Avengers: Infinity War

DER HERR DER STEINE

8,5/10

 

null© Marvel Studios 2018

 

LAND: USA 2018

REGIE: ANTHONY & JOE RUSSO

MIT ROBERT DOWNEY JR., CHRIS HEMSWORTH, ZOE SALDANA, JOSH BROLIN, CHRIS EVANS, BENEDICT CUMBERBATCH, MARK RUFFALO, CHRIS PRATT, SCARLETT JOHANSSON, PETER DINKLAGE U. A.

 

Was hätte Sauron wohl gemacht, hätte er den Ring, „sie zu knechten, sie alle zu finden“, schlußendlich auch noch an seinen Finger gesteckt? Hätte er sich neue Ziele gesucht? Oder hätte er einfach alle viere gerade sein lassen? Was würde Thanos tun, der Gigant vom Planeten Titan, würde er alle Infinity-Steine sein Eigen nennen? Klar, Thanos hat einen Plan. Wäre der erfüllt, meint er, würde er auf der Veranda vor seinem Haus den Sonnenuntergang genießen. Interessante Frage, die all die Jahrzehntete des Kinos der Guten und der Bösen viel zu selten gestellt wurde. Was macht ein Antagonist, wenn er gewinnt? Marvel hat den Gierschlund mit der ausgeprägten Sammelleidenschaft für Mineralien besonderer Art hinter den stählernen Fronten seiner Kriegsschiffe hervorgeholt und um Antwort gebeten. Thanos – das klingt wie die Superlative des Bösen, eben wie Sauron oder Darth Vader. Der Nachtkönig aus Westeros oder der Beelzebub himself. Doch Thanos ist ein Wesen wie jedes andere. Bärenstark, das schon. Und besessen. Ein Heerführer des Wahnsinns, aber ohne klischeehafter Attitüden. Der orkähnliche Kreaturen um sich schart, gehörnt wie Dämonen, ausgestattet mit schier unbezwingbaren telekinetischen Fähigkeiten oder bis an die Zähne bewaffnet. Wilde Meuten, die über afrikanisches Grasland breschen. Und der Fehdehandschuh als Symbol einer akkurat dämonischen Machtpolitik, die das ernährungshygienische Programm von FDH – Friss die Hälfte – auf die Völker der Galaxie überträgt. Sind alle fünf Steine in den vom Zwergenvolk der Schmiede Nidavellir gegossenen Handschuh eingepasst, hat der Träger dieser Steine die Kontrolle über Macht, Raum, Zeit, Realität, Seele und Gedanken.

Viele der uns wohlbekannten Marvel-Helden stehen angesichts der neuen Bedrohung aus dem All wie die Kuh vor dem Tor. Dabei wollte Thanos schon einmal an die Steinchen ran, mitsamt seinen fliegenden Trilobiten – wir erinnern uns an das Jahr 2012, als Joss Whedon die erste große Gruppendynamik der Avengers vom Zaun gebrochen hat. Seitdem ist viel passiert, und wer sich im Marvel Cinematic Universe gut auskennt, und zum Beispiel die fulminante Episode Thor: Ragnarok oder Black Panther noch frisch im Gedächtnis hat, wird bei Avengers: Infinity War nahtlos anknüpfen können. Und dieser Thanos, der ist zwar kein alter Bekannter, aber eine Visage, die man schon irgendwo gesehen hat. Stimmt – in Guardians of the Galaxy. Das MCU, wie es genannt wird, ist also eine hochkomplexe Spielwiese. Wenn man so will, ist das MCU eine epische Serie, die statt auf der Mattscheibe daheim breit ausgelegt in der vierten Dimension auf großer Leinwand läuft und seinen roten Faden bereits von Anfang an, also seit 2008, als der Erstling Iron Man den Startschuss für eine Erfolgsgeschichte gab, immer wieder weitergesponnen hat. Bis heute, bis zum Auftakt des Grande Finale der ersten Epoche einer galaktisch-phantastischen Oper, die 2019 ihr vorläufiges Ende finden wird. Und dabei ist der Anfang vom Ende eigentlich das Beste, das bekanntlich zum Schluss kommt, und kein Auge trocken sowie keine Wünsche offenlässt.

