À la Carte! – Freiheit geht durch den Magen

ESSEN FÜR ALLE!

8/10


alacarte© 2021 Jérôme Prébois / Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2021

REGIE: ÉRIC BESNARD

CAST: GRÉGORY GADEBOIS, ISABELLE CARRÉ, BENJAMIN LAVERNHE, LORENZO LEFÈBRE, GUILLAUME DE TONQUÉDEC U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Es gibt Leute, die essen, weil sie müssen. Die können dem ganzen Schnickschnack an Rezepten, an den Details der Zubereitung oder der Präsentation auf dem Teller nichts abgewinnen. Und es gibt Leute, für die ist Essen nicht nur Nahrungsaufnahme, sondern auch die Art von Genuss, die vielleicht sogar nachhaltiger ist als guter Sex. Von so einem hedonistischen Ansatz einer Wohlstandsbevölkerung war man gegen Ende des 18. Jahrhunderts natürlich als Normalsterblicher weit entfernt. Da schwelgte die Elite unter ihren grotesken Perücken der Vielfalt einer Cuisine, die alle Stückchen spielen musste. Von der Bouillon bis zum Sahnetörtchen am Schluss, dazwischen allerlei Abenteuerliches wie Pastetchen, in Blätterteig eingewickelter Braten oder Kapaun, gefüllt mit Kastanien. Überraschungen durfte es allerdings keine geben, der Adel wollte schließlich nicht die Kontrolle über seine Macht verlieren. Und diese neumodischen Kartoffeln – nichts für die gepuderte Nase, genauso wenig wie Trüffel. Was unter der Erde wächst, war für die Schweine.

Aufgrund eines solchen Affronts dem Establishment gegenüber darf der sonst hoch geschätzte Koch Pierre seine Sachen packen. Zurück an der vom Vater vormals betriebenen Poststelle, versucht sich der vom Spaß an der Zubereitung nunmehr befreite Griesgram, seine und die Existenz seines Sohnes über Wasser zu halten – mit einfachen Suppen und Eintöpfen für Durchreisende. Da taucht plötzlich eine geheimnisvolle Dame auf, die unbedingt beim Maestro in die Lehre gehen will. Nach den üblichen anfänglichen Zaudereien, die ein Meister stets in einer gewissen Selbstgefälligkeit mit sich bringt, gibt dieser schließlich nach. Wohl auch, weil sein ehemaliger Brötchengeber, der Herzog, alsbald bei Pierre dinieren möchte, damit dieser die Chance bekommt, sich selbst zu rehabilitieren. Was in Folge dieser Vorbereitungen aber geschieht, kann man gut und gerne als Selbstläufer betrachten: das Häuschen am Waldrand wird zum ersten À la Carte-Restaurant der europäischen Geschichte.

Da ist sie wieder, die Besonderheit des französischen Kinos, die kein anderes Filmland mit so sicherer Hand imitieren kann: Die Kunst, leichte, aber bei weitem keine flachen Komödien zu inszenieren, die so luftig wie das beste Mousse au Chocolat und so flaumig wie das mit Eischnee unterhobene Biskuit geraten. Blickt man auf die Credits des Films, wird sofort klar: À la Carte! – Freiheit geht durch den Magen ist auch deswegen so gelungen, weil einer wie Éric Besnard dafür verantwortlich zeichnet. Ich erinnere mich noch an die ebenfalls unendlich schwerelose, aber gehaltvolle Sommerkomödie Birnenkuchen mit Lavendel. Wer diesen Film kennt, wird erahnen können, wie angenehm unprätentiös und entspannt auch diese historische Tragikomödie mit den Zutaten spielt. So ganz nebenbei würzt Besnard eine auf historischen Tatsachen basierende Legende mit dem Gedankengut der französischen Revolution, verfeinert diese mit geschmackvollen Stillleben historischer Malerei und lässt den Duft frisch angerösteter Zwiebel oder gebackenen Brots nur so durch das rustikale Landhaus wabern. Nebenher gibt’s auch noch was fürs Herz. Wer da noch nicht gegessen hat, wird spätestens jetzt, im Nachhinein und mit frohem Gemüt, irgendwo einkehren müssen.

