin beim Psychologen, der Nikos Zurechnungsfähigkeit attestieren und folglich den abgenommenen Führerschein wieder aushändigen soll, begegnet der junge Tagträumer sich selbst überschätzenden Freunden, unglücklichen Nachbarn, nahen Verwandten und Schulkolleginnen, die auf den ersten Blick viel zu fremd sind. Was aber das Unbequemste des ganzen lieben langen Tages aber darstellt, und sich wie ein Steinchen im Schuh je nach Lage unangenehm bemerkbar macht, ist die Unmöglichkeit, einen Kaffee zu bekommen. Dieses Genuss-Vakuum ist wie ein Fluch für den Orientierungslosen. Der sich selbst keine Ziele setzt, sich zu nichts entschließt und es niemanden wirklich recht machen kann.

Tom Schilling hat in dem perspektivlosen Jüngling seine Paraderolle gefunden. Und Jan-Ole Gerster im frühen Jim Jarmusch womöglich sein Vorbild. Nicht von ungefähr ist Oh Boy in teils grobkörnigem, teils dem Stil urbaner Reportagefotografie nachempfundenen Schwarzweiß gehalten, ganz so wie Jarmuschs Werke Down by Law oder auch Coffee & Cigarettes. In letzterem treffen sich unter anderem Bill Murray und Steve Buscemi zum Schwatzen, während literweise das schwarze Gold fließt und geraucht wird, als gäbe es kein Morgen mehr. Und eigentlich sonst auch kaum mehr Handlung. Oh, Boy verlässt sich aber nicht nur auf seine Stimmung. Die Figur des Niko ist wie ein Freeze Frame der Generation What, eine Momentaufnahme, ein Verharren vor der freien Wahl der Möglichkeiten, ein Zögern vor der Gefahr, das Falsche aus dem Leben zu machen. Seit es in unserer westlichen Welt alles gibt, und wir machen können was wir wollen, ist die Vielfalt der Selbstverwirklichung der eigentliche Hemmschuh für manche, die sich zu nichts entschließen können. Und die vor einer Vielzahl offener Türen innehalten, um noch schnell mal am Glimmstängel zu ziehen, unverfängliche Gelegenheiten am Schopf packen oder sich vom Freundeskreis einfach mittragen lassen. Wenn das Geld dann auch noch durch die Finger rinnt, so wie die Zeit und der Tag, dann hilft nur noch Improvisation, oder die Reduktion des Willens auf das Einfachste – auf Kaffee, Zwiesprache mit sich selbst, und Gedanken, die genauso zollfrei und schrankenlos sind wie das Streben nach Erfolg in einem erfolgsbestimmten gesellschaftlichen Kontext, der gar nichts mehr anderes duldet. Schilling setzt sich diesem Selbstbeweisen noch nicht aus – oder vielleicht sogar niemals. Wie es wird, weiß weder er noch all die anderen. Dabei blickt der Junge nur um sich und sieht, was die anderen bewegt. Er selbst aber bleibt wie das Zentrum eines Karussells an Ort und Stelle – und wundert sich, wer alles seinen Weg kreuzt. Dabei hat er selbst keinen bestimmten.

Diese Leichtigkeit, dieser Flow ins Unbestimmte, ist, wie bei Jim Jarmusch, der Reiz dieses Großstadtmosaiks, dieser Liebeserklärung an Berlin, voller Melancholie und manchmal auch Mitleid. Voller Lässigkeit und irgendwie über den Dingen hängend, wie Wim Wenders´ Engel Damiel. Dabei sind die einzelnen Begegnungen in ihrem Dialog und ihrer Wechselwirkung verdichtet genug und entbehren nicht einer gewissen Faszination für das scheinbar Improvisierte und Unmittelbare. Vielleicht ist diese Unmöglichkeit des Steuerns durch den Tag genau das, was auch Niko fasziniert. Mich erfüllt das mit Sympathie und Verständnis für einen Loser, der eigentlich noch gar nichts verloren hat. Und sich womöglich nur Zeit nimmt. Zeit für einen Kaffee. Irgendwann, am Ende des Tages.