Avengers: Infinity War ist das Ergebnis einer schweißtreibenden Gratwanderung zwischen dem Anspruch, das Crescendo und den gemeinsamen Nenner aller bisherigen Filme in Gewandung eines märchenhaften Spektakels an mehreren Fronten Ausdruck zu verleihen, und der waltenden Vorsicht, nichts zu überstürzen, nichts zu überhudeln, und nicht der Versuchung zu erliegen, mit machtvollem Getöse den glosenden Keim des sternensystemübergeifenden Dramas zu ersticken. Joss Whedon wäre das bei Avengers: Age of Ultron fast passiert. Die Genese von Vision sowie die Einführung von Scarlett Witch ist für Avangers: Infinity War ein gut zu wissendes Prequel, markiert aber den schwächsten Ankerpunkt der Marvel-Filmreihe, wenngleich dies als Jammern auf hohem Niveau erscheint. Statt Whedon hat also Marvel die Gebrüder Anthony und Joe Russo ins Boot geholt und das Endspiel bereits für sich entschieden. Die Russos hatten damals mit The First Avenger: Civil War wohl einen der besten Filme überhaupt zustande gebracht. Für meinen Teil zählt Civil War zur inoffiziellen dritten Runde der Avengers-Teamfilme, geben sich neben den üblichen Rächern doch auch noch Spider-Man, Ant-Man und Black Panther den Debütantinnenball der agilen Maskenträger. Das Regie-Team hat damit also erstmals und auch längst bewiesen, dass Crowd-Directing zu ihren ganz speziellen Skills zählt. Die nicht jeder beherrscht, schon gar nicht angesichts eines so dicht gedrängten und drängelnden Aufgebots namhafter Stars, die alle zumindest nur mal kurz ihren Teil zum großen Sieg über Thanos beitragen wollen. In der Hoffnung, keinen Abgang zu machen, wenn es das Script verlangen sollte.

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Avengers: Infinity War ist Fantasy vom Feinsten. Ein Krieg der Welten mit Schauwerten, die die Fantasien des Publikums ein- und überholt. Mit Momenten theatralischen Dramas, starken Twists voller Emotionen und längst vertrauten Seelen, um die man bangt. Und das alles keine Sekunde zu lang und um kein Quäntchen zu viel. Dauerunker, die das in den Siebzigern mit Superman eingeführte Comic-Subgenre gerne als „Superheldenscheiß“ bezeichnen, werden aber auch aktuell schwer umzustimmen sein. Da sitzt die grundlegende Aversion bereits schon zu tief. Dabei wäre das Kino, gäbe es dieses Füllhorn an bildgewaltigem Entertainment nicht, um Einiges ärmer. Zwar nicht in erzählerisch-innovativer, aber im Hinblick auf eine Art Hochschaubahn-Magie, die entfesselt, was machbar ist, Benchmark steigend.

Die Benchmark – die ist mit Avengers: Infinity War, Teil 1, neu gelegt. Ich kann Teil 2 kaum erwarten, schon alleine, weil es so einfach nicht enden kann. Sagt der Nerd in mir, mit einem lachenden Auge, weil’s so viel Spaß gemacht hat, und einem weinenden, weil’s so gut, aber viel zu schnell aus war.

Avengers: Infinity War

Black Panther

WIE GOTT IN AFRIKA

7/10

 

nullPhoto: Film Frame © Marvel Studios 2018

 

LAND: USA 2018

REGIE: RYAN COOGLER

MIT CHADWICK BOSEMAN, LUPITA NYONG’O, FOREST WHITAKER, MICHAEL B. JORDAN, MARTIN FREEMAN, ANDY SERKIS U. A.

 

Womöglich wissen wir jetzt, warum das Kongobecken im Herzen des afrikanischen Kontinents so eine unzugängliche grüne Hölle ist, wieso sich hier Mythen und Legenden ein Stelldichein geben und kaum jemand jemals bis ins Herz des Dschungels vorstoßen konnte. Und womöglich ist das gefällige Gedankenspiel des grindigen Bösewichts Ulysses Klaue (wie bezeichnend!) gar nicht mal so weit hergeholt, wenn er sagt, dass El Dorado nie in Südamerika zu finden war. (Näheres lässt sich zum Thema Ur-Amazonas nachlesen). Wenn es nach Marvel ginge, steckt hinter all den unerklärlichen Mysterien nichts anderes als das ähnlich wie Hogwarts verborgene Königreich Wakanda. Der Name klingt wie das neue Zirkusprogramm des Cirque du Soleil, ist aber ein schirmgetarntes High-Tech-Afrika, eine irre Mischung aus palmenbedeckten Lehmhütten, Hochhäusern aus Glas und unterirdischen High-Tech-Zentren, bei denen Bruce Wayne feuchte Augen bekommen würde. Doch zum Glück befinden wir uns im MCU, und nicht bei DC. Also keine Angst vor Batman.