À la Carte! – Freiheit geht durch den Magen

Licht

DEN EIGENEN AUGEN NICHT TRAUEN

8/10

 

licht05© Christian Schulz/Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion

 

LAND: ÖSTERREICH 2017

REGIE: BARBARA ALBERT

MIT MARIA DRAGUS, DEVID STRIESOW, LUKAS MIKO, STEFANIE REINSPERGER U. A.

 

Was waren das nur für Zeiten! Rund ein Jahrzehnt vor der französischen Revolution, Maria Theresia, am Ende ihrer Reformen, aber immer noch am Kaiserstuhl und Wunderknabe Wolfgang Amadeus Mozart rührte die adelige Zuhörerschaft zu Tränen. Es war die Hochzeit des französischen Rokokos, hervorgegangen aus dem engelsgleichen Barock. Mit dieser Kunst- und Moderichtung schwappte auch das Pariser Lebensgefühl mit all seinem Sprachkolorit ins Herz Europas – in die blattgoldene Wienerstadt. Frankreich – das war damals en vogue. Wer frankophil war, war up to date, würde man heute sagen. Das Zeitalter der Perücken erreichte groteske Ausmaße. Je höher, desto besser. Je mehr Blumen und Zierrat im silbergrauen Haar – umso lieber war man gesehen, auf den nicht enden wollenden Banketten, Kammermusikkonzerten und bizarren Stelldicheins aus Körperpuder, Schminke und golden verzierten Samtgewändern. Der Rokoko – den kann man sich heutzutage ja gar nicht mehr wirklich vorstellen. Was damals zu viel war, ist heute wahrscheinlich zu wenig. Die auf Äußerlichkeiten und Etikette fixierte absolutistische Gesellschaft, eigentlich der Albtraum einer Seitenblicke-Revue auf sündteurem und klassendenkendem Niveau, frönte gefälliger Oberflächlichkeit und maßloser Zerstreuung. Am liebsten mit Musik, tönend aus dem Cembalo oder Hammerklavier, virtuos umgesetzt von talentiertem Nachwuchs, deren verdächtiges Talent womöglich mit dem eines Wolfgang Amadeus gleichzusetzen war. Dumm nur, wenn so ein Wunderkind zwar leistungstechnisch für Applaus in getäfelten Sälen sorgt, vom Aussehen her aber allerdings noch ausbaufähig wäre.

Und wie es der Zufall so will, gab es zur damaligen Zeit in Wien einen umstrittenen Wunderheiler mit dem Namen Franz Anton Mesmer, der sich des animalischen Magnetismus bedient hat. Alle, die noch nicht Roger Spottiswoode´s Biografie Mesmer mit Alan Rickman gesehen haben, werden sich jetzt fragen: Animalischer Magnetismus – was ist das für ein esoterischer Humbug? Laut dem Exzentriker vom Bodensee eine Energie, die sowohl alle Organismen als auch tote Materie durchdringt. Die überall vorkommt – und die sich leiten lässt. Man kann sie weder riechen, noch schmecken, noch sehen. Ganz so wie die menschliche Seele. Oder noch weniger, denn das Gewicht der menschlichen Seele lässt sich ja bekanntlich auf 23 g definieren. Die Magnetlinien, die durch Berühren und Streicheln umgeleitet werden, sollen die unterschiedlichsten menschlichen Beschwerden lindern. So auch Blindheit. Eines dieser Wunder, die tatsächlich stattgefunden haben sollen, erzählt von einem musisch hochbegabten Mädchen namens Maria Theresia von Paradis, eine blinde Pianistin, die im Jahr 1777 unter Mesmers Therapie tatsächlich wieder sehen konnte. Doch stimmt das? Konnte sie das wirklich? Oder war es nur der Wunsch, zu sehen? Ein Mysterium, dessen Verfilmung sich Regisseurin Barbara Albert auf höchst sehenswerte Weise angenommen hat.