Oh Boy

The Ballad of Buster Scruggs

SPIEL MIR DAS LIED VOM SCHICKSAL

8/10

 

THE BALLAD OF BUSTER SCRUGGS© 2018 Netflix

 

LAND: USA 2018

DREHBUCH UND REGIE: JOEL & ETHAN COEN

CAST: TIM BLAKE NELSON, JAMES FRANCO, LIAM NEESON, TOM WAITS, ZOE KAZAN, BRANDON GLEESON. SAUL RUBINEK U. A.

 

Also ehrlich, das wäre doch was. Eine Neuverfilmung des Comics Lucky Luke unter der Regie von Joel und Ethan Coen. Das könnte ich mir durchaus vorstellen, womöglich aber kaum unter FSK 16 – das wäre ein Lucky Luke von der zwar schrägen, aber durchaus blutigeren Sorte. Ganz im Stile der ersten Erzählung im Rahmen eines vielgestaltigen Westerns, der da endlich wieder unter den Fittichen der beiden gelockten Masterminds über den Bildschirm stiefelt. Leider nicht über die große Leinwand, denn das war nur den Besuchern der Filmfestspiele von Venedig vorbehalten. Wir Endverbraucher können nur mit einem Stream via Netflix in den Genuss dieses bemerkenswerten Episodenfilmes kommen, und zwar exklusiv via Netflix. Da gibt es keine anderen Möglichkeiten. Das ist schon ziemlich raffgierig, dann sollte Netflix zumindest eine Kinokette eröffnen oder sich in anderen Ketten einkaufen, damit nicht nur das alternativlose Abo der einzige Weg nach Westen bleibt. Denn mit The Ballad of Buster Scruggs sind die Coens wieder ganz dick im Geschäft. Da bin ich ohne viel Überredungskunst sehr schnell bereit, den letzten Film aus 2016, nämlich Hail, Cäsar!, wieder ganz schnell zu vergessen. Überzeugt hat mich diese dünnsuppige Hollywood-Hommage nämlich überhaupt nicht. Die so eigenwillige wie genüssliche Anthologie aus dem Wilden Westen hingegen schon. Und ich wage sogar zu behaupten, diese ganz lässig im Sattel sitzende Fingerübung mit selbstverständlich einem Originaldrehbuch ist das Beste seit A Serious Man. Ganz die unverkennbare Handschrift, ganz der zynische, schwarze Humor. Und ganz die melancholische Lakonie, die in ihren Filmen stets ihre künstlerische Raffinesse am deutlichsten feiert.