Dieses Königreich regiert ein gewisser Black Panther, seines Zeichens Monopolist auf das Super-Erz Vibranium und krallenbewehrter Avenger im superschnittigen, schwarzen Raubkatzen-Outfit. Chadwick Boseman steht dieses nanotechnologische Superteil ausgesprochen gut, seine Auftritte in Lack, Leder und eben diesem magischen Metall sind angesichts der Formschönheit für meine Begriffe immer noch zu wenig gestreut. Doch darüber kann ich gut hinwegsehen, vor allem, weil Black Panther fast ausschließlich an einem Ort spielt, der noch nie so wirklich Schauplatz für das Superhelden-Gekeile war – eben Afrika. Und weil Afrika in Punkto Exotik nur schwer der Rang abzulaufen ist, muss Disney und Marvel zumindest annähernd mit folkloristischen Versatzstücken aus der Wiege der Menschheit ordentlich Bombast erzeugen, um diesem Status gerecht zu werden. Womit wir bei André Heller wären. Was hat dieser österreichische Universalkünstler jetzt mit Marvel zu tun? Das ist leicht erklärt: Heller´s Bühnenkreation Afrika Afrika!, welche hierzulande wieder die Stadthallen füllen wird, zeigt, so habe ich mir sagen lassen, ein Potpourri aus allen möglichen traditionellen Gesängen, Tänzen und Kostümen. Marvel und Regisseur Ryan Coogler tun es André Heller nach – ihre fiktive Stadt des Unmöglichen ist einerseits eine knallbunte Kostümschau mit Motiven aus West, Ost- und Südafrika, andererseits tänzerische Martial-Arts-Performance, begleitet von Klängen und Stimmen, die an König der Löwen erinnern. Womöglich bewusst, denn König der Löwen ist ja auch von Disney, und im Grunde geht es auch im König der Löwen um Krone und Reich, allerdings auf Widlife-Niveau.

Black Panther ist vom roten Faden der Infinity– und Avengers-Storyline so ziemlich komplett ausgekoppelt. Ein waschechtes Spin-Off sozusagen. Aber eines, das aufgrund seines vorwiegend geglückten Händchens fürs Casting so ziemlich ins schwarze Fell des Panthers trifft. Newcomer Chadwick Boseman – mit Shaft-Attitüde und tatsächlich royalem, aber niemals affektiertem Gehabe – verspricht, zukünftig vermehrt auf der Leinwand präsent zu sein. Lupita Nyong’o, diesmal nicht nur in Motion Capture (Maz Kanata aus Star Wars VII), sprüht vor anmutiger Toughness, und Danai Jekesai Gurira als speerschwingende Pseudo-Massai-Kriegerin sorgt für jede Menge sympathische Female Power – hervorzuheben als Woman in Red in flatternder Rüsche, die den bösen Buben in Südkorea gehörig auf die Pelle rückt. Nur Martin Freeman passt hier nirgendwo hinein. Warum er in dieser Marvel-Produktion als Sidekick zum Handkuss kommt, bleibt im Dunkeln. Freeman mag als Hobbit und Watson seine Fangemeinde zurecht um sich scharen – als CIA-Agent kommt ihm jede Glaubwürdigkeit abhanden, und auch sein Schauspiel zeugt von Ratlosigkeit. Zum Glück hält sich der sympathische Brite im Hintergrund – was kein schwieriges Unterfangen ist, bleibt Black Panther als wohldosierte, in sich abgeschlossene Marvel-Extravaganz in Erinnerung, die mit ganz viel frischem Esprit und neuen, unverbrauchten Gesichtern eine vergnügliche Folklore-Show aus dem schwarzen Afrika auf die CGI-Bühne zaubert – inklusive geharnischten Nashörnern und einem schmissigen Soundtrack zwischen Trommelrythmen und Synthie-Klängen. Marvel hat eine Terra incognita für sich entdeckt und sein Universum um ein sinnvoll bereicherndes Who is Who erweitert. Da freut man sich auf Infinity-War. Und wie immer heißt es – nach dem Abspann sitzenbleiben!

Black Panther

Thor: Tag der Entscheidung

WO DER HAMMER HÄNGT

8,5/10

 

thor3@ 2017 Marvel Studios

 

LAND: USA 2017

REGIE: TAIKA WAITITI

MIT CHRIS HEMSWORTH, TOM HIDDLESTON, CATE BLANCHETT, JEFF GOLDBLUM U. A.