Die Wirkung ihres penibel recherchierten Zeitbilds verdankt sie neben ihrem Gespür für Atmosphäre und Timing in erster Linie ihrer Hauptdarstellerin Maria Dragus. Zu Beginn des Filmes sieht man die junge Dame unter opulentem Kopfschmuck vor einem Hammerklavier sitzend und wild mit den Augen rollend. Keine Frage, diese Schauspielerin muss tatsächlich blind sein. Kennt man Maria Dragus aber bereits aus anderen Filmen, weiß man, dass das womöglich nicht stimmt. Allerdings – wenn bei einer Rolle wie dieser das Gespielte vom tatsächlichen Umstand nicht mehr zu unterscheiden ist, dann muss man beeindruckt die Perücke zücken. Licht lebt von Dragus´ Performance wie die Farben der bunten Herrenröcke von selbigem. Ihr zur Seite ein fulminant aufspielender Lukas Miko als patriarchalische Vaterfigur mit Geltungsdrang, verletztem Stolz und falscher Fürsorge. Wie kaum eine andere Figur im Film transportiert er die Geisteshaltung der damaligen Zeit nahtlos ins Hier und Heute.

Barbara Albert´s handwerklich ausgefeiltes Sittengemälde beeindruckt aber auch durch die Sprache. Das 18. Jahrhundert ist auch die Zeit gewesen, in der all die frankophone Wortgewalt über unsere geliebte deutsche Sprache hereingebrochen war. Entstanden sind Gallizismen, die wir teilweise heute noch verwenden. Gekonnt vollführt Kathrin Resetarits in ihrer Drehbuchfassung des Romans Alissa Walsers einen Gesellschaftstanz historischer Linguistik zwischen antiquiertem Sprachschatz und phonetischer Exotik. Ein Genuss, dem teils absichtlich gestelzten, höfischem Gerede und gleichzeitig lokalem Sprachkolorit zuzuhören. Ländlicher Dialekt ist hier ebenso zu hören wie deutsche Färbung bei Devid Striesows gemischtem Klang aus Theaterdeutsch und bemühtem Altwiener Slang.

Neben Die beste aller Welten von Adrian Goiginger zählt Alberts opulentes, berauschendes Kostümdrama Licht womöglich zu den faszinierendsten und stärksten österreichischen Filmen der letzten Zeit. Auf alle Fälle zu den besten dieses Jahres.

Licht

Die Schöne und das Biest (2014)

DIE MIT DEM WOLF TANZT

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schönebiest

Wenn es nach den Vereinigten Staaten ginge, dann könnte man getrost auf die internationale Filmwelt verzichten. Ausnahmen würden die Regel bestätigen, vielleicht würde noch Australien oder Großbritannien einfach aufgrund ihrer gemeinsamen Muttersprache mit ins rettende Boot geholt werden – denn alles, was fremdsprachig ist, hat in Übersee – wie sagt man bei uns so schön – einfach kein Leiberl. Zumindest nicht aus wirtschaftlicher Sicht. Denn auf der großen Leinwand Untertitel lesen will dort keiner, und Synchronstudios gibt es dort auch nicht, jedenfalls nicht für fremdsprachige Filme. Für Animationsfilme sehr wohl – Manfred Lehmann, Christian Brückner, Peter Matic und all den anderen Schauspielern sei hierzulande gedankt, dass sie zum Mikro greifen und uns barriereloses Filmvergnügen ermöglichen. Was bleibt also den USA übrig, um sich von Filmen, die sich anderswo phänomenal gut verkaufen, aber nichts mit Englisch am Hut haben, ein Stückchen abzuschneiden? Richtig, sie müssen es nachverfilmen. Selber Stoff, selbe Charaktere, fast schon kopiert. Daher all die ganzen Remakes, deren Sinnhaftigkeit in Europa keiner versteht. Die Produktionsfirmen aus Hollywood wollen mitverdienen – und zahlen vorab schon mal genug Geld, um die Rechte zu kassieren und dann das Einspiel bereits als gemähte Wiese anzusehen. Denn erprobt ist das Rezept ja schon.