Worin Joel und Ethan Coen für uns geschmackvoll blättern, das ist ein altes Buch gesammelter Kurzgeschichten, um die Jahrhundertwende verlegt. Für Bibliophile womöglich interessant, wäre es im Antiquariat erhältlich. Einzelne kolorierte Farbtableaus, geschützt mit Reißpapier. The Ballad of Buster Scruggs ist dabei nur die erste von insgesamt sechs Episoden, die unterschiedlicher nicht sein können, sich untereinander auch kein Crossover bescheren und aus den unterschiedlichsten Himmelsrichtungen quer durch ein unwirtliches und gleichzeitig idyllisches Amerika wandern. Hineingepfeffert in dieses endlose Nirgendwo: der versprengte Mensch. Gemeinsam haben sie neben des Umherziehens, Vagabundierens und Irrens vor allem eines mit im Gepäck: die Ironie des Schicksals. Zu einer Zeit, in der Leben und Tod fast schon zur Grauzone einer unsicheren Existenz verschmolzen sind, kann das Glück sehr kurzlebig sein. Zukunft war womöglich etwas, worauf man sich nicht verlassen durfte. Ein gemachter Pionier war sehr schnell ein toter Pionier. Und die, die gut mit dem Schießeisen umgehen konnten, die trafen dann irgendwann auf jene, die das noch besser konnten. Ein Leben und Sterben lassen, vereint in einer messerscharfen filmischen Anthologie über den Westen. Und zwar so, wie er selten zu sehen ist. Manchmal hat The Ballad of Buster Scruggs etwas von den sarkastischen Stelldicheins eines raubeinigen Italowesterns, manchmal etwas von den redseligen Eskapaden eines Tarantino. Doch meist finden die Coens wieder zu ihrem Stil zurück, ohne Hommage an irgendwen sonst sein zu wollen. Dieser mehr als zweistündige Reigen des Willens, Unwillens und einer Art Schicksalsergebenheit stellt seine traurigen, verblendeten und idealistischen Gestalten, die allesamt wundervoll gecastet und gegen den Typ besetzt sind, vom Regen in die Traufe. Dieses weite, feindselige, unnahbare Land, in das die Sehnsuchtsvollen aufbrechen, scheint leere Versprechungen zu bergen und nur den wenigsten Gnade zu gewähren. Das ist ein Amerika des Wilden Westens, das völlige andere Randgeschichten erzählt, im sozialen Abseits, eingebettet in Bildern, durch die John Wayne und seine hemdsärmeligen Cowboykollegen bereits in bestem Cinemascope vorbeigeritten sind. Die Regiearbeit ändert Blickwinkel und behält sie dennoch bei. Als wäre der Focus längst nicht mehr der auf die der großen Helden, sondern auf begleitende Zaungäste, die auch so gamblen wollen wie jene, die als Ikonen des Westens längst verherrlicht wurden.

Was daraus wird, ist ein bizarres Panoptikum zwischen knarzenden Salontüren, staubigen Ebenen und dem Recht des Stärkeren. Zwischen Goldrausch, Armut und einem Herz für Hunde. Dazwischen kauzige Country-Balladen in verklärender Romantik, die sich selbst persifliert. In den besten Momenten hat Buster Scruggs dieses märchenhaft Entrückte wie in O Brother where art thou?. Dann ist dieser Film wie ein stockdunkler Song von Johnny Cash, der aber so klingt wie ein tänzelnder Salon-Gig auf dem verstimmten Pianino in irgendeiner Spelunke, und der dann endet, wenn irgendeiner auf den staubigen Brettern liegt.

The Ballad of Buster Scruggs

Moonlight

BLAU IST EINE SCHWARZE FARBE

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moonlight

And the Oscar for the Best Picture 2017 goes to … La La Land. Oh no, sorry – der tatsächliche Gewinner für den besten Film des Jahres war dann doch wer ganz anderer. Jemand, der eine ganz andere Nische besetzt hält. Nämlich die reinsten Independentkinos. Denn Moonlight, so kann ich getrost sagen, ist ein modernes Meisterwerk des Black Cinema. Dass es so ein Film trotz seiner Außenseiterthematik letzten Endes so weit nach vorne schafft, ist einerseits überraschend. Kein Musical, kein Epos – nichts, was die breite Masse unterhält oder gar betrifft. So weit hat sich die Academy von Straßenfegern wie Ben Hur und ähnlichen Abräumern bislang noch nie entfernt.

Die elitäre Jury und oberste Instanz, die ihren Einfluss über Leben und Sterben von Filmen und ihren Stars weltweit unter führendem, flatterndem Banner hält, beweist durch das Ergebnis dieser Wahl einmal mehr, keine korrupte Verschwörung zu sein, sondern kunstsinniges Gewissen. Was aber auffällt, ist die Diskrepanz der nominierten Filme zum Vorjahr. Hatte man 2016 noch von allen Seiten gewettert, die Oscarnacht weißgewaschen zu haben, könnte man 2017 von einer kalkulierten Wiedergutmachung sprechen, und das sogar ungeachtet der Qualität der Filme. Hauptsache, weiße und schwarze Künstler halten sich die Waage. War dem wirklich so? Oder ist alles reiner Zufall?