 

„Also das… das hat mich schon sehr gestört. Hela ist doch nicht Odins Tochter, sondern Lokis!“, beschwert sich nach Betrachten des Filmes eine Mittelschülerin, die sich in der nordischen Mythologie ganz gut zurechtzufinden scheint und mit mir gemeinsam Thor: Tag der Entscheidung genießen durfte. Was folgt, ist eine stark gekürzte Abhandlung der Ereignisse rund um Odin´s Familiengeschichte, dem Fenriswolf, der im Film viel zu klein daherkommt, die Vernichtung Asgards und dem Ende Thors, der von der Midgardschlange vergiftet wird, übrigens auch eine Schwester Hela´s, aber das nur so am Rande. Das alles passiert dann beim Ragnarök, dem Weltenbrand, quasi der Apokalypse des Nordens, ziemlich Schlag auf Schlag. Nun, wo das Mädchen Recht hat, hat es Recht – Mythologen werden es bei Marvel´s Götterdämmerung garantiert mit der Angst zu tun bekommen. Sollen sie auch. Denn dafür geht man nicht in die Filme von Marvel, sondern besucht entweder eine Vorlesung oder schaltet daheim den History-Channel auf Durchzug. Irgendeine Doku über Mid-, Ut- und sonstige -gards gibt es dort bestimmt.  Für Thor: Tag der Entscheidung braucht man, wenn man I-Tüpferl-Reiter mit Anspruch ist, ein gehörig dickes Fell. So wie der Fenriswolf. Oder man legt sich eine Litho-Panzerung zu, wie sie der nach Revolution sinnende Steinmensch Bruce trägt, der davon träumt, dem Müllplaneten Sakaar eine neue Ordnung aufzuerlegen. Hat man Fell oder Panzerung, oder geht mit der nötigen Scheiß-drauf-Attitüde ins Kino, um zu sehen, ob neben den Guardians of the Galaxy noch andere Filme das Zeug haben, in rotzfrecher Manier einfach alle möglichen Versatzstücke des phantastischen Kinos durcheinander zu mixen, ganz so wie ein ausgebuffter DJ, dann wohnt man wahrscheinlich einem der griffigsten und launigsten Kunststücke aus dem Marvel Cinematic Universe bei, die je produziert worden. Denn Thor: Tag der Entscheidung ist mindestens genauso gut wie die Guardians of the Galaxy. Wenn nicht fast besser. Und das ändert nichts an der Tatsache, dass der eingedeutschte Untertitel Tag der Entscheidung im Vergleich zum Original Ragnarok ziemlich nichtssagend daherkommt. Aber das nur, weil mit Ragnarok die wenigsten etwas anfangen können. Da muss ich nur das Mädchen fragen, das mit mir im Kino war.

Nach Kenneth Branagh´s durchwachsenem Thor-Einstand und Alan Taylor´s düsterer Dunkelelben-Episode Thor: The Dark Kingdom ist der vorerst finale dritte Teil der Solo-Helden-Abenteuer rund um den Donnergott mit Abstand der beste Wurf. Natürlich haben sich Marvel und Disney ihre Blockbuster-Referenzen hergenommen und den Erfolg analysiert – ohne Analyse geht bei so teuren Produktionen überhaupt nichts mehr. Bei einem Genre, das sich so sehr von der Realität verabschiedet wie die weit weit entfernte Galaxis von Star Wars von der Erde, zählt die Anforderung eines spannenden, ernstzunehmenden Abenteuers längst nicht mehr. Da zählt der Spaß, der Irrsinn, die Kaleidoskophaftigkeit einer furiosen Zirkusaufführung weit jenseits der Vorstellungen eines Andre Heller oder Luis Knie. Da zählen Trapez- und Zauberkünstler, Clowns in aberwitzigen Kostümen und atemberaubende Showeffekte. Und ganz obendrauf, und eigentlich zuallererst, bevor der visuelle Firlefanz die Leidenschaft der Zuschauer am Sehnerv packt: die Skizzierung der Leading Characters. Sind die Figuren schal und flach, hilft nicht mal perfektes 3D. Über einen gewissen Zeitraum hinweg ja – aber nicht den ganzen Film hindurch. Luc Besson hat sich bei seinem visuell pipifeinen Comicverschnitt Valerian – Die Stadt der tausend Planeten in der Wahl seiner Hauptdarsteller ordentlich vergriffen. Ebenso Suicide Squad. Biestig, dreckig, gut gemeint. Aber darstellerisch eher halbgar. Guardians of the Galaxy funktioniert, weil der wilde, zusammengewürfelte Haufen an zwangskaritativen, in ihrem Wesen aber völlig unterschiedlichen Weltraumpiraten enorm viel ungefällige Persönlichkeit besitzt. Dieses Phänomen der ausmodellierten Charakterzeichnung findet sich – Odin sei Dank – auch in der furioser Weltraumeskapade von Regisseur Taika Waititi, seines Zeichens verantwortlich für die Indie-Gruselsatire 5 Zimmer Küche Sarg. Der Cast liest sich wie die Gästeliste eines internationalen Filmfestivals. Größen wie Cate Blanchett, Idris Elba und Jeff Goldblum, um nur einige zu nennen, verleihen auch der kleinsten Nebenrolle sichtlich spielfreudiges Charisma. Ganz zu schweigen von Chris Hemsworth und Mark Ruffalo, die, wie es scheint, noch nie so viel Spaß an der Sache hatten.