Demnach ist die eben im Kino angelaufene Realverfilmung des romantischen französischen Märchens aus dem Rokoko eine im Grunde genommen genauso redundante Produktion, hat doch Pakt der Wölfe-Regisseur Christophe Gans bereits 2014 die Geschichte rund um die schöne Händlerstochter, die mit dem Wolf tanzt, formschön, opulent und knisternd ins Szene gesetzt. Ganz so, wie man es von einem Märchen erwartet, das eine alte Geschichte erzählt und mit neuesten technischen Mitteln eine Wunderwelt illustriert, die fast schon an Tim Burton´s Alice im Wunderland erinnert. Aber nur fast, da ist noch ein gutes Stückchen französisches Kolorit versteckt, allein schon aufgrund der erlesenen Besetzung, angefangen von der hinreißend sinnlichen Lea Seydoux über André Dussolier bis hin zu Vincent Cassel, der auch mal keinen sinistren Macho spielen kann, sondern einen geläuterten Prinzen, dem das Unglück und der Fluch, der sein Reich heimgesucht hat, auf seinen vorerst pelzigen Schultern lastet. Und wer genau hinsieht, kann die deutsche Sängerin Yvonne Catterfeld entdecken – als aparte Schönheit in den erzählerischen Rückblenden rund um die goldene Hirschkuh. Christophe Gans lässt nichts aus – behutsam und detailverliebt nähert er sich dem mehrere hundert Jahre alten Stoff, bereinigt ihn von all den verniedlichenden Disney-Elementen und findet zielsicher in das Grimm’sche Zeitalter des Märchenerzählens zurück, das sich vorwiegend in der kulturellen Epoche der Romantik wiedergefunden hat. Genauso ist Die Schöne und das Biest geworden – mit verwunschenen Schlössern, verzauberten Lichtungen im Wald, jeder Menge Rosen und fluchbefreiender Küsse. Und selbst wenn die Dancing Stars Seydoux und Cassel das königliche Parkett erobern, verkommt dies nicht, wie bei Musicals so oft, zum Selbstzweck, sondern bleibt Teil der Erzählung. Ach ja, Musical – diese Verfilmung hier hat mit dem Genre der singenden Emotionen nichts zu tun. Disney´s Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1994 hingegen schon – und die Realverfilmung desselbigen mit Emma Watson nimmt sich da nicht aus. Doch mir als verhaltener Liebhaber des filmischen Musiktheaters ist die greifbarere französische Version, die sich in den USA womöglich keiner angesehen hat, lieber. Klar, gegen Ende übertreibt Christophe Gans seinen Mut zum visuellen Blockbusterkino für Europäer, aber solange es gut gemacht ist, freut man sich, wenn gigantische Steinfiguren den Bösewichtern nach dem Leben trachten. Das hat was von High Fantasy, wohingegen quasselnde Kerzenleuchter und Uhren aus der Mickey-Fraktion eher zu den Fieberträumen eines Antiquitätenhändlers passen.

La Belle et La bete – wie es im Original heißt – ist gut besetztes, aufwändiges Märchenkino für Nostalgiker, Romantiker und Freunde europäischen Kinos. Und ein Beweis mehr, dass es auch ohne Hollywood gehen kann. Aber diesen braucht die Filmwelt Frankreichs ohnehin nicht.

Die Schöne und das Biest (2014)