Ungeachtet dieses Verdachts ist Moonlight unter den nominierten Filmen mit schwarzem Anteil wohl tatsächlich der künstlerisch hochwertigste Beitrag. Wenn überhaupt der künstlerisch hochwertigste Beitrag im Vergleich zu all den anderen Filmen. Der afroamerikanische Regisseur Barry Jenkins entzieht sich allen möglichen Einflüssen, die ihn in seiner Arbeit vielleicht beeinträchtigt hätten, und hat einen in seiner Bildsprache und Regie zutiefst eigenständigen Film geschaffen, der seine Geschichte so nuanciert, zartfühlend und metaphorisch erzählt, dass einem zwar erst im Nachsinnen über das Gesehene viele bildsprachliche Details erschließen, sich diese aber noch dazu zu einem erfüllenden Ganzen zusammenschließen. Diese Vielschichtigkeit entdeckt man in den Filmen von Kieslowski oder Tarkowskij, europäischen Meistern, die ohne Worte mehr erzählen konnten als mit dichten Dialogen. Jenkins ist auch so einer – jemand, der weiß, was er von seinen Schauspielern verlangen kann, in diesem Fall Blicke, Gesten oder die Unmittelbarkeit der Kamera. Wie in der französischen Nouvelle Vague erfindet Moonlight das Black Cinema auf eine ganz besondere Art neu. Statt Betroffenheitskino begegnen wir im auf dem Theaterstück In Moonlight Black Boys Look Blue von Tarell Alvin McCraney basierenden Coming of Age-Biografie einer zaghaft unausgesprochenen Liebesgeschichte, in der es nur im weiteren Sinne um Homosexualität geht. Die aber auf jeden Fall mit ihrer Indirektheit besticht und die drei Episoden, in welche die Geschichte gegliedert ist, so kongenial ineinander übergehen lässt, dass der Zuseher trotz der drei unterschiedlichen Darsteller, die ein und dieselbe Person spielen, immer ein und denselben Menschen sieht – den kindlichen, jungen und erwachsenen Chiron. Wie die drei Darsteller es geschafft haben, ihr jüngeres Ich so dermaßen zu spiegeln und aufzufangen, ist ein filmisches Phänomen. Bisweilen erinnert Moonlight an Linklaters meisterhafte Jugendchronik Boyhood, aber in seinen Sinnbildern auch an Lee Daniel´s Precious. Beides Independentfilme, beides grundeigene Werke – aber keines tritt so sehr aus seinem Schatten wie Moonlight. Jenkins spielt mit den Farben, mit Unschärfen und intensiven Blicken wie ein Maler mit seiner Leinwand. Zwischendurch bahnt sich nüchterne Trostlosigkeit durch die Vororte von Miami, um sich dann wieder von einer unkitschigen Poesie, wie es nur das Kino schafft, forttreiben zu lassen.

Das Mondlicht, wie es in diesem Film heißt, lässt die Haut schwarzer Menschen blau erscheinen. Ein lyrischer Satz, erzählt von Chirons Lebensmensch Kevin. Dass damit und in weiterer Folge die Selbstfindung zum in sich ruhenden Ich gemeint ist, auch das sickert erst langsam ins Bewusstsein. Somit beeindruckt, beschäftigt und begleitet Moonlight das weltoffene Publikum noch bis weit jenseits der dunklen Kinowände.

In Berry Jenkins Film geht es nicht um die Farbigkeit an sich. Auch nicht um irgendeine ethnisch gelagerte Problematik. Zu vergleichen wäre dies mit dem asiatischen Kino. Die Welt, in der Moonlight spielt, kennt keine Weißen. Das Miami des Chiron ist wie das Shanghai eines Wong Kar Wai eine Welt, in der die Hautfarbe nicht hinterfragt wird. In Wahrheit geht es in Moonlight um ganz andere Dinge. Eben um die Wahrheit – wer man selbst zu sein hat. Ob wir im Licht der Nacht auch anders aussehen? Egal, Hauptsache man weiß, welche Farben wir in uns tragen.

Moonlight – ein erfüllender Filmabend und der Beginn einer neuen, autarken, starken Filmgattung. Eben ein ganz anderes, unamerikanisches American Cinema.

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Moonlight