Ist der Cast einmal unter Dach und Fach, und ausreichend beschäftigt, kann man den Film auch noch so abgehoben inszenieren – das Ensemble ist wie ein Fels in der Brandung, dass für die Entfesselung einer wirklich famos bebilderten, spektakulären Weltraumkomödie ganz im Sinne von Star Lord, Gamora und Co grünes Licht erteilt. Von Drachen, Skelettkriegern, Magiern, Robotern und Aliens aller Art, die aus George Lucas´ Cantina zu kommen scheinen, werden diverseste Versatzstücke aus der High Fantasy und der märchenhaften Science Fiction durch den filmischen Cocktailmixer gejagt, um letzten Endes ein enorm augenzwinkerndes, auf Zug inszeniertes, astreines Vergnügen Marke Terry Pratchett zu servieren, das bis zur letzten Sekunde – und bis über die zweite Post Credit Szene hinaus – vorzüglich schmeckt. Lange begleitet mich noch Led Zeppelin´s Immigrant Song, der in der Hitze des Gefechts der Götter so dermaßen punktgenau zum Einsatz kommt, dass man überlegt, schon allein deswegen den Film noch einmal zu sehen. Weil das Eintauchen in lebendig gewordene Comic-Panels einfach fetzt. Ganz ohne Reue und verlorene Lebenszeit. Und nicht zuletzt, weil Hulk einfach zu meinen Lieblingen zählt. Schon allein aufgrund seines Wesens 😉

Thor: Tag der Entscheidung

Spider-Man: Homecoming

DEADPOOL FÜR TEENIES

7,5/10

 

spiderman

Der Spinnenmann kehrt zurück, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Frage ist nur, ob wir uns darauf freuen sollen oder nicht. In erster Linie aber flüchtet der ungewöhnlich schlagkräftige Teenie in die mütterlichen Arme der Marvel Studios. Homecoming – das verlorene Schaf ist zur Herde heimgekehrt, rein in den Kosmos der Avengers, da wo er eigentlich hingehört. Angebahnt hat sich das Ganze schon in The First Avenger – Civil War. Die Marvel Studios sind mit grundlegend neuem Konzept die Sache von der Maschekseite angegangen. Ihr Spider-Man präsentiert sich mit Tom Holland als unerwartet unspektakulärer, burschikoser Nerd, der auf Star Wars und Mädchen steht und sich von Superhelden sehr leicht beeindrucken lässt. Holland ist ein Bursche, der unaufgeregt normal daherkommt und das verschmitzte gewisse Etwas besitzt, das erst durch sein Tun und Handeln so richtig zutage tritt. In Civil War war ich schon mal positiv überrascht. Wie wird wohl Homecoming sein, allen bisherigen Fehlzündungen zum Trotz?

Zugegeben, Spider-Man ist wohl jener Superhelden-Charakter, der bislang mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Und damit meine ich nicht abgrundtief fiese Superschurken, sondern Sam Raimi und Marc Webb, die beide versucht haben, Spiderman auf die Leinwand zu bannen. Beide sind an diesem Unterfangen ziemlich gescheitert. Das lag zum einen am Cast. Weder Toby Maguire als manisch-romantischer Jungspund noch Andrew Garfield als Gentlemen mit allzu gewollt lockerer Note haben die Figur so interpretiert, als dass sie interessant geworden wäre. Weder Sally Field als Aunt May und die verkitschte Teenie-Romanze, sei es mit Kirsten Dunst oder Emma Stone, haben zur Qualität beigetragen. Und am Wenigsten die seifenopernhaften Superschurken, die so plakativ und unbeholfen dem Spinnenmann kontra gegeben haben, dass niemand auch nur jemals daran gezweifelt hätte, dass Spider-Man alles zum Guten wenden wird. Bei dieser Vorhersehbarkeit bleibt die Spannung auf der Strecke. All diese fünf vorangegangenen Filme haben immer mehr und mehr versucht, ihre dramaturgischen Mängel mit Bombast zu kompensieren. Höhepunkt des Untergangs war The Amazing Spider-Man – Rise of Electro. Elendslang, überladen und auf seine Effekte reduziert, blieb uns auch nicht erspart, Spider-Man aus allen erdenklichen Perspektiven von Haus zu Haus springen zu sehen. Das Publikum war somit übersättigt. Bitte keinen Spiderman mehr.

Es sei denn, Sony schickt den Burschen wieder heim. Und Marvel integrierte Spider-Man in sein Cinematic Universe, als wäre er nie weg gewesen. Es gelingt somit ein kleines Wunder. Spider-Man: Homecoming ist die bisher beste Verfilmung des Strumpfhosenteenies. Warum?

Weil Marvel mit der Zeit geht. Und – anders als Kollegen wie Michael Bay – weil Marvel bemerkt hat, dass das Effektkino seinen Zenit erreicht hat. Das Superheldenkino schafft es kaum mehr, mit visueller Raffinesse das Genre-Publikum zu überzeugen. Das spezialeffektverwöhnte Auge aller Geeks und Nerds hat im Grunde alles schon gesehen, was CGI zu bieten hat. Was bleibt also übrig als vom Gipfel des Klotzens wieder herabzusteigen, Drehbücher vom Reißbrett zur Seite zu legen und sich wieder vermehrt auf die Geschichten zu konzentrieren. Vielleicht sogar vermehrt auf schräge Charaktere, die seit dem Erfolg der Big Bang Theory salonfähig geworden sind. Bei Spider-Man Homecoming haben die Macher nicht das Tempo, aber Action und Effekte bewusst runtergeschraubt. Und vermehrt ihren Star Tom Holland freie Bühne gelassen. Der sympathische Junge verhält sich wie Deadpool für Teenies. Klug, wortgewandt, mit Hang zum Sarkasmus und mit ganz viel Anfängerglück. Überfordert mit seinen Fähigkeiten und dem Gadget-Anzug von Tony Stark, strudelt er mehr recht als schlecht durch die Nachbarschaft, um Waffenschiebern das Handwerk zu legen. Leider zum Missfallen des arroganten Schnösels und Möchtegern-Mentors Iron Man (strotzend vor Überheblichkeit: Robert Downey), der Peter Parker unter Kuratell stellen will. Spider-Man hilft sich also selbst – und beweist, dass weniger manchmal mehr oder zumindest gleich viel sein kann. Und Michael Keaton gibt den Waffenbauer angenehm pragmatisch und nicht hochgekünstelt wie die sinistren Wirrköpfe, die wir mittlerweile schon leid sind. Gemeinsam erreicht das freche Ensemble aus Nerds, Ganoven und bekannten Avengers-Ikonen die Qualität eines pfiffigen Comicabenteuers zwischen McGyver, Malcolm mittendrin und Kick-Ass. Zwar eindeutig fürs jüngere High School-Publikum gemacht, fügt sich der Film aber nahtlos in den humoristischen Infinity-Kosmos ein und bleibt dankenswerterweise am Boden.

Die Spinne hat sich nach Spider-Man: Homecoming eindeutig rehabilitiert. Und den Gadget-Anzug letztens Endes ehrlich verdient.

Spider-Man: Homecoming

Guardians of the Galaxy Vol. 2

FLIEGENDE ALIENS IN IHREN FLIEGENDEN KISTEN

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Und wenn du glaubst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Waschbär her… nun, laut herausposaunen sollte ich die Abwandlung einer bekannten Weisheit lieber nicht, sonst bekomme ich von dem kleinen, felligen Guardian mit der Wumme eins übergebraten. Denn Waschbär will das freche Wesen nicht genannt werden. Doch was ist dieser Knilch überhaupt? Eine der vielen Fragen, die während der Kamikaze-Mission des zusammengewürfelten Haufens wilder Hündinnen und Hunde heiß diskutiert werden. Die chaotischen Outlaws schenken sich nichts, und doch stehen sie füreinander ein. Genau das ist das Geheimnis hinter dem Gelingen der furiosen, brüllend komischen Fortsetzung eines der wohl lustigsten und unterhaltsamsten Science-Fiction-Filme seit Mel Brook´s Spaceballs.

Zugegeben, Guardians of the Galaxy Vol. 2 ist keine Parodie, sondern kann auch komisch sein, ohne erfolgreiche Vorbilder zu veralbern. Einfach ganz aus sich selbst heraus. Und ganz aus sich selbst heraus gehen diesmal auch Star-Lord, Rocket und Co. Ganz im Ernst – wenn man schon im ersten Teil mit den schrägen Figuren sympathisiert hat, kann und muss man sie im zweiten Abenteuer geradezu lieb gewinnen. Und dazu gehört auch sowohl der blauhäutige Pirat Yondu mit seinem Pfeifgeschoß als auch die stets tobsüchtige Schwester Nebula. James Gunn gelingt, was sonst nur Joss Whedon in Buffy, Firefly oder dem ersten Teil der Avengers gelungen ist – nämlich ganz auf den Reiz seiner Charaktere und ihren sozialen Mikrokosmos zu setzen. Der gibt einiges her – ganz zum Gaudium des Publikums. Die Guardians lassen uns von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt an einem Wechselbad der Gefühle teilhaben, der zum Schmunzeln, Wundern und Kopfschütteln einlädt. Den schrägen Vogel abgeschossen hat neben dem grundehrlichen Hünen Drax mit seiner sehr eigenen Sicht der Dinge und dem ans Perry Rhodan-Universum erinnernden Mausbiber natürlich der Wurzelzwerg Groot als hüftschwingendes Holzbaby mit Kulleraugen, begrenztem Wortschatz und dem Hang dazu, Dinge misszuverstehen. Ihm gehört die ganze Liebe des intergalaktischen Auditoriums – alleine das Intro des Filmes setzt trotz seines furios gefilmten Monster-Clashs seinen Fokus auf die Performance des unterschätzten Pinocchios und sorgt damit schon mal für eine bereitwillig wohlgesinnte Grundstimmung für den Rest des auffallend langen Filmes, der den Nebel rund um die Herkunft des Peter Quill zwar lüftet, aber im Grunde eine abgekoppelte, eigenständige Geschichte erzählt, die kaum bis gar keinen Bezug zur alles überspannenden Infinity-Storyline aufweist. Also noch Tags davor die Hintergründe zu den 6 außergewöhnlichen Steinen so ziemlich umsonst nachgelesen. Im großen Finale der Marvel Cinematic Universe werden sie aber eine im wahrsten Sinne des Wortes weltbewegende Rolle spielen. Den roten Faden des großen Ganzen noch mal durch das Volume 2 der Guardians laufen zu lassen, wäre eine Chance gewesen, noch mehr Lust auf Marvel´s große Sause zu bekommen. Und dass selbst Thanos nicht mal in den Mid-Credit-Szenen einen Auftritt hatte, sorgt für leichte Irritation. Doch das sind hohe Ansprüche eines Nerds – Guardians of the Galaxy Vol. 2 mag zwar inhaltlich kaum relevant sein, das Auge hat während der niemals enden wollenden, furiosen Achterbahnfahrt zwischen Welten, Sternen und kuriosen Raumschiffen genug zu tun.

Tatsächlich gelingt es den Animationsstudios von Weta und Co, mit jedem weiteren Film, der in irrealen Welten spielt, noch um eine Stufe besser zu werden. Die virtuelle Kamera von Guardians of the Galaxy Vol. 2 zaubert eine sich immer wieder neu erfindende Welt in allen nur erdenklichen Perspektiven. Gestochen scharf, knallbunt und in atemberaubend räumlichem 3D. Darüber hinaus streut James Gunn jede Menge Easter Eggs und absurde Cameos wie Howard, die Ente oder David Hasselhoff als Quill´s imaginärer Vater-Ersatz. Hier werden Erinnerungen an die gute alte Science-Fiction-Welle aus den Achtzigern wach, die im Fahrwasser von Krieg der Sterne farbenfrohe Teamwork-Abenteuer wie Zardoz, Sador oder Flash Gordon ins Leben gerufen hat. Guardians of the Galaxy Vol. 2 macht die Peinlichkeiten von damals wieder gut – aber nur, um erneut zum feuchtfröhlichen Fremdschämen einzuladen. Doch Star-Lord und seine Freunde sind, was sie sind. Wer die Galaxis gerettet sehen will, der darf in der Wahl seiner Helden nicht so zimperlich sein und genug Sinn für Humor haben. Ein Teil von den Wächtern der Milchstraße zu sein wäre mit Sicherheit alles andere als langweilig. Und irgendwie auch so was wie Familie. Trotz Nebula, die man laut Drax eventuell zurücklassen könnte.

Guardians of the Galaxy Vol. 2

Doctor Strange

WÜNSCHE ANS MULTIVERSUM

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Der leider viel zu früh verstorbene, österreichische Atomphysiker Heinz Oberhummer, Mitglied der schärfsten Science-Boygroup der Milchstraße, hätte an der jüngsten Episode aus dem Marvel Cinematic Universe seine helle Freude gehabt. Warum? Nun, dazu muss man wissen, dass Oberhummer ein leidenschaftlicher Verfechter der Multiversum-Theorie war. Seine Argumente dafür finden sich übrigens in dem äußerst lesenswerten Buch Kann das alles Zufall sein wieder. Um dieses bislang rein hypothetische Phänomen geht es auch in der Zaubererexegese Doctor Strange. Allerdings bringt Regisseur Scott Derrickson hier einiges durcheinander, da er die Definition von Dimension mit jener für existierende Paralleluniversen verwechselt. Oder umgekehrt. Und manchmal liegt er auch richtig. Aber das sind nur Spitzfindigkeiten, über die Oberhummer augenzwinkernd gelächelt hätte. So wie über den ganzen Film, der auf publikumswirksame, aber naive und nicht mal populärwissenschaftliche Art und Weise den Horizont des Zusehers zu erweitern versucht.

Klar ist, dass Doctor Strange etwas anders ist als alle bisherigen Marvel-Verfilmungen. Hier gibt es zwar auch viel Action und publikumswirksames Rambazamba, und auch der Grundaufbau klassischer Blockbuster-Erzählschablonen wagt keine Innovationen. Wirklich anders sind die Effekte. Vor allem jene, welche die im Film immer wiederkehrende Spiegeldimension beschreiben. In ihr sind physikalische Gesetze zur Gänze aufgehoben. Oben und unten gibt es nicht mehr, und urbane Architektur von Gotik bis Moderne, fällt dem Irrwitz eines unaufhörlich ineinandergreifenden Kaleidoskops zum Opfer. Wahrscheinlich ein gar nicht so komplizierter Computereffekt, aber mit großer Wirkung. Als hätten M. C. Escher und Salvador Dali ein sich ständig veränderndes Perpetuum Mobile erschaffen. Beeindruckend, und ein Grund mehr, wiedermal ins Kino zu gehen. Für jene, die das nicht so oft tun möchten – oder können. Natürlich erinnert die verbogene und zerwürfelte Optik an Christopher Nolans Traum-im-Traum-Meisterwerk Inception. Doch dort, wo dieser seine visuellen Asse im Ärmel ausgespielt hat, setzt die Marvel-Zaubershow an. Hier geht es nicht mehr darum, mehr Wert auf die Geschichte zu legen, sondern vor allem darum, durch einen optischen Stil-Richtungswechsel für neue Begeisterung bei den Fans zu sorgen. Umso mehr, da die langsam gleichförmig werdenden Comic-Verfilmungen kaum mehr voneinander zu unterscheiden sind. Dabei besinnen sich die Studios leider nicht darauf, ihre immer gleiche Erzählweise zu hinterfragen. Heldengenese – Bösewicht – Kampf gegen den Bösewicht – Sieg und Neuanfang. Mit Ausnahme vom herausragenden Civil War unterliegen alle anderen Filme diesem Codex, der längst erneuert werden muss. Wahrscheinlich erst mit dem allumfassenden zweiteiligen Finale Infinity War, das 2018 in die Kinos kommen soll. Hier soll das Cinematic Universe – vorläufig oder nicht – ihr Ende finden. Und Doctor Strange war wohl gemeinsam mit dem kommenden neuen Spiderman der vorläufig letzte Einführungsfilm für einen neuen Helden, bis es endlich soweit sein darf – und Oberschurke Thanos seine Fäuste schwingt, um die Infinity-Steine an sich zu reißen.

Jetzt werden sich einige fragen: Infinity-Steine? Nun, diese Artefakte ziehen sich durchs gesamte Marvel-Universum wie ein roter Faden, genauer nachzulesen auf meinem Blog-Artikel Captain America: Civil War. Auch der leicht überhebliche Dumbledore-Erbe Strange eignet sich einen solchen Klunker an – das Auge von Agamotto, welches die Zeit beeinflusst. Womöglich der letzte Stein, um die Sammlung zu komplettieren, die in ihrer Vollständigkeit zur Unterwerfung des Universums führt.

Mit „Sherlock“ Benedict Cumberbatch haben sich die Studios und uns Comic-liebhabenden Kinonerds einen großen Gefallen getan. Der charismatische Engländer mit der tiefen Stimme verkörpert den selbstverliebten, altklugen Chirurgen und späteren Universenspringer in vollendeter Perfektion, ohne sich dabei großartig verstellen zu müssen. Die Rolle ist ihm wie der selbstdenkende Zauberumhang aus dem Film auf den Leib geschneidert. Hoffentlich wird es für Doctor Strange niemals einen Besetzungswechsel geben. Auch Tilda Swinton als glatzköpfiger, androgyner Dalai-Lama der Dimensionen setzt ihre Rolle ungewöhnlich locker und natürlich an, ohne gekünsteltem Pathos. Beide machen den Film vor allem darstellerisch sehenswert und verleihen dem Blockbuster Charakter und Tiefe.

Doctor Strange ist unterm Strich einer der schönsten Marvel-Filme überhaupt. Von formvollendetem Zauber und voller betörender Bildwelten. Mit überzeugendem Helden, jeder Menge lockerer Situationskomik und quirliger Dynamik – Eigenschaften, die Marvel-Filme erst so richtig sehenswert machen. Von der austauschbaren, leider etwas spannungsarmen Geschichte mal abgesehen ist das comicorientierte Fantasykino seit diesem Herbst um eine leichtfüßige, metaphysische, höchst unterhaltsame Zaubershow weit jenseits bekannter Kartentricks reicher.

 

 

Doctor Strange